Nr. 31: Erlebnisse der Berichterstatterin unter sowjetischer Besatzung in Ungarn, ihre Ausweisung nach Jugoslawien im April 1945 und ihre Verhaftung nach Ankunft im Geburtsort Bački Monogtor; die Verhältnisse in einem Internierungslager bei Sombor und im Lager Gakovo bis zur Flucht der Berichterstatterin Anfang März 1947.

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Protokollierte Aussage der Ch. Seh. ans Sombor in der Batschka. Original, April 1955, 8 Seiten, mschr.

Mein Mann und ich hatten in Sombor eine gutgehende Gastwirtschaft. Im Herbst 1944 verdüsterte sich die Kriegslage in unserem Heimatgebiet. Man hörte schon wochenlang vor unserer Flucht am 8. 10. 1944 über die schrecklichen Greueltaten der sowjetischen Truppen im östlichen Ungarn. Im Laufe der letzten September- und ersten Oktoberwoche strömten lange Wagenkolonnen mit Flüchtlingen aus dem Banat durch Sombor. Als es wie ein Lauffeuer bekannt wurde, daß die sowjetischen Truppen bei Szegedin und bei Öbecse über die Theiß fluten, entschlossen wir uns aus Furcht vor den Kriegsereignissen, nach Westungarn zu Süchten. Im Laufe der nächsten


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Monate kamen wir über Steinamanger nach Deutschland, wo wir unseren verwundeten Sohn in einem Kriegslazarett besuchten, um schließlich nach Wien zurückzukehren.

In der Ratlosigkeit und Verwirrung haben wir uns schließlich zur Rückkehr nach Ungarn entschlossen, da wir uns dort eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln erhofften. Wir waren am 1. 4. 1945 in der kleinen ungarischen Grenzstadt Gyekenyes 1 , als die Russen einmarschierten. Wir glaubten uns besser vor Brutalitäten und Beraubung zu schützen, wenn wir außerhalb von Gyekenyes in einem Winzerhaus Wohnung beziehen. Trotzdem erhielten wir alsbald den ersten Besuch russischer Soldaten, die sich wie wilde Tiere benahmen. Ich war zu dieser Zeit im siebten Monat in der Hoffnung und wurde als erste mit bestialischer Rohheit überfallen. Mein Mann wurde furchtbar geprügelt, die alte Hausfrau, die sich schützend vor mich stellte, wurde niedergeschlagen. Es folgte eine Hausdurchsuchung in einer Art und Weise, daß gleichzeitig auch die Wohnung zerstört wurde. Die entmenschten Soldaten behaupteten, es wäre ihnen angezeigt worden, daß im Haus Waffen verborgen waren. Wie sich herausstellte, wurde mit diesem Trick überall dasselbe getan. Durch die Aufregungen und die ständige Angst, welche uns durch die täglichen und nächtlichen sogenannten Hausdurchsuchungen verursacht wurden, erlitt mein Mann bald einen schweren Herzanfall und starb schließlich am 6. 4. 1945, ohne daß wir einen Arzt an sein Krankenbett bringen konnten. In meiner Verzweiflung meldete ich den Todesfall durch Vermittlung einer beherzten Frau in der Kommandantur, deren Chef zufällig ein bulgarischer Jude war. Mit seiner Zustimmung konnte ich nach einigen Tagen, selbstverständlich ohne kirchliche Zeremonie, mit Hilfe eines alten Mannes, meinen verstorbenen Gatten beerdigen. Der Körper meines Mannes zeigte zahllose Schwellungen, Blutunterlaufungen und Hautverletzungen, die er durch die wahnsinnigen Folterungen erlitten hat.

Anschließend wurde ich mit dreizehn aus Jugoslawien stammenden Männern mit sofortiger Wirkung ausgewiesen. Nach langwieriger Reise kam ich am 13. 4. 1945 in Subotica an. Wir wurden dort wie Schwerverbrecher empfangen, in einen Raum gesperrt und anschließend einer eingehenden Untersuchung unterworfen. Mir wurden zunächst sämtliche Wertsachen und besseren Kleidungsstücke abgenommen, vor allem 100 000 Pengö, Uhren und Schmucksachen etc. Dann wurde ich "heimgeschickt". In meiner Ahnungslosigkeit glaubte ich, mich freuen zu dürfen. Am 15. 4. 1945 kam ich abends in Sombor an und wollte in unser Haus zurückkehren. Das war schon von Partisanen besetzt, so daß ich vor dem Betreten von Nachbarsleuten zunächst Informationen einholen wollte.

Ich besuchte eine mir gut bekannte Frau: "Um Gotteswillen Frau Sch.", sagte diese, "wie wagen Sie sich, hier zu erscheinen! Verschwinden Sie sä schnell wie möglich, ich darf Sie nicht gesehen haben, geschweige denn bei mir aufnehmen." Und in kurzen Sätzen machte sie mir klar, daß sämtliche Deutscheu in Lager verschleppt wurden, ihr Vermögen enteignet und aa


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verdienstvolle Kommunisten verteilt wurde. Nach langem Betteln konnte ich lediglich die Erlaubnis erhalten, mein Gepäck bei dieser Bunjewatzin abzustellen. Ich verbrachte die erste Nacht in der "Heimat" in einem Schuppen beim Bahnhof. In der Morgendämmerung versuchte ich, bei einer anderen Bekannten anzuklopfen. Als ich in den Wohnraum eintrat, sah ich zu meinem größten Entsetzen Partisanen mit Weibern in den Betten liegen. Alle schienen schwer betrunken zu sein. Ich flüchtete sofort in meiner Angst in den Abort. Kurz darauf holte mich ein Partisan mit vorgehaltener Maschinenpistole. Ich mußte mich diesem offenkundigen Zigeuner legitimieren.

Die Stadt Sombor war zu dieser Zeit von Russen, Partisanen und sonstigem Gelichter überflutet. Alles war besoffen, gröhlte auf den Straßen herum und machte auf eigene Faust "Hausdurchsuchungen". Die deutschen Häuser waren im wesentlichen schon geplündert. Nun hatten die besseren Ungarn, Bunjewatzen, aber auch Serben, diese "Befreier" in ihren Häusern. Die Bevölkerung, soweit es sich um die anständigen Leute gehandelt hat, befand sich in tiefster Verwirrung und Furcht.

Ich habe bei einer ganzen Reihe von Bekannten um Unterkunft gebeten, um mich wenigstens einmal ausschlafen zu können: Ich wurde überall unerbittlich abgewiesen. Endlich fand ich einen sich erbarmenden ungarischen Fuhrmann, der geneigt war, mich nach meinem Heimatort Bački Monoštor zu überführen. Vor meiner Abreise wurde ich noch von zwei Partisanen erpreßt, die mich mit der Anzeige bedrohten, falls ich ihnen nicht je 100 Pengö ausfolge. In strömendem Regen fuhren wir auf dem klapprigen Fuhrwerk in Richtung Bački Monoštor.

Unterwegs trafen wir zwei Bunjewatzen, die mich erkannten. "Wegen der fürchterlichen Leiden der Schwaben wird noch jemand weinen", sagte der eine und seufzte tief.

Sie erzählten mir Einzelheiten über die Vertreibung meiner Eltern und weiteren Anverwandten und rieten mir eindringlich ab, in dem Ort einzukehren. Mein Fuhrmann bekam es darauf mit der Angst und erklärte, er könne mich nicht mehr weitertransportieren. So mußte ich abladen und, etwa 5 km weit entfernt von meinem Reiseziel, in strömendem Regen, auf der verschlammten Landstraße zurückbleiben. Ich setzte mich auf meine Koffer und weinte bitterlich. Nach einigen Stunden kamen zwei Kinder vorbei, die ich mit Versprechen auf gute Belohnung überreden konnte, mir einen Schubkarren zu bringen. Spät nachmittags erreichte ich schließlich das Dorf Bački Monoštor. Der Marsdb durch das Dorf war ein wahres Spießrutenlaufen. Die Leute schauten bei den Fenstern heraus, mit aufgerissenen Augen, öder bedeckten ihr Gesicht mit ihren Händen, als sie mich erblickten.

Ich ging zum Haus meiner Schwester, in der Vermutung, sie dort anzutreffen, da ihr Mann ein Schokaz (Kroat) ist. Meine Schwester und ich fielen uns wortlos um den Hals und weinten bitterlich. Nach langem Zögern und mit schwer abgerungenen Worten erklärte mir meine Schwester: "Du darfst nicht bei mir bleiben. Es ist von den Partisanen ein strenger Befehl, daß jeder Deutsche bei der Ortskommandantur sofort zn melden ist. Es darf kein Deutscher in ein Haus aufgenommen werden. Jeder, der diesem Befehl zuwiderhandelt, kann mit einer Todesstrafe rechnen. Liebe Schwester, was soll ich tun -. Ich muß Dich anzeigen."


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Ich flehte sie an, mich doch wenigstens auf eine Nacht aufzunehmen und mich ausschlafen zu lassen. Ich hatte mich schon wochenlang nicht gewaschen und war körperlich furchtbar herabgekommen und verlaust. Es kamen über den Garten Nachbarsleute. Ich hörte aufgeregtes Getuschel und lautes Aufweinen meiner Schwester. Endlich entschloß sich meine Schwester doch, mich in ihrem Haus übernachten zu lassen. Am nächsten Morgen mußte mich meine eigene Schwester, vor Angst zitternd, in der Kommandantur anzeigen. Dort wurde ihr zu wissen gegeben, daß man über meine Anwesenheit schon seit dem vorigen Tag informiert sei. Es wäre höchste Zeit, daß die Anzeige erstattet würde. Aber ich habe doch wenigstens eine Nacht ausruhen können!

Es kamen zwei recht wüst aussehende Partisanen, mit Maschinenpistolen und Handgranaten ausgerüstet, mich abzuholen. Beide gingen mit vorgehaltenen Waffen hinter mir her durch die Straßen, als wäre ich ein Einbrecher. In der Kommandantur war der wichtigste Mann der ehemalige Schweinehirt namens Panta. Dieser Mann, sonst ein primitiver und ungehobelter Saufbold, verfügte in Backi Monostor über Leben und Tod. Ich wurde zunächst mit unflätigen Worten beschimpft, natürlich mußte ich abermals eine eingehende "Leibesvisitation" durchmachen, und schließlich in das Gemeindearrest gesperrt. Im Laufe des Tages wurde ich dann der OZN 2 in Sombor überstellt. Zufällig fuhr ein mit Holz beladener Wagen dorthin, und da durfte ich aufsitzen. Bei der OZNA erfolgten wieder die üblichen Verhöre und Leibesvisitationen, merkwürdigerweise spielte dabei eine Frau Volksdeutscher Abstammung eine wichtige Rolle. Der Kommandant der OZNA in Sombor war ein stadtbekannter Saufbold und Taugenichts namens Ranko.

Schließlich wurde ich in ein Barackenlager außerhalb der Stadt Sombor eingeliefert. Die Lagerräume waren von Volksdeutschen buchstäblich vollgepfercht. Die Leute empfingen mich wortlos mit vielsagendem Blick, vielen war ich durch die Gastwirtschaft gut bekannt. Noch nie habe ich so vergrämte, verbitterte und verzweifelte Menschen gesehen. Sämtliche Lagerinsassen waren verlaust und ungepflegt, da ihnen keinerlei Möglichkeit zur Körperpflege geboten wurde. Der sogenannte Lagerbetrieb wurde streng gehandhabt: Hauptsache war eine möglichst ununterbrochene Schikane. Dienstantritt morgens um 3.00 Uhr, Aufstellung in Reih und Glied und zunächst stundenlang bewegungslos dastehen, bis dann die nächste Schikane folgte. Die Wache paßte mit Argusaugen auf die "Disziplin" auf, es wurde jeder erbarmungslos geprügelt, der sich nur im mindesten rührte. Täglich wurden längere oder kürzere Namenslisten aufgelesen. Die jeweils Aufgerufenen erbleichten, manche fielen auch in Ohnmacht: Man konnte ahnen, was diesen Armen bevorstand. Sie wurden zumeist erschossen oder sonst irgendwie ermordet. Der Kommandant des Lagers hieß Žarko und war, wie fast alle Machthaber, ein schon früher als Taugenichts bekanntes Subjekt. Hauptvergnügen aller dieser "Kommandanten" war die sadistische Quälerei ihrer Opfer.


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Ich wurde in den nächsten Tagen in eine sogenannte Arbeitergruppe eingeteilt. Mit Rücksicht auf meine Schwangerschaft und da ich schwere Arbeiten und evtl. auch Mißhandlungen befürchtete, bat ich um eine ärztliche Untersuchung. Diese wurde mir selbstverständlich verweigert. So marschierten wir in unseren Elendskolonnen an verschiedene Arbeitsplätze, mußten da Kohlen schaufeln und verladen, dort Möbel und Hausrat verladen, Straßen kehren, manchmal auch exerzieren. Nach einigen Wochen gelang es mir, einen Bački-Monoštorer Zigeuner zu treffen, dem ich für eine reichliche Belohnung den Auftrag gab, meiner Schwester Nachricht zu bringen. Nach verschiedenen Komplikationen kam schließlich meine Schwester zum Arbeitsplatz und versah mich mit verschiedenen wertvollen Lebensmitteln. Es gelang mir, diese von den Partisanen unentdeckt ins Lager mitzunehmen.

Eines Tages wurde eine Gruppe von Leuten, samt mir, in das Vernichtungslager Gakovo verlegt. Gakovo war früher eine rein deutsche Gemeinde, die zur Gänze als, Lager für Deutsche benützt wurde. In jedem Haus waren durchschnittlich 50-60 Personen und auch mehr untergebracht. Die Beschlagnahmten Felder der ehemaligen Ortsinsassen wurden als Staatsgut, unter der Leitung eines ehemaligen Dorfrasierers, der Gutsverwalter war, von den Vertriebenen bearbeitet. Die Ernährung hier war äußerst dürftig und bestand fast ausschließlich aus einer sogenannten Gerstensuppe: Wasser mit Gerste. Alle Lagerinsassen, denen es nicht gelang, auf irgendeine Weise zusätzliche Ernährung zu erhalten, starben eher oder später an Hunger.

Am 20. 6. 1945 kam ich nieder. Mitten in einem vollgepferchten Zimmer gebar ich meine Tochter. Eine alte Hebamme leistete mir, natürlich ohne jedes Instrumentarium, Hilfe. Es ist mir heute noch vollkommen rätselhaft, wie ich und mein Kind diese Zeit überstehen konnten. Bis dahin und auch nachher kamen sämtliche Neugeborenen und zumeist auch ihre Mütter im Lager Gakovo um. Nach der Geburt meines Kindes hatte ich nur den einen Wunsch, das Kind möge sterben. Erst in den nächsten Tagen erwachte in mir die Mutterliebe so heftig, daß ich zu dem festen Entschluß kam, für mein Kind durchzuhalten. Trotzdem Gakovo von einem Kordon ständig schießbereiter Partisanen umzingelt war, schlich ich mich im Laufe meines Aufenthaltes in diesem Lager insgesamt siebenmal durch und holte Lebensmittel, Kinderwäsche und Kleider. Manchmal gelang es mir, mit meinem Kind bis zu zehn Tagen außerhalb des Lagers zu bleiben. Ich kam einmal sogar bis Bezdan, wo ich vier Tage verbrachte. Ich wurde oft von Partisanen aufgehalten und "legitimiert". Es gelang mir jedesmal, mit irgendwelchen Erklärungen durchzukommen. Zum letztenmal war ich sogar in meiner Heimatgemeinde und verbrachte zwei Tage bei meiner Schwester.

Indessen erfuhr ich, daß meine Eltern, nachdem sie einmal von meiner Schwester aus dem Lager Krusevlje herausgekauft wurden, im Somborer Krankenhaus als Hilfskräfte zugestellt sind. Ich hatte den Mut, sie sofort aufzusuchen, und benützte auch die Gelegenheit, mich von einem dortigen Arzt wegen meiner Brustfellentzündung behandeln zu lassen. Meine Eltern hatten es hier verhältnismäßig gut, da wie allgemein auch hier die Ärzte sich den Vertriebenen gegenüber sehr menschlich benommen haben.


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Im Lager Gakovo herrschte nach meiner Rückkehr eine Flecktyphus-Epidemie 3 . .. Ich hatte im November 1945 ebenfalls Flecktyphus und überstand diese Krankheit wunderbarerweise. Auch während der Krankheit nährte ich mein Kind an meiner Brust. Das Kind fieberte auch einige Tage, wurde sehr schwach, kam jedoch mit dem Leben durch. Zum Glück hatte ich vor meiner Erkrankung noch ein großes Lebensmittelpaket in das Lager schmuggeln können, so daß ich auch nach der Krankheit ausreichend Nahrung hatte.

Ich riß abermals aus, nahm aber diesmal mein Kind nicht mit. Durch meine Schwester und einige Bekannte gelang es mir, eine große Menge Lebensmittel zu hamstern. Bei der Rückkehr wurde ich von Partisanen an der Ortsgrenze geschnappt. Ich wurde dem Kommandanten vorgeführt. Nach der üblichen Leibesvisitation und dem Verhör fand er unter anderem 300 Dinar bei mir. Dieses Geld wurde beschlagnahmt mit der Begründung, ich hätte es gestohlen. Nach vielem Betteln und Weinen durfte ich schließlich mit dem Rest meines Hamstergutes abziehen.

Im Laufe des Jahres 1946 verbesserte sich unsere Lage insofern, daß die Partisanen des Wachens und Schikanierens allmählich müde wurden. Man bemerkte, daß sie gelernt hatten, aus den Lagerinsassen reichlich Nutzen zu ziehen. Sie begannen sich besser zu kleiden, sie führten eine erstklassige Küche und fanden an uns eine unversiegbare Geldquelle. Ein Teil der Vertriebenen fand doch immer wieder Mittel und Wege, zu Geld und Wertsachen zu kommen. Es gab immer wieder gute Bekannte und Freunde auswärts, die unermüdlich und höchst opferbereit zuhilfe kamen. Die Partisanen nützen nun diese Gelegenheit weidlich aus, indem sie sich für fallweise Begünstigungen bestechen ließen. Anfangs hörte man es nur unter vier Augen, daß man sich die Flucht aus dem Lager durch einen gewissen Geldbetrag vom Kommandanten erkaufen kann, später wurde es ein offenes Geheimnis.

Da es gelang, meine Eltern auch nach Gakovo zu verlegen, reifte in uns der Entschluß, zu flüchten. In vollkommen unnötiger Aufregung ging ich schließlich zum Lagerkommandanten und versuchte mit ihm über die Flucht aus dem Lager zu sprechen. Ohne richtig meinen Wunsch ausgesprochen zu haben, erkannte derselbe sofort meine Absicht und erledigte diese Frage, ohne viele Formalitäten, rein geschäftlich. Ich übergab ihm unser gesamtes Geld von 3200 Dinar, und er teilte mir mit sachlicher Miene mit, daß ich am 4. 3. 1947 in der Früh abhauen könne.

Beim Verlassen von Gakovo hatte ich den Eindruck, daß die Bewacher des Lagers über den Fluchtweg genau informiert waren, denn es kam uns niemand in den Weg. Ein Partisan in Zivil führte uns, d. h. eine Gruppe von etwa zwanzig Leuten, auf dem kürzesten Wege über die ungarische Grenze. - Obwohl wir nun vollkommen mittellos waren, halfen uns viele Leute in Ungarn auf dem Wege nach Österreich.


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Als ich in Österreich ankam, wog ich kaum 43 kg, obwohl mein Körpergewicht normalerweise 72 kg war. Ich leide nun an einer schweren Lungentuberkulose, bin aber trotzdem dem Herrgott dankbar, daß es mir gelang, mein nun zehn Jahre altes Kind zu retten und gesund zu erhalten.

Meine Erlebnisse erscheinen mir heute wie ein schrecklicher Traum. Das Leid über den Tod meines Mannes konnte ich erst Jahre nach der Flucht aus Jugoslawien voll erfühlen. Zur Zeit seines Ablebens befand ich mich in einer derart verzweifelten Lage, daß ich seinen Tod nach den qualvollen Folterungen und fürchterlichen Leiden nur als Erlösung betrachten konnte. Ich habe ihn persönlich beerdigt und sein Grab mit meinen Tränen begossen. Kein Kreuz und kein Grabhügel bezeichnet die Stelle seiner letzten Ruhe.