Der größte Teil der Sudetenländer wurde von der Roten Armee kampflos besetzt. Nur die östlichen Kreise von Mähren-Schlesien und einige Orte im Nordsudetenland sind im Kampf erobert worden1.
Nach dem Vertrag vom 8. Mai 1944 zwischen der Sowjetunion und der tschechoslowakischen Exilregierung übernahm diese die Verwaltung in dem von der Roten Armee besetzten tschechoslowakischen Staatsgebiet2. Dadurch
war die deutsche Bevölkerung nicht nur den Drangsalen der sowjetischen Besetzung, sondern zugleich auch, und später weit stärker, den deutschfeindlichen Maßnahmen der von radikalen Elementen beherrschten provisorischen tschechischen Verwaltung ausgesetzt.
Wenn sich auch die sowjetische Kriegführung wenig geändert hatte, so war doch in ihrer Haß- und Vergeltungspropaganda, die sich auch gegen die deutsche Zivilbevölkerung richtete, seit etwa März 1945 ein Wandel eingetreten. Offenbar mit Rücksicht auf die Kampfmoral der Truppe und die innere soldatische Ordnung wurden die Aufrufe zur Rache an den Deutschen eingestellt und Tagesbefehle ausgegeben, die zur Disziplin aufriefen1. Dadurch kam es in den letzten Kriegstagen und -wochen nicht mehr zu ähnlichen furchtbaren Exzessen gegen wehrlose Zivilisten wie in Ostpreußen beim ersten Einbruch der Roten Armee in das Reichsgebiet. Doch brachte der Russeneinmarsch noch Schreckliches genug, viele Sudetendeutsche erlebten hier den Tiefpunkt der Erniedrigung.
In den Berichten über die ersten Begegnungen mit sowjetischen Soldaten tritt immer wieder die Schilderung zahlloser Vergewaltigungen und Schändungen von Frauen und Mädchen durch Rotarmisten hervor2. Diese Ausschreitungen wurden von der deutschen Bevölkerung als größte Erniedrigung empfunden. Offenbar standen die sowjetischen Soldaten immer noch unter der Einwirkung jener Aufrufe in Soldatenzeitungen und Rundfunksendungen zur persönlichen Rache und Vergeltung, die bei der Besetzung der ersten deutschen Gebiete durch die Sowjetarmee ergangen waren3.
Im Gesamtvorgang der Vertreibung bildete der Einzug der Roten Armee nur ein kurze Phase und den Auftakt zu einer monate- und jahrelangen Unsicherheit und Bedrängnis bis zur Zerstörung aller Lebensgrundlagen der Deutschen in der Tschechoslowakei. Seine Begleiterscheinungen wurden durch das spätere Vorgehen der Tschechen übertroffen und überschattet.
Wiederholt werden Tschechen als Initiatoren der von den sowjetischen Truppen begangenen Ausschreitungen, seien es Vergewaltigungen oder Plünderungen, genannt. Vor allem aus den gemischtsprachigen Gebieten des Ostsudetenlandes und den deutschen Siedlungen im rein tschechischen Gebiet liegen Nachrichten vor über Denunzierungen Deutscher an die Sowjets aus politischem, manchmal auch aus persönlichem Rachebedürfnis4. Ebenso haben manche der von tschechischer Seite angeordneten Maßnahmen die Rotarmisten zu Ausschreitungen ermuntert. So mußten an manchen Orten die Deutschen an ihren Häusern weiße Fahnen hissen, was sie für die sowjetischen Soldaten sofort kenntlich gemacht und diesen den Weg gezeigt hat.
Die noch in ihren alten Wohnstätten und in Freiheit lebenden Frauen und Mädchen konnten sich freilich oft durch rasche Flucht oder in Verstecken dem Zugriff entziehen. Dagegen waren die Frauen in den zur Zeit der deutschen Kapitulation überrollten Trecks völlig hilf- und schutzlos. Auch in den
von den Tschechen später errichteten und bewachten Internierungs- und Arbeitelagern waren die Deutschen in den meisten Fällen der Gier eindringender Rotarmisten ausgeliefert. Die tschechischen Wachmannschaften versuchten meist nicht, die Eindringlinge an ihrem Treiben zu hindern, oft begünstigten sie es sogar1. Andererseits muß hervorgehoben werden, daß einzelne tschechische Lagerkommandanten und Wachsoldaten weibliche Insassen vor Vergewaltigungen zu schützen versuchten2.
Die furchtbaren Berichte der Flüchtenden und die erschütternden eigenen Erlebnisse führten geradezu zu einer Art Selbstmordpsychose unter der deutschen Bevölkerung während dieser Zeit. Ein Teil derjenigen, die in diesen Tagen Hand an sich legten, gehörte zwar der nationalsozialistischen Funktionärsgruppe an, die Vergeltungsmaßnahmen fürchtete3, aber die überwiegende Zahl der Opfer entstammte der breiten, politisch nicht hervorgetretenen Bürgerschicht4. In Karlsbad und Brüx z. B. stieg die Zahl der Selbstmorde in die Hunderte5. Unter dem Eindruck der Ausschreitungen, vor allem der Vergewaltigung der Frauen und Mädchen, gingen ganze Familien in den Tod. Die Verängstigung und Furcht der Bevölkerung hatte einen Grad erreicht, wie er nachher nur noch bei den „wilden” Austreibungen der Deutschen vor der Potsdamer Konferenz festzustellen ist6.
Zur systematischen Aushebung und Verschleppung von Deutschen durch die Rote Armee für den Arbeitseinsatz in der Sowjetunion, wie es in den Gebieten östlich von Oder und Neiße, in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien geschah, ist es weder in den im Kampf eroberten noch in den später besetzten Teilen des Sudetenlandes gekommen; denn zu diesem Zeitpunkt waren auch in den deutschen Ostgebieten und in den Ländern Südosteuropas die Deportationen bereits beendet worden7.
In einzelnen Ortschaften und Kreisen kam es wohl auch nach der Kapitulation zur Verhaftung von Amtsträgern nationalsozialistischer Organisationen, von Angehörigen des Volkssturms und einzelnen Zivilpersonen, aber eine systematische Aktion wurde nicht durchgeführt8. Soweit diese Festgenommenen nicht den tschechischen Behörden übergeben wurden, brachte
man sie in das Sammellager für Rußlandtransporte, das ehemalige deutsche KZ Auschwitz. Von hier wurden die Arbeitsunfähigen nach einigen Wochen oder Monaten entlassen, die übrigen nach Rußland gebracht. Von ihnen erlag eine beträchtliche Anzahl den Strapazen, den Entbehrungen und unmenschlichen Bedingungen des dortigen Arbeitseinsatzes. Die Überlebenden kehrten erst nach Jahren in ihre Heimatorte oder zu ihren inzwischen in das Altreichsgebiet ausgewiesenen Familien zurück1.
Schon in den ersten Wochen nach Beendigung der Kampfhandlungen begann der Abzug der sowjetischen Fronttruppen. Für die deutsche Bevölkerung in den Ortschaften entlang den Abzugstraßen bedeutete dies eine Fortsetzung oder Wiederholung der schon beim Einmarsch erlebten Ausschreitungen und Plünderungen2. In vielen Fällen mußten Deutsche beiderlei Geschlechts beim Abbau der als Beutegut angesehenen Industriebetriebe mithelfen oder wurden, vor allem im Ostsudetenland, zur Betreuung und zum Abtrieb der konfiszierten Viehherden nach Rußland herangezogen, wovon sie oft erst nach Wochen oder Monaten zurückkamen3. Mag auch in einzelnen Fällen die Besatzungsmacht von sich aus die Deutschen zu diesen Arbeiten befohlen haben, so steht doch fest, daß meist tschechische Behörden auf Anforderung die Frauen und Männer zu Hilfsdiensten für die sowjetische Besatzung bestimmten. Für die bis Dezember 1945 in der ČSR verbliebenen sowjetischen Truppen wurden Arbeitskommandos dann fast ausschließlich von den deutschen Insassen der Gefängnisse und Internierungslager gestellt. Ihre Behandlung war unterschiedlich, z. T. waren diese Kommandos wegen der schlechten Behandlung gefürchtet, z. T. aber wegen der guten Verpflegung begehrt, die die Internierten in den Kasernen erhielten4.
Blieben auch die Rotarmisten in ihrem Verhalten unberechenbar und die Erlebnisse des sowjetischen Einmarsches unvergessen, so läßt sich doch schon in den ersten Monaten der Konsolidierung der Tschechoslowakischen Republik und des beginnenden Verfolgungssystems gegen die Sudetendeutschen feststellen, daß sich sehr oft russische Soldaten schützend und helfend auf die Seite der Verfolgten stellten. Je stärker die Tschechen als Exponenten der Vergeltungspolitik gegen die Sudetendeutschen hervortraten, um so positiver wurde die Haltung der sowjetischen Soldaten beurteilt und in den Berichten geschildert. Die folgenden Maßnahmen in der ČSR gegen die sudetendeutsche Bevölkerung, die in der Vertreibung gipfelten, lassen in den Berichten die Erlebnisse der Zeit des Einmarsches in einem milderen Lichte erscheinen und spiegeln die Enttäuschung auf die Hoffnung wider, die die Sudetendeutschen in der Zeit der Bedrängnis durch die sowjetischen Truppen auf die Tschechen gesetzt hatten5.