Der Aufstand kam für viele Prager Deutsche völlig überraschend. In den gleich nach seinem Beginn offenbar systematisch durchgeführten Großrazzien wurden die deutschen Familien, ohne Rücksicht auf ihre politische Haltung und persönliche Einstellung zum tschechischen Volk, aus ihren Wohnungen geholt und in Schulen, Kinos oder Kasernen interniert2. Sie konnten in den meisten Fällen nicht einmal die notwendigste Kleidung, geschweige denn Verpflegung mitnehmen3. In den provisorischen Internierungslagern fehlten alle Voraussetzungen zur geordneten Unterbringung für längere Zeit; besonders kraß waren die Mißstände in den vorwiegend unterirdisch gelegenen Kinos der Stadt, wo die Internierten, meist Frauen und Kinder, eine qualvolle Zeit von mehreren Tagen nur bei künstlicher Beleuchtung und in den Stuhlreihen sitzend verbringen mußten4. Hinzu kamen unmenschliche Verhörmethoden und oft bewußt angewandte Schikanen, Mißhandlungen durch die meist jugendlichen Wachmannschaften und den eindringenden Pöbel. Da Verpflegung für die Internierten nicht oder doch nicht ausreichend zur Verfügung stand, wurde der Hunger bald unerträglich, und am meisten litten die Kinder darunter. Die um sich greifende Verzweiflung führte zu zahlreichen Selbstmorden5.
Besonders schwer war das Los derjenigen Deutschen, die während des Aufstandes oder in den folgenden Wochen wegen begangener oder auch nur unterstellter Verbrechen gegen den tschechoslowakischen Staat oder das tschechoslowakische Volk — ein Begriff, unter dem sehr vieles zusammengefaßt wurde6 —, aus sonstigen Gründen oder reiner Willkür in die Prager Gefängnisse, unter denen die Strafanstalt Pankrác am meisten gefürchtet war, eingeliefert wurden7. Die Behandlung der Internierten oder Verhafte-
ten durch fanatisierte und der allgemeinen Psychose des Aufstandes in besonderem Maße verfallene Elemente war grausam. Mit der Anwendung von Drangsalierungsmethoden, in denen man oft das nationalsozialistische System kopierte, wurde nicht gespart1.
Mittlerweile hatte die Razzia gegen alle Deutschen das gesamte Stadtgebiet erfaßt, das nach dem 8. Mai vollständig von der Revolutionsgarde besetzt war. Auch diejenigen, die während der Tage des Aufstandes in ihren Wohnungen oder Verstecken geblieben waren, wurden nun aufgespürt und interniert2. Die Wohnungen der Internierten wurden sofort beschlagnahmt und von tschechischen Familien belegt3. Viele Deutsche begaben sich auf den Aufruf des Prager Rundfunks hin in tschechische „Schutzhaft” in dem guten Glauben, auf diese Weise den ärgsten Verfolgungen des entfesselten Mobs zu entgehen. Ihre Enttäuschung über die folgende Entwicklung und über die Haltung der tschechischen Vertreter des IRK, das gemäß der Prager Kapitulationsurkunde den Schutz und Abtransport der deutschen Zivilbevölkerung übernehmen sollte, war ebenso groß wie die derjenigen, die glaubten, daß sich die nationalen Leidenschaften nach wenigen Tagen beruhigen und wieder Ruhe und Ordnung einkehren würden4.
Um den sowjetischen Panzern den Weg in die Stadt freizumachen, mußten die während des Aufstands errichteten Barrikaden beseitigt werden. Zu diesen Arbeiten zog man die internierten und gefangenen Deutschen heran. In größeren und kleineren Trupps wurden sie von bewaffneten Tschechen an ihre Einsatzorte gebracht. Für diese Frauen und Männer begann jetzt ein furchtbarer Leidensweg. Die Kolonnen wurden bereits auf dem Anmarschweg vom Mob überfallen, der, sehr oft von den Bewachungsmannschaften ungehindert, die wehrlosen Menschen in grausamer Form mißhandelte, so daß einzelne Opfer schon hier den Tod fanden. Während der Aufräumungsarbeiten gingen die Torturen weiter und forderten wieder Todesopfer5. In den Lagern verbreiteten sich Angst und Entsetzen, als die Zurückkehrenden von den Mißhandlungen berichteten6.
In der allgemein von Haß vergifteten Atmosphäre distanzierten sich manche Tschechen, mit denen die einheimischen Deutschen auch während der Protektoratszeit in gutem Einvernehmen gelebt hatten und auf deren Fürsprache sie nun rechneten, von ihren deutschen Freunden und Bekannten, und die nationalen Parolen, die jedes Eintreten für die Deutschen als Kollaboration und als Verbrechen am nationalen Befreiungskampf brandmarkten, nötigten diejenigen, die die Exzesse gegen die deutsche Bevölkerung verurteilten und sich von ihnen fernhielten, zur Passivität7.
Nicht überall jedoch konnte die von radikalen Elementen gesteigerte Psychose der Rache die Lebensgemeinschaft von Deutschen und Tschechen im persönlichen Verhältnis von Mensch zu Mensch zerstören. Viele Berichte lassen erkennen, daß sich Tschechen schützend vor ihre deutschen Bekannten stellten, sie nach Ausbruch des Aufstandes in ihre eigenen Wohnungen aufnahmen oder in sichere Verstecke brachten. Sie setzten dabei ihr Leben aufs Spiel; denn eine Aufdeckung ihres Verhaltens hätte sie unweigerlich zu Kollaborateuren gestempelt1. Die während des Aufstands und in den Tagen danach kurzer Hand vorgenommenen Massenexekutionen ohne Gerichtsverfahren an den der Kollaboration beschuldigten Tschechen2 beweisen, wie sehr sich jene, die den Deutschen beistanden, in Gefahr begaben. Auch später setzten sich einzelne nationalbewußte und für die revolutionären Behörden unverdächtige Tschechen für internierte deutsche Bekannte ein3. Einzelne Kommandanten oder Verwalter der Internierungslager bemühten sich auch, das Los der Häftlinge durch Beschaffung von Verpflegung vor allem für die Säuglinge und Kleinkinder zu bessern4.
Die zuerst in Kinos, Schulen und Kasernen festgehaltenen Prager Deutschen wurden nach einigen Tagen meist in große Sammellager wie das Stadion Strahov, in dem sich zeitweilig 10 000—15 000 Internierte befanden, Reitschule und Stadion Slavia gebracht, wo sich ihre Lage nicht verbesserte. Sie litten hier weiterhin unter quälendem Hunger. In den Nächten drangen Gruppen sowjetischer Soldaten ungehindert oder gar begünstigt von tschechischem Wachpersonal ein und schändeten Frauen und Mädchen5.
Zusammen mit Prager Deutschen wurden die zahlenmäßig nicht zu erfassenden Massen der deutschen Flüchtlinge, die auf der Flucht vor der Roten Armee aus Mähren, dem östlichen Sudetenland, der Slowakei und besonders aus Schlesien in Prag vom Aufstand überrascht worden waren, in den Prager Lagern interniert oder in Gefängnisse gebracht. Das gleiche Los traf die nach dem Waffenstillstand auf der Rückkehr von der Flucht in der Umgebung der Hauptstadt aufgegriffenen Trecks oder die aus den Prag passierenden Zügen herausgeholten deutschen Rückkehrer6. Ihre Lage war in besonderem Maße dadurch erschwert, daß sie ohne jeden Rückhalt in der Stadt waren.
Grausame Rache wurde an den aufgegriffenen Angehörigen der Waffen-SS, des SD und anderer nationalsozialistischer Organisationen genommen. Sie wurden von der fanatisierten Menge oft grausam gefoltert oder wie andere deutsche Uniformierte und Zivilpersonen gleich an Ort und Stelle niedergemacht1. Gerüchte und Nachrichten über Erschießungen und Folterungen tschechischer Geiseln durch deutsche Wehrmachts- und Waffen-SS-Einheiten, die gegen die Aufständischen kämpften, steigerten die Erbitterung der Massen gegen die Deutschen2.
Bald nach den Tagen des Aufstandes begann die „Säuberung Prags von den Deutschen”. Diese wurden teils als Zwangsarbeiter in die Landwirtschaft, teils in das aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes bekannte Konzentrationslager Theresienstadt verbracht, wo viele von ihnen den Tod fanden3. Nicht viel besser waren die Zustände in den am Stadtrand gelegenen Prager Lagern, von denen Hagibor besonders genannt werden muß4.
In diesen Lagern verblieben die internierten Prager Deutschen bis zu ihrer Austreibung und Ausweisung1.