Der hier vorgelegte Band der „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa” behandelt die Vertreibung der zahlenmäßig stärksten Gruppe der Deutschen außerhalb der Reichsgrenzen von 1937 und zugleich den Vorgang, der nach den Gebieten des Deutschen Reiches östlich der Oder und Neiße den zweiten politischen Schwerpunkt der Austreibungspolitik nach dem II. Weltkrieg bildet. Der großen politischen Bedeutung dieser Ereignisse glaubte die Wissenschaftliche Kommission auch schon durch den Umfang Rechnung tragen zu müssen, den sie diesem Band gegeben hat.
Seine Gestaltung stellte einige besondere Probleme. Für seine Gliederung empfahl es sich, die Ereignisse in Böhmen und Mähren-Schlesien von denen in der Slowakei zu scheiden, da trotz der am Ende des II. Weltkriegs wiederhergestellten politischen Verbindung zwischen diesen Ländern die Verschiedenheit der vorausgehenden Entwicklung voneinander abweichende Bedingungen für die Schicksale der Suđetendeutschen und der Karpatendeutschen geschaffen hatte. Diese Divergenz, die noch durch die andersartige Struktur des im wesentlichen geschlossen wohnenden Sudetendeutschtums und des Insel- und Streudeutschtums der Slowakei verstärkt wurde, kommt auch in dem verschiedenen Charakter der veröffentlichten Dokumente und ihrer Anordnung zum Ausdruck. Für Böhmen und Mähren-Schlesien wurde die in den früheren Bänden angewandte Methode der chronologischen Anordnung nach Ereignisphasen für das ganze Gebiet übernommen, und nur einige wenige die Gesamtentwicklung darstellende zusammenfassende Berichte sind hinzugefügt worden. Für die Slowakei ließ sich allein schon wegen der Zerstreuung des dortigen Deutschtums dieses Verfahren nicht wiederholen; hier werden Berichte abgedruckt, die die Ereignisse im wesentlichen seit dem slowakischen Aufstand von 1944 zusammenhängend behandeln.
Auch die einleitende Darstellung behält die Teilung in die beiden großen Abschnitte: Sudetenländer und Slowakei bei, kann dabei aber nicht nach einem einheitlichen Schema verfahren. Die Schicksale der Sudetendeutschen mit ihrer ins alte Österreich und dann bis zur Gründung der I. Tschechoslowakischen Republik zurückreichenden Vorgeschichte sind nicht nur besser bekannt als die Geschicke der Deutschen in der Slowakei und zudem in der historisch-politischen Literatur bis in die jüngste Zeit immer wieder behandelt worden, sie haben auch seit 1918 und 1938/39 eine über das Lokale und Regionale hinausgehende internationale Bedeutung gewonnen. Die Wissenschaftliche Kommission hat sich daher entschlossen, die politische Entwicklung der sudetendeutschen Frage vor der Austreibung für den darstellenden Abschlußband dieser Reihe aufzusparen, bei dem die überregionalen
allgemein-historischen Gesichtspunkte im Vordergrund stehen sollen. Hier wird auch der Ort sein, um den inneren Zusammenhang der Austreibung mit der vorausgehenden Politik des Nationalsozialismus, wie mit der Staatsidee und Staatspraxis der I. Tschechoslowakischen Republik, den herauszuarbeiten die Kommission besonders bestrebt ist, darzustellen.
Für das Deutschtum in der Slowakei mußten dagegen teilweise andere Wege gegangen werden. Hier durfte ein knapper Rückblick auf die ältere Siedlungsgeschichte nicht fehlen. Außerdem verlagerte sich der Schwerpunkt der Erzählung notwendigerweise auf die letzte Zeit des Krieges; durch den slowakischen Aufstand von 1944 und die folgende Evakuierung wurde das Geschick des Deutschtums in der Slowakei bereits entscheidend bestimmt.
Für die einleitende Darstellung insgesamt galt im übrigen der schon im I. Band entwickelte Grundsatz, daß der Nachdruck auf der Auswertung des der Kommision zur Verfügung stehenden Do'kumentenmaterials liegen soll, das im wesentlichen aus Erlebnisberichten der von der Austreibung unmittelbar Betroffenen besteht. Der besondere Charakter dieses Quellenmaterials ist schon mehrfach in den früheren Bänden erörtert worden und bedarf hier nicht noch einmal eingehender Analyse. Es sei dazu aber ausdrücklich auf das Vorwort der Herausgeber zu Band I verwiesen, in dem die Grundsätze der Dokumentensammlung und Edition zusammengefaßt sind. Wenn man es bei den der Kommission vorliegenden Dokumenten im wesentlichen mit „subjektiven” Quellen zu tun hat, d. h. mit Zeugnissen, in denen sich persönliches Erleben und persönliche Anschauung ausspricht, so war die Kommission bestrebt, auch im formalen Sinne „objektives” Quellenmaterial zu verwenden, zum erheblichen Teil sogar zu publizieren. Daher wurde auf eine möglichst umfassende, wenn auch keineswegs vollständige Dokumentation der gegen die Deutschen gerichteten Gesetzgebung des tschechoslowakischen Staates Wert gelegt. Außerdem konnten einzelne Aktenbestände des Süddeutschen Länderrats sowie für die Slowakei auch Teile der sogenannten Himmler Files ausgewertet werden1. Die Akten der sogenannten Ullmann-Aktion, d. h. der Organisation des Abtransportes der deutschen Sozialdemokraten aus der ČSR aus dem Privatarchiv Wirkner sind der Kommission erst am Ende der Redaktionsarbeiten bekannt geworden, so daß sie nur zu einem kleinen Teil herangezogen werden konnten. Die Wissenschaftliche Kommission ist sich im ganzen bewußt, daß eine abschließende aktenmäßig begründete Darstellung der Vertreibung noch nicht gegeben werden kann. Sie hat die noch bestehenden erheblichen Lücken nur teilweise durch die Benutzung der internationalen, vor allem angelsächsischen, aber auch tschechischen Literatur (Memoiren, Aktenpublikationen, Presseveröffentlichungen) auffüllen können. Besonders viele Fragen läßt die Errechnung der statistischen Grundlagen und Ergebnisse offen. Hier mußte sich die Kommission mit einigen Annäherungswerten begnügen.
Die in diesem Band veröffentlichten Dokumente, die nur einen nach quellenkritischen Gesichtspunkten ausgewählten Teil des der Kommission zur Verfügung stehenden Bestandes ausmachen, gehen für die Sudetengebiete auf Sammlungen des Arbeitskreises Dr. Wilhelm Turnwald, des
Sudetendeutschen Archivs unter Dr. Heinrich Kühn und des Sudetendeutschen Rates, für die Slowakei auf solche des Arbeitskreises Professor Val-javec zurück. Für die Beschaffung und Übersetzung der tschechoslowakischen Gesetzestexte schuldet die Kommission Herrn Privatdo'zent Dr. Friedrich Korkisch vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg aufrichtigen Dank; ebenso dem Institut für Zeitgeschichte in München, dem Seliger-Archiv in Stuttgart, dem Bohemia-Archiv unter Herrn Vlađimír Pekelský in Köln und Herrn Roman Wirkner in Bonn für die Vermittlung weiterer Quellen.
Der Band IV wurde unter Leitung von Professor Dr. Theodor Schieder in Zusammenarbeit mit Dr. Vincent Kroll und Heinrich Smikalla fertiggestellt.