Nr. 43: Ereignisse und Zustände in Bodenstadt nach der Wiedererrichtung der ČSR; Enteignung, Ausplünderung der deutschen Bevölkerung und Einsatz zur Zwangsarbeit bis zum Beginn der Ausweisung Ende Mai 1946.

Bericht der Studiendirektorin Marianne Benisch aus Bodenstadt, Kreis Bärn.

Original, 18. März 1947, 4 Seiten, mschr. Der Bericht stützt sich auf Tagebuchaufzeichnungen.

Die Vfn. stellt einleitend fest, daß sie und die ehemalige Gemeindekassiererin in Bodenstadt, Frau Herta Reisky, die den Bericht auch unterzeichnet hat, seit Juli 1945 als Hilfskräfte für Schreibarbeiten am tschechischen Gemeindeamt tätig waren und daher einen Einblick in die Gemeindearbeit besaßen. Sie schildert zunächst zwei Erlebnisse auf der Rückfahrt aus der Evakuierung und fährt dann fort:

8.6.45. Die erste Landwirtschaft wurde besetzt. Es war dies Haus Nr. 21, Willi Schneider, „Treuhänder” wurde Adolf Dostal, ein Taglöhner aus Aujezd1 mit seiner 9köpfigen Familie. Er brachte einen alten Schrank, ein Pack Betten und eine Kaninchenkiste mit. Mit ähnlichen Nichtfachleuten, Drahtbindern, Hausierern, die vielfach vorbestraft waren (z. B. Josef Duda 27mal), wurden nach und nach alle Landwirtschaften besetzt, obzwar das Gesetz zur Beschlagnahme landwirtschaftlichen Eigentums erst einige Wochen später in Kraft trat2. Im Laufe des Jahres zeigte es sich bereits, was es bedeutet, wenn Nichtkönner vor landwirtschaftliche Aufgaben gestellt werden. Bereits das Heu wurde trotz des guten Wetters nicht rechtzeitig geborgen und verfaulte in vielen Fällen. Die landwirtschaftlichen Geräte, welche sich der deutsche Bauer unter großen Geldkosten gekauft hatte und immer schonte und pflegte, wurden unsachgemäß beansprucht und allen Witterungseinflüssen ausgesetzt, so daß sie bald unbrauchbar wurden. Wären die deutschen Bauern nicht zur Hilfeleistung herangezogen worden, so wäre weder die Ernte hereingebracht, noch die Saat durchgeführt worden. Im Frühjahr 1946 blieben bereits 15 °/o der Ackerfläche unbestellt, weil der deutsche


241

Bauer wegen des Abschubes1 nicht mehr mitarbeitete. Die Ablieferung erfolgte sehr säumig und schlecht. Die Listen, welche die Bestlieferungen erfaßten, nannten an erster Stelle und bis zu 50 °/o deutsche Bauern, obzwar nur mehr ein Drittel und zwar die ärmlichsten Wirtschaften in deutschen Händen waren. Die restlichen Bauern, die noch keinen Treuhänder hatten, mußten alles abliefern, durften keine Selbstversorger sein und erhielten für ihre schwere Arbeit nur die Normalverbraucher-Lebensmittelkarten (Zuteilungsmenge s. unten). Der tschechische Treuhänder war mit hohen Sätzen Selbstversorger. Der Erlös, den der deutsche Bauer aus seinen Ablieferungen erhalten sollte, wurde in einen Fonds angelegt, aus welchem er in den seltensten Fällen kleine Beträge für notwendigste landwirtschaftliche Anschaffungen erhielt.

Die Arbeit des tschechischen Besitzers litt aber nicht nur unter seinem Nichtkönnen, sondern auch unter der großen Trunksucht, der 5/6 aller Treuhänder ergeben waren. Sie verschleuderten das ihnen anvertraute Besitztum (Vieh, Getreide, Geräte) und setzten es in Alkohol um. War aus einer Wirtschaft nichts mehr herauszuholen, so wurde eine andere besetzt (z. B. Jan Nevima hatte zuerst Nr. 214, dann 226, dann Michelsbrunn Nr. 4). Im Mai 1946, nachdem sie zehn Monate ohne irgendeine Verrechnung nach ihrem Gutdünken in ihre Taschen gewirtschaftet hatten, wurden ihnen wohl Bescheide über Zahlungen an den Staat zugestellt, doch bis zu unserem Abschub wissen wir von keinem, der diesem Zahlungsbescheid nachgekommen wäre, obzwar die verrechneten Summen in keiner Weise dem Werte entsprachen und lächerlich niedrig waren.

10. 6. 45. Alle Deutschen mußten ihre Fahrräder, Radio, Schreibmaschinen, Fotoapparate, Musikinstrumente, Ferngläser und ähnliche wertvolle Geräte abliefern. Sie erhielten über die Abgabe weder eine Bestätigung noch ein Entgelt. — Im Feber 1946 wurde von Amts wegen nach dem Verbleib der abgegebenen Schreibmaschinen geforscht. Da sie zum Großteil verschoben waren, wurde diese Aktion abgebrochen.

18./19. 6. 45. Alle noch arbeitsfähigen Männer werden nachts aus den Betten getrieben und ohne Gepäck abgeführt.

20. 6. 45. Unter Strafe wurde jeder Deutsche verpflichtet, auf der linken Brustseite ein großes „N" zu tragen.

21. 6. 45. Ein junges tschechisches Ehepaar aus Kremsier fährt auf Anweisung des damaligen Kommissars R. Vratny vor dem Haus Nr. 22, Hans Juranek, vor und räumt die neuen Möbel aus zwei Zimmern und die ganze Ausstattung von Tochter und Schwiegertochter aus. — Die folgenden Tage blieb fast kein Haus von solchen Beraubungen verschont; aus unserem nächsten Bekanntenkreis Frau Stecker, Frl. Neusser, Frau Rende, Frau Fädle, Frau Czihal, denen Möbel, Kleider, Wäsche und Schmuck weggenommen wurden. Diese Beraubungen waren als „amtliche Hausdurchsuchungen zur Sicherstellung deutschen Eigentums” aufgemacht, bei denen aber jeder beliebige Tscheche sich um das bereichern konnte, was ihm gefiel. Das Gesetz über die Konfiskation deutschen Besitzes kam erst im November 1945


242

heraus, die Bescheide darüber wurden von uns erst im Juni 1946 geschrieben und den Deutschen nicht mehr eingehändigt!

Anfang Juli 1945. Obzwar der Abschub der Deutschen erst Anfang August bei der Potsdamer Konferenz beschlossen wurde, mußten in einigen Orten, wir hatten Nachrichten von Neu Titschein, Römerstadt, Teplitz-Schönau, Tetschen-Bodenbach und Südmähren, viele Hunderte Deutsche binnen weniger Stunden ohne jedes Gepäck die Heimat verlassen.

4. 7. 45. Alle Deutschen mußten um 7 Uhr früh am Marktplatz antreten, auch Greise und Kranke. Ein tschechischer Kommissar suchte Arbeitskräfte aus. Für 300 Kronen konnte sich jeder Tscheche einen Dienstboten kaufen (diese Beträge sind im Gemeindekassabuch ersichtlich). Diese Dienstboten wurden dann in den meisten Fällen nicht entlohnt, denn 50 % des Lohnes bekam der „Národní fond”1, 20 % entfielen für den Abschub, und den Rest steckte der tschechische Bauer wieder ein, angeblich um damit die Versicherungen zu bezahlen.

Dieser Arbeitskräftemarkt wiederholte sich so alle 6—8 Wochen, sonst waren zum täglichen Antreten um 6 Uhr jene Deutschen verpflichtet, welche im Ort selbst zur Arbeit eingewiesen wurden. Neben Aufräumungsarbeiten wurden die Frauen zu den schwersten und oft auch unsinnigsten Arbeiten herangezogen, so zum Graben von Wasserleitungsgräben im steinigen Boden oder zum Staubwischen an den Wagenrädern der Feuerlöschgeräte oder zum Auszupfen des Grases auf ganz belanglosen Wegen. In den ersten acht Wochen war immer eine tschechische Aufsicht mit Gewehr oder Maschinenpistole anwesend.

4. 7. und 9. 7. 45. Wir waren bei den Sortierungsarbeiten der geraubten Sachen beschäftigt. Der Verkaufserlös sollte dem „Národní fond” zufließen, ein Drittel war aber bereits an gute Freunde verteilt oder überhaupt nicht abgeliefert worden, das restliche Minderwertige wurde nur in der halben Anzahl inventarisiert, so daß praktisch nur ein Drittel zur Verrechnung für den Fonds kam. Dabei wurde der Verkaufspreis so unter dem Wert gehalten, daß alles verschleudert wurde, z. B. ein Paar neue lederne Herrenschuhe um 50 Kronen.

29. 7. 45. Alle jungen Burschen zwischen 14 und 17 Jahren wurden nach Weißkirchen2 gebracht, dort anfangs eingesperrt, dann in ein Arbeitslager eingewiesen, wo sie bis zur Aussiedlung blieben. Sie hatten sich nämlich des Lachens nicht erwehren können, als ein tschechischer Festredner behauptete, Bodenstadt sei immer tschechisch gewesen. Über diesen Vorfall logen die tschechischen Zeitungen, daß geschossen worden sei und daß mehrere Tote waren. Eine böswillige Behauptung, weil alle Waffen bereits längst abgegeben waren, denn niemand wollte es auf eine Hausdurchsuchung ankommen lassen, bei welcher immer Räubereien von Kleidern und Wäsche vorkamen.

2. 8. 45. Reichsmark wurden in Kronen umgewechselt, l : 10. Die Deutschen erhielten aber von ihrem zum Einwechseln vorgelegten Geld nur 300


243

Kronen monatlich, aber nur gegen eine immer wieder neu einzuholende Bescheinigung. Dabei kostete l kg Brot 5 K, Zucker 15,60 K, Butter 96 K, ein Paar Schuhsohlen 70—85 K. Da die Deutschen aber für 4 Wochen nur 7300 g Brot, 280 g Fett, 1200 g Zucker und 250 g Kaffee-Ersatz bekamen, so konnte dieser Betrag gerade zum notdürftigsten Leben einer Familie reichen. Fleisch, Milch, Eier, Fische, Marmelade, Käse, Süßwaren, Tee, Kaffee usw. waren nur für die Tschechen . . . Dabei erhielten die Tschechen noch die reichen Zuteilungen aus den Lagern der UNRRA. Dazu wäre noch zu bemerken, daß die Tschechen im Sudetengau während des Krieges die gleichen Lebensmittelkarten und somit Rationen erhielten wie die Deutschen.

Den Deutschen war es auch verboten, öffentliche Verkehrsmittel zu benützen, Gaststätten und Kino zu besuchen. Benötigten die Tschechen aber unsere Arbeitskraft, dann erlaubten sie uns gnädig, das „N" abzunehmen und als Tschechen zu gelten. So z. B. auch Frau Reisky, wenn sie allmonatlich die Lebensmittelkarten von Weißkirchen holte, eine Arbeit, die der Sekretär keinem Tschechen anvertrauen wollte.

Auch den Wohnort durften die Deutschen nur mit einer Bescheinigung verlassen. Die Ausstellung dieser Bescheinigungen wurde im Feber und März 1946 gänzlich eingestellt, so daß wir Deutschen überhaupt im Haus gefangen waren, das wir nur in der Zeit von 5 Uhr früh bis 19 Uhr abends verlassen durften.

19. 8. 45. Für 4 Wochen wurde während des Gottesdienstes die deutsche Predigt und der deutsche Kirchengesang und Gebete verboten.

Am 28. 8. und 5. 9. 45 war ein Teil der am 19. 6. abgeführten Männer zurückgekehrt, wurde aber sofort wieder abgeführt und in einem Internierungslager in Weißkirchen oder Leipnik festgehalten. Somit fehlten im Ort alle arbeitsfähigen Männer und fast alle Mädchen und Burschen.

1. 10. 45. Alle Deutschen müssen von ihren Häusern Miete bezahlen (s. oben, eigentliches Konfiskationsgesetz erschien erst im November 45!)1. Seltsamerweise übernahm aber der nunmehrige Besitzer, der tschechische Staat, nicht auch die Versicherungskosten, die mußte nach wie vor der ehemalige deutsche Eigentümer bezahlen.

10. 10. 45. Alle Deutschen mußten ihre sämtlichen Bücher abgeben. Bis zu der Aussiedlung waren wir also ohne Zeitung, Radio, Musikinstrumente und ohne Bücher, zu bloßem Vegetieren und Sklavenarbeit bestimmt.

18. 2. 46. Das „N" wird durch eine gelbe Armbinde ersetzt.

22. 2. 46. Alle Kriegsversehrten, fast alle schon mehrere Jahre von der Wehrmacht entlassen, wurden 9 Monate nach Kriegsende als Kriegsgefangene erklärt, verhaftet und in ein Lager in Brünn gebracht.

Einige andere Wehrmachtsangehörige, welche wegen dringender Arbeit zu Hause geblieben waren und nicht in einem Lager saßen, mußten diesem zuständigen Lager pro Tag 30 Kronen Verpflegungskosten bezahlen, obwohl sie ja zu Hause verpflegt wurden.


244

12. 3. 46 und weiterhin. Es wurden nun neben Landwirtschaften auch schöne Wohnungen besetzt und mußten binnen weniger Stunden von den bisherigen Eigentümern geräumt werden. Das ging immer so vor sich, daß alle Tschechen, die ein Interesse an der Wohnung hatten, ganz einfach, ohne zu grüßen oder den Grund ihres Kommens zu sagen, durch alle Räume stürmten und wieder verschwanden. Das wiederholte sich so oft, bis einer als Treuhänder blieb und der eigentliche Besitzer weichen mußte.

10. 4. bis 13. 4. 46. Wir sollten das Gemeindekassabuch von 1945 abschließen, 3 1/2 Monate später als das neue Rechnungsjahr angelaufen war. Die ehemalige Gemeindekassiererin, Frau Reisky, kam aus dem Entsetzen nicht heraus. Der größte Teil der Belege war selbst geschrieben und unterschrieben. Zweimal war ein großer Betrag doppelt verbucht. Außerdem sollte der Abschluß so erfolgen, daß er ein Passivum aufweisen sollte, um vom Staat eine größere Subvention herauszuschlagen. Da aber der Gemeindehaushalt auf Grund von Reserven der vorhergehenden Jahre aktiv war, so wurde der Passivstand dadurch erzielt, daß ganz einfach ein aus der Luft gegriffener Betrag eingesetzt wurde. Da diese Art der Buchführung uns zuwiderlief, zögerten wir mit der Reinschrift bis knapp vor unserem Abschub und wissen daher nicht, wie sich diese Manipulation ausgewirkt hat.

Auch in anderen Dingen wurde es nicht genau genommen. Unterschriftsfälschungen kamen sehr oft vor, wir selbst mußten oft Viehzählungsbogen, Grunderhebungsbogen mit den Unterschriften tschechischer Bauern versehen. Sehr ungenau war auch in der Weißkirchener Ausgabestelle die Lebensmittelkartenverrechnung. Frau Reisky, die dann die Ausgabe in Bodenstadt unter sich hatte, stellte immer Fehler in der Lieferung fest. Da bei einer so kleinen Kartenanzahl ein immer wiederkehrender Irrtum nicht anzunehmen ist, lag der Fehler, so wie in vielen anderen Dingen, an den wenig geschulten, nachlässig und verantwortungslos arbeitenden tschechischen Kräften.

22. 4. 46. Ostermontag. Die deutschen Frauen (Männer sind ja keine da) mußten einen Waldbrand bekämpfen, während die Schüler der tschechischen Gendarmerieschule spazierengingen und zusahen.

7. 5. 46. Deutsche dürfen endlich von ihren Spareinlagen 10 % beheben, doch monatlich für den Haushaltsvorstand höchstens 500 Kronen und für die Familienmitglieder 250 Kronen. Ob diese Beträge aber ausgezahlt wurden, hing allein von dem Direktor der Sparkasse, Maruštik, ab. Jedesmal betrug die Gebühr 2 % der Behebung.

28. 5. 46. Wahlen: Da wir die Wählerverzeichnisse führten, wissen wir, daß 205 Wähler eingetragen waren. Für 27 Wähler wurden Legitimationen zur Wahl in anderen Orten ausgestellt. Ebensoviele Wähler wählten aus anderen Orten in Bodenstadt. Amtlich wurden aber 252 abgegebene Stimmen ausgewiesen. Wo kamen die 47 Stimmen her?

Ende Mai 46. Beginn des Abschubes. Bei der Aufstellung der Abschubslisten wurde von den Tschechen darauf gesehen, daß in die ersten Transporte auch alle jene Deutschen kamen, denen die Tschechen verpflichtet


245

waren, Unterstützungen zu zahlen, z. B. war lt. tschechischem Gesetz der Treuhänder Krasňak dem W. Törk verpflichtet, das Ausgedinge zu geben. Er tat dies aber nicht, und Vorsprachen der Frau Törk bei den zuständigen Behörden blieben erfolglos. Sie wurde aber daraufhin dem 1. Transport zugeteilt, obwohl beide Eheleute schon über 70 Jahre alt waren.

Abschließend folgen einige allgemeine Bemerkungen über die Vorgänge in der ČSR.