a) Zwangsmaßnahmen und Gewaltakte unter der Militärverwaltung der Partisanen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Anfang November 1944 zeigte die militärische Lage in Jugoslawien folgendes Bild: nach dem Fall Belgrads am 20. 10. 1944 stand das Gebiet nördlich der Donau und Sawe bis zu einer nordsüdlich verlaufenden Linie von Esseg nach Brčko, wo die Front von Ende Oktober 1944 bis Anfang April 1945 stabilisiert werden konnte, unter russischer Besetzung. Während die russischen Truppen nördlich der Dräu weiter vorstießen und im Januar 1945 den Raum um Nagykanisza unterhalb des Plattensees erreichten, blieb der Zwischenstrombereich zwischen Sawe und Dräu westlich der Front unter der Kontrolle deutscher und kroatischer Einheiten. Südlich der Sawe und Donau fiel die militärische Vorherrschaft den Partisanenbrigaden zu, die indes keineswegs stark genug waren, den Durchzug der gesamten Heeresgruppe E aufzuhalten, die sich von Griechenland über Skoplje, Sarajewo nach Norden bis Slowenien den Weg freikämpfte 1 . Bis auf verschwindend geringe Minderheiten im Norden des "Unabhängigen Staates Kroatien" und mit Ausnahme der Deutschen in Slowenien befand sich zu diesem Zeitpunkt die in der Heimat verbliebene Volksdeutsche Bevölkerung im Herrschaftsbereich der sowjetischen Truppen und Partisanen. Im allgemeinen vollzog sich der russische Einmarsch phne Ausschreitungen, da Jugoslawien als verbündetes und zu befreiendes Land angesehen wurde. Die Truppen ließen sich verpflegen und requirierten Wagen und Pferde. Wo es zu Vergewaltigungen kam, spielte die Nationalität der Frauen meist keine Rolle. Deutsche Frauen waren häufig erst betroffen, nachdem die russischen Soldaten von Partisanen auf sie hingewiesen worden waren 2 .

Im Banat wurden unmittelbar nach dem Durchzug der Russen sogenannte "Ortsbefreiungsausschüsse" meistens durch die ansässigen Serben, darunter in erster Linie die "Ortspartisanen", gebildet 3 . Die alte Verwaltung


91E

blieb oft noch einige Tage erhalten, Volksdeutsche Beamte fungierten weiter in ihren Ämtern; in Groß-Betschkerek wurde sogar J. Keks bis zum 10. 10. 1944 als Vertreter der donauschwäbischen Bevölkerung in den Ortsbefreiungsausschuß aufgenommen. Zu dieser Zeit kam es zwar zu persönlichen Racheakten an Deutschen aus Gründen, die teils in die Vorkriegszeit zurückreichten, teils durch die Verhältnisse nach 1941 bedingt waren; in vielen Fällen schritt auch der Pöbel der Ortschaften zu Plünderungen. Jedoch erst als neben die Herrschaft der Ortsbefreiungsausschüsse die Militärverwaltung der etwa seit dem 10. 10. 1944 einziehenden "regulären" Partisaneneinheiten trat, die seit Jahren aus den Bergen heraus gegen die deutsche Besatzungsmacht operiert hatten, wurden der uneingeschränkten Willkür die Tore geöffnet. Indessen hat sich auch unter diesen Umständen in manchen Ortschaften das gute nachbarliche Verhältnis zwischen Deutschen und Andersnalionalen bewährt: im Banat waren es Serben, in der Batschka Madjaren und Serben, die den Volksdeutschen solange und so oft als möglich materiell halfen oder als ihre Fürsprecher auftraten 4 .

Ganz ähnlich wie im Banat, nur mit einer zeitlichen Phasenverschiebung, verlief die Entwicklung in der Batschka, wo zudem das serbische Element geringer vertreten war. Hier wurden die Deutschen in der zweiten Oktoberhälfte - so z. B. in Filipowa und Sombor - unmittelbar der Militärherrschaft und Gebietsverwaltung der "fremden" Partisanen unterstellt 5 . Erst nach diesem Zeitpunkt, nach der Übernahme auch der gesamten Verwaltung durch die Partisanengruppen, setzte die erste Welle der Verhaftungen ein. Sie erfaßte im allgemeinen besonders ausgewählte Gruppen der deutschen Bevölkerung: die Angehörigen vor allem der "Deutschen Mannschaft", der Waffen-SS, darunter vornehmlich wieder der Division "Prinz Eugen", die Vertreter Volksdeutscher Organisationen, die seit dem April 1941 ernannten deutschen Bürgermeister und Verwaltungsbeamten, Männer im Alter von 17 bis 60 Jahren, oft auch deren Frauen und weibliche Angestellte der Volksgruppenorganisationen 6 . Die Verhafteten wurden fast immer stundenlang verhört, auf jede mögliche Weise mißhandelt und in Keller oder Gefängnisräumen zusammengepfercht, ehe sie in mehr oder weniger laugen Fußmärschen in die improvisierten Lager getrieben wurden, die nun in den Bezirksorten des Banats eingerichtet wurden, z. B. in Zerne, Kubhi, Pantschowa, Weißkirchen, Werschetz und Kikinda. In der nördlichen Batschka wurden diese Gruppen in Sombor, im südlichen Teil in Neusatz gesammelt. Die Gleichartigkeit dieser Vorgänge seit den letzten Oktobertagen weist auf allgemein verbindliche Anweisungen für die örtlichen Partisanenführer hin, so daß die Verhaftungen zentral gesteuert gewesen sein dürften.

Archiv, 5. 1. 1945, S. 80 A) sollte ab 15. 2. 1945 die Verwaltung in der Baranja, Batschka und im Banat von den militärischen Behörden auf die zivilen Befreiungskomitees übertragen werden.


92E

Parallel zu diesen Inhaftierungen begannen die Erschießungen Volksdeutscher Männer, die häufig den Charakter von Massenliquidationen annahmen. In Startschowa wurden z. B. nach einem willkürlichen Ausleseverfahren in der Nacht auf den 22. 10. 1944 ca. 80 Männer erschossen 7 , ähnliches ereignete sich in Sartscha, Deutsch-Zerne und vielen Orten des Banats 8 , sowie ebenfalls der Batschka. Eine Partisanengruppe erschoß Volksdeutsche in Hodschag; vielleicht das gleiche Liquidationskommando trieb am 25. 10. in Filipowa etwa 350 Volksdeutsche Männer zusammen und erschoß 240 von ihnen 9 . Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, daß es förmliche Exekutionseinheiten der Partisanen gab, die von einer donauschwäbischen Ortschaft zur anderen zogen, um dort ihre Sonderaufträge zu erfüllen. Gruppenerschießungen kamen auch auf dem Weg in die Lager und dort selbst vor, sobald die ersten Inhaftierten eingeliefert worden waren; in Werschetz, Kikinda und Groß-Betschkerek schritten die Bewachungsmannschaften mehrfach zu solchen Aktionen 10 . Die Motive zu diesen Massenhinrichtungen Tausender von Volksdeutschen dürften einmal in der aufgespeicherten Rachsucht zu suchen sein, die nun ohne weitere Fragen nach Schuld oder Unschuld schlechthin jeden Deutschen treffen konnte. Sodann wird das Moment der bewußten Terrorisierung eine maßgebliche Rolle gespielt haben, um die Volksdeutschen, nachdem sie durch die Verhaftungen und Erschießungen ihrer daheimgebliebenen Fübrungsgruppen beraubt und in Angst und Schrecken versetzt worden waren, den neuen Machthabern gefügig zu machen.

Anfang November 1944 wurde die deutsche Bevölkerung der Städte - z. B. Pantschowa, Werschetz, Groß-Betschkerek - aus ihren Wohnbezirken entfernt und auf die Lager in Nachbardörfern verteilt. Ganz gleich wo, überall galt für die Deutschen die Arbeitspflicht; Aufenthaltsbeschränkungen und Ausgehverbote engten ihre Bewegungsfreiheit ein, ein Kauf- und Verkaufsverbot wurde erlassen, oft eine Nachrichtensperre verhängt, die sogar Nachbardörfer völlig voneinander isolierte. Die Lager in den Bezirksorten dienten gleichzeitig als Zentralarbeitslager, von denen der Einsatz an bestimmten Brennpunkten gelenkt wurde. Russen und Partisanen erhoben vielfältige Ansprüche: kriegsbedingte Transport-, Aufräumungs- und Verladearbeiten waren zu leisten, Straßen und Bahnlinien auszubessern, landwirtschaftliche Arbeiten auf den Staatsgütern auszuführen. Bei dem steten Verlangen vor allem der sowjetischen Militärstellen nach Arbeitskräften erwies sich die Einrichtung der Lager für die Partisanen als organisatorische


93E

Erleichterung. Im Lager Sombor wurden Arbeitstrupps für Aufgaben im rückwärtigen Bereich der Front zusammengestellt, sie mußten die von den abziehenden deutschen Truppen zerstörte Bahnstrecke Kikinda-Szeged ausbessern. Die in Palanka, dann in Neusatz gesammelten Volksdeutschen aus der südlichen Batschka wurden z. T. in die Gruben von Vrdnik in der Fruška Gora geschickt, andererseits mußten Neusatz, Semlin und weitere Ersatzlager wieder den Nachschub für die Bahnarbeiten in Syrmien an der Strecke von Belgrad bis zur Front stellen, wo besonders hohe Verluste auftraten 11 . In allen Lagern war die Zahl der Todesopfer hoch: willkürliche Erschießungen, Mißhandlungen, völlig unzureichende Nahrung und ununterbrochen schwere physische Arbeit rafften die Insassen dahin 12 .

In Jarek entstand Anfang Dezember das erste große Konzentrationslager für arbeitsunfähige Volksdeutsche aus der südlichen Batschka, während im Banat das gleichzeitig geschaffene Lager Nakovo nach zwei Wochen wieder aufgelöst wurde - ein Zwischenspiel, das auf eine gewisse Unentschiedenheit in der Behandlung der Deutschen hinzuweisen scheint. Es dauerte dann noch bis zum März/April 1954, ehe die allgemeine Internierung der jugoslawiendeutschen Bevölkerung dazu führte, daß sich das Leben der Deutschen fast nur noch in Lagern abspielte. Allgemein war aber schon die Atmosphäre durch die Erwartung oder Ausführung der Beschlüsse des "Antifaschistischen Rats" (AVNOJ) bestimmt, die sich mit ihrem Geschick befaßten 13 .