Der Vorstoß der Amerikaner nach Mitteldeutschland und bis an die Grenzen des Sudetenlandes traf in seinen letzten Etappen kaum auf einen organisierten deutschen Widerstand. Entsprechend den Durchhalteparolen hatten die Funktionäre der NSDAP auch im Westen des Sudetenlandes zur Verteidigung aufgerufen, Panzersperren errichten oder Feldstellungen bauen lassen. Bei der unzulänglichen Bewaffnung der Volkssturm- und auch der wenigen Wehrmachtseinheiten — selbst die notwendigsten Infanteriewaffen fehlten —- war jeglicher Widerstand gegen den zahlenmäßig und materiell überlegenen Feind illusorisch. Die Zivilbevölkerung lehnte die sinnlose Verteidigung ihrer Heimatorte ab, um so entschiedener, je mehr ihre Verluste durch die ununterbrochenen Tiefflieger- und Bombenangriffe stiegen4, in manchen Orten versuchten einzelne angesehene Einwohner, entweder hinter dem Rücken der Amtsleiter der Partei und der Wehrmachtskommandanten oder auch mit deren stillschweigender Billigung, Kontakt mit den Amerikanern aufzunehmen und den Kampf um die Ortschaft zu verhindern5. Wo solche Vorhaben den in diesen Orten stationierten Einheiten der Waffen-SS bekannt wurden, kam es wiederholt vor, daß die Initiatoren verhaftet, in den meisten Fällen vor ein Standgericht gestellt und erschossen wurden”.
Solche Terrormaßnahmen steigerten aber nur die Unruhe der Bevölkerung, die schließlich durch die andauernden Luftangriffe und die unerträgliche Spannung zermürbt war und nicht selten eine rasche Besetzung durch die Amerikaner wünschte1.
In den größeren Orten, in denen meist auch Garnisonen lagen, konnten wohl Einheiten für die Verteidigung zusammengestellt werden, die noch durch zurückweichende Fronttruppen und das Volkssturmaufgebot verstärkt wurden. Bei der unzureichenden Bewaffnung und der bunten Zusammensetzung aus Soldaten aller Wehrmachtsteile und bei der allgemeinen Kriegsmüdigkeit besaßen diese aber nur geringen Kampfwert. Sie wurden bei den ersten Begegnungen mit amerikanischen Truppen versprengt. Hinhaltenden Widerstand leisteten einige Waffen-SS-Einheiten2. Die amerikanische Kampftaktik, durch einen überwältigenden Materialeinsatz Ausfälle an eigenen Menschenleben zu vermeiden, führte selbst dort, wo nur kleine Gruppen deutscher Soldaten oder des Volkssturms Widerstand zu leisten versuchten, zu schweren Zerstörungen und zu Verlusten unter der Zivilbevölkerung3, die im Gegensatz zum Ostsudetenland vor dem heranrückenden Feind nicht geflohen war. Oft umgingen die amerikanischen Truppen die zur Verteidigung vorbereiteten Orte und konnten im benachbarten Gebiet, wo sie kaum Widerstand fanden, tief in das Hinterland vorstoßen.
Fast nirgends kam es im westsudetendeutschen Gebiet zu schweren Kämpfen, da alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche und sinnvolle Verteidigung des Landes fehlten. Man wollte schließlich auch lieber die amerikanische Besetzung über sich ergehen lassen oder in amerikanische Gefangenschaft geraten, als die Schrecken und Ausschreitungen eines Einmarsches der bereits in Sachsen und Mähren stehenden Sowjetarmee durchmachen. Diese Überlegung trug dazu bei, daß den vordringenden amerikanischen Truppen kein ernsthafter Widerstand entgegengesetzt wurde. Die verzweifelten Versuche verantwortlicher deutscher Beamter und auch tschechischer Politiker, die Amerikaner zum weiteren Vordringen zu veranlassen, sprechen für sich4.
Die Besetzung deutscher Ortschaften durch die Amerikaner läßt sich mit den Ereignissen beim Einmarsch der Sowjettruppen nicht vergleichen. Die Zivilbevölkerung erlitt zwar auch hier in der Kampfzone oder im Hinterland durch Kampfeinwirkungen, vor allem durch die ununterbrochenen Tiefflieger- und Bombenangriffe, Verluste. Bei der Besetzung kam es aber nicht zu Plünderungen, Vergewaltigungen und sonstigen Drangsalierungen. In einzelnen Orten wurden die bisherigen Bürgermeister bis auf Widerruf in ihrem Amt bestätigt oder angesehene Einwohner, die politisch nicht belastet waren, als kommissarische Bürgermeister eingesetzt5. Sie waren freilich kaum mehr als Ubermittler der Befehle der amerikanischen Militärbehörden, die meist sofortige Ablieferung aller Waffen, Räumung ein-
zelner Häuser oder ganzer Straßenzeilen für die vorübergehende Unterbringung der Truppen und Ausgangssperre in den Abend- und Nachtstunden anordneten1. Die Einschränkungen der persönlichen Freiheit wurden von der Bevölkerung als unvermeidlich hingenommen; man sah darin mit Recht nur vorübergehende Maßnahmen. Auch die bald einsetzenden Verhaftungen und Internierungen der politischen Amtsträger und exponierten Verwaltungsbeamten erregten zunächst, außer bei den betroffenen Familien, keine nennenswerte Beunruhigung, da es bei Einzelfällen blieb. An den kleineren oder abseits gelegenen Gebirgsdörfern ging der Einmarsch spurlos vorüber.
Aus den Berichten ist zu entnehmen, daß die Bevölkerung trotz aller mit einer feindlichen Besetzung zusammenhängenden Unannehmlichkeiten aufatmete und eine baldige Normalisierung der öffentlichen Verhältnisse erwartete. Die gehässige Haltung einzelner Soldaten oder auch Ortskommandanten, vor allem aus den Reihen der tschechischen Brigade, wurde durch die Hilfsbereitschaft oder das menschliche Verhalten anderer, die trotz aller Fraternisierungsverbote bald Kontakt mit der deutschen Bevölkerung gewannen, wieder aufgewogen2.
Die Lebensverhältnisse in den rein deutschen Städten und Dörfern unterschieden sich während der ersten Tage und Wochen nach der Besetzung durch die Amerikaner kaum von denen im übrigen alliierten Besatzungsgebiet Deutschlands. In den Orten allerdings, wo eine tschechische Minderheit oder gar eine Mehrheit vorhanden war und die Verwaltung sofort in tschechische Hände überging, setzte bald die Drangsalierung und Entrechtung der Deutschen durch einheimische und mehr noch durch die aus Innerböhmen und Mähren zuströmenden Tschechen ein3. Die Verhältnisse im amerikanisch besetzten Gebiet der ČSR unterschieden sich aber doch bis zum Abzug der Besatzungstruppe merklich von denen im übrigen Gebiet der Republik. Die Anwesenheit amerikanischer Truppen übte offenbar einen moralischen Druck auf diejenigen Tschechen aus, die im Taumel der wiedererrungenen Freiheit und staatlichen Souveränität die gesamte sudetendeutsche Bevölkerung für die erlittene Unbill seit 1938/39 bestrafen wollten. Gelegentlich griffen die Amerikaner bei Verschleppungen von Frauen und Kindern zur Zwangsarbeit nach Innerböhmen oder bei anderen ungerechtfertigten Maßnahmen gegen politisch nicht exponierte deutsche Familien ein und verhinderten Gewaltakte von tschechischer Seite4. Mit der Stabilisierung der tschechischen Verwaltung in den deutschen Ortschaften im Laufe des Sommers und dem gleichzeitig einsetzenden Abzug der amerikanischen Besatzungstruppen5 gewannen die administrativen deutschfeind-
lichen Maßnahmen der immer selbstbewußter auftretenden Tschechen an Wirksamkeit. Immerhin unterblieben im amerikanisch besetzten Westsudetenland jene „wilden” Austreibungsaktionen, die in der sowjetisch besetzten Zone bereits Ende Mai einsetzten und ungeachtet der Potsdamer Beschlüsse den ganzen Sommer hindurch anhielten1. Während im sowjetisch besetzten Gebiet die Reichsdeutschen der Willkür der Tschechen überlassen und unter Zurücklassung ihrer letzten noch geretteten Habe bald nach der deutschen Kapitulation durchweg zu Fuß das tschechoslowakische Gebiet verlassen mußten, wenn sie nicht sogar interniert und zur Zwangsarbeit eingewiesen wurden, überwachten die Amerikaner in ihrem Gebiet den Abtransport der Altreichsdeutschen. Sie betreuten einzelne Flüchtlingslager, in denen sich Reichsdeutsche befanden, die auf diese Weise der Jurisdikton der Tschechen entzogen wurden, und sorgten für den Abtransport auf Heeresfahrzeugen2. Dort aber, wo Reichsdeutsche in privaten Haushaltungen untergebracht waren —- und das traf bei den meisten zu —, konnten auch die Amerikaner diskriminierende administrative Maßnahmen tschechischer Organe, wie z. B. kurzfristige Räumung der Unterkünfte unter Zurücklassung des Großgepäcks, nicht verhindern, da sich die Tschechen auf ihre Souveränität beriefen und auf das ihnen von den Deutschen während des Krieges zugefügte Unrecht hinwiesen. Immerhin ging der Abtransport im amerikanisch besetzten Gebiet der ČSR unter wesentlich günstigeren Bedingungen vor sich als im sowjetischen Besatzungsgebiet.
Nach Bekanntwerden der Potsdamer Beschlüsse, als die Aussiedlung der Sudetendeutschen zur Gewißheit geworden war, konnten einzelne Sudetendeutsche sogar Hausrat und Möbel mit Hilfe der Amerikaner auf Heeresfahrzeugen nach Bayern bringen und das Land also unter weit besseren Voraussetzungen verlassen als später im Rahmen der Zwangsaussiedlung3. Seit dem Abzug der letzten amerikanischen Truppen Anfang Dezember 1945 unterschied sich das Schicksal der in diesem Gebiet lebenden Deutschen kaum noch von dem derer im übrigen Staatsgebiet. Zu jenem Zeitpunkt aber war die Welle der schlimmsten Exzesse bereits abgeklungen.