1. Allgemeines.

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Innerhalb des Gesamtprozesses der Vertreibung von über zehn Millionen Ostdeutschen nach Mittel- und Westdeutschland, der in den letzten Kriegsmonaten begann, später in den Potsdamer Beschlüssen von den Siegermächten zum Programm erhoben und durch die Ausweisungsaktionen der folgenden Jahre beendet wurde, stellt die Flucht der ostdeutschen Bevölkerung vor der Roten Armee den ersten Abschnitt dar. Etwa die Hälfte aller Deutschen aus Ostpreußen, Ostpommern, Ostbrandenburg, Schlesien und aus Polen, die heute in Mittel- und Westdeutschland als Vertriebene leben, kam während dieses erstes Zeitabschnittes auf dem Wege der Flucht aus ihren ostdeutschen Heimatorten über die spätere Oder-Neiße-Linie nach Westen. Diese Ost-West-Bewegung von rund 5 Millionen Ostdeutschen war zunächst nichts anderes als eine der kriegsbedingten Bevölkerungsverlagerungen innerhalb Deutschlands1), deren es schon mehrere gegeben hatte. Auch aus Berlin waren infolge des Luftkrieges 1,5 Millionen Menschen evakuiert worden oder selbständig abgewandert, und in der Rheinprovinz, die ebenfalls durch Luftangriffe besonders heimgesucht und seit dem Herbst 1944 zusätzlich durch die Annäherung der Westfront bedroht war, lebten um die Jahreswende 1944/45 rund 2 Millionen Menschen (d. i. 25 v. H.) weniger als 19392).

Die Flucht der ostdeutschen Bevölkerung nach Innerdeutschland unterschied sich von diesen Bevölkerungsbewegungen allerdings durch die Plötzlichkeit, mit der sie infolge des schnellen russischen Vormarsches hereinbrach, und die dadurch hervorgerufenen zahllosen Katastrophen. Auch das Ausmaß der Flucht aus dem Osten war größer, weil der Schrecken, den die sowjetischen Armeen unter der deutschen Bevölkerung verbreiteten, die Furcht vor der Besetzung durch die anglo-amerikanischen Truppen, ja selbst vor den Bombenangriffen um ein Vielfaches übertraf. Dennoch war prinzipiell die Evakuierung bzw. Flucht der ostdeutschen Bevölkerung nicht von anderer Natur als die Vielzahl kleiner und großer Bevölkerungsbewegungen innerhalb Deutschlands,


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die durch Kriegsmaßnahmen und Kampfhandlungen hervorgerufen worden waren und deren Rückläufigkeit nach Ende des Krieges als sicher zu erwarten stand.

Da die Flucht der ostdeutschen Bevölkerung heute fast nur noch als Einleitung und Vorstufe der darauffolgenden Vertreibung betrachtet wird, ist es notwendig, darauf hinzuweisen, daß den Flüchtlingen damals, als sie vor der Roten Armee flohen, nichts ferner lag als der Gedanke, ihre Entfernung von der Heimat könnte eine Verdrängung für längere Dauer oder schließlich gar eine dauernde Trennung von ihren angestammten Wohnsitzen, den Verlust ihrer Heimat bedeuten. Es war ihnen vielmehr selbstverständlich, daß das Verlassen der gefährdeten Heimatorte wie jede andere kriegsbedingte Evakuierung innerhalb Deutschlands nur eine vorübergehende und allenfalls für die Dauer des Krieges geltende Notmaßnahme war. Kaum jemand in Deutschland ahnte, daß zu dieser Zeit bereits die polnische Exilregierung und die Alliierten darin übereinstimmten, große Teile Ostdeutschlands an Polen zu übergeben und die dort wohnenden Deutschen auszusiedeln, und daß durch die Flucht somit die spätere Ausweisungsarbeit der Polen erleichtert, ihr gleichsam vorgearbeitet worden war. Wenn auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam aus der Flucht der ostdeutschen Bevölkerung auf ihren Willen zur Preisgabe der Heimat geschlossen und damit die spätere Austreibung begründet wurde, so war dies ein verhängnisvoller Fehlschluß und mußte in den Ohren der Ostdeutschen wie Hohn klingen. Denn erst durch die alliierten Beschlüsse über die Ausweisung der Deutschen östlich der Oder-Neiße, die während der Potsdamer Verhandlungen im Juli/August 1945 endgültig formuliert wurden, ist die im Zuge der Flucht erfolgte Ost-West-Wanderung von 5 Millionen Deutschen zu etwas anderem als einer kriegsbedingten und vorübergehenden Bevölkerungsbewegung geworden. Erst jetzt und dadurch, daß die Ausweisung auch der in Ostdeutschland Zurückgebliebenen beschlossen wurde, hörte die schon im Gange befindliche Rückkehr der Ostdeutschen, auf1) und wurde die durch die Flucht aus Ostdeutschland hervorgerufene Bevölkerungsverlagerung nach Westen endgültig. Die Flüchtlinge aus Ostpreußen, Ostpommern, Ostbrandenburg und Schlesien waren nunmehr, da ihnen die Rückkehr verwehrt und das Heimatrecht genommen worden war, im wahren Sinne des Wortes „Vertriebene”. Aus diesem Grunde muß auch die Flucht für die historische Betrachtung als ein Teil des Gesamtvorganges der Vertreibung gelten, obwohl sie zunächst eine rein kriegsbedingte Erscheinung darstellte.

Die Ursachen, die den Flüchtlingsstrom aus Ostdeutschland in den ersten Monaten des Jahres 1945 auslösten, waren zwingender, als dies bei anderen Evakuierungs- und Fluchtbewegungen der Zivilbevölkerung im Ersten oder Zweiten Weltkrieg der Fall war. Es galt nicht allein, der Front und den Kampfhandlungen auszuweichen, sondern einem Gegner, der, wie die im Herbst 1944 in Ostpreußen und schon vorher in den baltischen Ländern gemachten Erfahrungen gezeigt hatten, keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nahm, sondern — zur Vergeltung gegenüber der deutschen Bevölkerung und zum Beutemachen ermuntert — zügellos und brutal plünderte, die Frauen vergewaltigte und nach Belieben Zivilisten erschoß, Tausende in provisorisch errichtete Lager zusammentrieb und nach Osten verschleppte. Der Entschluß zur


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Flucht vor den sowjetischen Truppen war deshalb unter der gesamten deutschen Ostbevölkerung nahezu allgemein. Wohl benutzte die Parteipropaganda die Kunde von Greueltaten für ihre Zwecke, vor allem um eine Stärkung des Widerstandswillens zu erreichen, aber auch unabhängig davon war man in Ostdeutschland einer Meinung darüber, daß die Zivilbevölkerung Schlimmstes von den sowjetischen Truppen zu erwarten hatte.

Die ostdeutsche Bevölkerung machte sich auf die Flucht, obwohl von Januar bis März 1945 in allen ostdeutschen Provinzen ein äußerst strenger Winter herrschte, der unterwegs Erfrierungen, auf den eisglatten Straßen und schneeverwehten Wegen härteste Strapazen befürchten ließ. Hierzu kam, daß die Plötzlichkeit des russischen Vormarsches und der Mangel an ausreichenden Transportmitteln dazu zwangen, nur die nötigsten Gebrauchsgegenstände und Lebensmittel mitzunehmen. Der größte Teil des Besitzes, die Habe in Haus und Hof, mußten zurückgelassen werden, vor allem auch zahlreiches Vieh, was gleichbedeutend war mit seinem Verlust. Außerdem war vielerorts die Chance des Entkommens schon äußerst gering, da die russischen Panzer schneller waren als die Flüchtlingstrecks und überdies ständig die Gefahr bestand, eingeschlossen zu werden oder auf offener Straße in die Kampfhandlungen hineinzugeraten. Auch das Fehlen der zum Kriegsdienst eingezogenen Männer machte sich in dieser Notzeit für die Zivilbevölkerung sehr erschwerend bemerkbar.

Die hohe Zahl von Verzweiflungstaten und Selbstmorden in jener Zeit und bereits vor dem Eintreffen der russischen Truppen verdeutlicht die verzweifelte Notlage der ostdeutschen Bevölkerung in ihrer Furcht vor den Gefahren der Flucht und den unermeßlichen Leiden, die von der Roten Armee drohten. — In dieser entsetzlichen Not entschied sich dennoch die überwiegende Mehrzahl in allen deutschbewohnten Gebieten jenseits der Oder-Neiße für den Aufbruch zur Flucht, da alle Bedenken, die davon abhalten konnten, von der Furcht vor den Kampfhandlungen und vor den zu erwartenden Übergriffen der sowjetischen Truppen übertroffen wurden.

Bei der panikartigen Flucht, die überall allein das Erscheinen der Roten Armee auslöste, waren die amtlichen Anordnungen zur Räumung oft nahezu ohne Bedeutung. Eine geregelte Evakuierung im großen war meistens nicht mehr möglich oder zu spät begonnen worden. Die für die Räumung verantwortlichen Behörden vermochten eine überstürzte und regellose Flucht nicht zu verhindern, und die mit der Evakuierung beauftragten Organisationen waren trotz mancher aufopfernder Bemühungen, vor allem bei der NSV. und den Kreis- und Ortsbauernschaften, nicht imstande, den plötzlich anwachsenden Flüchtlingsstrom hinreichend zu lenken und zu versorgen.

Die Befehlsgewalt der Partei in allen Räumungsangelegenheiten hatte im ganzen zweifellos nachteilige Folgen, sie bedeutete aber keineswegs, daß die Flucht oder Evakuierung gegen den Willen der ostdeutschen Bevölkerung erzwungen worden ist. Dies geht allein schon daraus hervor, daß die Bevölkerung auch dann, wenn keine Räumungsbefehle gegeben wurden, in gleicher Weise flüchtete. Der Zwangscharakter, den die Räumung infolge der Anordnungen der Partei erhielt, bezog sich nur auf die von den Gau- und Kreisleitern angeordneten Räumungstermine, nicht auf die Flucht als solche. Nicht darin lag die Unverantwortlichkeit der parteiamtlichen Maßnahmen, daß Räumungs-


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befehle gegeben wurden, sondern daß dies infolge des Unvermögens der Parteibehörden, sich die wirkliche Lage einzugestehen, meist zu spät erfolgte und damit der Aufbruch zur Flucht eine Verzögerung erlitt, die ein rechtzeitiges Entkommen für Teile der ostdeutschen Bevölkerung unmöglich machte.

Obwohl die Flüchtenden, als sie sich auf die Flucht begaben, zweifellos nicht absehen konnten, was ihnen im einzelnen unter russischer Herrschaft bevorstand, so hat sich doch später an der vielfältigen schrecklichen Erfahrung derjenigen, die zurückgeblieben waren oder denen die Flucht mißlang, eindeutig erwiesen, daß die Flucht im Rahmen des Gesamtschicksals der ostdeutschen Bevölkerung nach 1945 noch das geringste Übel war. Unzählige Menschen sind dadurch vor Schlimmerem bewahrt geblieben, denn die Verluste, die während der Flucht entstanden, reichten — so schmerzlich sie waren — nicht an die viel höheren Verluste und Schädigungen heran, die als Folge der russisch-polnischen Herrschaft über Ostdeutschland für diejenigen entstanden, die in diesen Gebieten zurückgeblieben waren.