2. Deutsche Verteidigungsmaßnahmen und Räumungspläne in den östlichen Provinzen.

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Die unmittelbare Bedrohung Ostdeutschlands, die durch den sowjetischen Vormarsch bis zur Weichsel und zur ostpreußischen Grenze entstanden war, führte seitens der deutschen politischen Führung zu verzweifelten Maßnahmen. Obwohl die Gesamtkriegslage im Herbst 1944 infolge des Vormarsches der Westalliierten bis an die deutsche Westgrenze, bei dem stetigen Zurückweichen der deutschen Armee in Italien und den Verlusten an der Südostfront bereits als aussichtslos gelten mußte, machte man sich glauben, daß durch ein Aufgebot des ganzen Volkes in letzter Stunde das Schicksal noch einmal gewendet werden könnte. Zu dieser Verkennung der Lage kam bei Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 die zum äußersten gesteigerte Zwangsvorstellung — von seinen politischen Vertrauten noch bewußt genährt —, die Generalität habe durch Sabotage die militärischen Rückschläge mitverursacht. Die Folge davon war Hitlers Erlaß vom 25. Juli 1944, durch den Goebbels das Amt eines Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz übertragen erhielt und der gesamte Staats- und Wirtschaftsapparat in erhöhtem Maße der Kontrolle der Bevollmächtigten der Partei unterstellt wurde. Neben Goebbels waren dies vor allem die Gauleiter, die schon seit dem 16. November 1942 zugleich auch die Stellung von Reichs-Verteidigungskommissaren innehatten und deren Befugnisse nun erweitert und auch auf Fragen der militärischen Verteidigung ausgedehnt wurden. Ihnen, nicht der militärischen Führung, wurde der Ausbau von Befestigungsanlagen in den Ostprovinzen und durch einen Erlaß Hitlers vom 18. Oktober 1944 die Aufstellung und Leitung des Volkssturms übertragen.

Noch im Juli 1944 wurde die gesamte arbeitsfähige männliche Bevölkerung Ostpreußens zum Ostwallbau aufgerufen. Bauern und Landarbeiter sowie die wegen Unabkömmlichkeit bisher von Einberufungen zum Kriegsdienst verschont gebliebenen Männer bis zum 65. Lebensjahr, dazu auch ausländische Arbeitskräfte wurden von den Kreisleitungen der NSDAP. zu Schippkolonnen zusammengestellt und in drei- bis vierwöchigen Kommandos während des Sommers und Herbstes 1944 an der östlichen Grenze Ostpreußens und hinter der Narew-Front zum Bau von Panzergräben, Schützenlöchern und Bunkern befohlen. Für den gesamten Ostwallbau von der Memel bis Warschau lag der Oberbefehl in den Händen des äußerst ehrgeizigen und brutalen Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars von Ostpreußen Erich Koch1).


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Im Gebiet des Generalgouvernements und des Warthegaues kam es ebenfalls zu umfangreichen Schanzarbeiten. Unter Einsatz von Polen und Deutschen wurden zwei hintereinander gestaffelte Stellungen ausgehoben, die vordere entlang der Linie Leslau—Kutne—Wielun, die weiter rückwärts gelegene längs der Linie Kolmar—Posen—Lissa. Weitere Befestigungsanlagen wurden im Zuge des Unternehmens Barthold entlang der alten schlesisch-polnischen Grenze gebaut und Teile der schlesischen Bevölkerung zu den Erdarbeiten herangezogen1). Desgleichen mußte die Zivilbevölkerung im östlich der Weichsel gelegenen Teil des Reichsgaues Danzig-Westpreußen und im Bereich der alten Pommern- und Obra-Stellung, die sich an der östlichen Grenze Pommerns und Brandenburgs hinzog, zum Stellungsbau antreten2).

Die Militärbefehlshaber der einzelnen Frontbereiche hatten bei diesen von den Reichsverteidigungskommissaren geleiteten Befestigungsbauten nur beratende Funktionen; daraus ergaben sich naturgemäß zahlreiche Meinungsverschiedenheiten, teilweise kam es zur Anlage von Befestigungen, die militärisch unbrauchbar oder taktisch unzweckmäßig waren. Im Hinblick auf die Tatsache, daß später fast überall die nötigen Truppeneinheiten zur Besetzung der in langen Monaten ausgebauten Stellungen fehlten, erscheint die ganze Aktion des Ostwallbaues heute als eine der verzweifelten und letztlich nutzlosen Anstrengungen der letzten Kriegsmonate.

Ähnliches gilt auch von der Einrichtung des Volkssturms. Die Idee des Volksturms war eine Folge des nach dem 20. Juli proklamierten totalen Kriegseinsatzes gewesen. Ursprünglich von dem damaligen Generalstabschef des Heeres, Generaloberst Guderian, an Hitler herangetragen, ging die Ausführung dieser Idee bald auf die Partei über, in der vor allem der ostpreußische Gauleiter Koch als ihr Verfechter hervortrat. Im Oktober 1944 wurde durch Goebbels im ganzen Reich die Bildung des Volkssturms proklamiert, der alle Männer vom 16. bis 65. Lebensjahr erfassen sollte, die bisher wegen kriegswichtiger Arbeiten oder wegen mangelnder Tauglichkeit vom Wehrdienst befreit gewesen waren. Die Gau- und Kreisleitungen der NSDAP, hatten die Aufstellung und Leitung dieser quasimilitärischen Organisation in der Hand. Zuerst in Ostpreußen, aber noch im Herbst 1944 auch in allen anderen Provinzen des Reiches wurden Volkssturmeinheiten geschaffen. Ihr militärischer Wert hat sich als äußerst gering erwiesen, und gerade im Osten des Reiches hat ihr Aufgebot im Grunde nur dazu geführt, daß die Zivilbevölkerung in den Wochen der Flucht vor der Roten Armee kaum noch männlichen Beistand besaß, was zur Steigerung ihrer Hilflosigkeit, ihrer Verluste und des Ausmaßes an Leiden führte.

Wesentlich bedeutsamer als die reinen Verteidigungsaufgaben wurde für das künftige Schicksal der ostdeutschen Bevölkerung die Art und Weise, wie sich die deutschen Behörden in der Frage der Räumung und Evakuierung verhielten. Bei den Parteiorganen war jede Beschäftigung mit Räumungsplänen von vornherein dadurch gehemmt, daß sie alles zu vermeiden hatten,


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was der mit allen Mitteln der Propaganda aufrechterhaltenen Siegeszuversicht der Bevölkerung Abbruch tun könnte, und daß überdies ihre Funktionäre in fast unglaublicher Hartnäckigkeit und Blindheit die wirklichen Gefahren ignorierten und an die immer aufs Neue angekündigte plötzliche Wendung der militärischen Lage Deutschlands glaubten oder solchen Glauben wenigstens zur Schau stellten. Gleichwohl begann man, oft auf Initiative der zivilen Verwaltungsstellen, der Regierungspräsidenten, Landräte und Oberbürgermeister hin, seit dem Sommer 1944 ernste Erwägungen darüber anzustellen, was mit der Zivilbevölkerung geschehen solle, wenn es den sowjetischen Armeen gelänge, in die östlichen Provinzen des Reiches einzudringen.

So unzulänglich die hier erörterten Maßnahmen blieben und so sehr sie propagandistisch beeinflußt sein mochten, so haben sie sich doch in einem Punkt als absolut gerechtfertigt erwiesen, nämlich in dem Wissen oder der Ahnung davon, daß ein Einbruch sowjetischer Truppen in deutschbewohnte Gebiete unerträgliche Leiden für die Zivilbevölkerung heraufführen werde und deshalb die Flucht oder Evakuierung der Bevölkerung die einzige Chance ihrer Rettung sei. In dieser Frage stimmten Regierungspräsidenten, Landräte und Bürgermeister, die sich sonst nicht selten gegen die Bevormundung seitens der Parteistellen wehrten, durchaus mit diesen überein. Und auch die Wehrmachtsbefehlshaber, die aus ihrer Erfahrung am deutlichsten wußten, was der Zivilbevölkerung bevorstehen würde, wenn sie in die Hände der siegreichen russischen Truppen fiele, unterstützten kategorisch das Verlangen, die deutsche Zivilbevölkerung des Ostens aus den Gefahrenbereichen zu evakuieren. Der Unterschied zwischen den einzelnen verantwortlichen Behörden bestand nur darin, daß die zivilen Verwaltungsbehörden ebenso wie die Wehrmachtsbefehlshaber in der Regel zeitiger an Räumungsvorbereitungen dachten und intensiver auf die Evakuierung der Zivilbevölkerung drängten, als die Gau- und Kreisleitungen dies aus Gründen des Prestiges zuließen. Leider aber lag die Kompetenz in allen Evakuierungsangelegenheiten in letzter Instanz bei den politischen Leitern der NSDAP., die eifersüchtig darauf achteten, daß ihre Anordnungen befolgt wurden. Dennoch zeigte es sich in der Behandlung der Evakuierungsfrage, daß auch unter den für die Räumung verantwortlichen Gauleitern keineswegs einheitliche Auffassungen herrschten. Während der Gauleiter von Ostpreußen, Koch, als ihm im Sommer 1944 vom Oberpräsidium Königsberg ein Plan zur Evakuierung der Bevölkerung Ostpreußens vorgelegt wurde, sich weigerte, diesen Plan auch nur als geheime Instruktion an die Verwaltungs- und Parteidienststellen in Ostpreußen weiterzuleiten, waren im Reichsgau Wartheland, im Reichsgau Danzig-Westpreußen, in Schlesien und in Pommern seit Juli/August 1944 immerhin bereits detaillierte Räumungspläne ausgearbeitet und geheime Instruktionen für den Ernstfall der Räumung ausgegeben worden1). Allerdings lag ihnen sämtlich eine völlig falsche Einschätzung der zu erwartenden russischen Großangriffe zugrunde. Insbesondere erwiesen sich die Vorstellungen über die Zeit, die man zur Evakuierung der Bevölkerung haben würde, als sehr irrig. Auch erstreckten sich diese Pläne meist nur auf


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das Hinterland der Front, und in vielen Fällen sahen sie Aufnahmegebiete für die Evakuierten vor, die im Zuge des späteren sowjetischen Angriffs selbst in kürzester Zeit zur Kampfzone wurden. Der Verlauf der russischen Offensive im Januar 1945 machte schließlich alle diese Überlegungen gegenstandslos und erwies die getroffenen Vorbereitungen als absolut unzulänglich.

Im Ganzen hat sich die Befehlsgewalt der Gau- und Kreisleitungen in der Räumungsfrage auch später mehr hemmend als fördernd ausgewirkt. Wenn es hier und dort durch die persönliche Tatkraft und die umsichtige Leitung einzelner auch gelang, das Chaos der Flucht zu bannen und durch die Organisation der Verpflegung und Unterkunft manche Not der Flüchtlinge zu mildern1), so hat der Zwang der Parteibefehle fast in allen Gegenden verhindert, daß die Flucht der Bevölkerung rechtzeitig begann2).