Im Gegensatz zu dem Geschick, das die Bevölkerung Ostdeutschlands nach dem überraschenden und schnellen Vorstoß der Roten Armee aus dem Weichselbogen im Januar 1945 ereilte, vollzogen sich Evakuierungen und Flucht im Ostsudetenland in gelenkten Bahnen und außerdem unter günstigeren klimatischen Bedingungen, da sie erst im März einsetzten. Aber auch hier wurde die Bevölkerung nach dem schnellen Vordringen der sowjetischen Truppen in das benachbarte Oberschlesien und bis an die Grenzen des Sudetenlandes von einer Panik erfaßt, die sich durch das Elend und die Berichte der durchziehenden Flüchtlinge aus Polen und Oberschlesien noch steigerte3. Als die sowjetischen Stoßkeile an der Linie Oppeln—Ratibor—Schwarzwasser aufgefangen worden waren und die militärischen Fronten sich in diesem Kampfraum wieder gefestigt hatten, schöpfte man neue
Hoffnung, mußte aber bald erkennen, daß nur ein kurzer Aufschub gewonnen und der Räumungsbefehl jeden Tag zu erwarten war. Denn in den schweren Kämpfen, die in den Monaten März und April in diesem Frontabschnitt tobten und in denen um jede Ortschaft gerungen wurde, schob sich die Kampflinie immer tiefer in das sudetendeutsche Gebiet und nach Mähren hinein.
Bereits im Februar, als noch um das oberschlesische Industriegebiet gekämpft wurde, hatte die Gauleitung des Sudetenlandes eine zentrale Evakuierungsleitstelle für den Regierungsbezirk Troppau eingerichtet1. Ihr fiel zunächst die Aufgabe zu, die aus Oberschlesien und Polen einströmenden Flüchtlingstrecks weiterzuschleusen, zugleich aber Vorkehrungen für die Evakuierung der sudetendeutschen Bevölkerung aus den am meisten gefährdeten Bezirken zu treffen. Schon zu diesem Zeitpunkt wurden in den östlichen Kreisen zunächst kranke und gebrechliche Personen, Frauen und Kinder zur Evakuierung in die westlichen Kreise des Regierungsbezirks, den „Schönhengstgau”, aufgerufen. Für den Kreis Wagstadt war z. B. der Kreis Hohenstadt als Aufnahmegebiet bestimmt worden, und die Evakuierten wurden in mehreren Eisenbahnzügen dorthin transportiert2. Man brachte sie zuerst in Gemeinschaftslagern, meist Schulen unter, wo sie von der NSV betreut wurden, die auch für ihre Unterbringung bei deutschen Familien sorgte, um die Lager für weitere Evakuierte und vor allem für durchziehende Flüchtlinge aus Oberschlesien freizuhalten. Aus dem Kreis Teschen wurden die zur Evakuierung aufgerufenen Frauen und Kinder mit der Bahn bis ins Innviertel transportiert; sie erreichten auch nach Wochen ihre Zielorte. Daneben gelang es nur wenigen Familien zu Verwandten und Bekannten im westlichen Sudetenland oder Altreich zu flüchten, denn die hierzu notwendigen Fahrgenehmigungen wurden nur in den seltensten Fällen erteilt, da die Eisenbahnen durch Militär- und Evakuierungstransporte aus Ostdeutschland schon überlastet waren.
Diese erste vorsorgliche Evakuierung wurde noch nicht mit solcher Härte durchgeführt wie später, als sich der gleiche Vorgang unter unmittelbarem Feinddruck abspielte. Die Evakuierten konnten sogar in den folgenden Wochen zurückgelassene Habe holen oder auch nachschicken lassen. Einzelne der in den Schönhengstgau evakuierten Familien nutzten damals die Gelegenheit aus, weiter in das Westsudetenland oder nach Mitteldeutschland zu Bekannten oder Verwandten zu fahren.
Nachdem Ende Februar die Front sich vorübergehend stabilisiert hatte, wurden weitere Transporte eingestellt. Bis dahin waren immerhin etwa 30 000 Personen von dieser ersten Evakuierungswelle erfaßt worden. Die zurückgebliebene Bevölkerung hoffte, daß sie ihre Heimat nicht zu verlassen brauchte, und begann mit der Frühjahrsbestellung. Die Nähe der Front, an der im März und April erbittert gekämpft wurde, gelegentliche
Bombenangriffe sowjetischer Flugzeuge und die Einziehung fast aller Männer zum Volkssturmeinsatz erzeugten aber eine allgemeine Unruhe, die sich mit dem Zurückweichen der Front auf sudetendeutsches Gebiet verstärkte.
Die Besorgnis erhöhte sich, als die sowjetischen Truppen durch den um den 25. März von Oppeln und Ratibor aus geführten Zangenangriff innerhalb weniger Tage das linke oberschlesische Oderufer in ihre Hand bekamen und die alte Reichsgrenze mit der Tschechoslowakei in dem keilförmig nach Oberschlesien hineinragenden nördlichen Gebiet des Kreises Jägerndorf überschritten. Ein Teil der aus Oberschlesien flüchtenden Trecks wurde von den sowjetischen Angriffsspitzen überrollt, wobei es zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen kam. Erst als durch deutsche Gegenstöße die Sowjets zeitweilig zurückgedrängt wurden, konnten die Flüchtenden ihren Weg ins Sudetenland und weiter nach Böhmen fortsetzen. Ihre Berichte beunruhigten die Bevölkerung aufs äußerste, zumal mit den eiligst aufgebotenen Volkssturmeinheiten den zurückgebliebenen Familienangehörigen jeglicher männliche Schutz genommen war.
Die Dienststellen der Partei und der Verwaltung ordneten in dem besonders gefährdeten nördlichen Teil des Jägerndorfer Kreises die Evakuierung an. Die Vorbereitungen für diesen Fall waren zwar getroffen worden, aber der sowjetische Einbruch kam so überraschend, daß einzelne Ortschaften nicht mehr oder nur teilweise von der Zivilbevölkerung geräumt werden konnten. Unter dem Eindruck der alliierten Erfolge an allen Fronten und des steten russischen Vordringens wuchs zudem der Widerstand gegen eine Evakuierung, insbesondere bei der bäuerlichen Bevölkerung. Sie zog es im Angesicht der kommenden Niederlage vor, die Gefahren der Feindbesetzung auf dem eigenen Besitztum und in der vertrauten Umgebung auf sich zu nehmen, statt in der Fremde. Die örtlichen Parteidienststellen und Behörden mußten oft Zwang und Drohungen anwenden, um die Bevölkerung zum Verlassen ihrer Wohnsitze zu bewegen1. Dies geschah vor allem dort, wo die Abschnittskommandeure darauf bestanden, einen bis zu 20 km breiten Streifen hinter der Frontlinie von Zivilbevölkerung zu räumen, um ihr unnötige Verluste zu ersparen und in den militärischen Maßnahmen nicht durch die Rücksicht auf die noch anwesenden Einwohner behindert zu sein.
Für die Trecks aus dem Jägerndorfer Land wurde der Kreis Zwittau als Aufnahmegebiet bestimmt. Einzelne Trecks leitete man bis nach Innerböhmen (Pardubitz) weiter. Gleichzeitig wurde auch die Bevölkerung der Stadt Jägerndorf zur Räumung aufgerufen und mit der Eisenbahn, mit Autobussen oder anderen Fahrzeugen durch das Altvatergebirge in die Umgebung von Zwittau gebracht; die Behörden wurden nach Mährisch Schönberg verlegt. In der Stadt, die den ganzen Monat April hindurch zum Kampfgebiet gehörte, blieben nur einige hundert Zivilisten und die zum Volkssturm einberufenen Männer zurück2. Erst am 8. Mai wurde Jägerndorf, nachdem die deutschen Truppen nach Westen abgezogen waren, von der Roten Armee besetzt.
Der Kreis Jägerndorf mit seiner ausschließlich deutschen Bevölkerung wurde fast ganz geräumt. Die Kreise Teschen und Troppau dagegen konnten während der Kampfhandlungen nur zum Teil evakuiert werden. Hier wie auch im Hultschiner Ländchen war ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung zweisprachig und hoffte, mit den tschechischen oder polnischen Sprachkenntnissen die feindliche Besetzung besser überstehen zu können. Sie widersetzte sich dem Evakuierungsbefehl oder suchte ihn zu umgehen. In einzelnen Dörfern, so z. B. im Hultschiner Ländchen, zogen die unter Zwang in Marsch gesetzten Trecks bis ins nächste Dorf und warteten dort den sowjetischen Einmarsch ab1. Troppau dagegen wurde von der deutschen Bevölkerung im April allmählich ganz verlassen, insbesondere unter dem Eindruck der heftigen sowjetischen Bombenangriffe, die in der Stadt starke Zerstörungen anrichteten; sie fiel am 24. April in sowjetische Hand2. Aufnahmegebiet waren die Kreise Mährisch Schönberg und Mährisch Trübau. In der Stadt Teschen, aus der bereits im Februar und März ein Teil der nicht voll arbeitsfähigen Bevölkerung mit der Bahn nach Braunau am Inn evakuiert worden war, wurden die Zurückgebliebenen nach dem sowjetischen Durchbruch bei Troppau durch Lautsprecher zur sofortigen Räumung aufgefordert. Aber die notwendigen Transportmittel fehlten, und ausreichende Vorkehrungen waren anscheinend nicht getroffen worden, so daß nur wenige auf den Fahrzeugen der Wehrmacht den Ort verlassen konnten, der am 3. Mai von sowjetischen Truppen besetzt wurde.
Erst kurz bevor die 1. Panzerarmee und die 17. Armee zwischen dem 2. und 5. Mai die große Absetzbewegung nach Westen begannen, ordneten die verantwortlichen Dienststellen für die Kreise Wagstadt, Römerstadt, Neu Titschein und das südliche Troppauer Kreisgebiet die allgemeine Evakuierung an. Sie war organisatorisch vorgeplant, aber jetzt nur noch zum Teil durchführbar. Die Deutschen in den Dörfern des stark tschechisch durchsetzten Kreises Wagstadt wurden z. T. durch SS-Kommaudos gezwungen, die Heimatorte zu verlassen3. Die ländliche Bevölkerung des Kreises Neu Titschein leistete dem Evakuierungsbefehl größtenteils Folge.
Auf den mit Wehrmachtskolonnen und Trecks verstopften Straßen kamen die Flüchtenden indessen nur langsam vorwärts. Auch boten die endlosen Fahrzeugkolonnen den sowjetischen Tieffliegern ein leichtes Ziel.
In diesem Chaos war keine planmäßige Evakuierung mehr möglich. Den nach Westböhmen zustrebenden Wehrmachtsfahrzeugen schlössen sich überwiegend Flüchtlinge aus Schlesien und den östlichen Gebieten, weniger Sudetendeutsche an. Die Angehörigen der Behörden und exponierte politische Amtsträger versuchten in Dienst- und Privatfahrzeugen nach Westen zu gelangen.
Von den kurz vor der Kapitulation im Ostsudetenland eingesetzten Wehrmachtseinheiten und den mitziehenden Flüchtlingen konnten nur wenige die amerikanischen Linien erreichen. Hier wurden sie jedoch bitter enttäuscht; denn die amerikanischen Posten verwehrten ihnen den Übertritt ins amerikanisch besetzte Gebiet1. Der Masse der noch auf dem Wege befindlichen Flüchtlings- und Wehrmachtskolonnen verlegten die aus Sachsen nach Prag vorstoßenden sowjetischen Truppen und die vorwiegend in den letzten Kriegstagen formierten tschechischen Partisaneneinheiten den Weg nach Westen.
Gleich zu Beginn des Rückzugs der Heeresgruppe Mitte (Schörner) nach Westen lösten sich die als letztes Aufgebot zur Verteidigung der Heimatorte aufgestellten Volkssturmverbände auf. Die Männer suchten zu ihren evakuierten oder geflohenen Familien zu kommen, deren neuer Aufenthaltsort ihnen meist noch bekannt war, und erreichten sie auch größtenteils noch vor dem Einmarsch der Roten Armee2.
Die deutsche Bevölkerung der Sprachinseln und größeren Städte Mährens, die erst in den letzten Kriegswochen bedroht waren, wurde im allgemeinen noch kurz vor dem Eintreffen der sowjetischen Truppen in Marsch gesetzt und z. B. aus Mährisch Ostrau und Olmütz mit der Eisenbahn oder mit Autobussen nach Böhmen geschafft3. Eine beträchtliche Anzahl .hatte aus eigener Initiative diese Städte bereits im Laufe des April verlassen und bei Verwandten oder Bekannten in weniger gefährdeten Gebieten Zuflucht gesucht. Soweit diese Flüchtlinge im Ostsudetenland Unterkunft gefunden hatten, mußten sie in den ersten Maitagen erneut fliehen. Für die in kriegswichtigen Industrien beschäftigten Deutschen4 waren von den Werksleitungen Sondertransporte vorbereitet worden. In den Betrieben des Ostrauer Reviers wurde das Stichwort zur Räumung erst gegeben, als die völlige Einschließung drohte. Am Abend des 30. April verließen die Wagenkolonnen Ostrau in Richtung Neu Titschein—Zwittau. Von dort gelangte eine Gruppe bis Falkenau, eine andere, vorwiegend Reichsdeutsche, erreichte Mitteldeutschland, eine dritte Gruppe kam kurz vor dem Ausbruch des tschechischen Aufstandes in Prag an5.
In den letzten Apriltagen stießen starke sowjetische Kräfte aus dem unteren Waagtal auf Brunn vor und eroberten die Stadt am 24. April. Die deutschen Bewohner hatten sie aus eigener Initiative oder auf Anordnung der Behörden schon vorher verlassen und waren in kleineren Transporten nach Böhmen und in den Böhmerwald gelangt6. Als über Brunn hinaus vorstoßende sowjetische Kampftruppen sich Iglau, der größten deutschen Sprachinsel in Mähren, näherten, machten sich einzelne Einwohner trotz
der aussichtslosen militärischen Lage noch in den ersten Maitagen auf den Weg nach Westen. Aber auf den von Wehrmachtskolonnen und Flüchtlingstrecks verstopften Straßen wurden sie gleich nach der Kapitulation von den Prag zustrebenden sowjetischen Truppen überrollt1. Die vorwiegend bäuerliche Bevölkerung der südmährischen Kreise verließ ihre Wohnsitze in den letzten Apriltagen auf dem Treckwege und erreichte in mühevollen Märschen ihre Aufnahmeorte im Waldviertel2.
Im übrigen Sudetenland und im damaligen Protektorat ist es nicht mehr zur Räumung ganzer Ortschaften gekommen. In Reichenberg und einigen anderen Städten des Nordsudetenlandes evakuierte man wegen der Gefahr von Luftangriffen lediglich Frauen mit Kindern in das westliche Sudetenland, einige verließen auch aus eigener Initiative die Stadt und begaben sich zu Verwandten oder Bekannten3.
Nachdem die Truppen Konjews am 4. Mai von Sachsen aus zum Angriff auf Böhmen angetreten waren und die dünnen deutschen Linien durchstoßen hatten, gaben in einigen nördlichen Kreisen des Regierungsbezirks Aussig die Kreis- und Ortsgruppenleiter der Partei den Evakuierungsbefehl, der aber von der Bevölkerung wegen seiner Sinnlosigkeit nicht befolgt wurde4. Nur einige Familien, Angehörige der Behörden und einzelne Personen versuchten auf Wehrmachtsfahrzeugen oder mit Privat- und Dienstwagen in das von Amerikanern besetzte Gebiet zu gelangen5. Die Masse der noch zu diesem Zeitpunkt den amerikanischen Linien Zustrebenden
waren Flüchtlinge aus den bereits von der Roten Armee besetzten Gebieten und solche, die seinerzeit aus westdeutschen Städten hierher evakuiert worden waren1.