4. Zusammenfassung.

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Eine summarische Betrachtung der hauptsächlichen Erscheinungsformen der zahllosen Übergriffe, wie sie von der Roten Armee gegen die ostdeutsche Bevölkerung und ihr Eigentum verübt wurden, kann nur das Typische hervorkehren. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Vorgänge je nach Ortlichkeit, Umständen und Zeit gewisse Varianten zeigten.


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In größeren Städten, in denen sich noch eine relativ hohe Zahl Deutscher aufhielt, verteilten sich naturgemäß die Übergriffe auf eine größere Zahl, und das Leid traf den Einzelnen weniger gleichmäßig und manchmal auch weniger schwer als in Dörfern, in denen starke russische Einheiten Quartier machten. Die größere Anonymität, mit der sich das Leben einer Stadtbevölkerung vollzieht, setzte auch den Denunziationen polnischer und russischer Zivilarbeiter oder übelwollender Nachbarn engere Grenzen als auf dem Lande. Dazu kam, daß die Weitläufigkeit von Städten wie Königsberg, Breslau und Danzig größere Unterschlupf- und Versteckmöglichkeiten bot.

In Dörfern und kleinen Landstädten hing das Maß des beim Einzug russischer Truppen zu Erleidenden in erster Linie davon ab, ob starke russische Verbände oder nur kleine Einheiten einzogen. In der Regel waren es auch nicht die Kampftruppen, die noch im Gefecht befindlich waren, sondern die Nachschubeinheiten und Reserven, von denen die schwersten Übergriffe ausgingen1). Besonders katastrophal wirkte sich das Zusammentreffen mit russischen Truppen dort aus, wo es auf offener Landstraße während des Trecks erfolgte2). Hierbei gerieten die Flüchtlinge mitunter in Gefechte zwischen russischen und deutschen Truppen hinein; aber auch wenn sie davon verschont blieben, hatte das Auf treffen russischer Panzer auf Flüchtlingstrecks verheerende Wirkungen: Fuhrwerke wurden niedergewalzt, Menschen erschossen, das Gepäck geplündert.

Der Ablauf der Ereignisse bei der Begegnung mit den sowjetischen Truppen wurde schließlich auch durch den Zeitpunkt bestimmt, an dem diese erfolgten. Ganz allgemein gilt, daß in den ersten Wochen des sowjetischen Einmarsches im Januar/Februar 1945 schlimmere Übergriffe stattfanden als in den letzten Wochen vor dem Waffenstillstand im April und Mai. In den zuerst von russischen Truppen eroberten Gebieten Ostdeutschlands, in Ostbrandenburg, den südlichen Kreisen Ostpommerns, in manchen Gegenden Ostpreußens und in Oberschlesien war die Anzahl der Erschießungen größer, das allgemeine Verhalten der russischen Truppen ungezügelter und hemmungsloser als etwa in den schlesischen Randgebirgen, die erst im Mai in russische Hände fielen. Es ist auch deutlich, daß die Bevölkerung Danzigs und Königsbergs unter Ausschreitungen dieser Art schwerer zu leiden hatte als die Breslaus, das bis zum 6. Mai gehalten werden konnte. — Vielleicht hat in diesem Zusammenhang auch die Herkunft der Truppen und ihr Zivilisationsstand oder die Haltung der einzelnen Kommandeure eine Bedeutung gehabt. Ob man verglichen mit solchen grausamen Exzessen, wie denen von Nemmersdorf/Ostpr. im Oktober 1944, von Metgethen bei Königsberg im Februar 1945 und anderen, die sich zu Beginn der Besetzung deutscher Gebiete ereigneten, später von einer gewissen Abkühlung des Fanatismus der russischen Truppen sprechen kann, sei dahingestellt. Sicher ist, daß seitens der sowjetischen Armeeführung nach den ersten Wochen der Eroberung die Tendenz zu wachsen begann, Ausschreitungen zu begegnen,


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weil diese auf die Dauer die Disziplin der Armee untergraben mußten. Auch das Problem der Rückwirkungen, die auf die Moral kommunistischer Soldaten bei einer zu engen Berührung mit der kapitalistischen Welt eintreten konnten, wird mitgewirkt haben. Die sowjetischen Aufrufe, die die Rote Armee zur Vergeltung aufforderten, wurden daher etwa ab März 1945 eingestellt und statt dessen Tagesbefehle und Flugblätter ausgegeben, die zur Disziplin aufriefen1).

Gleichwohl vollzog sich auch in den Monaten März—Mai 1945 die Besetzung ostdeutschen Gebietes unter schwersten Leiden für die Zivilbevölkerung. Nur die Dichte und Intensität der Übergriffe und Gewalttaten wurde, soweit wir nach den Berichten urteilen können, etwas geringer; besonders krasse Einzelereignisse werden nicht mehr so oft bezeugt. Erst mit dem Zeitpunkt des Waffenstillstandes aber hat eine wirklich merkbare Erleichterung für die deutsche Zivilbevölkerung eingesetzt.