Nr. 24: Erlebnisse eines Prager Deutschen in den Tagen des tschechischen Aufstandes und während seiner Internierung bis zur Überweisung in die Strafanstalt Pankrác.

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Erlebnisbericht des ehemaligen tschechoslowakischen Staatsbeamten F. B. aus Prag.

Original, November 1947, 89 Seiten, mschr. Teilabdruck.

Einleitend gibt der Vf. einige persönliche Eindrücke von der Situation in Prag kurz vor Beginn des Aufstandes wieder.

Als ich gestern Abend mich auf meinem Heimweg aus dem Büro dem Stadtinneren näherte, blieb ich plötzlich wie gebannt stehen — wir schrieben den 4. Mai 1945 — die Szene, die ich sah, hatte ich schon einmal gesehen, es war am 27. Oktober 1918. An einer Ecke war ein Friseur gerade an der Arbeit, die ihm seit Bestehen des Protektorats auf gezwungene deutsche Firmentafel zu überpinseln. Eine Gruppe von jungen Burschen quittierte diese Heldentat mit aufmunternden Zurufen, ein paar Bürgersfrauen lächelten befriedigt, und der hinzutretende Polizist hielt dem kühnen Anstreicher die Leiter, was ihm eine Ovation der Zuschauer eintrug.

Bis tief in die Nacht erörterte ich mit meiner Frau, was wir tun sollten; sie, eine des Čechischen nur ganz wenig mächtige Reichenbergerin, wollte sofort zu ihren Eltern fahren, ich hielt dies für Wahnsinn, denn gerade dort befürchtete ich, wenn auch nur für die ersten Tage, so doch ein ausgesprochenes Blutbad, hatte man doch 1938 wirklich viele Čechen aus dieser Stadt evakuiert1, die sich meist in Turnau und Umgebung ansässig gemacht hatten und mit deren Rache ich rechnete. Ich will nur gleich gestehen, das war ein Trugschluß, aber leider nicht der letzte — wohl aber war es meine letzte Nacht in einem Bett für fast ein ganzes Jahr lang.

Am Morgen des 5. Mai 1945 fuhr ich wie gewöhnlich um 1/2 7 Uhr früh ins Büro; meiner Frau hatte ich auf alle Fälle geraten, das Haus nicht zu verlassen. Ohne die geringste Behelligung kam ich in dieser frühen Morgenstunde in mein Büro. Ich war einer der wenigen Anwesenden, die vor einer Woche mich noch wegen Feigheit mit Anzeige bedrohenden Nazikollegen aus


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dem Reich waren nicht erschienen. Ein ganz eigenartiges Gefühl bemächtigte sich meiner; viele aufgeregte höhere Herren bestürmten den Kassenraum, ich zahlte aus, solange ich noch Geld in der Handkasse hatte — den täglichen Abschluß habe ich am 5. Mai zum ersten Male nicht mehr gemacht. Um 11 Uhr klingelte mein Telephon. „Bist Du wahnsinnig?” hörte ich die erregte Stimme eines čechischen guten Bekannten sagen. „Du sitzt im Büro, und am Wenzelsplatz erklingt schon die Hymne unserer befreiten Heimat! Hau alles hin und schau, daß Du nach Hause kommst!”

Panik ist etwas Ansteckendes, ich hatte das schon im Weltkriege an der Front mitgemacht; auch diesmal erlag ich. Ich übergab die Kassaschlüssel einem jungen Angestellten und verließ sang- und klanglos mein Büro.

Auf dem Platz vor dem Büro waren Maschinengewehre der SS aufgestellt, und Spanische Reiter verstellten die Zufahrtstraßen. Ich wurde durchgelassen, nicht ohne Verwarnung: „In der Stadt wird geschossen!” Durch schmale Gäßchen, Durchhäuser und längs der Häuserwände gehend, erreichte ich die Brücke beim Nationaltheater. Da pfiffen auch schon die ersten Kugeln um meine Ohren. Čechen, mit Revolvern, Messern, ja sogar Beilen bewaffnet, strömten zur Brücke. „Die Deutschen schießen beim Nationaltheater aus Tanks!” Wutentbrannte Männer, verängstigte Weiber und neugierige Kinder liefen durcheinander. Ein Bursche verkaufte weiß-rotblaue Kokarden, Fähnchen und Abzeichen — die Leute rissen sie ihm aus den Händen. Ich versuchte mein Glück über Smíchov, um die Moldau zu überqueren, ich mußte ja nach Hause. Plötzlich sehe ich Menschen in die Haustore rennen — ich sehe schon, ein SS-Auto fährt in rasendem Tempo durch die Straßen, aus einer Maschinenpistole feuert ein junger SS-Mann Schreckschüsse nach rechts und links. Nicht weit von mir ist ein Schuß in einen Milchladen gegangen; schreiend stürzt die Besitzerin auf die Straße; sofort ist eine Gruppe Menschen um sie herum; es ist nichts passiert, nur die Auslagenscheibe ist hin. Die Wut der Menge macht sich in wüsten Beschimpfungen Luft. Ich komme vorwärts; bei der Jirásek-Brücke wird aus einem Fenster geschossen, die Menge stürmt das Haus; am Karlsplatz kommt ein Trupp deutscher Soldaten, lachend übergeben die Landser ihre Revolver an die Čechen, man klopft ihnen auf die Schultern und läßt sie unbehelligt weitergehen. Ich habe mich immer längs der Häusermauer durchgewurstelt bis zum Hotel Beranek. Hier geht es nicht mehr weiter, aus allen Häusern wird geschossen, čechische halbwüchsige Burschen, oft in jeder Hand einen Revolver, verlangen von jedem Ausweise. Ich verstecke mich in einem Haustor — oben auf der Stiege ertönen markerschütternde Schreie, dann ein Schuß und Ruhe — ein junger Mann mit einem Raubvogelgesicht kommt die Treppe herunter, die linke Hand vergräbt noch schnell etwas in der Hosentasche. Ein altes Weib, offenbar die Hausmeisterin, keift: „Haben Sie ihr's gegeben, der deutschen Hure? Recht so, alle müssen krepieren!”

Die Frau mit ihren Beschimpfungen rettet mich, ich schlüpfe aus dem Haus und eile trotz Kugelregen weiter. Menschen kommen in Haufen mit blassen Gesichtern mir entgegen. „Gehen Sie nicht weiter, um die Ecke schießt so ein deutscher Hund mit einem Maschinengewehr, aber wir kriegen ihn vom Dach des Nachbarhauses — es sind schon drei Partisanen oben!”


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Also so nennt man diese neue Garde! Das Maschinengewehr klappert nicht mehr, ich gehe wieder vorwärts — einige Menschen stehen um einen anscheinend Toten herum — hier kann ich wieder nicht weiter, es werden Ausweise verlangt — also zurück in eine Nebenstraße, hier ist Ruhe. Mir scheint, es wird doch ärger, als ich es mir vorgestellt habe; das ist kein 28. Oktober 1918! Wieder knallt's — ich muß wieder Deckung suchen. Ein junger, eleganter Čeche spricht mich an: „Ich fürchte, daß die Regierung die Gasse nicht erhalten wird, und dann wird Blut fließen, viel Blut. Mein Gott, ich war jetzt zwei Jahre in Deutschland, ich bin Musiker von Beruf, es ist mir dort sehr gut gegangen. Ja, die Führer soll man abschießen, aber doch nicht alte Prager Deutsche! Meine Großmutter war auch eine Deutsche — das ist ja Wahnsinn und Mord!” Dann zeigt er mir Bilder von seiner Tournee in England vor 1938; ich sehe ohne Brille so gut wie nichts, aber ich hätte vor Erregung auch mit Brille nicht mehr gesehen, denn im selben Moment schleppten zwei Männer einen verwundeten Deutschen ins Haustor. Ob der arme Teufel sich gewehrt hatte, ob er nur zufällig des Wegs daherkam — wer weiß es! Menschen drängten sich in den Hausflur, Weiber kreischten und hieben mit den Einkaufstaschen auf den regungslos daliegenden Mann ein, dessen Gesicht bald blutig geschlagen war; ich benützte den entstandenen Tumult und entkam auf die Straße.

Nach zehn Minuten war ich nicht mehr weit von meiner Wohnung entfernt; aus unserer Gasse erscholl wildes Geknatter. „Auf dem Dach sind die Hurenhunde”, erklärte mir eine Frau, „und schießen wie Bestien, aber wir kriegen sie alle, alle!” Im nächsten Moment erstarrte mir das Blut in den Adern. Zwei Burschen, ein blonder, hübscher Kerl und ein Galgenstrickgesicht, führten, nein, besser gesagt, schleiften meine Frau mit sich. Hinter ihnen aber marschierte in Reitstiefeln und Breeches, ein Bajonett in der Hand — ein alter Freund von uns; er erkannte mich, ich sah es ihm an, er wollte mich nicht sehen; die Gruppe marschierte an mir vorbei. Die stille Nebenstraße, in die sie einbogen, kannte ich gut, dort wohnte ja unser Freund. Mit schlotternden Knien folgte ich nach, plötzlich salutierten die zwei höchstens 15—16jährigen Jungen, mein Freund stützte meine Frau und trat mit ihr in ein Haus — in sein Haus — ein, sie war gerettet. Nach bangen 10 Minuten betrat auch ich das Haus, niemand hatte mich beachtet. Ich läutete an der Wohnungstür, und im nächsten Augenblick hielt ich meine noch immer halb bewußtlose Frau in den Armen.

Unsere Freunde hatten uns zwar sicher das Leben gerettet — aber waren selbst radikale Čechen, die uns ihre Gesinnung deutlich fühlen ließen. Unser Zustand hatte sie aber offenbar doch beeindruckt, und wir durften die Nacht auf dem Fußboden der Küche auf einigen Polstern verbringen.

Das Radio brüllte ohne Unterbrechung, unsere Nerven waren am Zerreißen. Bald ertönten Volksweisen und Sokolmärsche, bald Ansagen. „Die Schlacht um Prag ist in vollem Gange. Brüder, errichtet Barrikaden gegen die deutschen Panzer, die sich auf der Straße von Beneschau gegen Prag bewegen! Die Radiostation halten wir fest in der Hand, die SS ist nurmehr im untersten Stockwerk eingenistet!” Dann folgten Aufrufe in englischer und russischer Sprache um Hilfe gegen die Deutschen. „Deutsche schwere Artille-


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rie beschießt das Krankenhaus Bulovka!” Dann spricht ein deutscher Filmschauspieler; er beginnt seine deutsche Ansprache: „Genossen, stellt sofort das Feuer ein, verschont Prag, die schöne Stadt, in der auch wir Deutsche eine Heimat gefunden haben und in der wir als freie Bürger auch später leben wollen!” Dann wieder Marschmusik. Plötzlich fallen Bomben; nicht viel, höchstens 7 Stück; wie wir später sahen, hatten sie nur zu gut getroffen. Das Eckhaus am Wenzelsplatz, in dem Prokop & Čáp — das große Textilkaufhaus — war, wurde getroffen, auch die altehrwürdige Rathausuhr und der alte Teil des Rathauses standen in Flammen. Das Radio tobte: „Deutsche Bomben auf unser Prag — Tod allen Deutschen!” — „Die SS kämpft auf Befehl Franks weiter, sie treiben die čechische Bevölkerung vor den Panzern einher. Brüder, zu den Waffen! Wir kämpfen allein um unser Prag — die großen russischen Brüder müssen bald da sein, harret aus!” So und ähnlich ging's die ganze Nacht; meine Frau war vor Übermüdung eingeschlafen, ich, der ich jedes Wort verstand, konnte nicht Ruhe finden. Zwei Jahre hatte ich nicht mehr geraucht, jetzt zündete ich mir die erste Zigarette an. Früh sah ich aus einem Fenster der Wohnung Militärs längs der Mauern schleichen, braune zerlumpte Gestalten — „Vlasovci”1, so erklärte mir mein Bekannter, „die kämpfen jetzt für uns und nicht für Führer!”

Noch eine Nacht verbrachten wir in der Küche, wieder hetzte das Radio: „Die SS steckt die Burg, das jahrhundertealte Wahrzeichen von Prag, in Brand!” — „Die SS nagelt Kinder an die Wände, Tod allen SS-Leuten!”

„Ja”, sagte unser Beschützer, „wir haben was von Euch gelernt — Propaganda! Und jetzt machen wir Geschichte, und zwar slawische Geschichte, wir, die letzte Bastion des größenwahnsinnigen Hitler, wir befreien uns selbst vom deutschen Joch!” Was sollte ich sagen? Etwa, daß er unter dem deutschen Joch 30 000 Kronen monatlich verdient oder daß er nicht einen Tag nach der Karte gelebt hatte wie wir Deutschen die ganze Zeit über? Ich hätte noch viel mehr sagen können, aber: vae victis! Ich schwieg und hatte nur eine Sorge: Wie komme ich mit meiner reindeutschen Frau aus diesem Inferno?

Am nächsten Morgen jubelte das Radio: „Die deutsche Wehrmacht ergibt sich, die SS aus ihren Schlupfwinkeln vertrieben, russische Panzer an den Grenzen von Groß-Prag, es lebe die čechoslovakische Republik und ihr Präsident! Es lebe Stalin und die glorreiche russische Armee!” Und dann kam die böse Meldung: „Alle Bürger, die Deutschen Schutz gewähren, werden zur Verantwortung gezogen, die Wohnungen müssen den kontrollierenden SNB-Leuten geöffnet werden.” Jetzt war es mit unserer Verborgenheit zu Ende, schaden wollte ich dem Retter meiner Frau nicht; ich wollte gleich losziehen, doch sollten wir uns noch stärken, so meinte die Frau des Hauses. Als wir gerade beim Essen saßen, meldete das Radio: „Alle Deutschen müssen sich innerhalb 24 Stunden beim Internationalen Roten Kreuz in Prag III, Thunovská melden!” Wir atmeten auf: bis dorthin werden wir noch kommen.


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Wir waren schon marschbereit — da läutete die Wohnungsglocke Sturm. Die Tür wurde geöffnet, ich sah durch den Spalt zwei bis auf die Zähne bewaffnete Männer, die mich trotz allem belustigten, besonders die Wichtigkeit des einen war geradezu köstlich; den großen Sowjetstern an der Kappe, in jeder Hand einen Revolver, ein altes österreichisches Bajonett umgeschnallt, so stand der SNB-Mann da, das Gesicht stupid wie ein Schaf, die Nase hochgestülpt — wirklich kein „sonny boy"; so nannte der Volksmund bald diese revolutionäre Garde nach den Anfangsbuchstaben SNB (Stráž Národní Bezpečnosti — Wache der Nationalen Sicherheit). Jetzt konnte mich nur mein tadelloses Čechisch und eine Portion Frechheit retten; ich trat ins Vorzimmer und begrüßte die Ankömmlinge; meine alte čecho-slovakische Offizierslegitimation hielt ich dem Wichtigen vor die Nase; er konnte bestimmt nicht lesen, aber sah sich die Sache lange an, dann gab er mir die Legitimation salutierend zurück — in Ordnung, obzwar auf der zweiten Seite der Legitimation ganz groß zu lesen war: „Nationalität: Deutsch.”

Inzwischen hatten diese beiden Ehrenmänner meine Frau erspäht. „Wer ist das?” „Na, wer wird das schon sein, im Frühjahr — mein Mädel natürlich!” „Hast aber einen feschen Frosch!” meinte, mir zuzwinkernd, mein neuer Freund. Die Revision war beendet, aber einen Cognac mußte ich doch noch trinken, ehe wir unseren Marsch antraten!

Zuerst mußte der Hausflur überprüft werden — geht in Ordnung — kein Mensch ist im Hause zu sehen, also keine Gefahr für unsere Gastgeber. Wir schlüpfen auf die Straße, es ist 18 Uhr; der erste Mensch, dem wir begegnen, ist ein ehemaliger Kollege von mir — gottlob ist er stockbesoffen und geht achtlos an uns vorbei. Meine zitternde Frau hat unter dem Frühjahrsmantel eine weiß-rot-blau-gestreifte Bluse an, sie läßt den Kragen deutlich sehen, vielleicht hilft es doch! Jetzt haben wir die Hauptstraße erreicht, ein Wind wirbelt viel Staub auf — auch günstig, nur vorwärts zum Roten Kreuz auf der Kleinseite! Ja, was ist denn das? Quer über die Straße lagen drei Wagen der Straßenbahn Nr. 11 samt Anhängern, halb zerbrochen, die Räder hingen zwecklos in der Luft, das Pflaster und die Fahrbahn waren aufgerissen und aufgeschlichtet; Leitern, alte Tische, alles lag im wirren Haufen durcheinander. „Barrikaden”, flüsterte meine Frau. Also, das waren die im Radio geforderten Barrikaden, sie hätten deutsche Panzer aufhalten sollen. Rechts und links standen Posten, junge Burschen, teilweise mit den deutschen Afrikauniformen bekleidet, mit Handgranaten im Gürtel und einem Revolver in den Händen; sie blickten in der Richtung zum Georgsplatz, von wo ein dumpfes Rollen zu hören war; wir kamen unbehelligt vorbei. Am Georgsplatz standen Tausende Menschen, alles schrie, winkte und tobte — jetzt sahen wir es auch: russische Panzer in unübersehbarer Kette, vermischt mit Train, wälzten sich in der Richtung auf uns zu. Auf den Panzern blutjunge russische Soldaten und junge čechische Mädeln, winkend, kreischend, an den Soldaten hängend wie Wespen, dann Trainwagen mit bärtigen Kutschern, die Zigaretten herabwarfen und mit Flaschen zum Trinken aufforderten. Ein unvergeßliches Bild: Staub, Papierfetzen, Flaschen, Zigaretten zeichneten den Weg der einmarschierenden Sieger — dazu die tollgewordene Bevölkerung, jedoch


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lauter mir altem Prager fremde Typen, meist ohne Kopfbedeckung, mit roten Tüchern und Bändern. Alles trug Sowjetsterne, kein Mensch nahm von uns Notiz. Wir schwenkten ab in Seitengassen — auch hier Kolonnen um Kolonnen. Und wieder winkende Mädchen und betrunkene Männer. Wir müssen auch stehenbleiben, bekommen Zigaretten und trinken aus einer Flasche, die von Mund zu Mund gereicht wird. Wir danken und eilen weiter, es geht nurmehr durch Seitenstraßen. Es ist alles wie im Delirium; wir kommen durch, über die neue Brücke erreichen wir die Kleinseite; meine Frau ist halb tot, auch mir zittern die Knie. An einem Baum hängt ein Mann, ich glaube in Parteiuniform — nur weiter! Jetzt stockt alles, vom Laurenziberg her ertönt Maschinengewehrfeuer, russische Infanterie beschießt den Gartenabhang. Fenster klirren und splittern, es gibt Verwundete, von den Dächern wird geschossen; niemand weiß, wo der Feind ist. Hier geht's absolut nicht weiter, zurück über die Insel Kampa; wieder Barrikaden und verschreckte Menschen. Ein junger Mann spricht uns an. Der tut uns nichts, das kann man sehen, er ist bleich wie eine Wand. Er fragt uns, wohin wir wollen. „Zum Kleinseitner Ring”, sage ich. „Ich auch, aber es geht doch nicht, die SS kämpft noch am Hradschin.” Das ist uns egal, jetzt müssen wir durch, es ist inzwischen 9 Uhr geworden. Fast wie an der Front kommen wir sprungweise vorwärts, ich erkenne das seit dem Weltkrieg nicht mehr gehörte Surren der Geschosse — nur weiter! Noch über den menschenleeren alten Kleinseitner Platz, und wir sind da.

Vor dem Tor in der Thunovská zwei Wachen, ich bitte čechisch um Einlaß. „Was willst Du?” „Wir sind Deutsche und wollen uns laut Radio beim Roten Kreuz melden.” Der Mann, ein älterer Mensch, schaut mich lange an, dann sagt er: „Du bist doch kein Deutscher!” „O ja”, sage ich, „Prager Deutscher.” „Na, frag mal da drinnen!” Wir schlüpfen hinein. Rote-Kreuz-Schwestern mit Verbänden und Fläschchen laufen durcheinander; ein Herr fragt mich, was ich wünsche. Ich wiederhole meine Bitte. Er lacht höhnisch und sagt: „Radio, das möchte Euch passen! Für alle Nationen der Welt gibt es ein Rotes Kreuz, nur für Deutsche nicht!” Ich verlege mich aufs Bitten. Im Abgehen sagt er mir schneidend: „Schaut, daß Ihr hinauskommt, wenn Euch die Russen hier erwischen, dann habt Ihr's aus dem Kopf, aber dafür etwas im Kopf!” Ratlos stehen wir da. „Raus, die Russen kommen!” brüllt uns jemand an. Wir sind wieder auf der Straße. Der ältere Mann vor dem Tore sagt mir: „Schaut, daß Ihr von der Gasse verschwindet! Wer nach 9 Uhr Abend angetroffen wird, wird ohne Anruf erschossen.”

Was jetzt? Meine Frau flüstert mit klappernden Zähnen: „Gleich hier nebenan ist ein Gastwirt, den kenne ich von Geschäften — versuchen wir's doch!” Wir haben Glück; der Wirt will gerade die Rollbalken schließen, erkennt meine Frau und läßt uns hinein. Sind wir gerettet? Ja, die Wirtin, eine hübsche Frau, verspricht, uns zu beherbergen. Die Töchter, zwei bildhübsche blutjunge Mädeln, sind gerade erst gekommen und erzählen schreckliche Dinge, die sie gesehen haben; meine Frau versteht's nicht, um so besser. Wir bekommen ein Fettbrot und Bier. Ich beginne schon zu hoffen, da trommeln Gewehrkolben an die verschlossenen Holzjalousien. — „Russen!” Tödlicher Schrecken ergreift alle. „Wenn sie Euch


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finden, schießen sie uns alle über den Haufen — schnell in den Keller, unten sind Kisten und Waschtröge, versteckt Euch, und wenn sie Euch finden, kein Wort, daß Ihr uns kennt!” Leise tasten wir uns beim Licht einer Taschenlaterne in den tiefen Keller des sicher 300 Jahre alten Kleinseitner Hauses, noch im Herabsteigen hören wir die Einlaß begehrenden Russen. Der Rollbalken geht hoch, sie sind drinnen, sie verlangen „Wodka”. Was wird geschehen? Wir hören sie sprechen, die Mädchen quietschen, dann ist es ruhig. — Ein Russe singt mit schöner, tiefer Stimme; aber es müssen mehrere da sein, wir hören Schritte, die Kellertür wird aufgestoßen, jemand leuchtet herunter; der Lichtstrahl ist knapp neben uns, der Wirt erklärt etwas. Und jetzt geschieht etwas, was ich bis zu meinem Tode nicht vergessen werde: Ich weiß plötzlich mit absoluter Sicherheit, das ist nicht unser Ende — ich werde ganz ruhig und unheimlich kaltblütig. Vorsichtig ziehe ich meine bewußtlose Frau an mich, ein Waschtrog ist meine Deckung, und schon höre ich: „Pivo davaj, charascho!”1 Drei Schritte aufwärts, dann fällt die Türe ins Schloß; wir sind für diesmal gerettet.

Meine Frau erholt sich, zittert aber immer noch vor Angst und Kälte. Wir stehen jetzt beide wie Ölgötzen, nach meiner Uhr ist es 1/2 10 abends. Oben wird gesungen und gekichert. 10 Uhr — schwere Schritte kommen näher und entfernen sich wieder, es wird still — schrecklich still. Wir stehen und warten. Ich glaube, entfernt einen Schrei gehört zu haben — vielleicht irre ich mich; dann wieder Stille — furchtbare Stille. Ich hatte nur einen Wunsch: eine Zigarette. Meine Frau zeigte mit der Hand nach oben; man konnte trotz der Dunkelheit die Umrisse eines schmalen Fensters und ein Eisengitter erkennen, also nichts mit der Zigarette. Von weitem hörten wir Schritte, wieder wies meine Frau nach oben; sie hatte recht, das waren Schritte auf der Straße — Spornerstraße hieß sie einst, als ich noch zur Schule ging — die Schritte kamen näher und entfernten sich wieder, offenbar Militärpatrouillen.

Wir lange wir so stumm aneinandergeschmiegt dastanden, kann ich nicht sagen, vielleicht hatten wir beide bißchen gedöst. Auf einmal hörten wir schlürfende Schritte, ein Schlüssel knackste im Schloß — was war das wieder? Meine Uhr zeigte die fünfte Morgenstunde, es dämmerte schon. Eine Frauenstimme sagte leise: „Gib acht, Leonore, sonst stürzt Du noch!” Mein Gott, Deutsche! Mit einer Kerze in der Hand näherten sich zwei alte Damen unserem Versteck. Ich sagte leise: „Bitte, erschrecken Sie nicht, wir sind auch Deutsche und haben uns hier versteckt.” Eigentlich erschraken die beiden alten Damen gar nicht so sehr, als ich gefürchtet hatte, die Jüngere — ich schätzte sie so gegen 60 — sagte leise: „Wir kommen nur unseren Koffer holen, wir wohnen hier im Hause und haben ein paar Sachen unter den Kohlen versteckt. Waren die Russen auch hier?” Und ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Bei uns waren sie, alles hat man uns genommen, und meiner Schwester sogar die Ohrringe aus den Ohren gerissen, die Ärmste hat so geschrien — alles umsonst!” Ich hatte also doch richtig gehört. „Bitte”, frug ich, „was gedenken Sie zu tun?” „Wir holen nur die Koffer, dann wollen wir uns auf unserem Polizeikommissariat


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in Schutzhaft begeben, unsere Nachbarin hat es gestern auch so gemacht." „Wir werden wohl dasselbe tun müssen, bitte, schließen Sie uns das Haustor auf, wir versuchen es auch, bevor wieder die Russen kommen.” Die Jüngere nickte, und langsam setzten wir unsere steifgewordenen Glieder in Bewegung. Die Dame führte uns zu einer zweiten Stiege, die nur für die Hausbewohner bestimmt ist, dann durch einen typisch Altprager Hausflur zum Haustor. Endlich hatte sie mit zitternden Fingern den richtigen Schlüssel gefunden, schwer und kreischend drehte er sich im Tor — milde Mailuft strömte uns entgegen, wir waren draußen. „Viel Glück und vielen Dank!” Die Straße war bedeckt mit Papieren, Kokarden und zerrissenen Papierfähnchen, aber sonst wie ausgestorben.

Fröstelnd nach dieser Schreckensnacht schlug ich den mir so wohlbekannten Weg zum Kleinseitner Kommissariat ein. Ein Gendarm in der alten čechoslovakischen grauen Uniform hielt uns am Maltheserplatz an. „Wohin?” frug er mich. „Zum Kommissariat.” Er ließ uns ziehen. Vor dem Hause der Polizei angekommen, waren wir erstaunt und doch irgendwie beruhigt, es standen schon gegen zehn Menschen da, elegante, verängstigt dreinblickende Männer und Frauen — Deutsche. Einen der Herren kannte ich, er stammte gleich mir aus einer uralten deutschprager Familie, sie besaß eine alte, bestbekannte Apotheke. „Sie kommen mir bekannt vor”, so sprach mich der Herr an. „Ja, wir Prager kennen uns ja fast alle, zumindest vom Sehen.” „Wir mußten aus unserer Wohnung sofort heraus, nichts durften wir mitnehmen, nicht einmal einen kleinen Koffer, nur mein Zahnbürstel habe ich und paar Tuben Gift — für alle Fälle.”

Endlich wurde das Tor aufgeschlossen, mit Murren über die zeitlichen Besucher öffnete ein Schutzmann beide Torflügel; wir durften uns auf die Stiegen setzen. „Ihr seid Deutsche, also wartet, ihr kommt gleich dran!” Eine Frau packte Butterbrote aus, wir bekamen auch eins und aus einer Thermosflasche guten, süßen Kaffee. „Wir”, sagte sie, „durften alles Eßbare mitnehmen, und die Wohnung wurde versiegelt; aber bis wir verhört sind, dürfen wir wieder zurück, so hat's uns ein deutschsprechender russischer Offizier versprochen.” Das war Wasser auf meine Mühle, und die Zigarette, die langersehnte, im Mund, nickte ich meiner Frau zu, was soviel heißen sollte, wie: „Siehst Du, ich habe doch recht behalten, vielleicht sind wir in ein paar Stunden wieder in unserer schönen, gepflegten Wohnung, und haben dann Hitler, den Krieg und alles Drum und Dran hinter uns.”

Inzwischen kamen neue Ankömmlinge hinzu; eine reichsdeutsche junge Frau, hochschwanger, erklärte mit vielem Pathos einem Polizisten, daß sie jetzt in diesen Tagen gebären werde. Zum Teil hat sie der gute Mann wohl nicht verstanden, zum Teil war sie ihm lästig, kurz, er fuhr sie barsch an: „Ruhe! Setzen Sie sich auf die Stufen!” Mit großem Stimmaufwand und Tränen beschwerte sich die werdende Mutter bei uns über die typisch österreichische Schlamperei, wo sie doch vor der Entbindung stehe, und drohte, daß ihr Mann, der derzeit bei der SS in Beneschau diene, schon Ordnung schaffen werde! Sancta simplicitas! Die Frau verkörperte so ungefähr das, was die Piefkes an politischer Beschränktheit und Größenwahn in der ganzen Welt von sich gaben. Ich antwortete nicht, sonst hätte ich


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grob werden müssen. — Eine Tür wurde geöffnet. „Alle Frauen hier herein, Dokumente vorweisen!” Meine hübsche Frau hatte sich inzwischen gänzlich erholt und war ruhig und gefaßt, ruhiger als ich, der ich ihrer mangelnden Čechischkenntnisse wegen um sie bangte!

Aus dem Zimmer war bald der bekannte Polizeiton zu hören, untermischt mit deutschen Lauten und Weinen. Endlich wurden die Frauen, es waren ungefähr zehn, an uns vorbei auf die Straße geführt. Ein Schutzmann vorne, einer hinten, so marschierten sie ab. Meine Frau voll guten Mutes, man hatte ihr gesagt, in zwei Stunden kämen wir nach. Gottlob war es noch früh am Morgen und die Straßen noch ziemlich leer. Noch einmal winkte sie mir zu. Ob ich sie wohl je wiedersehen werde? Mir war trotz meiner Gewißheit, das Richtige getan zu haben — nämlich nicht zu fliehen — irgendwie bang ums Herz.

Jetzt kamen wir an die Reihe; bei mir ging's glatt, die Kennkarte hatte ich. Ein Herr hinter mir, der kein Čechisch verstand, wurde angebrüllt, und da die Lautheit der Frage seine Unkenntnis nicht änderte, bekam er eine schallende Ohrfeige. „Ein Prager, der nicht Čechisch kann, da seht Ihr, was Ihr für Gauner seid!”, so wurde die Züchtigung motiviert. Mir aber fiel wieder meine Frau ein — Gott im Himmel, steh ihr bei!

Schließlich waren wir alle registriert, zu dritt hieß es nun antreten, und wir 15 Mann marschierten gleich mit 4 Polizisten um die Ecke und wurden in den Hof des alten Palais Auersperg geführt. Der lange breite Gang, der in den Hof führt, war voller Menschen, die Luft war schrecklich. Sehen konnte ich nicht nach vorne, aber hören — eine versoffene Stimme brüllte fast ohne Unterbrechung, dazwischen knallte es, und ich hörte zum ersten Male männliches Stöhnen und Schmerzensschreie. Auf alle Fälle befühlte ich meine Giftampulle, die mir unterwegs der Apotheker zugesteckt hatte. „Wenn's nicht anders geht”, meinte der alte Herr. Ich war aber trotzdem fest entschlossen, erst, wenn's wirklich nicht anders geht, zu diesem Mittel zu greifen, hatte ich doch vier Jahre Weltkrieg in vorderster Linie hinter mir, wenn auch vor zwanzig Jahren. Inzwischen rückten wir langsam vorwärts. Ich konnte jetzt ab und zu in den Hof sehen. Im ersten Augenblick hätte ich beinahe gelacht, so unerwartet war mir der Anblick, der sich mir bot. Ich sah einige alte Herren, wie Gamsböcke springend, Holzscheite sammeln und wieder hüpfend wegtragen. Da sagte jemand neben mir: „Ja, das ist KZ-Schule — das kann fein werden!” Ich gestehe, daß ich mich von diesem Nachbarn flüsternd aufklären lassen mußte; ich hatte, Gott ist mein Zeuge, keine Ahnung, daß dies Usus in den KZ-Lagern war. Vor uns standen jetzt nur etwa zehn Mann; jeder mußte zu einem Tisch vortreten, seinen Namen nennen und, wie ich sah, den Tascheninhalt auf einen zweiten Tisch legen. Dann wurde von einem jungen Burschen, der einen Knüttel in der Hand hielt, nachkontrolliert. Einer hatte die goldene Zigarettendose nicht abgegeben, was ihm einen furchtbaren Hieb mit dem Knüttel über die Finger eintrug, dann folgte noch ein Fußtritt, und schon war der Nächste an der Reihe. Ich hätte gerne meine Zigaretten behalten, war aber zu feig dazu und kam daher ohne Hieb und Tritt über die Empfangsformalitäten hinweg. Im Hof standen schon eine ganze Masse


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Schutzhäftlinge, streng militärisch ausgerichtet, ich trat hinzu. Jetzt öffnete sich eine Tür, heraus trat wohl eines der widerlichsten Gesichter, die ich je im Leben gesehen hatte, und ich hatte im Krieg verschiedene Menschentypen kennengelernt — Mongolen, große Asiaten aus dem Norden — aber soviel Abstoßendes war in keinem Antlitz wie bei diesem kleinen untersetzten Mann; in der linken Hand hatte er einen Revolver, in der rechten eine sogenannte neunschwänzige Katze mit kleinen Metallkugeln an den Enden. Dieses Tier hielt eine kurze Ansprache an uns, wobei sich sein feistes Gesicht zu einem Lächeln verzog: „So, da habe ich Euch, Ihr Hurensöhne! Vier Jahre habt Ihr mich im KZ gequält, jetzt seid Ihr an der Reihe!” Leider verstanden einige diese schöne čechische Ansprache nicht, aber die haßerfüllten Glotzaugen — eines irrte immer wieder nach links ab — waren nicht mißzuverstehen.

Vom ersten angefangen bis zum letzten, alle beehrte er mit Fragen, deren Beantwortung er dann entweder mit einem Schlag mit der Peitsche, einem Fußtritt oder Hieb mit dem Revolverhandgriff quittierte; verschont blieben nur einzelne, meist die, deren Vorgänger ihn zu sehr erbost hatten und wo er besonders feste und häufigere Züchtungen ausgeteilt hatte. Ich hatte, wie schon oft im Leben — ich bin an einem Sonntag im Mai geboren — Glück. Mein Vordermann hatte ihn durch seinen hundertprozentig čechischen Namen zur Weißglut gebracht, und er schlug unter wüsten Beschimpfungen eine ganze Weile auf den großen dicklichen Mann ein, der seinen Peiniger fast um doppelte Haupteslänge überragte. Kein Schmerzenschrei entrang sich seinen längst blutig geschlagenen Lippen; vielleicht hatte ihn der Genius Beethovens so unempfindlich gegen körperliche Schmerzen gemacht, war er doch seines Zeichens Musik- und Gesangslehrer; ich hatte ihn vor vielen Jahren Lieder von Hugo Wolf mit tiefer, inniger Stimme singen hören und bildete mir ein, daß sein zerschundenes Gesicht heute denselben Ausdruck hatte wie damals am Podium des Deutschen Männergesangsvereins.

Mein Interview fiel im Hinblick auf das Vorhergegangene direkt kläglich aus; ein, noch dazu mäßiger, Fußtritt war alles, und schon war der nächste an der Reihe. Endlich waren alle durch, und wir durften im Laufschritt hinter einer Tür verschwinden. Es war wohl einst ein Pferdestall, wo wir uns jetzt befanden; hier standen, lagen und saßen an die 30 Männer herum, die meisten übel zugerichtet. Ein auffallend hübscher, großer Mann mit schwarzen Locken hielt einen 14jährigen Burschen in den Armen und wiederholte beständig: „Jetzt hab' ich Dich gefunden, jetzt dürfen sie uns nicht mehr trennen, sie sollen nur kommen, diese Bestien!”

Dieser hysterische Auftritt machte den Eindruck des halbdüsteren Raumes noch schrecklicher. Kurz darauf öffnete sich die Tür und jemand rief: „Die letzte Gruppe sofort wieder am Hof antreten!” Draußen ging es inzwischen wüst zu. Drei Männer mit entblößtem Oberleib, Hände hoch, standen an der Wand und wurden von drei jungen Bursche geschlagen. Das Wimmern der Gezüchtigten, der Blutgeruch in der schwülen Hofluft — es war grauenvoll! Im gleichen Augenblick ertönte das Kommando: „Links um! Laufschritt marsch!” Wir liefen, ca. 20 Mann, von einem Tropenuniformler geleitet, durch das Tor, durch das wir hierhergekommen waren;


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nur wenige Schritte, dann öffnete sich das alte Tor des Nostizpalais, und wir trabten in den Hof. Hier waren schon an 100 Menschen versammelt und standen in erregt debattierenden Gruppen herum. Bewachungsorgane waren keine da, nur in der ehemaligen Portierloge saßen — wie ich später sah — vier „sonny boys” bei reichlich gedecktem Tisch. Auch unser Aufseher war verschwunden. Wir atmeten auf. Ich sah sofort Bekannte; ja, waren denn die Čechen ganz wahnsinnig geworden? Da stand der fast 70jährige ehemalige čechoslovakische Gesandte Dr. Feitscher, ein Mann, den Hitler kalt und unter ständige Bewachung durch die Gestapo gestellt hatte; dann ein deutscher Weihbischof, das Gebetbuch in der Hand, zwei Sparkassenbeamte, deren einer als Apostata1 unter uns Prager Deutschen galt, da er vor zehn Jahren eine radikale Čechin geheiratet und seither die deutsche Gesellschaft gemieden hatte — alle waren sie eingefangen worden, in den Wohnungen, auf der Straße, je nachdem. Einige hatten um die Augen breite blaue Ringe, wie nach schweren Knock-out-Schlägen. Ihre Gesichter waren todernst, bei manchen fast verwundert — ja, mir ging's ja genauso wie diesen Männern, die zum Großteil Prager Deutsche waren: Wir hatten uns das alles so ganz anders vorgestellt! Übrigens hatte ich einen ganz anständigen Hunger, eine Zigarette wäre mir allerdings fast noch lieber gewesen. Ich erkundigte mich bei einem der Herren. „Was fällt Ihnen ein? Wir sind schon den zweiten Tag hier und haben noch keinen Bissen gegessen; man sagte uns, die Sieger hätten jetzt ganz andere Sorgen, als die deutschen Huren zu füttern, wir seien ja dick genug und sollten erst mal die Sonderzuteilungen abhungern, die wir im Protektorat so lange gefressen hätten.” Ich muß ja sagen, etwas Wahres war daran; mich hatte die ganze Zeit die Sonderzuteilung an Deutsche gestiert, aber andererseits sahen unsere Aufseher, ob ehemalige KZler oder nicht, durch die Bank blühend aus, während wir alle einen unterernährten Eindruck machten. Wer die Verhältnisse in Böhmen kannte, der wußte, wieso das kam; hatten sich doch die Čechen während der ganzen Zeit des Bestandes des Protektorates vorbildlich gegenseitig geholfen, und die Zahl derjenigen, die nur von den Kartenzuteilungen lebten, war ein verschwindender Prozentsatz — die Ärmsten der Armen, die auch früher im Frieden sich nie recht sattessen konnten. Ich ging von Gruppe zu Gruppe, fast überall traf ich Bekannte, alles keine Nazis, Männer meist im Alter von 50 bis 70 Jahren, alles andere war ja eingerückt.

Gegen 7 Uhr abends erschienen vier Gardisten auf dem Hof. „Jetzt geht's wieder ins Hotel”, meinte ein Herr, „sogar fließendes Wasser haben wir.” Es zeigte sich jedoch bald, daß es um anderes ging; wir mußten antreten, dann inspizierten die Herren Gardisten unsere Sachen. Einige mußten die Schuhe ausziehen, andere die Mäntel, ein besonders gut angezogener Häftling sogar den Anzug — er erhielt dafür einen blauweißgestreiften Sträflingsanzug; wie ich später erfuhr, war das die Bekleidung in den deutschen KZ. Ich behielt meine guten Halbschuhe nur deshalb, weil ich die Schuhnummer 39 habe, die keinem der Herren zu passen schien. Nach dieser Revision durften wir beim Brunnen Wasser trinken, dann wurden wir zu einer Tür geführt und mußten über viele uralte Steinstufen in einen Keller


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hinabsteigen. Die Luft war hier feucht und modrig, der Boden zum Teil mit Wasser bedeckt, von den Steinwänden fielen die Tropfen; dann ging's noch paar Stufen tiefer in einen Raum, wo Holzbänke und Tische standen. Bevor ich mich so richtig zurechtgefunden hatte, war alles besetzt, ich konnte mich noch zur Not mit zwei anderen Herren auf einer Steinstufe plazieren. Nicht weit von mir sah ich in dem fahlen Licht, das durch die Kellerfenster eindrang, den Herrn Weihbischof; er stand hochaufgerichtet an der Wand, seine Lippen bewegten sich — er betete. Viele Häftlinge schliefen trotz der frühen Stunde, es dürfte kaum mehr als 20 Uhr gewesen sein, bald ein; andere erzählten ihre Erlebnisse. Ich konnte feststellen, daß ich eigentlich noch recht glimpflich davongekommen war; besonders diejenigen, die in den Vorstädten gewohnt hatten und dort auch verhaftet worden waren, erzählten schreckliche Dinge, so daß das erzwungene Austrinken von Spucknäpfen, das mir anfangs so abscheulich erschienen war, ganz in den Schatten gestellt wurde.

Mein Magen knurrte entsetzlich, aber vielleicht eben deswegen schlief ich selbst bald ein, und das eintönige Geschwätz eines alten Professors, eines geradezu widerlichen Schmierfinken, der zum zehnten Male erzählte, er wäre ein persönlicher Freund des čechischen Dichters Vrchlický1 gewesen und müßte schon deswegen morgen oder spätestens übermorgen entlassen werden, trug sicher auch dazu bei.

Mit steifen Gliedern, am ganzen Körper vor Kälte und Nässe klappernd, wurden wir um 6 Uhr früh wieder in den Hof getrieben; die warme Morgensonne tat uns ordentlich wohl, und die Schale schwarzen Kaffees samt einem Stück Brot, die wir uns holen durften, ließen unsere Lebensgeister bald vollends erwachen. Ich hatte inzwischen von Dr. K. erfahren, daß auch Frauen hier eingesperrt seien, darunter auch seine Frau, doch seien diese oben in den Zimmern untergebracht und hätten für die Wachmannschaft zu kochen und ihre Ubikationen aufzuräumen. Dr. K. hatte übrigens tags vorher von seiner Frau etwas Eßbares bekommen und versprach, auch mir etwas zu verschaffen.

Die Sonne legte sich jetzt mit aller Kraft in das alte Mauerwerk, und bald saßen und lagen wir in kleinen Gruppen auf den so schön durchwärmten Steinplatten auf der Sonnenseite des großen Hofes.

Um 1/2 8 Uhr hieß es antreten. Es wurden 15 Mann zum Wegräumen der Barrikaden ausgesucht, ich war nicht dabei. Ich ahnte gar nicht, daß ich da wieder einer bösen Sache entgangen war. Erst als ich die Abkommandierten um 12 Uhr wieder einmarschieren sah, wußte ich alles. Kaum einer, der nicht verletzt worden war. „Sogar vier Frauen, die mit uns waren, haben sie zuerst kahl geschoren, dann zum Teil ausgezogen und dann noch geschlagen”, sagte mir einer der Männer, „und die Weiber, diese Hyänen, das sind die Schlimmsten!”

Dr. K. kam an mir vorbei, ich erkannte an seinem Blick, worum es ging; ich verließ schweigend meine Gruppe und ging ihm nach. Hinter einer Arkade versteckt stand eine Eßschüssel und drinnen dampften — vier riesige, blühend weiße Hefeknödel, bestreut mit Zimt und Zucker, in Butter


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schwimmend. „Essen Sie”, sagte Dr. K., „ich kann nicht mehr, ich habe schon acht Stück gegessen.” Ich glaube, ich habe noch nie so schnell vier so riesige Hefeknödel verschlungen, auch haben sie mir bestimmt noch nie im Leben so gut geschmeckt. Ich dankte mit vollem Munde. „Eine Zigarette kriegen Sie auch noch”, sagte Dr. K. Auf meinen verwunderten Blick hin fuhr er fort: „Das Pack ist doch alles bestechlich, wenn ich 10 000 Kč hätte, so wäre ich morgen wieder in meiner Wohnung.” Wenn ich auch in diesem Punkte seine Meinung nicht teilte, die Zigarette schmeckte mir wunderbar, so gut, daß ich sie allein ausrauchte, obzwar mich mindestens zehn Nikotinikeraugenpaare sehnsüchtig durchbohrten, erst den Stummel übergab ich dem Unentwegtesten und auch das, ehrlich gesagt, schweren Herzens.

Am Nachmittag um 14 Uhr wurden wieder zehn Mann gebraucht, diesmal war ich mit dabei. Gott sei mir gnädig! Auf alle Fälle befühlte ich meine Giftampulle, sie war in Ordnung.

Vier in grüne Finanzeruniform gekleidete Männer führten uns auf die Straße; vorher hatte ein fünfter, offenbar der Kommandant, jedem von uns ein Hakenkreuz mit Kreide auf den Rücken gemalt. Der Mann sah übrigens trotz einer geradezu riesigen Hakennase gar nicht so übel aus, obzwar ihm die umgehängte Maschinenpistole und die Reitpeitsche in der Hand ein ausgesprochen martialisches Aussehen gaben.

In Dreierreihen betraten wir die Straße. Gottlob ist die alte Kleinseite der vielen Amtsgebäude und alten Palais wegen nicht so übervölkert. Wir mußten nicht weit marschieren, schon in der Letenská waren wir am Ziel. Wir mußten offenbar ehemalige deutsche Dienststellen ausräumen, das Material auf die Straße tragen und in Lastautos aufladen. In den Räumen war es herrlich; wohl war die Arbeit schwer, für so ausgehungerte ältere Menschen sogar sehr schwer, aber hier war heilige Ruhe, niemand trieb uns an, niemand schlug uns. Draußen aber bei den Lastautos, da standen schon die Hyänen, fast lauter Weiber, und schlugen auf uns ein, wenn wir schwer keuchend die Möbel auf die Lastautos hoben. Ich hatte es mal wieder hinter mir und war die drei Treppen hoch gestiegen, da sah ich vom Stiegenfenster hinab in den Lobkowitzgarten, gerade auf die Tennisplätze, auf denen ich noch vor einem halben Jahr in čechischer Gesellschaft als deutscher Gast oft gespielt hatte. Hatte ich vielleicht laut aufgeseufzt oder waren mir doch paar Tränen in die Augen geschossen? Ich weiß es nicht — ich weiß nur, daß plötzlich der Mann mit der Hakennase, die Peitsche in der Hand, hinter mir stand. Ich wollte schnell verschwinden. „Was machst Du da?” „Ich schaue auf die Tennisplätze, wo ich noch vor einem halben Jahr als freier Mensch spielen durfte.” „Du lügst, hier haben nur čechoslovakische Beamte gespielt!” „Jawohl, ich bin ja auch einer gewesen, zwanzig Jahre lang!” Und jetzt geschah etwas Sonderbares: die Augen des Mannes schauten plötzlich ganz anders drein, so weich, so gütig. „Geh hinauf in den vierten Stock und ordne dort die Akten und vor 6 Uhr abends komm mir nicht herunter!” Seine Augen zwinkerten, und meine wurden jetzt wirklich naß. An diesem Nachmittag hab' ich so gut wie nichts mehr gearbeitet. Um 17 Uhr kam plötzlich ein junger Finanzer zu mir — ich erschrak; sollte er den Auftrag haben, mich zu holen? „Da hast”, sagte er und verschwand. Ich hielt ein


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riesiges Butterbrot und zwei Zigaretten in der Hand. Um 18 Uhr war Abmarsch; johlend empfing uns die Straße, meist halbwüchsige Burschen und Weiber, Weiber aller Altersklassen. Mir schwante nichts Gutes.

Unser Kommandant, der Mann mit der großen Nase, trat vor. „Leute, laßt die Kerle in Ruhe, sie haben gearbeitet. Aber Eueren Spaß sollt Ihr haben — sie werden jetzt im Stechschritt nach Hause marschieren, so wie ich es mußte, als ich im KZ war.” Mit Gelächter wurde der Vorschlag angenommen, wir warfen die Beine hoch. Ein armer schwacher Lehrer, der neben mir marschierte, lispelte ständig vor sich hin: „Herr, verleihe mir noch diese letzte Kraft!” Die Menge johlte toll vor Vergnügen über unseren Stechschritt, aber es fiel kein Schlag, und unbehelligt gelangten wir wieder in unseren Hof. Der Kommandant zwinkerte mir zu, ich nickte dankbar — er hatte uns gerettet.

Unsere Kameraden begrüßten uns sehr verdattert. „Was gab's denn hier?” frug ich einen alten Herrn. „Ach Gott, die RG („Revolutionäre Garde”, vom Volk später „Raubgarde” genannt) war hier. Zwei junge Burschen, schwer bewaffnet, haben uns gequält, wir mußten laufen, dann uns zur Wand drehen und vom ersten immer bis zehn zählen, bei ‚zehn' schossen sie dann zur Belustigung mit ihren Revolvern in die Mauer oberhalb der armen Teufel, die die Nummer zehn traf. Ein alter Herr ist dabei an Herzschlag gestorben, soeben hat man ihn auf einer Bahre weggetragen.”

Um 19 Uhr gab's einen Teller Suppe, diejenigen, die gearbeitet hatten, bekamen ein Stück Brot dazu. Dann ging's wieder in den Keller. Ich vermißte den Weihbischof. „Den hat man Nachmittag im Wagen weggeführt. Er darf in einem Kloster die Haft abbüßen.” Wie mächtig ist doch die katholische Kirche!

Diesmal hatte ich eine Bank erobert und schlief sofort ein. Am nächsten Morgen gab's neue Überraschungen. Die Österreicher durften weiße Vorstöße um die Hüte binden und sich in einem Teil des Hofes separieren. Viele von uns erfaßten die Gelegenheit und wurden plötzlich Österreicher — wer wollte es den Unglücklichen übelnehmen? Wir waren jetzt so zu fifty-fifty verteilt. Um 11 Uhr erschien ein Abgesandter der österreichischen Gesandtschaft, die „Österreicher” formierten sich und marschierten in Dreierreihen ab. Was wird mit uns geschehen? Zur Arbeit wurden wir heute nicht eingeteilt. Um 16 Uhr erschienen acht RG's. „Antreten!” hieß es, dann marschierten wir auch ab. Durch mir so vertraute Straßen ging's auf den Hradschin zu. Die Straßen waren ungewöhnlich still; als wir auf den Platz beim Wehrmachtskommando kamen, wußten wir, warum. Hier standen die Menschen Spalier, wir wurden kaum beachtet, aller Augen waren hinauf zur Spornergasse gerichtet; unser Zug bog dorthin ein, und jetzt sahen auch wir den Grund des Volksinteresses. Der Anblick, der sich uns bot, war auch für mich faszinierend.

In einem merkwürdig anmutenden langsamen Schritt, nicht soldatisch, eher wie buddhistische Priester beim Opfergang, kamen ungefähr 100 russische Soldaten dahergeschritten. Lauter fesche, große, junge Menschen in dunklen Uniformen, die Kappen, Achselklappen und Ärmel mit gelben Aufschlägen geziert, bewegten sich singend die Straße hinunter. Herrliche,


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schöne, dunkelgefärbte Männerstimmen sangen ein wehmütiges russisches Lied; die Mitte des Zuges vereinte die Solisten, der Chor fiel immer wieder ein, es war ein wahres Konzert, voll geheimnisvoller Sehnsucht und Fremde, für mein musikalisches Herz ein eigenartiger Genuß. Ich sah mich jung im Weltkrieg an der Front — so sangen einst ihre Väter im Graben, als es 1917 hieß, Kerenski habe mit uns Frieden geschlossen. Fast 30 Jahre waren seither vergangen; hätte ich je gedacht, diese Lieder wiederzuhören, und zwar in Prag als politischer Gefangener! Andächtig lauschte die Menge, manche zogen instinktiv die Hüte, nur wir schlichen weiter — ein Haufen gebrochener Menschen.

Nach fast halbstündigem Marsch kamen wir vor ein Kloster, eine Wache öffnete die Tür, wir traten in die Gänge des uralten Klosters. Hier wimmelte es von Menschen, Frauen, Kinder, Greise und Männer lagerten im Klosterhof auf den Gängen und Stiegen. Dort winkte eine Bekannte; mein Gott, das war doch laut Hitler eine Halbjüdin, also die auch —! Im Reich verfolgt und jetzt wieder, was sollten diese armen Menschen erst sagen! Ich frug nach meiner Frau, die Antwort konnte ich nicht mehr hören, ein Hieb mit dem „Pendrek”1 auf den Rücken, und ein wütendes Gekeif belehrten mich, daß ich mit den Frauen nicht sprechen dürfe.

Am Abend kamen russische Soldaten mit zwei Gulaschkanonen; deutsche Frauen verteilten das Abendessen: ein halbes Brot und eine Schale guten Eintopfs. „Schlafen kann jeder, wo er will”, lautete das Kommando, „die Weiber alle im 1. Stock, die Männer unten.”

Die Nacht war mild, die Sterne funkelten, wir drängten uns dicht zusammen und schliefen gesättigt und reichlich müde bald ein.

Um 6 Uhr früh wurden wir geweckt, der Andrang zu den wenigen Klosetts war unbeschreiblich! Dann wurden wir gezählt, geordnet und abmarschbereit auf den Hof gestellt, nur die Männer. Leider wurde dies einige Male wiederholt — es kamen immer noch Neuankömmlinge dazu, endlich war es so weit, und als mein geliebtes Glockenspiel von Loretto die zehnte Vormittagsstunde ankündigte, zogen wir mit unter den ersten am alten Czernin-palais vorbei zur ehemaligen SS-Reitschule. Blumensträuße, halbverwelkt, zierten eine Ecke des Platzes, auf einer Tafel stand: „Hier fielen für die Befreiung ihrer Heimat als Helden ...", es folgten drei Namen. Also hier war erst vor wenigen Tagen gekämpft worden!

Gott sei Dank, die Reitschule war nicht weit, und als die Menge sich besann und uns mit den üblichen Beschimpfungen und Schlägen zu bedenken begann, war ich nur mehr zehn Schritte vom Eingang in die Reitschule entfernt und kam ohne Schlag weg.

Die riesige Reitschule war voller Papierstrohsäcke. Eine Wachmannschaft von ca. 10 Mann nahm uns in Empfang; wir erhielten Befehl, uns aus den Papierstrohsäcken Liegestätten herzustellen und auch für weitere Ankömmlinge solche zu bauen. Ein Doppelposten beim Eingang ließ niemanden herein, und so konnten wir ungestört an unsere Arbeit gehen. Es gab viel zu tun, aber mir gefiel es hier eigentlich ganz gut; der riesige Raum war


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an den Seiten mit Fenstern versehen, es war hier luftig und sonnig, und die kaum 100 Mann verschwanden fast in diesem Raum.

Mittags gab es Suppe und Brot, am Abend schwarzen Kaffee. Ich hatte mein Lager am Rand des freizulassenden Ganges errichtet, mein Nachbar war ein Tscheche, ein sogenannter Kollaborant; übrigens ein urkomisches Geschöpf, groß und ungeschlacht an Gestalt, hatte er einen riesigen Kopf mit einem breiten Gesicht, einen Rüssel von einer roten Nase, weit abstehende Ohren, in Fettpolstern verschwindende Schweinsäuglein und einen wulstigen Mund — eine Zitrone zwischen die Zähne, und er hätte in jedem Fleischhauergeschäft als Schweinskopf zur Reklame liegen können. Dabei war er ein gutmütiger Riese, der ständig Tränen vergoß und mir hundertmal am Tage versicherte, er hätte es nur wegen seines zehnjährigen Sohnes getan, er hätte sonst nie Vorstand werden können; aber weil er dem Klub zur Zusammenarbeit mit den Deutschen beigetreten sei, sei er es gleich geworden, und so hätte sein Sohn, wie es sein Ideal war, studieren und Polizeirat werden können, anders als er selbst, der von der Pike auf als Hilfspolizist im alten Österreich anfangen mußte. So oft er mir die Geschichte erzählte, rannen seine Tränen in Strömen, und sein Gesicht wurde immer röter und aufgedunsener. Endlich schlief er ein und schnarchte wie ein Büffel.

Viel interessanter war mein anderer Nachbar, der Kopf an Kopf mit mir lag. Er war höchstens 1,50 m groß, schlank und geschmeidig wie eine Katze, das rechte Ohr zierte ein goldener Reifen; sein Teint war dunkelbraun, seine braunen Augen sprachen Bände, und das blauschwarze wollige Haar vervollständigte den Eindruck eines hundertprozentigen Zigeuners.

Der Vf. berichtet hier, was er im Gespräch von der Lebensgeschichte dieses Zigeuners erfuhr und fährt fort:

Ich hatte jedenfalls einen neuen Freund gefunden, er brachte mir eine Zigarette. „Ich bringe noch mehr, die Fiesels (er meinte damit unsere Wache) geben mir schon, die wissen schon, daß ich kein ‚Politischer' bin und bald verschwinden werde.”

Über dem Tor stand mit großen Lettern ein Spruch, ich hab' ihn mir nicht wortgetreu gemerkt, aber er war ein Hohn auf meine jetzige Lage. Er lautete ungefähr wie folgt: „Wem Gott die Schönheit der Welt will zeigen, den läßt er auf Pferderücken am Morgen in den Frühling reiten.” Draußen leuchtete die Sonne in Maienpracht, wir aber durften keinen Schritt aus der Reitschule hinaus. Inzwischen kamen stündlich neue Häftlinge, anfangs nur Männer, später auch Frauen und Kinder; die Kinder schmierig und übernächtigt, die meisten weinend vor Hunger. Die Kleidung vieler verriet die früheren guten Verhältnisse, doch wie schnell verkommt der Mensch, wenn er so herumgeschoben wird wie wir und diese armen Kinder, denen die Mütter in Todesangst die Mäulchen zuhielten, weil sie deutsch nach Brot schrien. Bald waren wir an 500 Menschen in der Reitschule beisammen — für alle gab's nur ein Klosett. Geborene Organisatoren nahmen sich der Sache an; Vormittag nur Männer, Nachmittag die Frauen und Kinder — alles schön angestellt; der deutsche Ordnungssinn setzte sich auch hier durch, folgsam wie Schafe standen die meisten geduldig in der Schlange,


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Ungebärdige wurden durch eigene Justiz zur Vernunft und Disziplin gezwungen. Die Wachmannschaft hatte inzwischen gewechselt, die ersten waren mir sympathischer, mir gefielen die diebslüsternen Augen des neuen Kommandanten nicht. Bald sollte ich erkennen, daß ich mich nicht getäuscht hatte.

Es dürfte so gegen 9 Uhr Abend gewesen sein, als der neue Kommandant alle Männer antreten ließ. Ich hatte eine Ahnung, daß das nichts Gutes bedeuten konnte; auf alle Fälle ließ ich meinen Ehering und meine Krawattennadel im Sand unter meinen Papiersäcken verschwinden. Die Brieftasche behielt ich bei mir.

Wie Aasgeier stürzten sich die neuen Aufseher auf uns; wer noch einen Ring oder sonst etwas Goldenes bei sich hatte, mußte alles vor sich hinlegen, wer nicht schnell genug Folge leistete, dem wurde mit Ohrfeigen und Stockhieben nachgeholfen. Es war ein hübscher Goldschatz, den zum Schluß der Kommandant in einem Säckchen wegtrug. Dann kamen die Frauen an die Reihe; sie hatten die Lage erfaßt, bei ihnen wurde fast nichts gefunden. Doch der Herr Kommandant war ein geriebener Halunke, die Mannschaft mußte die Liegestätten der Frauen absuchen, und wieder füllte sich sein Sack mit Gold und Edelsteinen.

Viele Frauen weinten, die Kinder schrien durcheinander — es war ein Jammer! Ich legte mich auf mein Lager und starrte in die Höhe, ich wollte nichts hören und sehen. Nur keine unnütze Aufregung, ich wollte mich schonen, es war ja alles vergeblich! Meine Brieftasche hatte man mir zurückgegeben, sie war zu schäbig, und der Inhalt war — rückwärts versteckt — offenbar übersehen worden.

Langsam senkte sich die Dämmerung auf uns nieder. Durch die großen Fensterscheiben sahen wir Leuchtraketen aufsteigen, leuchten und verglimmen. Russische Soldaten vergnügten sich so und glaubten, der Bevölkerung nie gesehene Wunder vorzuführen. Noch ein Spiel schien sie sehr zu ergötzen: sie schossen durch die Fensterscheiben kreuz und quer in unsere Reitschule. Das Klirren der Scheiben und die Angstschreie der Kinder und Frauen erfüllten unser Gefängnis. Endlich, gegen 11 Uhr abends, wurde es ruhiger, ich war inzwischen eingeschlafen. Zwei Stunden später gab's wieder Krach — die Wachmannschaft unterhandelte mit betrunkenen Russen, die Einlaß begehrten. Die Unterhandlungen währten nicht lange, dann waren so sechs bis acht Russen eingedrungen. Mit Taschenlaternen wurden wir abgeleuchtet, die Männer ließen sie in Ruhe, aber die Frauen! Trotz Bitten, Weinen und Flehen hatten sie bald gegen zwanzig junge Mädchen, darunter 14jährige Kinder, beisammen. Mit vorgehaltenen Revolvern trieben sie die Frauen vor sich her. „Zum Kartoffelschälen geht Ihr!”, so versicherte der čechische Kommandant — wir wußten es besser. Gegen 9 Uhr Vormittag kamen die meisten Frauen wieder zurück, mit stummem Mund und leidgequälten Augen sanken sie auf ihre Lagerstätten. Eine junge Čechin, die Frau eines Deutschen — er lag nicht weit von mir —, war die einzige, die munter und guter Dinge war. Ich sah sie bei ihrem Mann niederknien und aus einem Kopftuch Sachen auspacken: Fleisch, Butter, Brot, Zigaretten. Der Mann, ein spindeldürrer Bursche mit einem blutunterlaufenen Auge,


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aß mit zitternden Händen, dann streichelte er die Haare seiner Frau, sie hatte Tränen in den Augen.

Mit kleinen Varianten machten wir hier 14 Tage lang dieses Martyrium mit; das Essen wurde schlechter und weniger, dafür kamen die Russen jetzt auch bei Tag. Oft mußten auch wir Männer antreten, sogar uns manchmal nackt ausziehen. Wer noch halbwegs brauchbare Sachen anhatte, mußte daran glauben, mich kostete es eine grüne Krawatte — fort mit Schaden, schlimmer waren jene dran, die ohne Hemden oder ohne Hosen dastanden. Zum Glück war es warm wie im Hochsommer. Ein langer Ukrainer kam drei Nächte hindurch und spielte auf einer Ziehharmonika traurige Lieder, manchmal tanzte er auch, aber sonst war er harmlos und ließ Männer und Frauen ungeschoren; an Schlafen war allerdings nicht zu denken, denn er hatte ein sehr lautes kreischendes Organ, das er bei Spiel und Tanz ertönen ließ.

Eines Tages erschien ein Herr in Polizeiuniform. „Es wird verhört”, so sprach sich's schnell herum. Es war das erste- und letztemal, daß uns jemand verhörte. Wir mußten Namen und Geburtsjahr nennen, angeben, ob Wehrmacht oder SS, ob Partei- oder SA-Mitglied. Wir, die negativ antworten konnten, wurden auf einer Liste erfaßt. Ich war schon wieder voll Zuversicht. Mein Nachbar mit dem Schweinskopf war auch mit auf der Liste. „Sie werden sehen, morgen gehen wir nach Hause!”

Am nächsten Morgen wurden wir namentlich aufgerufen und in Dreierreihen aufgestellt. „Alle Sachen mitnehmen!” lautete der Befehl.

Nach zweistündigem Warten marschierten wir ab, viel beneidet von den Zurückbleibenden. Wir gingen nicht weit: im alten Garnisonsarrest am Hradschin landeten wir nach ca. 10 Minuten. Im Hof standen schon zwei ebensolche kleine Gruppen wie wir. Wir durften uns frei bewegen. Im Garten nebenan waren entwaffnete Soldaten und Offiziere zu sehen, einige in einer mir fremden Uniform, einige in der Uniform der čechischen Protektoratsarmee, die gezwungenermaßen auf deutscher Seite Wachdienste und andere Hilfsdienste verrichtet hatte.

Nach langem, stundenlangem Warten wurden wir in einen Gang geführt und zu zehn Mann in kleinen Zellen eingesperrt, dafür aber bekamen wir ein ordentliches Stück Brot und eine gute Suppe. Das Gerücht „Morgen werden wir entlassen!” machte auch hier die Runde. Am nächsten Tag wurden wir um 8 Uhr früh wieder in den Hof geführt und konnten uns den ganzen Tag über frei bewegen. Die Wachmannschaft — reguläre tschechoslowakische Soldaten, meist ältere Jahrgänge — kümmerte sich nicht um uns, die Verpflegung war gut, nicht viel weniger als die Soldaten selbst bekamen. Weitere kleine Gruppen langten im Laufe des Tages ein, wir dürften ungefähr die Stärke von 100 Mann erreicht haben. Noch eine Nacht verbrachten wir in den Zellen, am nächsten Morgen wurden wir nochmals namentlich aufgerufen und mußten in Dreierreihen antreten; um 12 Uhr Mittag war Abmarsch. Vorne, hinten und zu beiden Seiten von Soldaten flankiert, setzten wir uns in Bewegung.

Über die alte Kleinseite und Karlsbrücke, den Quai entlang, marschierten wir in der Richtung zum Nationaltheater. Das Publikum begnügte sich


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diesmal mit Beschimpfungen und Drohungen, mehr verhinderte der uns umgebende Kordon von Soldaten.

Mit Rieseninteresse schaute ich mir alles an. Ja, war denn das überhaupt noch Prag? Doch, noch thronte der herrliche Hradschin über der Moldau, noch standen die alten Häuser und Palais, aber wie sahen die Straßen aus! Staub, Papiere, Pferdemist bedeckten die Fahrbahnen, in den meisten Fenstern hingen rote Fahnen mit dem Sowjetstern und Bilder von Stalin und Dr. Beneš, in den Parkanlagen weideten Pferde und lagerten junge russische Soldaten mit oft ganz jungen Mädeln im Arm. Schlachtvieh wurde blökend durch die Straßen getrieben, die Geschäfte waren zum Großteil gesperrt, die Menschen — die einst so gutgekleideten Prager — gingen wie verschrocken in Kappen und offenen Hemden durch die Straßen, viele mit kleinen Sowjetsternen geschmückt. Die Barrikaden waren notdürftig aufgeräumt, die Pflastersteine lagen locker, oft in Haufen in der Fahrbahn der Elektrischen. Autos, meist mit eleganten russischen Militärs besetzt, fuhren mit ewig heulenden Hupen durch die Stadt.

Über die Nationalstraße marschierten wir zur Polizeidirektion; da sagte der Schweinskopf in seinem harten Deutsch: „No, also jetzt geht's zur Polizeidirektion, und dann kommen wir nach Hause.”

Auf dem Hof der alten Polizeidirektion wurden wir von sehr erregten, meist alten Polizisten in Empfang genommen, mit viel Geschrei und paar Maulschellen wurden wir in Gruppen von 30 Mann aufgeteilt und in Zellen abgeführt. Auf den Türen stand: „30 Mann”. Als wir hereinkamen, waren sicher schon 20 Mann drin. Wir wurden mit Hallo empfangen und mit tausend Fragen überschüttet.

Es war eine bunte Gesellschaft, die uns hier empfing, fast lauter Čechen. Sie lümmelten auf einer Pritsche, die längs der einen Wand lief, dann waren noch drei Bänke da und ein Klosett, von einer Blechwand umgeben. In der Ecke unterhalb eines kleinen Fensters lag ein großer, auffallend dunkelgebräunter Mann mit einem bärtigen, freundlichen Gesicht. „Gospod pan Doktor” — so titulierten ihn die Zellengenossen. Er war, wie ich später erfuhr, ein slowakischer Tierarzt. Er hatte am 4. Mai 1945 seine Frau mit dem Wagen aus Poděbrad, einem Herzheilbad, abgeholt; in Prag wollte er übernachten. Hier hatte man ihn samt seiner Frau und dem Chauffeur aus dem Wagen herausgesetzt und hierher gebracht. Nun zerbrach er sich seit Tagen den Kopf, warum dies geschehen sei. Er war schon recht mißmutig, besonders deswegen, weil immer wieder neue Ankömmlinge kamen und nach 24 Stunden wieder verschwanden, während er unbeachtet weiterbrummen mußte. Neben ihm lag ein schlanker, dunkellockiger junger Bursche mit hohen, bis zu den Knien reichenden Schnürstiefeln und einer uniformartigen Bluse, ein akademischer Maler, wie ich später erfuhr, ein Partisan, wie er sich nannte. Daneben lag ein junges Bürschel, blond, bleich. mit verkommenen blauen Augen, ein notorischer Lump, und doch der unumschränkte Diktator in dieser Zelle und — wie sich bald zeigte — kein schlechter. Er hielt eine kurze Ansprache au uns Neuankömmlinge, sie war köstlich: „Liebwerte Kameraden, Deutsche, Tschechen oder was immer für ein Gesindel Ihr sein mögt! Von jetzt an habt Ihr Euch meinem Kom-


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mando zu fügen — gute Kameraden sind willkommen, Schweinehunde werden verprügelt. Ich habe in diesen Räumen schon einige Jahre meines Lebens verbracht, meine Praxis werdet Ihr bald kennenlernen. Zunächst: wer von Euch hat was zum Rauchen bei sich? Er hat alles bei mir abzuführen, es wird gemeinsam verraucht, auch Fressalien werden aufgeteilt. Wir sind hier Edelkommunisten — wehe dem, der sich ausschließt!” Der Bursche hat Wort gehalten, alles wurde ehrlich geteilt, er selbst behielt nicht mehr und nicht weniger, als jeder andere Zellengenosse bekam.

Eine Stunde später wurde von zwei Polizisten mit einem Fußtritt ein RG-Jüngling in voller Uniform — einst die deutsche Afrikauniform — in unsere Zelle hereinbefördert, ein widerlicher Geselle. Er erklärte, es müßte ein Irrtum vorliegen, er hätte nichts verbrochen; gerade, als er einen deutschen Hurensohn weidlich verprügelt hatte und abführen wollte, hätten ihn Polizisten verhaftet und hierhergebracht.

Jetzt aber leuchtete unser Führer diesem Lumpen heim: „Kusch, Du Schwein!” unterbrach er ihn kurz. „Sicher hast Du gestohlen, ich kenne das, ich habe schon mehr gestohlen als Du, aber unschuldige, wehrlose Menschen habe ich noch nie geprügelt! Was hast Du an Zigaretten bei Dir?” „Keine!” kam es trotzig aus dem Munde des Uniformierten. Mit einem Satz war der Diktator bei ihm und hielt eine volle Schachtel deutscher Zigaretten in der Hand, die er mit affenartiger Geschwindigkeit aus einer der Taschen des Neuen herausbefördert hatte. „Also so einer bist Du! Stehlen ist keine Schande, aber das, das ist eine Lumperei!” Und schon klatschte eine Ohrfeige ins Gesicht des Revolutionsgardisten. Mit funkelnden Augen stürzte sich der Bursche auf unseren Kommandanten, aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht; sechs Arme hielten ihn fest, und es regnete nur so Kopfstücke, Backpfeifen und Fußtritte. Wer weiß, wie es ihm noch ergangen wäre, wenn nicht der schwarze Tierarzt slowakisch Einhalt geboten hätte. Zähneknirschend zog sich der Verprügelte in eine Ecke zurück — nicht einen Schluck von seinen Zigaretten bekam er zugebilligt. „Erst bis Du ein Anständiger sein wirst, früher gibt's nichts!” erklärte unser Diktator.

Mich hatte die ganze Szene mit großer Genugtuung erfüllt; der Lump sollte es spüren, wie es ist, wenn man geprügelt wird und sich nicht wehren kann und darf.

Der junge Maler karrikierte mich inzwischen mit Bleistift auf einem Stück Papier. Die Karrikatur war ausgezeichnet, er hat sie mir geschenkt. „Im Kriminal” schrieb er darunter, und merkwürdig — fast alles habe ich eingebüßt, die Karrikatur habe ich noch heute und verwahre sie als kostbares Andenken.

Am nächsten Tag kam es so, wie der Doktor prophezeit hatte: wir wurden namentlich aufgerufen und verließen die Zelle — der Slowake weinte laut.

Auf dem Hof standen Lastautos bereit, junge RG trieben uns mit Stockhieben auf die Wagen, wir standen gepreßt wie die Heringe, dann fuhr das Auto los. Wir fuhren durch die Altstadt; hier sah ich an Gaslaternen merkwürdig verschrumpelte kleine Leichen hängen — später er-


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fuhr ich, warum sie so klein waren: man hatte die lebenden Menschen mit Benzin begossen und dann angezündet.

Wir fuhren durch die ganze Stadt, von Passanten bestaunt und verhöhnt. Ich kenne meine Heimatstadt, wie selten einer, und als wir in der Richtung auf den Stadtteil Pankrác zufuhren, da wußte ich, was unser Schicksal war. Dort stand die im ganzen Land berüchtigte Strafanstalt Pankrác, von der Gestapo ausschließlich für politische Gefangene verwendet. Wenn das unser Ziel war, dann gnade uns Gott!

Jetzt war kein Zweifel mehr möglich, wir überquerten den freien Platz an der Remise vorbei, und schon rollten wir durch das Gittertor zum Haupteingang des Gefängnisses. Ein großer eleganter Mann, einen ungefähr 13-jährigen Burschen an der Hand haltend, sagte zu mir: „Ich heiße Sedláček und bin Direktor einer großen Fabrik, ich bin Čeche, mein Jirka kann kein Wort Deutsch — also fürchten Sie nichts, man wird uns wohl nach der Personalienaufnahme entlassen.” Noch einmal — es war das letztemal — klammerte ich mich für Sekunden an diesen Hoffnungsstrahl. Vor dem Haupteingang wurden wir von einer Rotte von jungen RG empfangen; alle hatten Gerten, Peitschen, Gummiknüppel in der Hand. Wir rollten langsam in den ersten Vorhof, die Meute begleitete uns. Herr Sedláček drängte sich vor und rief den Burschen čechisch zu: „Burschen, hallo, wir sind Čechen!” Ein langer Lackel sprang vor und schlug mit einem Stock Herrn Sedláček quer übers Gesicht: „Da hast Du, Du Mistvieh!” Der Gezüchtigte taumelte, Blut spritzte aus seiner Nase, sein Bub schluchzte laut.

Wie ein ganz Junger sprang ich als einer der ersten vom Auto herunter. Ein Aufseher faßte mich derb an der Schulter: „Hier bleib stehen, Du. Hure!” Hinter mir formierten sich in langer Reihe die anderen Gefangenen. Ich hörte Schläge, Wimmern und Flüche, aber ich drehte mich nicht um. Ein; neues, furchtbares Bild bot sich mir dar: Längs der Hofmauer standen, mit dem Gesicht zur Wand, die Hände hoch erhoben, deutsche Frauen. Manche in Mänteln, viele in leichten Kleidchen, blonde, braune und schwarze Köpfe, einige schön frisiert, waren zu sehen. Mir wankten die Knie, fieberhaft suchten meine Augen einen aschblonden Kopf — ein Stoß von rückwärts brachte mich zur Besinnung; wir marschierten im Gänsemarsch ein paar Stufen hinauf, ein eisernes Gittertor wurde zurückgeschoben, längs einer Wand in einem langen Gang mußten wir uns aufstellen. Links war Tür an Tür, ich las die Aufschriften, es waren Aufnahmekanzleien. Bis ans Ende der Wand war ich als erster marschiert. „Halt!” ertönte ein Kommando, dann „Rechts um!” Ich stand mit dem Gesicht zur Wand. Ich kannte die Kommandos, aber nicht allen war die čechische Sprache geläufig, das hatte wüste Beschimpfungen, Verhöhnungen und Fußtritte zur Folge. „Hände hoch!” Nun standen wir da, neue Reihen folgten, neues Geschimpfe und schmerzliches Wimmern war zu hören. Ich stand still mit erhobenen Händen, keine 10 cm von der Mauer entfernt — mir schwankte der Boden unter den Füßen; ob ich das lange aushaken werde? Der rechte Arm vielleicht, der war durch jahrelanges Tennisspielen gestählt, aber der linke? Da hörte ich böse Stimmen: „Wirst Du die Hände hochhalten, Du Hure!” Dann hörte ich ein Klatschen. Ich reckte die Arme hoch, so gut ich konnte, die Kontrolle


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ließ mich ungeschoren. So standen wir; es mochte wohl schon eine halbe Stunde vergangen sein — jetzt, jetzt glaubte ich, es nicht mehr aushaken zu können, aber die Angst vor Hieben war stärker als die Müdigkeit. Dann wurde mir grau vor den Augen — ich schwankte gegen die Mauer, aber die Hände hielt ich hoch. Mir fielen die Geschichten ein, die ich von indischen Fakiren gelesen hatte, in den Händen kribbelte es so merkwürdig, aber die Müdigkeit war verschwunden. Unendlich langsam verging die Zeit, Türen wurden geöffnet und wieder zugeschlagen, Papier knisterte, ich hörte Leute reden, man hatte unsere Namenslisten in der Hand. „Das kann man ja nicht lesen, Herr Offizial, lassen Sie es abklopfen.” Frauenstimmen mischten sich herein, Schreibmaschinen klapperten; und wir standen und standen. Wie ein Zug von stummen Geschöpfen standen wir da, verlor einer das Bewußtsein — schwups, hörten wir Wasser plätschern, dann paar Schimpfworte und dann ein Stöhnen. „Siehst Du, Du Hund, wie es geht!”

Wie lange noch? Wieder hatte ich Glück, der vorderste kam zuerst an die Reihe. „Die erste Reihe, kehrt Euch! Hände herunter!” Wie leblos hingen die Arme herunter, kein Gefühl in den Fingern, als ob es nicht meine Arme seien, so kam es mir vor. Ein Aufseher führte uns in eines der Zimmer, vor einer Schreibmaschine mußte ich stehen bleiben; endlich kam ein Beamter. Name, geboren, Beruf, Nationalität — so lauteten die Fragen, dann bekam ich einen Zettel in die Hand gedrückt mit einer Ziffer, es war etwas über 3000; mit Mühe hielt ich den Zettel in den erstarrten Fingern. Wieder kam der Aufseher, wir gingen an den Kameraden vorbei, einige lagen bewußtlos am Boden. Ein neues Gittertor wurde aufgeschlossen, ein neuer langer Gang nahm uns auf; dann mußten wir alle Taschen leeren und alles vor uns hinlegen. Mit viel Mühe räumte ich alle Taschen aus, zum Schluß legte ich meinen Ehering auf den Haufen. Wie mochte es nur jetzt meiner Frau gehen, die Ärmste mit ihrem fünffach gebrochenen Fuß — ich verbot mir zu denken! Nur jetzt nicht schwach werden.

Ein alter Aufseher mit viel Sternen auf dem Kragen, schritt die Reihe ab, die Sachen wurden in Papiertüten gelegt, die Tüten mit den zugehörigen Nummern versehen. Aber sonst ließ man uns in Ruhe — ich lehnte den Kopf an die kühle Mauer, ich war sehr müde, und mir war so dumpf im Schädel; in den Händen fing es wieder an zu kribbeln, aber die Finger wurden schon elastischer. Mein Nachbar flüsterte: „Diese Bestien!” Ich sah erst jetzt, daß er ganz blutig geschlagene Knöchel hatte. So standen wir flüsternd in einer Reihe; der alte Aufseher trug an uns immer je vier Pakete vorbei, er hörte uns flüstern, aber er sagte nichts. Die Prozedur erforderte viel Zeit, das Flüstern wurde lauter, vergeblich versuchten Gewitzigte durch Psst!-Rufe die Stimmen zu dämpfen, und da war es auch schon zu spät. Ein junger Aufseher lief bis zu mir nach vorne: „Ruhe!” brüllte er, „Umdrehen zur Wand, Hände hoch!” Da hatten wir den Salat — mühsam gingen die Arme hoch. Ich stellte mich ganz knapp an die Wand und lehnte die Handflächen an die Mauer — so war's zu ertragen, hoffentlich merkt es niemand. Nach bangen 10 Minuten ertönte eine ruhige tiefe Stimme: „Die ersten hundert sind kontrolliert!” Links um, Hände herunter, vorwärts marsch! Wieder öffnete sich eine Tür, wir waren im Inneren angelangt. Vor uns lag ein riesig langer Gang, rechts und links waren Eisen-


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türen, unten mit Schubriegeln versehen, in der Mitte waren Vierecke ausgeschnitten, aber mit den zugehörigen Holzstücken verschlossen, jedoch von außen zu öffnen. Wir mußten Treppen aufwärts steigen. Wieder das gleiche Bild, rechts und links Zelle an Zelle, aber nur eine schmale — wie man in Prag sagte — Pawlatsche1 ermöglichte den Zugang. In der Mitte des Ganges waren Drahtnetze gespannt, so daß man darunter den ebenerdigen Gang sehen konnte. Noch ein Stockwerk höher mußten wir steigen, wieder dasselbe Bild; ein großes „C" war am Ende des Gangs angebracht. Einzeln mußten wir vorwärts gehen, ich als erster kam bis ans Ende des Ganges; die Zelle hatte die Nummer 295. Auf einmal rief jemand: „Zurück, die letzten sechs Zellen sind für die Tuberkulösen!” Also zurück, jetzt stand ich vor der Zelle Nr. 289 — mein Geburtsjahrgang fiel mir ein. Wieder verging eine gute halbe Stunde, meine Füße waren schwer wie Blei. Endlich hörte man Schlüssel klirren, ein junger Aufseher stieß mich zur Seite, daß ich ans Geländer taumelte, dann schloß er die Zelle auf, entfernte den Riegel, die Zelle war offen — in dem Moment fuhr ich zusammen, mit lautschallender Stimme meldete jemand: „Achtung! Herr Befehlshaber, ich melde 6 Mann — alles in Ordnung!” Dann erwischte mich der Jüngling am Kragen, ein sanfter Fußtritt und ich stolperte in die Zelle hinein — hinter mir fiel die Tür ins Schloß, der Schlüssel drehte sich kreischend, der Riegel wurde vorgeschoben, zwölf entgeisterte Augen stierten mich an. Flüsternd nannten mir die sechs Männer ihre Namen.

„Ich heiße Huschek”, sagte der erste. Er war ein Mann von imponierender Größe, 42 Jahre alt und seines Zeichens Prokurist einer großen deutschen Ein- und Verkaufsgesellschaft in Prag. In Karlsbad gebürtig und lange Jahre in Wien beschäftigt, beherrschte er zwar fließend Englisch und recht gut Französisch, dagegen waren seine Čechischkenntnisse mehr als mangelhaft. Auffallend war seine übergroße Ängstlichkeit und seine abnormale Gefräßigkeit, wie ich bald feststellen konnte. Er wirkte entschieden sympathisch, aber sprach mit mir nur im Flüsterton; diese Tonart bevorzugten übrigens alle meine neuen Zellengenossen bis auf einen.

Laube, der zweite meiner neuen Leidensgefährten, die mich begrüßten, war Direktor und Hauptaktionär einer großen čechischen Firma, die Küchenöfen aller Art produzierte; ein Großteil aller Prager Hotelküchenöfen stammte aus dieser Fabrik. Laube war trotz des rasierten Schädels ein bildschöner Mann um die 40 herum; über mittelgroß mit einer edlen Adlernase, blitzenden blauen Augen und prächtigen Zähnen. Man sah dem Mann trotz der abgefetzten Kleider eine gewisse Eleganz an; bestimmt hatte er viel Glück bei Frauen. Er sprach ein fließendes, aber geradezu entsetzliches Čechisch, denn er stammte aus Troppau, und in dieser Gegend ist das sogenannte „Wasserpolakisch” beheimatet, ein schreckliches Gemisch von Čechisch, Deutsch und Polnisch.

Der Dritte im Bunde war ein Slowake, 46 Jahre alt und mehr als schlank. Sein kleiner, schmaler Kopf und die unruhig flackernden grauen Augen, seine katzenartigen Bewegungen und die fahle gelbe Hauptfarbe wirkten vom ersten Moment an abstoßend. Der erste Eindruck ist meist


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der bleibende. So ging es mir auch mit diesem Herrn Kovacz aus Nitra in der Slowakei. Übrigens der einzige von uns allen, der vielleicht mit einem Schimmer von Recht in dieser Zelle saß. Von Beruf „Taxischauffeur”, war er später als Fahrer bei der Gestapo dienstverpflichtet. Ich habe dem Mann jedenfalls von der ersten Stunde an mißtraut und bin überzeugt, daß er gelegentlich seine Stellung ohne Gewissensbisse zur eigenen Bereicherung mißbraucht hat.

Dem vierten Zellengenossen, namens F., sah man sofort den gepflegten Beamten alten Schlages an. Die grauen Schläfen, die großen braunen Augen, die hohe schlanke Gestalt, die lässigen Bewegungen hätten den 50jährigen eigentlich sympathisch erscheinen lassen, doch hatte ich ein gewisses Gefühl, als ob der Mann in seinem Beruf wohl zu den fähigen, aber nicht zu den angenehmsten Beamten des Dritten Reiches gezählt haben dürfte. Er stammte aus dem Böhmerwald und hatte es wohl hauptsächlich durch sein aalglattes Wesen in kurzer Zeit zum Rechnungsoberdirektor des Magistrats der Hauptstadt Prag gebracht.

Wiesner, der nächste Mann, war Reichsdeutscher — Schlesien Sein Gesicht verriet alles; er war Viehhändler und Häusler, 56 Jahre alt, und trotz der kleinen Gestalt sicher einer der kräftigsten von uns; seine schwieligen Hände verrieten die viele Arbeit, die sie schon geleistet hatten. Er war mürrisch und wenig gesprächig, aber im Grunde seines Herzens ein guter Kamerad.

Der letzte Mann war wohl irrtümlich in unsere Zelle geraten. Er war gar kein politisch Inhaftierter, er hatte — wer weiß, was er verbrochen hatte, jedenfalls war er bereits einige Male gesessen: in der ersten Republik, im Reich, und jetzt wieder. Er war Čeche, verstand aber ganz gut Deutsch, nur mit dem Sprechen ging's nicht recht. Sein Äußeres war verheerend. Klein von Gestalt und gedrungen, der Kopf saß fast ohne Hals auf seinen breiten Schultern, die Augen schauten nach verschiedenen Richtungen; er ging linksseitig, wie man so sagt, „über den Onkel”, meistens sehr langsam, aber er konnte auch flink sein wie ein Eichkatzel. Er gebrauchte seine schmalzig klingende Stimme in voller Stärke und sprach das typische Prager Vorstadtčechisch. Zu mir, der ich dieses Kauderwelsch ebenso beherrschte wie er, hatte er vom ersten Moment an eine etwas herablassende Zuneigung. Etwas mußte ihm der Neid lassen: Er war kein Deutschenhasser, er war nur ein geschworener Feind aller Organe, die die bürgerliche Ordnung berufsmäßig zu überwachen hatten. Uns alle schätzte er zufolge unserer gänzlichen Unbescholtenheit recht gering, stellte uns aber gerne all seine Gaunerschläue zur Verfügung. Jedenfalls haben wir alle viel von ihm gelernt.

Ich sagte vorerst kein Wort, sondern schaute mir meine neue Behausung gründlich an. Die Zelle war recht düster, denn der schmale Fensterschlitz mit seinen Gittern ließ nur wenig Licht herein. Unterhalb des Fensterschlitzes stand ein kleiner rechteckiger Tisch und ein sehr wackliger Stuhl. An der linken Längsseite war ein hochgeklapptes Eisengestell, und unter diesem lagen drei zur Hälfte ausgeronnene Strohsäcke und drei nach Soldatenart gefaltete Decken. An der rechten Längsseite war in Manneshöhe eine


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Holzstellage angebracht, auf der, sorgfältig ausgerichtet, sechs Schalen Stauden; unterhalb hingen an Nägeln die wenigen Kleidungsstücke, die den Zelleninsassen belassen worden waren. In der einen Ecke war ein zweigliedriger Heizkörper angebracht, jetzt belegt mit sechs Hüten, in einer anderen Ecke — man staune! — eine blendend weiße Abortschüssel mit Wasserspülung. Die schwere Eichentür hatte im oberen Drittel ein viereckiges Guckloch, nur von außen zu öffnen; unten und oben waren breite Eisenbänder angebracht. Von außen wurde die Tür mit großen Schlüssein versperrt und unten durch einen herausziehbaren Riegel an einer Kette gesichert. Im ersten Moment war der Eindruck niederschmetternd, ebenso die schlechte Luft — und doch war ich glücklich! Ich kam mir wie geborgen vor, ich hatte zuviel erlebt bei meinen Märschen durch die Stadt. Hier schlug mich niemand, niemand spie mich an, niemand beschimpfte mich „deutscher Hurensohn!” — im Gegenteil, neugierig und freundlich umdrängten mich sechs Menschen, die ein gleiches Schicksal hierher verschlagen hatte, und überschütteten mich mit Fragen. Huschek war der erste, der mir die Hand reichte. „Was gibt's draußen Neues? Woher kommst Du? Was bist Du, besser gesagt, was warst Du? Wird draußen noch geschossen?” Ich mußte zuerst bißchen Atem holen, auch schmerzten mich die Arme von dem fast zweistündigen Hochhalten, und der Tritt in den Steiß machte sich jetzt erst durch einen stechenden Schmerz bemerkbar. Was sollte ich auf die vielen Fragen antworten? Geschossen wird wohl noch immer, aber nicht mehr auf Menschen, oder wenn, nur in vereinzelten Fällen. Die Menge auf den Straßen — ja, die ist noch immer die gleiche; jeder Transport von Deutschen wird beschimpft und geschlagen, und wenn sich die SNB nicht beteiligt, so duldet sie es lächelnd — wir sind ja in ihren Augen keine Menschen; und der Ausspruch „Der beste Deutsche ist der tote Deutsche” gilt genauso wie in den ersten Tagen.

Im folgenden schildert der Vf. seineweiteren Erlebnisse in der Strafanstalt Pankrác1 und auf verschiedenen Arbeitseinsätzen im Prager Stadtgebiet sowie in einem Sägewerk bei Časlau bis zur Freilassung nach Prag im Februar 1946.


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