Bis zum Beginn des Jahres 1945 blieben das Sudetenland und Böhmen-Mähren, von einigen Luftangriffen auf Industrieorte abgesehen, von unmittelbaren Kriegseinwirkungen verschont. Mit der sowjetischen Großoffensive vom 12. Januar 1945, in deren Verlauf die Rote Armee tief nach Ostdeutschland vorstieß, rückte das Kriegsgeschehen bis unmittelbar an die östlichen Grenzen der Sudetenländer1. Truppen der 1. Ukrainischen Front (Konjew), die in Richtung Schlesien vorstießen, hatten bereits Ende Januar den gesamten Mittellauf der Oder erreicht, das oberschlesische Industriegebiet von Norden her umfaßt und bis zum 16. Februar besetzt. Während es ihnen von den Brückenköpfen hei Brieg und Steinau aus gelang, Niederschlesien bis auf einen Streifen entlang der Gebirge in ihre Hand zu bekommen, konnte die Heeresgruppe Mitte (Schörner) zunächst an der oberen Oder von Oppeln bis Ratibor und von dort südwärts bis zum Nordrand der Beskiden den sowjetischen Angriff auffangen und den Durchbruch durch die Mährische Pforte vereiteln. Damit war vorerst die drohende Gefahr einer Besetzung des Ostsudetenlandes und seiner wichtigen Industrien gebannt; nur seine östlichen Kreise wurden schon Kampfgebiet. Während der folgenden Wochen konnten die Versuche der Roten Armee, durch die Mährische Pforte nach Mähren und Böhmen einzudringen und das intakte Ostrauer Industriegebiet auszuschalten, in schweren Abwehrkämpfen in der Gegend von Ratibor—Schwarzwasser abgewehrt werden. Das oberschlesische Gebiet westlich der Oder ging jedoch durch einen um den 25. März aus der Gegend von Oppeln geführten Vorstoß verloren, die deutschen Linien wurden an den Nordrand des Altvatergebirges gedrückt. Damit war der Kreis Jägerndorf Kampfgebiet geworden; Ende März befand sich dessen nördlicher Teil in sowjetischer Hand.
Zu diesem Zeitpunkt begann die Großoffensive der 4. Ukrainischen Front (Petrow), die zusammen mit der zu beiden Seiten der Donau angetretenen 2. Ukrainischen Front (Malinowski) mit allgemeiner Stoßrichtung auf Brunn und Wien angesetzt war. Während es Malinowski gelang, nach Preßburg durchzubrechen, scheiterten alle Durchbruchsversuche der aus den Westbeskiden heraus operierenden 4. Ukranischen Front an dem hartnäckigen Widerstand der 1. Panzerarmee und der weiter nördlich in der Mähri-
schen Pforte eingesetzten 17. Armee. Im Verlauf des April gelang es aber den Sowjets, das Ostrauer Industriegebiet von drei Seiten zu umfassen und in den letzten Apriltagen einzunehmen. Troppau war am 24. April besetzt1. Die Flankenbedrohung durch die nach Österreich und Südmähren vorstoßende 2. Ukrainische Front und der wachsende sowjetische Druck zwangen die 1. und 17. Armee zum Rückzug auf Brunn und Olmütz. Brunn ging am 24. April verloren, und in den ersten Maitagen standen die Russen vor Olmütz. Der Rückzug der beiden Armeen mit dem Ziel, die in Westböhmen stehenden Amerikaner zu erreichen, um die Masse der Truppen vor der sowjetischen Gefangenschaft zu retten, setzte zu spät ein. Denn der von Prag ausgehende und bald ganz Böhmen umgreifende tschechische Aufstand sowie die aus Sachsen in Richtung Prag vorstoßenden Truppen Konjews und schließlich der Waffenstillstand verhinderten einen geordneten Rückzug der in Mähren stehenden deutschen Einheiten auf die alliierten Linien. Einzelne Truppenteile, die sich in dem allgemeinen Wirrwarr der Tage nach der Kapitulation bis nach Westböhmen durchschlugen, wurden entweder von den Alliierten nach ihrer Entwaffnung den Sowjets übergeben oder überhaupt am Übergang in das von Alliierten besetzte Gebiet gehindert, bis die nachstoßende Rate Armee sie einholte und gefangennahm2.