1. Sowjetrussische Truppen vor den Grenzen Ostdeutschlands.

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Bis zum Sommer 1944 lagen die deutschen Ostprovinzen fernab von allem Kriegsgeschehen. Von Luftangriffen leidlich verschont, schienen sie die sichersten Gebiete des Reiches zu sein. Das ständige Zurückweichen der Ostfront beeinträchtigte das Sicherheitsgefühl ihrer Bewohner wenig, spielten sich die Kampfhandlungen doch immer noch Hunderte von Kilometern östlich von Memel und Weichsel ab.

Diese Lage änderte sich grundlegend nach dem Beginn der russischen Großoffensive am 22. Juni 19441). Innerhalb weniger Wochen durchmaßen die zahlenmäßig weit überlegenen sowjetischen Angriffsarmeen den weiten Raum zwischen Dnjepr und Weichsel, zerschlugen dreißig deutsche Divisionen und gelangten in unmittelbare Nähe Ostpreußens. In den ersten Augusttagen verursachten vorgeprellte sowjetische Panzerspitzen eine überstürzte Flucht der Bevölkerung des Memellandes2), die sich jedoch als übereilt erwies, da die russischen Truppen die Reichsgrenze nicht überschritten und in der Folgezeit wieder zurückgeworfen wurden.

Mit der Niederwerfung des polnischen Aufstandes in Warschau im September 1944 hatte die Entwicklung der Operationen im polnischen Raum, einen vorläufigen Abschluß gefunden. Die Front verlief von Süden nach Norden im allgemeinen entlang dem großen Weichselbogen bis Warschau, folgte dann dem Narew und lief auf einer Linie östlich von Lyck bis östlich von Schloßberg dicht an der ostpreußischen Grenze entlang bis über die Memel und führte weiter in nördlicher Richtung durch Litauen hindurch. Ostpreußen war nunmehr unmittelbares Hinterland der Front geworden, und auch das für die deutsche Kriegsindustrie so außerordentlich wichtige Industriegebiet Oberschlesien lag nur noch 150 km von der Weichselfront entfernt.

Der russische Angriffserfolg war umso schwerwiegender, als er außer den westlichen Gebieten Rußlands auch einen beträchtlichen Teil Ostpolens der deutschen Herrschaft entrissen hatte und die russischen Truppen für die folgenden Kämpfe auf eine aktive Teilnahme polnischer Kampfverbände rechnen konnten. Sogleich nach der Besetzung Ostpolens durch sowjetische Truppen hatte das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung das Regiment in dem befreiten Teil Polens übernommen (22. Juli 1944), und bereits vier Tage später wurde zwischen ihm und dem sowjetischen Befehlshaber ein Abkommen geschlossen, wonach Polen sich verpflichtete, alle militärisch mögliche Hilfe zur Bekämpfung der Deutschen zu leisten3). — Durch Aushebung von Soldaten und die Vereinigung der Partisanenverbände aus Ostpolen mit den seit dem Herbst 1943 auf russischer Seite eingesetzten polnischen Divisionen wurden die polnischen Streitkräfte beträchtlich vermehrt.


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Da sich das polnische Befreiungskomitee, das sich am 31. Dezember 1944 zur Provisorischen Regierung der Polnischen Republik konstituierte, ausschließlich aus kommunistisch gesinnten Polen zusammensetzte, die während des Krieges der Union der Polnischen Patrioten in der Sowjetunion angehört hatten, stellte die Wiedererrichtung des polnischen Staates auch einen politischen Erfolg der Sowjets dar, der von weitreichenden Folgen sein sollte.