Nr. 3: Flucht der Familie des Vfs. vor der Roten Armee nach Bodenstadt; ihre Rückkehr nach Kiowitz; Lebensverhältnisse im Heimatort.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht des Gutsbesitzers und ehemaligen Mitglieds des tschechoslowakischem Parlaments Friedrich Graf Stolberg aus Kiowitz, Kreis Wagstadt.

Original, 21. Febaruar 1947, 8 Seiten, hschr.

Dem Bericht ist ein kurzer Überblick über den Lebenslauf des Vfs. vorangestellt.

Ende April 1945 mußte ich mit meinen Angehörigen, d. h. mit meiner 68jährigen Frau, mit meiner Tochter, 26 Jahre alt, mit meiner Nichte, Gräfin Praschma und ihren zwei Kindern im Alter von acht und sechs Jahren und mit einer alten Hausgehilfin über Befehl des Landrates im Treck Kiowitz verlassen, weil unsere Gegend in die Kampfzone gekommen war. Wir gelangten mit drei Fuhrwerken bis zu dem 60 km entfernten Städtchen Bodenstadt, wo uns die russischen Truppen bald einholten und ohne Kampf den Ort besetzten. Die Russen nahmen uns die drei Treck-Wagen; im übrigen wurden wir von ihnen — außer durch die üblichen kleineren Diebstähle — nicht viel belästigt. Tschechen befanden sich damals nicht im Orte.

Mitte Mai 1945 wollten meine Tochter und ich teils zu Fuß, teils mit den notdürftig wieder in Betrieb gesetzten Eisenbahnzügen nach Kiowitz zurückkehren. Auf der ersten Bahnstation wurden wir von jungen Burschen, die durch Armbinden als Sicherheitswache (Bezpečny stráž) gekennzeichnet waren, angehalten, obgleich wir Ausweise der Polizeibehörde mit der Bewilligung zur Heimreise vorweisen konnten. Wir hatten nur Rucksäcke mit. Sie wurden untersucht, es wurde Leibesvisitation vorgenommen, Geld


13

(12 000 RM) und was sonst irgendwie von Wert erschien (Manschettenknöpfe und dergleichen), wurde weggenommen. Quittungen wurden verweigert. Wir wurden unter Bewachung mit anderen Schicksalsgenossen teils im Eisenbahnzuge, teils in Fußmärschen nach Friedeck gebracht — meine Tochter in ein Frauenarbeitslager, ich in ein Männerlager. Das Männerlager war ein Gerichtsgebäude; der Raum, in den ich abgeführt wurde, ca. 40 m2 Bodenfläche, beherbergte 60 Männer. Es gab keine Pritschen, kein Stroh, keine Decken. Einige Männer lagen nachts auf einem Tisch. Ich hatte mir einen einfachen, harten Holzsessel gesichert; die meisten Männer lagen auf dem bloßen Boden, was nicht sehr verlockend war, da der Unratkübel, der bei Nacht benützt werden mußte, weil niemand den Raum verlassen durfte, überlief und seinen Inhalt auf den Fußboden ergoß. Unsere Rucksäcke waren uns abgenommen worden, unsere Taschen waren geleert worden; ich hatte keine Seife, keine Bürste, keinen Kamm, nur das gebrauchte Schnupftuch war mir gelassen worden. Für die 60 Männer erschien am Morgen eine einzige kleine Waschschüssel — Wasserleitung war keine vorhanden. Dabei waren über Tags durch zehn Stunden meist sehr schmutzige Arbeiten zu verrichten: Aufräumungsarbeiten in der Stadt, Erdarbeiten auf den Feldern, Abladen von Waggons mit Kohlenstaub und dergleichen. Zur Ernährung erhielten wir morgens ein Stück Brot, 120 g, mittags einen Napf mit warmem Wasser, in dem eine Kartoffel schwamm. Früh und abends gab es eine schwarze Flüssigkeit, die als Kaffee bezeichnet wurde. — Von Zeit zu Zeit wurde ein Gefangener abgeführt, und dann konnte man aus dem Nebenraume laute Schreie und Peitschenhiebe hören. Ein paar Züge aus einem Zigarettenstummel oder ein Blick aus dem Fenster waren die Verbrechen, die so gesühnt wurden.

Nach zehn Tagen wurde ich aus dem Lager entlassen. Irgendeine Einvernahme, irgendeine Erklärung, weshalb wir ins Lager gekommen waren, erfolgte nicht. Die Rückgabe meines Rucksackes und des Inhaltes meiner Taschen wurde verweigert. Mit einigen Schicksalsgenossen wurde ich per Bahn nach Ostrau gebracht und in später Abendstunde dort auf die Straße gesetzt. Deutsche durften kein Eisenbahnbillet nehmen, sie durften keine Gaststätte benützen. Sie durften sich auf keine Bank in den öffentlichen Anlagen niederlassen. Kein Tscheche durfte ihnen, bei sonstiger schwerer Strafe, die Kollaboranten drohte, irgendwie helfen oder auch nur mit ihnen sprechen. Dabei waren wir mit einer Armbinde gekennzeichnet; sie trug die Aufschrift „Wir danken unserem Führer”, dazu ein Hakenkreuz. Es war mir kein Pfennig Geld gelassen worden. Kiowitz ist 40 km entfernt, und es war später Abend. Ich habe mich schließlich entschlossen, beim Pfarrhause anzuklopfen. Der tschechische Pfarrer hat mich freundlich aufgenommen. Er gab mir ein Bad, ein Bett, er hat mir zu Essen gegeben, und am folgenden frühen Morgen konnte ich den Heimgang antreten.

In Kiowitz fand ich meine Tochter vor, die schon drei Tage vorher aus dem Lager entlassen worden war und dort ähnliches durchgemacht hatte wie ich. Es kam aber noch dazu, daß jeden Abend Russen zum Lager kamen, denen der Lagerleiter Frauen für die Nacht auslieferte. Eine gütige Fügung hat sie vor diesem Schicksal bewahrt.


14

Ich fand das Schloß in Kiowitz gänzlich ausgeplündert und verwüstet. Einige Tage hatten die Russen dort gehaust. Nach ihrem Abzug hatte die heimische Bevölkerung sich geholt, was noch zu holen war. Möbel, Wäsche, Kleidungsstücke sah ich im Dorfe wieder. Das Silber hatte der Bürgermeister einer russischen Plündererabteilung ausgefolgt. Die wenigen Deutschen, Frauen und Männer, Angestellte des Schlosses, waren in einem Lager zu Zwangsarbeiten zusammengefaßt. Dank meinem Alter blieb ich davon verschont. Es wurde mir und meiner Tochter ein ganz kleines Quartier im Schlosse angewiesen. Meine Tochter mußte im Schloßgarten arbeiten. Dazwischen wurde sie durch drei Wochen ins Arbeitslager in Wagstadt befohlen, wo sie unter anderem helfen mußte, die Wohnungen der Deutschen auszuräumen.

Die Maierhöfe und die Forste des Gutes waren unter kommissarische Verwaltung gestellt; alle Bankguthaben waren natürlich gesperrt.

Im Herbst kamen dann meine Frau, die Gräfin Praschma mit ihren zwei Kindern, unsere treue Hausgehilfin nach Kiowitz. Etwas später kamen noch zwei weitere Kinder der Gräfin Praschma, Knaben im Alter von elf und dreizehn Jahren. Zum Unterhalte dieser neun Menschen wurde mir gestattet, aus einem Sparkassenguthaben monatlich 1000 Kč = 100 RM zu beheben. Wir hätten natürlich verhungern müssen, wenn wir nicht bei einem großen Teil der tschechischen einheimischen Bevölkerung die rührendste ausgiebige Hilfe gefunden hätten. Aber diese Hilfe mußte ganz heimlich gegeben werden, denn immer fanden sich Spitzel, welche bestrebt waren, die Wohltäter anzuzeigen und als „Deutschenfreunde” zu verfolgen.

Es folgt die Schilderung der Ausweisung im April 1946.