3. Evakuierung und Flucht der deutschen Bevölkerung aus der Slowakei.

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Die große sowjetische Offensive bis zur Weichsel in den Sommermonaten des Jahres 1944, der Abfall Rumäniens und der Vorstoß der 2. und 4. Ukrainischen Front in die ungarische Tiefebene rückten die Slowakei ins unmittelbare Kampfgeschehen. Die entlang der Nordkarpaten stehende deutsche 1. Panzerarmee hielt zwar den sowjetischen Angriffen stand, wurde aber durch den slowakischen Aufstand in ihrem Rücken schwer bedroht. Sie konnte gegenüber den sowjetischen Angriffen auf die Karpatenpässe auch eine festgefügte Front erhalten, mußte aber ihren Südflügel nach dem sowjetischen Vorstoß auf Budapest in den Herbstmonaten bis auf die slowakische Grenze zurücknehmen. Am 18. Oktober überschritten die ersten Einheiten der Roten Armee die Grenzen der Ostslowakei. Die deutsche Gegenoffensive im Raum von Budapest im November-Dezember 1944 vereitelte wohl den sowjetischen Durchbruch im Donautal, konnte aber nicht die allmähliche Rückverlegung der Front bis in die Mittelslowakei verhindern. Ende Januar war Altsohl gefallen und das Hauerland Frontgebiet geworden. Die restliche Slowakei wurde dann während des großen sowjetischen Zangenangriffes besetzt, den die 4. Ukrainische Front (Petrow) von den Beskiden aus, die 2. Ukrainische Front (Malinowski) beiderseits der Donau nach Mähren und Österreich führten. Während die Angriffe Petrows am Widerstand der 1. Panzerarmee scheiterten, gelang es Malinowski, die deutschen Linien zu durchstoßen und am 4. April Preßburg zu nehmen.

Noch vor dem Ausbruch des slowakischen Aufstandes erhielt die Volksgruppenführung von den deutschen militärischen Dienststellen die Mitteilung, daß eine Zurücknahme der Ostfront bis auf die Hohe Tatra geplant sei und die Volksgruppe daher in aller Stille die Evakuierung der Zipser Deutschen vorbereiten möge. Karmasin wandte sich um Unterstützung an die Deutsche Evangelische Landeskirche A. B. in der Slowakei und bat um ihre Mitwirkung1. Die von der Kirchenleitung eingeleiteten Vorbereitungen wurden allerdings durch den Ausbruch des Aufstandes verzögert und durch ihn die geplante geschlossene Evakuierung der deutschen Ortschaften unmöglich gemacht2.

Gleich in den ersten Tagen und Wochen des Aufstandes, als die Zips durch die aus der Mittelslowakei vorstoßenden Aufstandischenverbände am stärksten gefährdet war, ordneten die örtlichen deutschen Wehrmachtskommandanten zusammen mit den verantwortlichen Funktionären der Volksgruppe die vorübergehende Evakuierung der Frauen und Kinder in das benachbarte Generalgouvernement bzw. ungarische Grenzgebiet an3.

Wenn auch der größte Teil der Evakuierten nach wenigen Tagen in seine Heimatorte zurückkehren konnte, so wurde doch die Bevölkerung durch


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die anhaltenden Aktionen der Partisanengruppen in dauernder Unruhe gehalten. Da keine ausreichenden deutschen Truppen für den Schutz der Ortschaften zur Verfügung standen, ordneten die Wehrmachtsstellen, noch während die Kämpfe in der Mittelslowakei anhielten, die Evakuierung der Schulkinder an. Um den Unterricht auch weiterhin aufrechterhalten zu können, wurden die einzelnen Schulen unter dem Schutz der Wehrmacht und des Heimatschutzes mit Lastwagen und Autobussen durch das Partisanengebiet der Hohen Tatra nach Zakopane gebracht und von dort mit der Eisenbahn nach Oberösterreich, in das Ostsudeten- und das Egerland geleitet, wo sie in Gemeinschaftsunterkünften weiterhin von den ebenfalls evakuierten Lehrern betreut wurden1. Einzelne erwachsene Familienangehörige, die die Kinder nicht allein lassen wollten, schlössen sich den Transporten an. Die Nachrichten über Gewalttaten der Aufständischen und die Hoffnung, daß es sich nur um eine vorübergehende Maßnahme handeln werde, trugen wesentlich dazu bei, daß diese Aktion ohne größeren Widerstand von seilen der Eltern durchgeführt werden konnte.

Anfang September wurde die Lage der deutschen Streusiedlungen in der Ostslowakei unhaltbar. Sie waren durch die Partisanen von den westlichen deutschen Siedlungsgebieten abgeschnitten und durch die von Osten und Südosten vorstoßenden sowjetischen Truppen bedroht. Mitte September befahl daher die Volksgruppenführung die Evakuierung der deutschen Bevölkerung und Verlagerung des beweglichen Besitzes2. Im Laufe der nächsten Wochen wurden nicht nur die Menschen, sondern auch der größte Teil der beweglichen Habe und des Viehs in Eisenbahntransporten, die teils über Nordungarn, teils über Tarnow, Krakau in die Westslowakei geleitet wurden, evakuiert. Die Bevölkerung konnte vielfach erst nach langen Überredungsversuchen zum Verlassen der Heimat bewogen werden. Die zurückgebliebenen Männer verließen Ende Oktober im Treck ihre Wohnsitze, nachdem bereits das Gebiet Kampfzone geworden war3.

Im Hinblick auf die fortdauernde Unsicherheit der Lage und den Vormarsch der Roten Armee nach Westen, wurde am 27. Oktober 1944 von Berlin die Gesamtevakuierung der Deutschen aus den Streusiedlungen der Ostslowakei und aus der Zips angeordnet4 und als Aufnahmegebiet zunächst die Westslowakei vo'rgesehen6.

Bereits seit Oktober wurden die Frauen und Kinder in den am stärksten gefährdeten Orten der Unter- und später auch der Oberzips zum Verlassen


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der Heimat aufgerufen. Die nach Westen führenden Eisenbahnlinien waren aber in der Mittelslowakei größtenteils von Partisanen und Aufständischen durch Sprengungen bis November 1944 unterbrochen. Infolgedessen mußten die ersten Transporte nach Norden über Zakopane durch das Generalgouvernement geleitet werden1, damit sie die Westslowakei, und als sich diese für die Unterbringung ungeeignet erwies2, die Aufnahmegebiete im Ostsudetenland3 und im Gebiet von Reichenberg—Saaz erreichen konnten. Die Evakuierten durften einen großen Teil ihrer beweglichen Habe mitnehmen4. Diejenigen Familien, aus denen schulpflichtige Kinder bereits vorher abtransportiert worden waren, begaben sich nun an deren Aufenthaltsorte. Der Widerstand vor allem der bäuerlichen Bevölkerung gegen die Evakuierung wuchs, als bekannt wurde, daß die slowakische Regierung die Unterbringung der aus dem unmittelbaren Frontgebiet zu evakuierenden Slowaken in der Zips plane5. Um Gewaltmaßnahmen, die dem deutschen Prestige bei den Slowaken abträglich sein mußten, zu vermeiden, wandelte Himmler die Gesamtevakuierung in eine Teilevakuierung um. Nichtsdestoweniger wurde die bereits eingeleitete Verlagerung der kleinen und mittleren Handwerksbetriebe in das Sudetenland und das östliche Österreich fortgesetzt6. Aus Reichsdeutschen und Angehörigen der Volksgruppe gebildete Kommissionen sorgten für die Sicherstellung des Betriebsmaterials und seinen Abtransport.

Als sich aber seit Anfang Dezember die Front immer näher heranschob, wurde schließlich doch die restlose Evakuierung der Deutschen aus der Zips angeordnet. In Eisenbahntransporten auf den seit Mitte November wieder benutzbaren Strecken nach Preßburg oder über Zakopane verließen die noch anwesenden Familien ihre Heimat und wurden ebenfalls in die bisherigen Aufnahmegebiete geschleust. Sie konnten ihre bewegliche Habe


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entweder in großem Umfang mitnehmen oder in Sondertransporten nach Westen verlagern1.

Die bäuerliche Bevölkerung der Zips sammelte sich ab Dezember in organisierten Trecks, die das Waagtal entlang zogen und nach Überschreiten der Kleinen Karpaten in Böhmen und Mähren Aufnahme fanden2. Auch die zum Heimatschutz einberufenen Männer, die nach dem Wegzug der Familien kaserniert und zu militärischen Formationen zusammengefaßt worden waren, verließen nun die Heimat meist auf dem Treckwege3.

Nachdem die Sowjet-Armee die deutsche Front in Ungarn in Richtung des Plattensees durchgebrochen hatte und eine Umfassung der Slowakei von Süden zu befürchten war, begann im Januar 1945 die geordnete Evakuierung der Volksdeutschen aus der Mittelslowakei4. Schon vorher waren, wie auch in der Zips, die Schulen in geschlossenen Transporten nach Österreich und ins Sudetenland, die zahlreichen im Lande verstreuten KLV-Lager in die Heimatgebiete der Kinder im Reich geschafft worden. Jeder Volksdeutsche hatte ausreichend Zeit, sich für die Bahnfahrt oder den Treck vorzubereiten. Die Organisation ging so weit, daß nicht nur das lebende Inventar abgeschätzt wurde, sondern auch der gesamte Besitz von den deutschen Dienststellen (der DP und dem Heimatschutz) registriert und in seinem Wert bescheinigt wurde5. Auffanggebiet für die Deutschen des Hauerlandes war ebenfalls vorwiegend das Sudetenland6 und das Protektorat. Die Bergleute der Krickerhauer Kohlengruben wurden z. B. in geschlossenen Transporten ins Brüx-Duxer Braunkohlenrevier gebracht, wo sie weiter verwendet werden sollten7. Wer einen bestimmten Evakuierungsort außerhalb dieses Gebietes angab, wurde dorthin transportiert. Auf diese Weise gelangten viele Hauerländer nach Österreich8.

Ein zweiter allgemeiner Aufruf zur Evakuierung Ende März versuchte die letzten Zaudernden noch zum Abzug zu bewegen, bevor die Rote Armee das Gebiet besetzte.

Auch in Preßburg und in den deutschen Orten geiner weiteren Umgebung9 setzten die Aufrufe und die Vorbereitung zur Evakuierung verhältnismäßig früh ein. Schon im November wurde es den Volksdeutschen Privatpersonen offiziell freigestellt, ins Deutsche Reich auszureisen oder zum mindesten ihren beweglichen Besitz zu Bekannten nach Österreich oder nach Deutschland zu schicken10. Die Evakuierung der Schulkinder war


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im Januar soweit vorangetrieben worden, daß die Schulen geschlossen werden konnten. Der größte Teil der deutschen Bevölkerung verließ Preßburg im Laufe des Januar und Februar1. Auch die Volksdeutschen aus den Dörfern am Rande der Kleinen Karpaten und auf der Großen Schüttinsel hatten sich im Laufe der Zeit zögernd zur Ausreise entschlossen. Soweit die Dörfer in der Nähe der Donau lagen, wurden die Einwohner mit Schiffen flußaufwärts evakuiert, die übrigen in Trecks zusammengefaßt oder mit der Bahn nach Österreich geleitet2. Im März gestaltete sich die Ausreise für die Nachzügler schon schwieriger, besonders wenn sie noch bewegliches Eigentum mit sich führen wollten. Von den leitenden deutschen Dienststellen wurde schon zum Fußmarsch nach Österreich aufgefordert, da Transportmittel für die Evakuierung nicht mehr zur Verfügung standen. Eine beträchtliche Anzahl der bis dahin zurückgebliebenen Deutschen machte sich jetzt noch auf den Weg und erreichte unter unsäglichen Strapazen Oberösterreich3. Auch die Volksgruppenführung verließ am 1. April die Stadt in Richtung Gänserndorf/Österreich4.

Jene Karpatendeutschen, die aus der Ost- und Mittelslowakei ins Ostsudetenland abtransportiert worden waren, gerieten hier noch einmal in neue Evakuierungsaktionen hinein und suchten unter den gleichen Bedingungen wie die Flüchtlinge und Evakuierten aus dem von der Roten Armee besetzten oder bedrohten Gebiet die im Westsudetenland stehenden amerikanischen Linien zu erreichen5.

Zu erwähnen wären noch die Schicksale der vor allem in der Zips und dem Hauerland zum Heimatschutz einberufenen Männer. Einem Teil von ihnen gelang es nach der Räumung ihrer Heimat, zu ihren ins Sudetenland evakuierten Familien zu gelangen. Viele jedoch wurden noch in den letzten Kriegswochen den Formationen der Wehrmacht und der Waffen-SS eingegliedert. Soweit sie nicht sofort an der Front eingesetzt wurden, brachte man sie zu einer kurzfristigen Ausbildung auf Truppenübungsplätze des Protektorats. Hier gerieten sie in sowjetische Gefangenschaft6.

Die Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei, die durch die kommenden Ereignisse gerechtfertigt wurde, ist, rein organisatorisch betrachtet, von kleinen Zwischenfällen abgesehen, reibungsloser und flüssiger abgelaufen als die der anderen Räumungsgebiete, was u. a. der selbständigen Organisation der Volksgruppe zuzuschreiben ist. Der innere Widerstand gegen die Aktion bei den zum Verlassen der Heimat aufgerufenen Volksdeutschen selbst war allerdings teilweise recht stark. Die kleinbäuerliche und kleinbürgerliche Volksdeutsche Bevölkerung gab ihren Besitz und ihre Heimat nur sehr schwer auf7. Die Angst vor den Greueltaten der Sowjets reichte oft nicht


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aus, um den Entschluß zur Ausreise fassen zu lassen, so daß mit recht drastischen Druckmitteln — wie Entzug der Rente oder der Versorgungskarten — gearbeitet wurde, um sie zu erzwingen1.

Ein zahlenmäßig nicht genau zu bestimmender Prozentsatz von Angehörigen der deutschen Volksgruppe ließ sich durch die Räumungsparolen überhaupt nicht ansprechen. Es waren dies Menschen deutscher Abkunft, die, schon stark slowakisiert, während der Kriegszeit wohl die materiellen Vorteile als Volksgruppenangehörige beansprucht hatten, sich aber jetzt auf ihre verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehungen zum Slowakentum und auch zu den Partisanen besannen und nichts für ihre Zukunft befürchten zu müssen glaubten.

Der größere Teil der deutschen Bevölkerung meldete sich wohl zögernd, aber in dem Maße, in dem sich die einzelnen Orte mehr und mehr von Volksdeutschen leerten, immer bereitwilliger zu den angesetzten Transporten. Alle, die als Deutsche irgendwie hervorgetreten waren, sei es, daß sie eine kleine Rolle in der Deutschen Partei, in der kommunalen Verwaltung oder im Kulturleben gespielt hatten, sei es daß Familienangehörige zur Waffen-SS oder zum „Heimatschutz” eingezogen waren oder einen Arbeitsplatz im Reich hatten, waren relativ leicht von der Notwendigkeit der Evakuierung zu überzeugen. Für die meisten Deutschen der Ost- und Mittelslowakei waren die schreckensvollen Erlebnisse des Aufstandes und der Partisanenüberfälle der Beweggrund, ihre Heimat beim Herannahen der Sowjets za verlassen.

Im ganzen sind im Winter 1944/45 von der auf 140 000 Personen zu schätzenden anwesenden deutschen Bevölkerung etwa 120 000 Personen evakuiert worden2.