Nr. 32: Die Internierung der deutschen Bevölkerung der Iglauer Sprachinsel Ende Mai 1945; Vorgänge und Verhältnisse in den Lagern Gossau, Brünnerberg und Obergoß bis April 1946.

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Erlebnisbericht der Kindergärtnerin Margarete Zimmermann geb. Hawelka aus Friedrichsdorf bei I g l a u.

Original, Januar 1956, 10 Seiten, mschr. Teilabdruck.

Im ersten Teil des Berichts schildert die Vfn. ihre Erlebnisse in den Wochen vor und nach dem Einmarsch der Roten Armee1.

Am 28. Mai war ich wegen großer Schmerzen in meiner Hand nicht zur Arbeit gegangen, zu meinem Glück, denn so blieb ich wenigstens mit meiner Mutter beisammen. Gegen 10 Uhr vormittags kamen Soldaten mit dem Befehl, innerhalb 20 Minuten mit Handgepäck das Haus in Richtung Iglau zu verlassen. Wir hatten ja nicht mehr viel zu tragen, aber das Ehepaar Herd, beide über 70 Jahre alt und kränklich, war fassungslos. Aber es half ihnen kein Bitten, und sie mußten — ihre zusammengerafften Sachen auf einem alten Kinderwagen geladen — ihr sauberes Häuschen verlassen. Aus allen Richtungen kamen die Deutschen mit Wägelchen und Bündeln und mußten durch ein Spalier von spuckendem und höhnendem tschechischen Mob. Es gab auch Schläge und Fußtritte. Einer deutschen Lehrerin wurden die Zähne eingeschlagen.

Unser erstes Ziel war der Sportplatz beim Kreisgericht. Am Tor wurden wir von einem Mann und einer Frau in russischer Uniform abgetastet. Russische Posten mit MP forderten auf, allen Schmuck, Edelmetalle, Photoapparate usw. bei Todesstrafe abzugeben. Gepäck wurde durchwühlt. Dort wurde mir das letzte Köfferchen mit einigen besseren Sachen abgenommen. Den letzten Ring trat ich in den Sand, als ich keinen Ausweg mehr sah. Einige tausend Menschen standen in glühender Hitze dicht beisammen. Erst nach Stunden ging das Tor auf, und wir wurden durch ein Spalier von Tschechen auf die Altenberger Straße gedrängt und wahllos nach Süden oder Norden gewiesen, egal, ob Familienglieder getrennt wurden. Unser Zug bewegte sich durch die Speratusgasse, das Frauentor, quer über den Marktplatz zur Brünnergasse. Ein unvergeßlicher Anblick, meist alte Leute, Gebrechliche, Frauen mit Kindern, mit sichtlich schnell zusammengeraffter Habseligkeit, auf allen möglichen Kleinfahrzeugen, in der Hand oder auf dem Rücken, mühten sich den Brünnerberg hinauf in das Gelände des großen Gossauer RAD-Lagers. Aber wie sah es da aus! Stunden brauchten wir zum Aus- und Aufräumen, bevor wir, ca. 20 Personen, in einer Stube Platz fanden. Türen und Fenster fehlten überhaupt. Durch Schlagen auf eine große Sägescheibe wurden wir zum Appell gerufen und hörten nun vom „Velitel”, einem sich laut und wichtigtuenden tschechischen Leutnant, wo wir waren. Es hieß ungefähr: Sie sind in einem KZ, nichts gehört Ihnen mehr, alles ist Eigentum des tschechischen Volkes. Besitz von Wert-


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Sachen wird streng bestraft. Wer nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb der Baracke angetroffen wird, wird erschossen. Wer Selbstmord begeht, dessen Sippe wird ausgerottet. Lebensmittel stehen den Deutschen nicht zu. Alles Mitgebrachte muß für die gemeinsame Küche abgegeben werden.

Für die Nacht wurden Türen und Fenster verrammelt, aber mit Brecheisen verschafften sich die Russen Einlaß, holten sich ihr Freiwild teils mit Gewalt heraus, teils begingen sie auch ihre Schandtaten vor allen Anwesenden. Männer, die sich schützend der Frauen annahmen, wurden brutal geschlagen. Um 4.15 Uhr war Wecken, eine Stunde später Appell mit Arbeitseinteilung. Verschiedene Gruppen mußten außerhalb des Lagers arbeiten, bei Bauern oder in der Stadt. Der Rest wurde im Lager unter Bewachung beschäftigt mit Aufräumen und Gartenarbeit. Jedes Fleckchen Brachland wurde sofort mit Gemüse bebaut. Aus den gesammelten Vorräten gab es nur eine dünne Suppe einmal täglich, morgens und abends Kaffeewasser. Nacht für Nacht kamen dieselben Verbrecher, begleitet von Schießereien, und ich habe es wohl nur der Hilfe meiner Mutter und einem guten Versteck zu verdanken, daß ich nicht auch ihr Opfer wurde. Die Krankheiten häuften sich, vor allem Ernährungsstörungen stellten sich ein. Eine Isolierbaracke mußte eingerichtet werden. Es fehlte an ausgebildetem Pflegepersonal, an Wäsche, Desinfektionsmitteln und Medikamenten. Nur einige primitive Bettstellen mit alten Strohsäcken waren da. In der Hoffnung, dort selbst nachts sicherer zu sein, meldete ich mich zum Nachtdienst und wurde so Krankenschwester. Gleich in der ersten Stunde starb eine unbebekannte Diakonissin aus Schlesien, die wahrscheinlich von einem Treck hatte zurückbleiben müssen. Ihren Namen konnte sie uns nicht mehr sagen. Vermutlich war sie an Typhus gestorben, aber wir waren gewarnt worden, davon zu sprechen, weil man sonst Liquidierung des Lagers befürchtete. Sooft ich zur Lagerleitung mußte, die den Herren Eman. Müller und Richly übertragen war, sah ich herüber zur Wachbaracke an der Straße. Ganze Kolonnen unserer deutschen Gefangenen kamen vorbei, meist barfuß, mehr taumelnd als gehend. Immer wieder wurden sie von unserer Wache aufgehalten und mit allen Schikanen durchsucht. Wir Internierten durften uns nicht nähern.

Am 7. Juni nachmittags ging Dr. Klima als erster deutscher Arzt von Stube zu Stube und riet allen Gehbehinderten und Kranken, sich sofort mit ihren Sachen von dazu bestimmten Leuten herunter in die ehemalige Irrenanstalt am Brünnerberg transportieren zu lassen. Zu mir sagte er: „Machen Sie schnell, das Lager soll bald verlegt werden.” Wir hatten ca. 20 bis 30 Leute heruntergebracht, als ich gegen 19 Uhr meine Mutter, die bis dahin beim Bauer gearbeitet hatte, zum Mithelfen herunterführen wollte. Schwere Gewitterwolken hingen in der Luft. Als wir zum Tor kamen, ließ uns die Wache nicht mehr heraus. Gleichzeitig wurde Alarm geschlagen. Aus der Baracke der Lagerleitung kamen Dr. Meisel1 und Dr. Klima und gaben mir übersetzend den schlimmen Auftrag, dem deutschen Lagerleiter auf dem Appellplatz zu überbringen, daß alle Lagerinsassen mit ihrem Gepäck sich sofort beim Ausgang anstellen sollten. Es herrschte große Bestürzung und


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alles lief durcheinander. Oberhalb des Lagers bliesen Hörner, irdendwo peitschten Schüsse, es wetterleuchtete, bald fing ein Sturm an, der Himmel verdunkelte sich, Blitz und Donner krachten, und aus dicken Tropfen wurde ein Wolkenbruch. War der Jüngste Tag angebrochen? Vor mir fiel eine Frau hin vor Angst und bettelte: „Helfen Sie mir, meine Mutter kann doch nicht gehen, und ich bin auch krank.” Ich lief zu Dr. Klima, und der wiederum erreichte nach eindringlichen Vorstellungen beim Velitel und Dr. Meisel, daß die Kranken in den Baracken verbleiben sollten, um später abgeholt zu werden. Ich jagte mit diesem Bescheid von Baracke zu Baracke. Es blieben nur wenige, denn sie fürchteten das unbekannte Schicksal. Es war schon dunkel, als die letzten des Elendszuges im Regen das Tor passierten, um im Obergoßer Lager nach Stunden völlig durchnäßt anzukommen. Eine teuflische Methode, möglichst viele Menschen krank zu machen und sterben zu lassen.

Für uns gab es an diesem Abend noch viel zu tun, bis wir den Rest der Kranken auf den Brünnerberg gebracht und so recht und schlecht versorgt hatten. Wir, meine Mutter und ich, verblieben u. a. bei den Kranken auf dem Brünnerberg. Dr. Klima entwickelte ein Organisationstalent und eine Verhandlungsgeschicklichkeit mit den Tschechen, die größte Anerkennung verdient. Er hat sich auch tüchtige Mitarbeiter herangezogen und war stets auf das Wohl aller bedacht. Er hat für viele das Dach über dem Kopfe besorgt, das ihnen vielleicht das Leben rettete, und die Schwerkranken davor bewahrt, im Straßengraben zu sterben. Sofort wurden der tschechischen Wache am Tor zwei Schwestern zugeteilt, die die nun laufend ankommenden Kranken und Alten gleich versorgen konnten. So empfingen wir auch die Elendsfuhren aus dem Helenenthaler Lager nach dessen Auflösung1. Die meisten hatten schweren Durchfall und waren schon so geschwächt, daß sie sich selbst gar nicht mehr helfen konnten. Viele konnten wir nur auf blankes Stroh betten, viele auch nur auf den bloßen Holzboden. Im wesentlichen konnten wir auch immer nur den gröbsten Unrat von Mensch, Wäsche und Boden reinigen, denn Medikamente fehlten zunächst überhaupt und konnten erst nach Tagen oder Wochen über gut gesinnte Tschechen besorgt werden. Die Menschen starben wie die Fliegen, und die Totenkammer reichte nicht mehr aus. In den ersten Tagen waren von einer Durchschnittsbelegung von 800 bis 1500 Personen täglich 10 bis 15 Tote zu verzeichnen. Immer wieder wurden die Lagerinsassen zum Mithelfen bei der Identifizierung aufgerufen. Wenn dann Dr. Meisel, der jüdische Gebieter über alle deutschen Lager, zur Inspektion erschien, dann sagte er manchmal mit Fingerzeig auf die Verstorbenenzahl: „So wenig!” Vor uns beim Appell betonte er zynisch: „Hier ist das reinste Sanatorium!” und pries die humane Art, mit der wir im Vergleich zu den Juden in den deutschen KZ behandelt werden.

Der Zustrom aus der Stadt, den Dörfern und Lagern riß nicht ab. Das Kreiskrankenhaus schickte alle deutschen Patienten hin, gleichgültig der Schwere des Leidens und der fehlenden Behandlungsmöglichkeiten bei


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uns, ebenso die staatlichen Irrenanstalten. Erst ab September 1945 nahm das Allgemeine Krankenhaus chirurgische Fälle, Entbindungen und ansteckende Krankheiten außer Tbc wieder an. Aber anfangs waren wir weit und breit das einzige deutsche Krankenasyl und Altersheim. Der Baum wurde zu eng, und deshalb mußten alle irgendwie Arbeitsfähigen wieder fort in Arbeitslager. Die Küche tat, was sie konnte, aber es reichte doch nur zu dem Malzkaffee und 100 g Brot am Morgen, einer mäßigen Eintopfsuppe mittags und Kaffee oder Suppe abends. Auch an eine Kleinkinder- und Diätküche war gedacht, aber die zugeteilte Milch reichte kaum für die Säuglinge. Und doch hatte unser Lager gegenüber den anderen den Vorteil, daß es ein festes Haus war mit fließend Wasser und sanitären Anlagen. Zu bestimmten Zeiten gab es sogar Warmwasser zum Reinigen. Vorne am Tor stand in russischer Sprache das Wort „Krankenhaus”, das uns vor Eindringlingen schützte. Kam jedoch ein Russe bis ins Vorhaus, so wurde er von den Herren Strobach oder Müller in seiner Sprache aufgeklärt über die Infektionsgefahren. Alle zogen es vor, wieder zu gehen. Die Wache (6 Mann) war launenhaft, unberechenbar, oft beeinflußt von Hetzkampagnen außerhalb. Das Niveau der Anrede bewegte sich bei „babi, ženski, kurvi”1. Es gab auch Durchsuchungen in den Schlafsälen, obwohl bereits jeder Neuankömmling sehr genau untersucht wurde und sie die überflüssig erscheinenden besseren Sachen „beschlagnahmten”. Kleine Verstöße, z. B. gegen die tschechische Gruß- und Meldepflicht, wurden streng mit Kellerarrest bestraft. Ein ca. 20jähriges Mädel war mindestens zwei Wochen im Keller in einer Einzelzelle als „Spionin”; sie selbst sagte, weil man Tagebuchnotizen bei ihr gefunden hätte. Im Sommer mußte ich durch Wochen, von einer Wache begleitet, einer jungen Tschechin das Essen in den Keller bringen, der infolge einer Verwechslung mit einer Gesuchten gleichen Namens der Kiefer eingeschlagen worden war. Ich durfte nicht mit ihr sprechen. Auch kranke Kriegsgefangene wurden vorübergehend bei uns behandelt. Meine Mutter erklärte mir bald, daß sie dieses Elend ebenfalls krank mache, sie meldete sich lieber zu schwerer Feldarbeit. Trotz der strengen Sauberkeit und eines resoluten Reinigungskommandos vermehrte sich das Ungeziefer bei der räumlichen Enge. Weil keine Möglichkeit zum Bügeln war, fand man oft schon in der reinen Wäsche Läuse. Und die Wanzen waren auch nicht mehr aufzuhalten.

Zwischendurch gab es aufregende Nächte mit erhöhter Alarmbereitschaft, weil man Stürmung der Deutschenlager durch aufgehetzten tschechischen Mob befürchtete. Anscheinend gab sich die Bewachung Mühe, einen Überfall zu verhindern. — Unvergeßlich wird es mir bleiben, wie sich der große Raum in meiner Abteilung mit über 20 angesteckten Frauen füllte. Teils waren es Mütter von kleinen, auch großen Kindern, teils ganz junge Geschöpfe, die irgendwo überfallen worden waren und nun ganz verzweifelt nach Möglichkeit zur Beschaffung von Medikamenten suchten. Durch die Verzögerung dauerte es oft lange und gab ernsthafte Erkrankungen, bis wirklich geholfen werden konnte. Ebenso werde ich nie vergessen, wie blutjunge Mädchen an Tbc sterben mußten, weil uns jede Möglichkeit zur Hilfe genommen war. Auf der Flucht vor den Russen hatten sie sich eine


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Lungenentzündung geholt, konnten sich nicht auskurieren, sondern mußten bei Bauern schwer arbeiten, bis sie zusammenbrachen. Einige Wochen siechten sie bei uns dahin, bis sie an völliger Auszehrung starben. Wir hatten ja nicht einmal Milch oder sonst einen Zusatz für sie. Oder wer könnte das Stöhnen der Emmi Strauss vergessen, die aus dem Städtischen Krankenhaus mit einer Lähmung, ohne Angabe der bisherigen Behandlung, bei uns eingeliefert wurde und auch bald sterben mußte. Dann mußte ich Irre betreuen, Epileptiker mit Tobsuchtsanfällen, Schwachsinnige, eine Bauersfrau, die nach schweren Mißhandlungen wahnsinnig wurde, kindische alte Leute. Ich fürchtete mich schon, morgens die Türen zu öffnen, und nur mit einer tapferen jungen Schlesierin gemeinsam konnte ich überhaupt diesem Elend, so gut es eben ging, begegnen. Wir hatten gerade unsere derart Kranken gesäubert, als der sinnlose Befehl der Verlegung derselben nach Stannern kam. Wie Vieh wurden dieselben bemitleidenswerten Geschöpfe nach vier Wochen völlig verwahrlost zurückgebracht1.

Außer Dr. Klima waren dann noch die Ärzte Dr. Eliasch und Dr. Czopa eingetroffen, die regelmäßige Krankenvisiten machten und halfen, was in ihrer Macht stand. Nicht mehr helfen konnten sie z. B. der Frau Kabelka, die mit einer schweren Blutvergiftung aus dem Lager Stannern kam und starb. Frau Kabelka war als Kreisfrauenschaftsleiterin in Iglau tätig gewesen und hatte deshalb besonders zu leiden. Erst als es bereits zu spät war, durfte sie sich in ärztliche Behandlung begeben. Groß war auch die Empörung, als eines Tages ein todkrankes Kind gebracht wurde, das eine Russin einer deutschen Mutter im Lager Obergoß weggenommen hatte2. Ob man seinen Namen erfahren hat, weiß ich nicht. Oder der Fabrikant Krebs, der, skalpiert und mit einer riesigen Wunde, nach qualvollen Monaten doch sterben mußte. — Ich möchte nicht noch mehr so traurige Fälle anführen.

Inzwischen konnte auch die Dentistin Fräulein Balloun irgendwoher völlig veraltete Geräte für die Behandlung auftreiben, und sie half so vielen von ihren Zahnschmerzen. Langsam war es auch wieder möglich, Brillen und Medikamente auf eigene Kosten zu besorgen. Finanziert wurde unser Lebensunterhalt durch zulässige Beträge, die man von zur Währungsumstellung abgelieferten Sparbüchern abhob und zum größeren Teil einbehielt, und durch die Verdiener außerhalb, deren Lohn zu 80 % dem Lager verblieb.

Auch eine Kapelle durfte im Hause eingerichtet werden, und ein tschechischer Priester hielt tschechische Andachten. Dieser Raum war aber oft auch die einzige Möglichkeit, mit einem Besuch von außerhalb, der zu ambulanter Behandlung kam, deutsch zu sprechen, denn offiziell war nur die tschechische Sprache erlaubt. Erst nach und nach lockerten sich diese Maßnahmen von selbst.

Mein Vater war nun im Kreisgericht, und ich durfte mir monatlich einmal einen Passierschein zu einer Sprecherlaubnis holen3. Wir durften die


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Wäsche für ihn waschen und ihm bei dieser Gelegenheit etwas Eßbares schicken. Durch Kassiber unterrichteten wir uns gegenseitig über die wichtigsten Ereignisse.

Ende September war die Einzelausreise nach Österreich etwas erleichtert, und einige Familien nützten diese Gelegenheit. Ich sah darin auch eine Möglichkeit, eventuell mit meinen vermißten Brüdern von Österreich aus in Verbindung zu kommen, um sie vor einer Rückkehr nach Iglau zu bewahren. Leider wurde meine Mutter am Wege zur Arbeit verhaftet, weil sie ihrem Bruder, der in einer Gefangenenkolonne vorbeiging, ein Stück Brot zustecken wollte. Sie wurde in der Tiefen Gasse drei Wochen eingesperrt, ohne über den Vorfall mit ihr zu sprechen. Man brauchte eben wieder eine Putzfrau. Erst durch den Oblastni Velitel1, der meinen Bruder gekannt hatte, wurde meine Mutter wieder befreit.

Weil wir für den Winter schlecht gekleidet waren, bekam Mutter die Erlaubnis, vom Národní Výbor in Friedrichsdorf etwas zu holen. Wir hatten auch gehört, daß unsere Sachen ausgegraben worden waren. Schäbiges fremdes Zeug warf man meiner Mutter hin mit den Worten: „Das ist gut genug für Sie!” Bei Bäcker Schrammel auf dem Boden hatten wir Vaters Wintermantel untergebracht. Die tschechische Nachfolgerin gab ihn anstandslos heraus und noch Lebensmittel dazu.

An einem Novembertag war auch Dr. Klima abgereist. 24 Stunden später wurde er überall gesucht. Gutgesinnte Tschechen müssen ihm in letzter Minute über die Grenze geholfen haben. Unser Velitel hatte anerkennende Worte für Dr. Klima.

Vor dem Stadtbahnhof stand eine Baracke, die mit einigen Paradebetten und Einrichtungsgegenständen für sanitäre Betreuung immer in blitzender Sauberkeit gehalten werden mußte, angeblich für den „Odsun němců”2. Dort mußten wir Schwestern nun abwechselnd Dienst machen. Es schien uns so, als ob diese Einrichtung nur für etwaige höhere Kommissionen zur Besichtigung da war, denn benützt wurde sie für Transporte Deutscher nie, solange wir dort waren.

Unser Weihnachtsfest: Ein guter Klavierspieler durfte sich sogar ein altes Klavier ins Lager bringen lassen, und Frau Alee und Helli Schuhei sangen vor andächtig Lauschenden deutsche Weihnachtslieder. Die Kinder standen vor einem richtigen Weihnachtsbaum. Am ersten Feiertag gab es zum erstenmal eine richtige Mahlzeit, d. h. Suppe, Knödel mit Sauerbraten (allerdings Pferdefleisch), das bestens zubereitet war und alle beglückte. Auch eine Lagerbücherei, bestehend aus alten Klassikerausgaben, durfte in den Weihnachtstagen Bücher verleihen. In der Silvesternacht öffneten wir das Fenster und hörten auf den Klang unserer „Susel”.

Gleich nach den Feiertagen zog ein neuer Velitel, namens Musil, ins Lager. Anscheinend war doch unserer schon zu warm und gut geworden mit den „zatraceni němci”3. Musil war von der Polizei und von ändern Lagern her bekannt als brutal. Der neue Wind wehte auch den Geheimdienst zu


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Verhören ins Lager, und meine Ahnung bestätigte sich, Mutter und ich wurden mit acht Frauen und zwei Männern mit unbekannter Zielangabe fortgebracht. Am selben Tage wurden einige Hundert Lagerinsassen ins Aussiedlungslager nach Altenberg (BMW-Baracken) gefahren, von wo Ende Januar der erste Transport nach Westdeutschland ging. Wir jedoch wurden in das schon mehrfach geschilderte Lager Obergoß gebracht, um das nun ein hoher Bretterzaun mit viel Stacheldraht war. Es war ein Ausweichlager des Kreisgerichtes Iglau, das völlig überfüllt war1. Wir waren also verhaftet. Ausnehmend viel Gendarmen waren zu unserer Bewachung da, die jedoch, jedenfalls zu uns Frauen, durchaus höflich und hilfsbereit waren, denn es war bitter kalt. Es waren dort noch ca. 200—300 Männer und 30—40 Frauen, davon mindestens ein Drittel Tschechen (Kollaboranten), die irgendwo mit Deutschen zusammenarbeiten mußten. Die Männer wurden zwar nicht so rücksichtsvoll behandelt und mußten auch auf Arbeit gehen, aber von Prügeleien, wie sie in den ersten Monaten an der Tagesordnung waren, habe ich nichts mehr gehört. Ich mußte mir gleich eine Blechschachtel mit Verbandszeug vom Velitel unter den Arm nehmen und mit einer Wache von Raum zu Raum gehen. Fast die Hälfte aller Männer hatte Abszesse oder offene Wunden, besonders an den Beinen, vernachlässigt und nicht selten gefährlich. Der allgemeine Gesundheitszustand war schlecht, und noch junge Männer sahen oft aus wie Greise. Auf meine Vorstellungen beim tschechischen Lagerleiter, daß die vorhandenen primitiven Verbandssachen dringendst einer Ergänzung bedürfen, ließ er den tschechischen Lagerarzt, Dr. Fürst, kommen, der Untersuchungen durchführte, Medikamente verordnete und mir Anweisungen gab. Der Velitel war in diesen Dingen nicht kleinlich, und so bekam ich nach und nach das nötigste zur ersten Hilfeleistung zusammen. Die ehemalige Krankenbaracke des RAD-Lagers durfte ich wieder für Revierzwecke säubern. Die wirklich Kranken durfte ich dort pflegen und hatte selbst eine saubere Unterkunft dort. Nicht gern hatte ich mich aber von den anderen Frauen getrennt, denn wir hatten uns durch Ast- und Bohrlöcher zur Unterkunft der Männer, die in der Stadt arbeiteten, einen gut funktionierenden Informationsdienst geschaffen, denn sonst hatte man ja keine Möglichkeit, von außeralb etwas zu erfahren. So hörten wir u. a. auch, daß unser Vater von Iglau nach Kuttenberg übergeben worden war.

Eines Tages holte mich der Velitel in die ehemalige Führerbaracke, die er sich zum Lagerbüro herrichten ließ, zeigte auf die beschmierten Wände und äußerte sich: „To je bolševisticka kultura.”2 Ich muß dumm geguckt haben, denn er sagte weiter: „Ich habe den Deutschen auch heimgezahlt, was sie mir angetan haben, aber vieles, was bei uns passiert ist, ist wirklich eine Schande. Sie brauchen sich nichts gefallen zu lassen, sagen Sie mir nur, wenn Sie einer von da drüben” — auf die Wache zeigend — „belästigt. Ich habe auch zwei Töchter in ihrem Alter. Was können Sie schon ver-


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brechen haben!” Er selbst benahm sich mir gegenüber sehr korrekt und ließ durchblicken, daß er oft eine andere Haltung zeigen müsse, als seiner Überzeugung entsprach. Die älteren Gendarmen hatten auch ab und zu meine helfende Hand in Anspruch genommen und steckten mir dafür nach jedem freien Hausurlaub ein Stück Wurst oder Kuchen in die Tasche: „Damit es ja niemand bemerkt.” So waren sie alle. Einer fürchtete den ändern1, und deshalb überboten sie sich nach außen hin in Abfälligkeiten gegenüber den Häftlingen. Die Verpflegung war besser als im Internierungslager. Ein tschechischer Gemüsehändler aus Jarmeritz kochte gut und abwechslungsreich. Man war ja bescheiden geworden, aber für arbeitende Männer reichte die Portion nicht aus. Täglich einmal fand der übliche Ausgang im Lagerrund statt, bei dem man immer wieder neue Gesichter sah. Sogar der Humor brach trotz der traurigen Situation manchmal durch. So mußte ich einmal beim Rundgang hinter Männern gehen und hörte diese (der Wachposten war zufällig weiter entfernt) nach der Melodie des Berghäuermarsches summen: „Was soll denn das nur werdn, wenn alle Leute sterbn, hauts ihn eine in das kühle Grab, den Falot . . . und werfts große Staner drauf, sonst steht er am End wieder auf . .."

Eines Tages bekam ich in Dr. Hajek, dem bekannten Iglauer Internisten, einen Chefarzt, der mir nun die Verantwortung abnahm.

Am 3. April winkte mir Velitel X. aus der Kanzlei mit einem Brief. Ohne diesen zu lesen, drückte er seinen Zensurstempel drauf und überreichte mir das Schreiben meines Onkels August Siegl aus Norddeutschland, wo er nach der Gefangenschaft sich aufhielt. Ein Böhmerwäldler hatte den Brief mit unserer tschechischen Lageradresse in Neuern aufgegeben. Durch die Umsicht des H. Strohbach vom Brünnerberg verschwand er nicht in den Papierkorb des Velitel Musil, sondern brachte uns die ersten Nachrichten von vielen Verwandten. Die Frau eines ehemaligen deutschen Polizeioffiziers von Iglau hatte um die Weihnachtszeit die Ausreisegenehmigung bekommen und nach einer abenteuerlichen Fahrt Westdeutschland erreicht, von wo sie unseren Verwandten unsere damalige Anschrift angeben konnte. Es war erstaunlich, auf welch verschlungenen Pfaden wir BÖ noch kurz vor unserer Aussiedlung wichtige Nachrichten erhielten, die uns und unseren Verwandten später in Deutschland viel Suchen ersparten.

Abschließend folgt die Schilderung der Ausweisung über das Lager Altenberg in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands2.


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