Nr. 27: Erlebnisse eines Prager Deutschen in den Tagen des Aufstands, seine Internierung im Polizeigefängnis; Abtransport der Internierten nach Týnice bei Böhmisch Brod; Zustände und Ereignisse in diesem Lager.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erlebnisbericht des Dozenten Dr. Korkisch aus Prag.

Original, 2. März 1947, 8 Seiten, hschr.

Der Bericht beginnt mit einigen persönlichen Bemerkungen zur Frage der Vertreibung der Sudetendeutschen.

Am 8. 5. 1945 entgingen wir, meine Frau und ich, nur durch einen Zufall dem Tod. Wir hielten uns mit den anderen deutschen Bewohnern unseres Hauses im Luftschutzkeller auf, in dem wir schon oft viele Stunden verbracht und uns sicher gefühlt hatten. An diesem Tage jedoch wurde ich von einer unerklärlichen Unruhe befallen und redete allen zu, daß wir uns


141

in unsere Wohnungen begeben sollten. Ich hatte keinen Erfolg, und man schien zu glauben, meine Nerven hätten mich verlassen. Um mein lästiges Drängen loszuwerden, halfen uns schließlich die anderen, mit unserem Luftschutzgepäck unsere Wohnung zu erreichen. Eine Viertelstunde später drangen aus dem Nachbarkeller durch den Luftschutzdurchbruch Partisanen in unseren Luftschutzkeller ein und erschossen alle anwesenden Deutschen, zwei Männer, vier Frauen und ein vierjähriges Kind. Sinnlos. Aus keinem anderen Grund als dem, weil damals Deutsche straflos getötet werden konnten.

Am nächsten Vormittag wurden wir von zwei Partisanen in unserer Wohnung abgeholt. Abgesehen davon, daß sie uns beständig Revolver vorhielten, behandelten sie uns nicht grob oder auch nur unhöflich. Sie sagten, daß auf der Straße Lastautos warteten, die uns nach Österreich bringen würden. Das war wohl nicht schlimmer gemeint, als um sich Jammern und Klagen zu ersparen und ihr unangenehmes Geschäft zu erleichtern. Wir dürften, sagten sie, mitnehmen, was wir an Geld besäßen und an Kleidern und Wäsche tragen könnten. Da das bei meinem Alter von 67 und dem meiner Frau von 60 Jahren nicht viel war, fragten sie, ob wir jemanden hätten, der uns einen größeren Koffer tragen könnte. Wir antworteten, der Sohn des Hausbesorgers hätte schon öfter solche Dienste für uns besorgt. Sie holten ihn, und er war bereit, einen großen Lederkoffer mit einem Teil unserer Kleider, Wäsche und Schuhe zu den Autos zu tragen. Auf der Straße wurden wir von einer aufgeregten Volksmenge erwartet. Als sie den Kofferträger erblickten, schrien sie, ein Tscheche sei kein Lastträger für einen Deutschen. Ich wurde geohrfeigt, und der Mann mit dem Koffer kehrte in das Haus zurück. Ich habe nie wieder etwas von dem Koffer und seinem Inhalt gesehen, ebensowenig von unserer aus vier großen Zimmern bestehenden Wohnung, welche in ihrer für unsere Verhältnisse komfortablen Einrichtung einen Teil der Ersparnisse eines langen, an Arbeit und Sorgen nicht armen Lebens enthielt. Wir haben nichts mitgenommen als zwei kleine Handtaschen mit dem Allernötigsten und glücklicherweise zwei Decken. Auf dem Weg zum Polizeigefängnis, in das wir geführt wurden, begleiteten uns die Schimpfworte des spalierbildenden Volkes, und ich erhielt noch einmal Ohrfeigen, diesmal ohne ersichtlichen Grund.

Im Gefängnis wurden wir und unsere Handtaschen durchsucht. Als ich meine Brieftasche zurückerhielt, fehlten von 30 000 Kronen 10 000, in den Handtaschen die meisten Schmucksachen. Silber wurde damals noch belassen. Bei den späteren zahlreichen Kontrollen, die immer schärfer wurden, je armseliger der jeweilige Rest war, ist es gänzlich verschwunden. Sogar ein zweiter Anzug, ein drittes Hemd galten, als immer weniger bei uns zu holen war, als unerlaubter Luxus und wurden konfisziert. Die Prager deutsche Intelligenz (in Prag gab es keine deutschen Arbeiter) sollte proletarisiert werden.

In dem überfüllten Gefängnis verbrachten wir die Tage und Nächte sitzend auf schmalen Bänken. Hier begann uns zum ersten Mal eine Ahnung aufzudämmern von dem, was uns bevorstand. Zaghaft zunächst, kaum geglaubt, bald aber über alle Wahrscheinlichkeit hinausschießend infolge der Unsicherheit unseres Schicksals und infolge der vom Verstand nicht mehr


142

kontrollierten Zusammenarbeit einer Massenseele von 300 schreckgelähmten Gehirnen. Niemand von uns hatte in dem uns geläufigen Sinn etwas verbrochen. Warum also diese Qualen? Wieviele seit Jahren dieses bohrende Warum gedacht haben mögen, kam wenigen in den Sinn. In solchen Lebenslagen bringen die Menschen selten die Stärke auf, sich über ihr eigenes Los zu erheben. Ich habe das in den folgenden Wochen noch oft beobachten können, und es gehört zu dem Schmerzlichsten, das ich erlebt habe.

Hier hat es sich zum ersten Mal in meinem Leben ereignet, daß ich der Wirklichkeit nicht glauben wollte. Als ich in der ersten Nacht schlaftrunken um mich blickte, hielt ich alles für einen wüsten Traum. Da es meinen Anstrengungen nicht gelingen wollte, mich daraus zu befreien, faßte mich ein Grauen, nicht über unsere Lage, sondern weil ich meinte, ich hätte den Verstand verloren.

Die Verzweiflung forderte ihr erstes Opfer. Bald nach unserer Einlieferung stürzte sich ein Oberregierungsrat, zur Reinigungsarbeit im Haus kommandiert und scharf angehalten, aus einem Fenster des vierten Stockes. Kurz vorher hatten wir noch zusammen mit ihm ein Verzeichnis der Gefangenen angefertigt. Wenige Stunden hernach wurde im Klosett eine Frau bewußtlos aufgefunden, welche sich die Pulsadern geöffnet hatte. Sie kam mit dem Leben davon, wie übrigens alle, die es in den nächsten Tagen und Wochen auf diese Weise versuchten. Das Klosett aber wurde gesperrt, und wir mußten Kübel benützen, die in einem durch eine Glastür übersehbaren Kaum aufgestellt waren und von uns täglich gereinigt werden mußten.

Wir wurden aufgefordert, uns freiwillig zu Aufräumungsarbeiten in den Straßen, namentlich zur Wegräumung der Barrikaden, zu melden. Niemand unter 60 Jahren durfte sich davon ausschließen. Die Zurückkehrenden befanden sich in einem Zustande höchster Erregung und Erschöpfung, viele mit großen Hakenkreuzen auf dem Rücken, die Frauen mit geschorenen Köpfen. Straßenvolk hatte sie so zugerichtet. Sie erzählten, daß sie von den Zuschauern gezwungen worden seien, die Schuhe auszuziehen und die Arbeit mit bloßen Füßen zu verrichten, daß sie beschimpft und geprügelt worden seien, vereinzelt auch, daß sie, wo sich in den Trümmern Gelegenheit bot, mit bloßen Füßen hätten über Glasscherben gehen müssen. Soweit die Wachorgane es hätten verhindern wollen, wäre es ihnen nicht gelungen. Das alles wurde von vielen übereinstimmend erzählt und bestätigt. Wir fürchteten jeden Augenblick, daß eindringendes Volk ein Blutbad unter uns anrichten würde. Mehrmals am Tag mußten wir zu Appellen antreten, für die wir keinen anderen Zweck sehen konnten, als uns durch drohende Ansprachen einzuschüchtern. Das ist auch gelungen. Wir wurden von solcher Angst geschüttelt, daß wir nicht mehr klar zu denken vermochten. Wir haben diesen Zustand wahrscheinlich nur dadurch ertragen, daß wir uns anderseits auch wieder ebenso übertriebenen Hoffnungen hingaben. So waren wir übereinstimmend der Meinung, daß der einzige Zweck der über uns verhängten Haft unsere Sicherung gegen die in den Straßen tobende Revolution war und daß man uns nach einigen Tagen freilassen würde.

Das Essen schien uns zwar weder gut noch reichlich zu sein, aber später knüpften sich daran im Vergleich mit dem, was wir zu essen bekamen,


143

gerade Erinnerungen von Üppigkeit, wahrscheinlich wohl auch deshalb, weil viele von uns noch von mitgebrachten Speisen zehren konnten.

Nach einigen Tagen schien sich draußen der Sturm zu legen, und auch wir wurden ruhiger. Am sechsten Tage mittags mußten wir mit unserem Gepäck auf der Straße vor dem Gefängnis antreten. Niemand sagte uns, zu welchem Zweck. Wir marschierten zu einem Bahnhof. Dort wurden wir in Güterwagen verladen und die Türen wurden geschlossen, nachdem uns russische Soldaten die Uhren abgenommen hatten. Am Abend setzte sich der Zug in Bewegung. Er fuhr langsam, hielt oft, fuhr zeitweilig auch ein Stück zurück. Das ging die ganze Nacht. Niemand wußte, wohin wir gebracht werden sollten und wo wir waren. Manchmal standen wir auf erleuchteten Bahnhöfen. Um Mitternacht meinten einige, das berüchtigte KZ von Theresienstadt zu erkennen. Als wir nach einer Stunde zurückfuhren, glaubten viele, man hätte uns nur Schrecken einjagen wollen und würde uns nun nach Prag und in die Freiheit zurückführen. Als wir in flotter Fahrt wieder durch einen Bahnhof fuhren, behaupteten viele, daß wir uns auf der Strecke nach Osten befänden, und wir waren überzeugt, daß wir nach Sibirien gebracht würden. Gegen drei Uhr morgens hielten wir wieder, und wir hörten, daß die Lokomotive abgekuppelt wurde und davonfuhr. Es war unheimlich still und finster. Wir meinten jetzt, daß wir vergast würden, und es gab nur wenige unter uns, die nicht den Gasgeruch erwarteten. Die vergitterten Wagenöffnungen störten uns nicht in unserer Angst. Gegen Morgen kam wieder eine Lokomotive und zog uns eine halbe Stunde weiter. Um sechs Uhr wurden die Türen geöffnet und wir auf freiem Feld ausgeladen. Wir befanden uns etwa 30 km von Prag. Warum wir, um dieses Ziel zu erreichen, eine ganze Nacht hin und her geführt worden waren, haben wir niemals erfahren. Diese unheimliche Nachtfahrt wird keiner von uns vergessen.

Wir kampierten auf einer Wiese, etwa 2500 Menschen, zu zwei Dritteln Frauen und Kinder. Wer noch etwas zu essen hatte, aß. Gegen neun Uhr wurden wir in Marsch gesetzt. Sechs Kilometer trugen wir unser Gepäck. Wer damit zu reichlich ausgestattet oder zu schwach war, warf einen Koffer nach dem ändern weg. Als wir in Týnice bei Český Brod ankamen, waren die Unterschiede des Besitzes so ziemlich ausgeglichen. Niemand besaß mehr als das Notwendigste. Sehr viele auch das nicht. Sie waren an ihren Arbeitsplätzen oder auf der Straße oder in der Wohnung von Bekannten, die sie besucht hatten, verhaftet worden und besaßen nichts, als was sie auf dem Leib trugen. Verhängnisvoll für viele, daß sie keine Mäntel und Decken hatten. Die Schuhe, besonders die der Frauen, waren meist dünn und nach kurzer Zeit zerrissen. Einen Ersatz hat es niemals gegeben, auch nicht für die, welche auf den Feldern und Höfen schwer arbeiten mußten. Eine Ausnahme bildete eine Gruppe von 28 alten Frauen, die aus einem badischen Altersheim mit der zurückgehenden Front nach und nach bis Prag gekommen und dort verhaftet worden waren. Sie wurden samt ihrem Gepäck mit Wagen nach Týnice gebracht, von wo drei Monate später neun mit dem ersten Deutschlandtransport in die Heimat reisten; die übrigen starben bis dahin.


144

Týnice war unser Lager. Es wurde zuerst als Konzentrationslager, später als Arbeitslager, später als Internierungslager, später als Lager bezeichnet1. In Wirklichkeit war es ein Vernichtungslager vom Anfang bis zum Ende, wenigstens solange wir dort waren. Es war ein großer alter viergeschossiger Getreidespeicher, der zu einem Gutshof gehörte, ohne Beleuchtung und Beheizung, ohne Klosetts, ohne Waschgelegenheit, ohne Küche. Das sollten wir erst anlegen. Wir bauten eine Küchenbaracke, zwei Baracken für die ärztliche Betreuung und je eine Latrine für Männer und Frauen. Die letzteren waren 300 Meter von dem Lager entfernt. Gewaschen haben wir uns, unsere Wäsche und unser Kochgeschirr anfangs in einem kleinen Teich, dessen Wasser durch den Schmutz der Dysenteriekranken bald in unerträglicher Weise verunreinigt war. Wasser für die Küche wurde aus dem Gutshof, den nur die dort Beschäftigten betreten durften, in einem Zisterneuwagen zugeführt. Es wurde auch getrunken, obwohl davor gewarnt wurde. Später gruben wir einen etwa fünf Meter tiefen Brunnen, dessen Wasser zum Kochen, Waschen und Trinken verwendet wurde. Auch dieses wurde als nicht einwandfrei bezeichnet. Ob die vereinzelten Typhusfälle von dem Wasser herrührten, ist nicht aufgeklärt worden.

Das einzige, was außer dem Bauholz und dem Material für Stacheldraht zu unserer Einrichtung beigestellt wurde, war Stroh, welches in dem Erdgeschoß und zweiten und dritten Stock auf dem Fußboden ausgebreitet wurde. Der erste Stock blieb Schüttboden für das Gut. Auf dem Stroh lagen wir wie Tiere, Tag und Nacht in unseren Kleidern, zugedeckt mit unseren Mänteln und Decken, wer solche besaß. Als ich nach sechs Monaten wieder auf einem Stuhl bei einem Tisch saß, kam ich mir sonderbar vor. Die Fensteröffnungen wurden nachts durch Bretter verlegt.

Bewacht wurden wir anfangs von einer kleinen Abteilung Soldaten unter dem Kommando des Gutsherrn, der Reserveleutnant war; später von einer Polizeiwache, die wir die Schwarzen nannten, weil sie die schwarzen Uniformen der deutschen Panzertruppen trugen, unter dem Kommando von Gendarmeriewachtmeistern. Sie trugen und gebrauchten die russische Knute. Der Gutsherr, der sich von uns seinen Hof herrichten und die Felder bearbeiten ließ, behandelte uns streng, hart, verächtlich. Seine Frau stand hierin nicht nach. Von ihr wurde das Wort verbreitet, die Deutschen verdienten nicht, von der Sonne beschienen zu werden. Die Wachmannschaft, meist roh, zeigte selten menschliche Regungen. Es war immer dasselbe: leidenschaftlicher Haß, dem kein Mittel der Befriedigung zu schlecht war. Eine Ausnahme waren die Gendarmeriewachtmeister, welche wenigstens die ärgsten Ausschreitungen zu verhindern suchten, vereinzelt sogar bestraften. Als Vorbild, an das man sich hielt, wurden uns die Nazi-KZ vorgehalten, aus denen Abbildungen an der Eingangstür hingen. Man hätte solche Bilder auch in unserem Lager herstellen können.

Die Führung und Verwaltung des Lagers lag in den Händen von Aufsehern aus unserer Mitte. Sie waren die schlimmsten. Von einer Wahl war keine Rede. Wer sie ernannt hat, wußte man nicht. Vermutlich der Lager-


145

kommandant, dem sie sich aufdrängten und gefällig waren. Das Führerprinzip war offenbar das Muster. Die ersten machten sich zu Führern und behaupteten sich, später ergänzte sich die Führerclique durch Kooptierung und Inzucht. Diese Potentaten, wie wir sie nannten, waren die einzigen, die gut genährt waren und von den fürchterlichen Krankheiten der Unterernährung verschont blieben. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben war, die vom Gutsherrn und von den Bauern der Umgebung, die an jedem Morgen zum Lager kamen wie auf einen Sklavenmarkt, von uns angeforderten Arbeitskräfte beizustellen. Es wurde behauptet und allgemein geglaubt, daß sie diese Arbeitskräfte gegen Geld und Lebensmittel verkauften. Anfangs wurde der Schein der Freiwilligkeit gewahrt. Später, als nur mehr Alte und Krüppel übrig waren, wurde assentiert.

Die dem Lager entnommenen Arbeitskräfte wohnten meist an ihren Arbeitsplätzen. Einige gingen täglich vom Lager zur Arbeit, auch mehrere Stunden weit. Niemand erhielt Bezahlung. Die Behandlung war meist schlecht. Selten wurde von guter, nur vereinzelt von menschlicher Behandlung berichtet. Unter guter Behandlung wurde immer das Essen und die Vermeidung von Beschimpfungen verstanden, niemals die Antreibung zur Arbeit. Denn daß fleißig gearbeitet werden mußte, erschien diesen Menschen, die körperliche Arbeit nicht gewohnt waren, selbstverständlich. Ebenso, daß sie sich mit Schlafstellen in Ställen, auch Schweinekoben, begnügen mußten. Empörend waren die gemeinen Beschimpfungen, welche nicht Unzufriedenheit mit einzelnen, sondern den allgemeinen Haß über den Anblick von Deutschen ausdrückten. Ich habe dort tschechische Vokabeln gelernt, die mir bis dahin unbekannt gewesen waren. In dieser letzteren Hinsicht wurde es mit der Zeit besser, und es soll sogar vorgekommen sein, daß Bauern, wenn sie die Arbeitskräfte zurückbrachten, eine Bestätigung über gute Behandlung verlangten; für alle Fälle, wie sie sagten. Als im Herbst die Arbeiten auf den Kartoffel- und Rübenäckern in Nässe und Kälte an die Reihe kamen, waren die Kleider der meisten zerrissen und die Schuhe kaum mehr zu erkennen. Das Alter, bis zu dem Arbeitszwang bestand, wurde mit der Zeit hinaufgesetzt, bis es schließlich keine Altersgrenze mehr gab. Das war auch in der Tat gleichgültig, denn die Jungen waren schließlich durch Arbeit und Hunger so heruntergekommen, daß ihre Arbeitsfähigkeit nicht größer war als die der Alten. Trotzdem mußten aus uns immer wieder Arbeitskräfte herausgepreßt werden, um die Bauern zufriedenzustellen, die dem Gutsherrn vorwarfen, daß er nur auf sich sehe.

Nicht wenige haben die Überanstrengung mit dem Leben bezahlt. Ein Beispiel für viele. Durch die Abgabe von Arbeitskräften war der Stand des Lagers nach wenigen Wochen bereits unter 1000 Personen gefallen, fast nur Alte und Frauen mit rund 400 Kindern. Eines Tages kam ein Mann mit einem Wagen und sagte, da er in einer Entfernung von etwa 30 km eine Plantage von Beerenobst hätte und Arbeiter zur Abnahme der Beeren brauchte, was eine ganz leichte Arbeit sei. Wir hatten zwar mit den leichten Arbeiten schon unsere Erfahrungen, aber diesmal erschien die Sache plausibel. Hingeworfene Worte, man würde gelegentliches Naschen nicht genau nehmen, lockten. Unter denen, die sich meldeten, war ein altes Ehepaar, der Mann 73, die Frau 65 Jahre alt, beide noch recht rüstig. Nach einer Woche


146

kam der Mann allein in völlig erschöpftem Zustand zurück. Von Beerensträuchern sei nichts zu sehen gewesen, sie seien zu schweren Gartenarbeiten eingesetzt worden, nach drei Tagen sei er zusammengebrochen, hätte aber den weiten Weg nicht zu Fuß zurücklegen können und warten müssen, bis mehr zusammenkämen und die Beistellung eines Wagens lohnte. Seine Frau müßte noch bleiben. Er hat sich nicht mehr erholt und ist bald gestorben.

Den ärztlichen Dienst besorgten Ärzte aus unserer Mitte. Es fehlte ihnen an allem. Arzneien konnten sie sich nur selten beschaffen und bedurften dazu der Unterschrift eines auswärtigen tschechischen Arztes. Selbst die für uns unentbehrliche Tierkohle war oft nicht da. Andere Ärzte kamen hin und wieder zur Untersuchung der sanitären Verhältnisse ins Lager, stellten fest, daß dieses ungeeignet war, und entfernten sich nach kurzer Zeit. Wenige Wochen nach unserem Einzug wurden wir von heftigen Durchfällen heimgesucht, die nicht mehr aufhörten. Alle Männer und die meisten Frauen haben darunter fast ununterbrochen gelitten. Dazu kamen periodische Blasenkatarrhe. Die Schließmuskeln des Afters und der Blase schienen wie gelähmt, so daß kaum einer von wiederholten Beschmutzungen verschont blieb. Die Frauen haben sich widerstandsfähiger erwiesen. Ein unaufhörliches Wandern zwischen dem Lager und den Latrinen war die Folge. Der weite Weg erschien, besonders wenn Regen den Erdboden grundlos machte, unendlich. In der Nacht war das Passieren der steilen, schadhaften und nur sehr selten beleuchteten Stiegen lebensgefährlich. Es gab dort viele böse Stürze, auch mit tödlichem Ausgang. Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, setzte bald eine Läuseplage ein, die niemanden verschonte und immer ärger wurde. Entlausungseinrichtungen gab es nicht. Das sich um die Latrinen drängende Volk und die sich an den hierfür vorgesehenen Stellen des Lagergeländes entlausenden Männer und Frauen (sofern sie nicht auf Arbeit waren und also Zeit dazu hatten) gehörten zu den traurigsten Bildern des Lagers.

Das tägliche Essen bestand aus einem Achtelkilogramm, später Viertelkilogramm Brot, morgens und abends schwarzem Kaffee, mittags 3 bis 5 mittleren Kartoffeln in der Schale oder als Brei oder als Suppe, selten mit wenig Fett, fast immer ohne Salz. Der Kaffee war oft gezuckert. In den ersten Wochen gab es hin und wieder mittags Erbsen oder Bohnen. Vom Herbst an bekamen wir abends öfter eine mit Margarine bestrichene Scheibe Brot. Ödeme waren die Folge. Auch häufige Geschwüre an den Beinen, tiefe Eiterungen nach leichten Verletzungen, besonders bei den jungen Frauen, wurden auf die mangelhafte Ernährung zurückgeführt. Die wenigsten besaßen Töpfe oder Scherben von solchen als Eßgeschirr. Die meisten aßen und wuschen sich aus Konservenbüchsen.

In den 5 1/2 Monaten, die ich in dem Lager verbrachte, starben 130 Personen, davon in den letzten drei Wochen 30. Da wir vom Spätsommer an einen Stand von 300 bis 400 hatten, kann die durchschnittliche Besetzung nicht über 600 bis 700 angenommen werden. Somit betrug die Sterblichkeit, auf das Jahr umgerechnet, 40 bis 50 Prozent. Todesursache war, abgesehen von den Todesfällen infolge von Phlegmonen, zumeist die „Lagerkrankheit”, Kräfteverfall mit Verlausung und Verwahrlosung. Alle sind schmerzlos und gern gestorben. Das ebenerdige Geschoß hieß die Tenne. Dorthin wurden


147

die Todeskandidaten gebracht. Wenn einer aus den oberen Stockwerken herunter geschafft wurde, wußte jeder, was das bedeutete. Es hat keinen geschreckt. Die Erleichterung für die häufigen nächtlichen Wege zur Latrine war angenehmer, als die Angst vor dem Tode schreckte. Ein Versehen mit Sterbesakramenten gab es nicht. Die Toten wurden neben dem nächsten Friedhof, außerhalb der Friedhofsmauer, verscharrt. Dorthin wurden sie in einem Sarg, der wieder zurückgebracht werden mußte, geführt. An Tagen, an denen mehrere starben, wurden alle in die eine Kiste gelegt. Der Wagen und die Zugtiere waren von der Beschaffenheit, wie sie an dem Tage eben gerade auf dem Gutshof am ehesten entbehrlich war. Einmal war das — ich werde den Anblick nie vergessen — eine alte schwarze sog. Landauer Kutsche, gezogen von zwei Ochsen, es sah wie Hohn aus. Niemand durfte den Totenkarren begleiten, außer dem aus unserer Mitte stammenden Totengräber. Dieses Amt wechselte oft seinen Inhaber, nicht etwa weil es niemand gern verrichtete, sondern umgekehrt, weil es begehrt war. Denn die Totengräber hatten nicht nur Gelegenheit, aus dem Dorf heimlich Lebensmittel und anderes ins Lager zu schmuggeln, wozu sie den leeren Sarg, der bei der Rückkehr nicht kontrolliert wurde, benützten, sondern sie haben meist auch die Kleider der Leichen verwertet.

Schwerkranke wurden in das Krankenhaus von Český Brod geführt, jedoch nicht alle Infektionskranken. Diphtherie- und Scharlachkranke wurden meist in unserer Infektionsbaracke untergebracht und saßen auf der gemeinsamen Latrine neben den anderen. Entbindungen wurden anfangs im Lager abgemacht. Später wurde im Krankenhaus entbunden, aus dem die Säuglinge, in Papier eingewickelt, zurückgebracht wurden.

Geld, bis 1000 Kronen je Kopf, Sparbücher, Wertpapiere, Schmucksachen mußten wir abliefern. Manche taten es nicht und konnten das Zurückgehaltene retten. Da die meisten große Beträge und ihre Sparbücher bei sich hatten, kamen sehr große Summen zusammen. Eine gesetzliche Begründung bestand damals noch nicht. Als Grund wurde angegeben, daß wir gehindert werden sollten, heimlich Lebensmittel zu hohen Preisen zu kaufen. Von den abgelieferten Sachen haben wir nichts mehr gesehen. Im Oktober 1945 wurde mit Dekret des Staatspräsidenten das gesamte Vermögen der Deutschen konfisziert, also Vorleistung auf Reparationskonto1.

Ein besonders trauriges Kapitel war ein erschreckend um sich greifender moralischer Verfall. Menschen, denen durch ein langes Leben gute Manieren angeboren zu sein schienen, streiften sie rasch und gründlich ab wie einen dünneu Firnis. Heftige und grobe Worte kamen leicht von den Lippen. Die Lagerdiebstähle wuchsen sich zu einer Katastrophe aus. Alles wurde gestohlen, weil alles Wert hatte. Entliehenes wurde oft nicht zurückgegeben. „Ach, ich habe es verloren”, kam es gleichgültig von den Lippen einer Frau, die ein paar Stunden zuvor flehentlich gebeten hatte, ihr eine Konservenbüchse zu borgen, damit sie sich ihr Essen holen könnte, und die wußte, daß nun der, welcher ihr das Gefäß geliehen hatte, auf sein Essen verzichten mußte. Es ist soweit gekommen, daß wir es richtig fanden, wenn jemand eine noch


148

so dringende Bitte, etwas zu leihen, hart und schroff abschlug. Einst fand ich ein Taschenmesser. Wir hatten unsere Messer abgeben müssen. Ich gab meinen Fund einem unserer Potentaten, der ihn ausrufen wollte. Ich habe davon nichts gehört. Einige Zeit später wurde es einer bekannten Dame zum Kauf um 1000 Kronen angeboten. Messer waren sehr begehrt, nicht nur zur Benützung beim Essen, sondern weil Frauen, die sich bei der Küche zum Kartoffelschälen melden wollten, um einen zusätzlichen Löffel Kartoffeln zu bekommen, ein Messer mitbringen mußten.

Ich will diese Erinnerungen, die mich noch immer mit Grauen erfüllen, nicht weiter ausdehnen. Nicht alles habe ich mit eigenen Augen gesehen. Nur solches habe ich angeführt, was mir so oft, so übereinstimmend und von so glaubwürdigen Zeugen erzählt wurde, daß ich es ebenso glaube wie viele historische und zeitgeschichtliche Ereignisse, bei denen ich gleichfalls nicht dabei war. Vieles wurde mir von Augenzeugen so bestimmt und mehrfach berichtet, daß ich es glauben müßte, wenn es nicht so scheußlich wäre; ich erwähne es nicht. Daß beständig die abenteuerlichsten Gerüchte herumgingen, ist unter Menschen, die hinter einem eisernen Vorhang leben und für die alles eine Existenzfrage ist, nicht verwunderlich. Ich hätte noch vieles zu sagen. Noch mehr und gerade das Schlimmste könnte wohl nur durch eine amtliche Untersuchung zutage gefördert werden. An illustrativen Einzelheiten will ich nur noch zwei anführen.

In einer Nacht wurde ein über 60 Jahre alter Herr, Fabrikangestellter in einem kleinen tschechischen Ort in Mähren, der mit seiner Frau im Lager war, zum Verhör geholt. Es fand in dem Wohn- und Dienstwagen der Wache statt. Der Weg dorthin war etwa 100 Schritte lang. Es wurde ihm zum Vorwurf gemacht, daß er Verkehr mit Gestapoleuten gepflogen hätte. Er bestritt es entschieden und standhaft. Auf dem Weg zum Verhör wurde er geschlagen, um ihn zu einem Geständnis zu bringen. Das wiederholte sich durch mehrere Nächte. Schließlich hörte es auf. Es hieß, daß eine Namensverwechslung vorgelegen hätte. Einige Tage hernach starb der Herr an den Folgen der Schläge.

Es war uns verboten, untereinander deutsch zu sprechen, sofern wir Tschechisch konnten. In einer Nacht sprach ich vor dem Lager mit einem Bekannten deutsch. Ein Wachposten hörte es. Er schlug mich mit der Knute auf den Rücken und über die vorgestreckten Handflächen und bemerkte, daß das die Nazi in den KZ auch so gemacht hätten.

Auch mich befiel schließlich die Lagerkrankheit. Teilnahmslos lag ich auf dem Stroh, und meine Frau hatte Mühe, mich zum Essen zu bewegen. Alles war mir gleichgültig. Es war mir wohl, und ich wünschte nichts als Ruhe. Ich wollte, ich hätte einst einen so schönen Tod. Da kam Hilfe in zwölfter Stunde. Ein Gendarmeriewachtmeister nahm ein Ansuchen von Verwandten, die in Krönau1, einem deutschen nordmährischen Ort, lebten, uns dorthin zwecks gemeinsamer Aussiedlung zu entlassen, zum Anlaß, um uns fortzuschaffen. Solche Ansuchen waren schon öfter eingebracht worden und unbeantwortet geblieben. Der Gendarmeriewachtmeister brachte uns selbst am 20. 10. 1945 zu unseren Verwandten und äußerte zu diesen, daß ich im


149

Lager eine Woche kaum mehr überlebt hätte. Mein Gewicht war 60 kg gegen 95 im Juli 1939 und 80 im Mai 1945.

Bei meinen Verwandten erholte ich mich nach mehrwöchiger Bettlägerigkeit allmählich. Mein Verdauungsapparat war nach einem halben Jahr noch nicht ganz in Ordnung.

Krönau war früher rein deutsch und hatte 800 Einwohner. Als wir hinkamen, waren alle großen und die meisten mittleren Höfe von Tschechen besetzt. Obwohl die Aussiedlung der Deutschen dort noch nicht begonnen hatte, fehlte bereits ein Teil der deutschen Bevölkerung. Er befand sich in Internierungslagern oder war auf Arbeit verschickt. Die übrigen lebten eng zusamengedrängt in den ärmlicheren Wohnungen. Die besseren Wohnungen und Häuser waren von den zugewanderten Tschechen besetzt und die Deutschen unter Zurücklassung der ganzen Einrichtung daraus vertrieben.

Den Bericht beschließt eine kurze Beschreibung der Ausweisung in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands Anfang August 1946.