4 Um die Gesamtzahl der aus der ČSR (ohne Karpato-Ukraine) vertriebenen deutschen Bevölkerung zu ermitteln, sollen zuerst einmal alle Ziffern der einzelnen Gruppen zusammengefaßt werden: In der Phase der „wilden” Austreibung sind etwa 750 000 Sudetendeutsche in die sowjetischen Besatzungszonen von Deutschland und Österreich abgeschoben worden (s. oben S. 112). In der Phase der in Potsdam beschlossenen organisierten Ausweisung gelangten im Jahre 1946 aus der ČSR mit allgemeinen Transporten, Sondertransporten und Einzelpermits und als Grenzgänger 1239 000 Personen in die amerikanische Besatzungszone (s. oben S. 123) und 750 000 mit allgemeinen Transporten in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands (s. oben S. 124). Vom Frühjahr 1947 bis Ende 1949 sind im Zuge der Familienzusammenführung, als einzelne Grenzgänger und durch weitere Ausweisungen nach dem kommunistischen Umsturz in der ČSR weitere 35 000 Deutsche nach Westdeutschland und etwa 10 000 in die Sowjetzone gelangt (vgl. oben S. 125 f.). Im Rahmen der 1950 organisierten Familienzusammenführung kamen in der Zeit vom März 1950 bis April 1951 16 832 Sudetendeutsche in die Bundesrepublik (s. oben S. 127). Von den 1945 nach Österreich ausgetriebenen Sudetendeutschen wurden 118574 vom Frühjahr 1946 bis März 1947 in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands aufgenommen (s. oben S. 123, Anm. 6).
In der Zeit vom April 1945 bis zum Beginn der organisierten Ausweisung dürften etwa 100 000 Deutsche aus der ČSR geflohen sein, etwa 200 000 Männer konnten nach ihrer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft nicht mehr in die Heimat zurückkehren (vgl. auch oben S. 124). Zur Zeit der Volkszählung in der Bundesrepublik am 13. September 1950 lebten in:[
[Für die Bundesrepublik und Berlin (West) vgl. Statistisches Taschenbuch über die Heimatvertriebenen, Wiesbaden 1953, S. 3; für das Saargebiet wurde die Zahl geschätzt (bei der Volkszählung vom 29. Oktober 1946 lebten dort rund 540 Deutsche aus der ČSR); das Ergebnis der Volkszählung in der SBZ vom 31. August 1950 wurde nicht veröffentlicht, die obengenannte Zahl nach Luža, a. a. O., S. 34, der sich auf sowjetische Quellen beruft; die Zahl der in Österreich lebenden Vertriebenen nach W. R. Schließleder, Das österreichische Flüchtlingsproblem, in Integration Nr. 3/4, München 1954, S. 268 f. und Jg. 2 (1955), Nr. 3, S. 176 ff., vgl. auch Berichte und Informationen des österreichischen Forschungsinstituts für Wirtschaft und Politik, Jg. 6 (1951), Heft Nr. 284; die Zahl der in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern lebenden vertriebenen Deutschen aus der ČSR beruht auf Schätzungen nach Pressemeldungen und Angaben aus Kreisen der Landsmannschaft, die zwischen 25 000 bis 30 000 liegen.]
In der für 1950 festgestellten Zahl der Vertriebenen, die am 1. 9. 1939 ihren Wohnsitz im Gebiet der ČSR (Gebietsstand von 1937) hatten, ist auch der Geburtenzuwachs von 1945—50 einbegriffen. Er kann (nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes) mit 95 000 angenommen werden. Die Zahl der persönlich von der Vertreibung betroffenen Deutschen aus der ČSR beträgt demnach 2909400.
In der ČSR lebten zu dieser Zeit noch schätzungsweise 250 000 Personen, die sich bei der Volkszählung von 1939 als Deutsche bekannt hatten (von tschechischer Seite wurden etwa 170 000 als Deutsche gezählt — vgl. S. 132, Anm. 3, hinzu kommen 40 000 Hultschiner — vgl. Bericht Nr. 109, S. 499 ff. und 40 000 Deutsche in Mischehen und „schwebendes Volkstum”, die nunmehr in der ČSR wieder als Tschechen oder Slowaken gelten). Die Zahl der 1950 außerhalb der ČSR vermutlich noch lebenden Kriegsgefangenen und -vermißten sowie der Zivilinternierten und -vermißten kann auf etwa 6000 geschätzt werden. Da der tatsächliche Stand der deutschen Bevölkerung von Böhmen, Mähren-Schlesien und der Slowakei im Mai 1945 (vgl. S. 13 ff., S. 18 Anm. l und S. 141) unter Berücksichtigung der Kriegsverluste von 215 000 (nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes) auf 3 391000 angesetzt werden kann, ergibt sich eine Differenz von 225 600 Deutschen, deren Schicksal nicht geklärt ist. Es ist anzunehmen, daß diese Zahl annähernd die Zahl der direkten oder indirekten Opfer der tschechischen Vergeltungs- und Vertreibungspolitik wiedergibt. Eine Errechnung der Vertreibungsverluste ist in nächster Zeit vom Statistischen Bundesamt zu erwarten.