Der tschechische Aufstand gegen die deutsche Herrschaft begann am 5. Mai 1945 in Prag. Die Ereignisse, die sich hier im kulturellen und politischen Mittelpunkt des Landes abspielten, nehmen im Gesamtablauf der Vertreibung der Deutschen aus der ČSR eine besondere Stellung ein; sie gaben den Auftakt zu der für das ganze Staatsgebiet geplanten Verfolgung und Eliminierung der Sudetendeutschen.
Prag, dessen deutsche Bevölkerung bei der letzten tschechischen Volkszählung (1930) 41 701 Personen umfaßt hatte, erlebte nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren einen starken Zustrom deutscher Beamter und Angestellter aus dem Sudetenland und dem alten Reichsgebiet, die teils für die deutschen Protektoratsbehörden, teils für die zahlreichen dort vorhandenen oder neugebildeten Wirtschafts- und Industrieverbände tätig waren. Während des Krieges vergrößerte sich die Zahl der deutschen militärischen, kriegswirtschaftlichen, politischen Dienststellen noch weiter. In den letzten Kriegsmonaten strömten weitere Deutsche als Flüchtlinge
aus dem Ostsudetenland, Mähren und der Slowakei in die Stadt1, die außerdem zahlreiche Lazarette aufnahm2. Kurz vor dem Ausbruch des Aufstandes befanden sich in Prag im ganzen etwa 200 000 Deutsche, in der Mehrzahl Zivilisten.
Die böhmische Hauptstadt, seit einem Jahrhundert im Brennpunkt der deutsch-tschechischen Auseinandersetzungen stehend, war auch in der Zeit der deutschen Herrschaft der Mittelpunkt der tschechischen Nation geblieben. Hier hatten zu Anfang des Krieges Demonstrationen der tschechischen Studentenschaft am 28. Oktober 1939 stattgefunden, die den Anlaß zu einer Verschärfung der nationalsozialistischen Politik gegeben und zur Schließung der tschechischen Hochschulen geführt hatten. Auf dem Boden der Hauptstadt wurde das Attentat auf Heydrich verübt. Hier befanden sich wichtige Zentren der tschechischen Widerstandsbewegung. Jedoch blieb bis zuletzt in der Stadt eine trügerische Ruhe erhalten, wenn auch manche Vorgänge auf eine bevorstehende Umwälzung deuteten, wie sie mit der sich für Deutschland verschlechternden Kriegslage immer näher heranzurücken schien.
Die deutschen Behörden hatten unter dem Eindruck der aussichtslosen militärischen Lage einen Plan zur Evakuierung der in Prag anwesenden deutschen Bevölkerung ausgearbeitet. Im März 1945 wurde von den verantwortlichen Stellen beschlossen, auf dem Bubna-Bahnhof ständig zwölf Züge bereitzustellen, um Frauen, Kinder und Kranke jederzeit schnell albtransportieren zu können3. Vorerst war es jedoch niemanden erlaubt, Prag oder das Protektorat zu verlassen. Erst als die Rote Armee im Süden bei Göding und im Osten bei Mährisch Ostrau die Protektoratsgrenze überschritten hatte, wurde Frauen und Kindern das Verlassen der Stadt gestattet. Mittlerweile waren die bereitgestellten zwölf Züge mit der Zerstörung der von Prag westwärts führenden Eisenbahnlinien durch alliierte Bombenangriffe wertlos geworden. Vorbereitungen zu einem Abtransport mit Autobussen waren nicht getroffen worden. Lediglich einige kleine Moldauschiffe, die einige Hundert Personen aufnehmen konnten, wurden für eine Evakuierung moldau- und elbeabwärts nach Dresden bereitgestellt.
Im April begannen die Familien der aus dem Altreich und dem Sudetenland stammenden Beamten und Funktionäre die Stadt zu verlassen. Alteingesessene Familien blieben trotz oder gerade wegen der katastrophalen militärischen und politischen Situation zurück, in der Hoffnung, den politischen Umsturz in der Heimatstadt besser zu überstehen als auf einer ohne-
hin aussichtslosen Flucht in fremder Umgebung1. Bei vielen von ihnen mochte der Entschluß zum Bleiben noch durch ihr gutes Verhältnis zu tschechischen Nachbarn und Bekannten beeinflußt worden sein, von denen sie Schutz und Hilfe in der turbulenten Zeit eines Umsturzes erhofften. Seit jeher war im Prager Deutschtum ein starkes liberales und in nationalen Fragen tolerantes Element vertreten gewesen.
In den letzten Apriltagen ordnete Staatsminister K. H. Frank schließlich Vorbereitungen für eine Evakuierung der deutschen Bevölkerung im Fußmarsch bis in den Böhmerwald an. Durch Anlegung großer Verpflegungslager sollte die Ernährung der Evakuierten sichergestellt werden. Es war ein verzweifeltes Beginnen, das auch die illusorischen Gedankengänge enthüllt, in denen sich einige nationalsozialistische Politiker noch kurz vor der Kapitulation bewegten, als die ganze Entwicklung schon auf die bevorstehende Katastrophe hinwies. Der Evakuierungsplan blieb im Stadium vorbereitender Besprechungen stecken, da sich die Ereignisse in den folgenden Tagen überstürzten2.
Der Tod Hitlers und die für jedermann sichtbaren Auflösungserscheinungen im militärischen und politischen Bereich ließen das tschechische Selbstbewußtsein gegenüber den deutschen Machthabern wachsen und verstärkten die Aktivität der Untergrundorganisationen. Verschiedene Gruppen hatten wohl schon im Herbst 1944 mit der Planung und den Vorbereitungen für eine umfassende Aufstandsaktion begonnen3, doch Verhaftungen einzelner Führer durch die nach wie vor intakte SD- und Gestapoorganisation, die Erfahrungen im slowakischen Aufstand vom Sommer 1944, bei dem die in der Nähe stehende Rote Armee passiv blieb und eine Unterstützung der Aufständischen durch die westlichen Alliierten verhinderte4, wohl auch das Schicksal der polnischen Aufständischen in Warschau bewogen die tschechischen Führer der Widerstandsgruppen des „Národní Odboj” zu vorsichtiger Zurückhaltung und hielten sie von einer verfrühten, ganz Böhmen und Mähren umfassenden Insurrektion ab. Vorbereitungen für die Übernahme der Verwaltung durch die sogenannten Nationalausschüsse (Národní Výbory) waren indessen sowohl im Exil wie in der Untergrundbewegung getroffen worden5.
In der höheren deutschen Führung, vor allem im Kreise um Karl Hermann Frank, dem deutschen Staatsminister in Böhmen und Mähren und Obersten SS- und Polizeiführer, griff man in den letzten Wochen den Gedanken auf, einer tschechischen antibolschewistischen Regierung die Regie-
rungsgewalt zu übertragen und den Amerikanern den Weg nach Prag zu öffnen. Mitglieder der Protektoratsregierung sollten an der Westfront Kontakt mit den westlichen Alliierten aufnehmen und um die Entsendung einer amerikanisch-britischen Delegation nach Prag bitten. Um die Verhandlungsposition der im westlichen Ausland diskreditierten Protektoratsregierung zu stärken, lud Frank den Vorsitzenden einer Untergrundorganisation, die sich gegen die Politik der engen Anlehnung an die Sowjetunion wandte und die Zusammenarbeit mit den Kommunisten ablehnte, den General Vladimír Kleeanda zur Teilnahme au dieser Mission ein. Ihr gelang es aber weder an der Westfront noch in der Schweiz, Verbindung mit den Amerikanern aufzunehmen1. Der Ausbruch des Prager Aufstandes zerschlug dann auch die Pläne Franks, der Protektoratsregierung die von ihr seit Wochen geforderte volle Regierungsgewalt zu übergeben2.
Mittlerweile drang die Rote Armee nach der Einnahme von Brunn und Mährisch Ostrau weiter ins Landesinnere vor. Im Westen standen die Amerikaner gegen Ende April an den Grenzen des Protektorats; eine geschlossene deutsche Abwehrlinie war nicht mehr vorhanden, so daß ein zügiges Vorrücken nach Böhmen und Prag möglich war. Der amerikanische Angriff vom 4. Mai, dessen begrenzte Ziele der Öffentlichkeit natürlich nicht bekannt waren, mag die Prager Tschechen in ihrem Entschluß bestärkt haben, jetzt zur gewaltsamen Erhebung gegen die Deutschen zu schreiten, um die Stadt in die Hand zu bekommen, ehe noch sowjetische oder amerikanische Truppen in die Umgebung vorgestoßen waren3. Die Initiative mag von verschiedenen Seiten ausgegangen sein: auf der einen Seite von den Nationaltschechen, die den politischen Einfluß der Sowjet-Armee auf die tschechische Politik fürchteten und ihrer künftigen Regierung durch eine aus eigener Kraft vollzogene Befreiung der Hauptstadt eine unabhängigere Stellung verschaffen wollten; auf der anderen Seite aber von den Kommunisten, die gerade einer Machtergreifung der Nationaltschechen, möglicherweise mit amerikanischer Hilfe, zuvorkommen wollten und darum den Aufstand entfesselten, an dessen Ende die Rote Armee als Retterin und Befreierin erschien4. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sowohl die Anhänger von Beneš als auch die Kommunisten der Bildung einer neuen nationaltschechischen Regierung, die Frank plante, zuvorkommen wollten und den Aufstand auslösten5.