II. Die Rückkehr von Teilen der geflohenen Bevölkerung nach dem Ende der Kampfhandlungen.

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Allen deutschen Flüchtlingen, die in den ersten Monaten des Jahres 1945, getrieben von dem Entsetzen vor der Roten Armee, ihre Heimat in Ostdeutschland verließen, war die Vorstellung gemeinsam, daß sie bald wieder, wenn alles dies vorbei sei, in ihre Wohnorte zurückkehren könnten. Mancher mag dabei an eine militärische Wendung der Dinge gedacht haben, wie sie die Parteipropaganda fortgesetzt prophezeite, andere werden im Einfall der Roten Armee nach Deutschland deutlich das bevorstehende Ende des Krieges erkannt und sich davon eine Normalisierung und baldige Rückkehr versprochen haben. Sicher hatte der überwiegende Teil der Flüchtlinge überhaupt keine klaren Vorstellungen über das Wie und Wann einer Rückkehr, an die man aber doch fest glaubte, weil man sich einfach nicht vorzustellen vermochte, daß es anders kommen könnte oder daß mit der Flucht etwa gar der erste Schritt zu einer ständigen Entfernung von der Heimat getan sei. — Viele Flüchtlinge haben sich schon bei der Flucht so sehr von dem Gedanken an eine schnelle Rückkehr leiten lassen, daß sie sich nur so weit von ihren Heimatorten entfernten, wie es nach der jeweiligen Frontlage unbedingt nötig war, und mancher Flüchtlingstreck ist durch solches wiederholte Haltmachen schließlich doch noch von sowjetischen Truppen eingeholt worden.


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Es gehörte mit zu den Erfahrungen, die der Zusammenbrach im Mai 1945 über Deutschland brachte, daß die Vorstellungen von einer friedlichen Rückkehr der Flüchtlinge in die von ihnen vor der Roten Armee geräumten Orte sich als falsch erwiesen. — Wie wenig das Ende der Kampfhandlungen Gelegenheit für eine friedliche Rückkehr bot, merkten am ehesten diejenigen unter der geflohenen ostdeutschen Bevölkerung, die noch während der Flucht, oft schon bald nach ihrem Aufbruch, oft auch erst nach tagelangem Treck, unterwegs von vorstoßenden sowjetischen Truppen erfaßt wurden. Sofern sie überhaupt in ihre Heimatorte zurückkehren konnten, war es eine Rückkehr von geschlagenen, geschändeten und ausgeraubten Menschen, die, müde und verzweifelt, sich zuletzt nur in ihrer heimatlichen Umgebung noch einen Trost versprachen und oft genug auch darin enttäuscht wurden, weil sie kein Zuhause, sondern zerstörte und abgebrannte Wohnungen inmitten verlassener Orte vorfanden. — Auch die zahlreichen ostdeutschen Flüchtlinge, die bis nach Mitteldeutschland, nach dem Westen des Reiches, nach Böhmen und Mähren oder nach Dänemark gelangt waren, erfuhren sehr bald nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches, daß mit dem Ende des Krieges der Weg für eine Rückkehr nicht frei geworden war, sondern daß sich viele Barrieren und Hindernisse zwischen sie und ihre Heimat gestellt hatten. Die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen machte die Entfernung von Schleswig-Holstein nach Ostpreußen oder von Bayern nach Schlesien nahezu unüberbrückbar, und spätere Maßnahmen der Besatzungsmächte oder der nach Ostdeutschland eingedrungenen Polen, vor allem die Bestimmungen der Konferenz von Potsdam, ließen eine Rückkehr überhaupt unmöglich werden.

Daß es unter diesen Bedingungen und nach allem, was man in Mittel- und Westdeutschland vom Vorgehen sowjetischer Truppen und polnischer Milizeinheiten in Ostdeutschland erfuhr, überhaupt noch zu umfangreichen Rückkehrbewegungen von Flüchtlingen über die Oder und Neiße nach Osten gekommen ist, ist höchst verwunderlich und fraglos in den meisten Fällen nur dadurch zu erklären, daß sich nach dem Ende des Krieges, wo jedermann wieder nach Hause zog, die Bombenevakuierten in ihre zerstörten Städte und die aus Kriegsgefangenschaft entlassenen Soldaten zu ihren Familien, auch viele Flüchtlinge aus Ostdeutschland von jenem Drang zur Rückkehr in die Heimat erfaßt wurden, der sich über alle rationalen Einwände und kritischen Bedenken hinwegsetzte.

Bei der Betrachtung der einzelnen Rückkehrbewegungen der Flüchtlinge aus den Gebieten jenseits der Oder-Neiße ist zu unterscheiden zwischen den nicht aus Ostdeutschland herausgekommenen Flüchtlingen, deren Rückkehr nur einen internen Wanderungsvorgang innerhalb der einzelnen Provinzen östlich der Oder und Neiße darstellte, und der Rückkehr von geflohenen Ostdeutschen, die außerhalb der Oder-Neiße-Gebiete Zuflucht gefunden hatten, weil ihre Rückkehr eine effektive Zunahme der damaligen durch die Flucht stark zusammengeschmolzenen deutschen Bevölkerung in den Gebieten östlich der Oder-Neiße bedeutete.

Die Rückwanderung innerhalb der Oder-Neiße-Gebiete begann schon sehr zeitig. In den polnischen Gebieten, in Ostpreußen, Ostbrandenburg, in Teilen Westpreußens und im südlichen Streifen Ostpommerns


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machten sich bereits seit den letzten Januartagen Tausende auf den Rückweg, nachdem das schnelle Vordringen der Russen eine weitere Flucht unmöglich gemacht hatte1). Eine neue Welle der Rückwanderung folgte vor allem im März, als von Ostpommern und Dauzig her zahlreiche Deutsche aus Ost- und Westpreußen wieder in ihre Heimat zogen2) und gleichzeitig auch die während der Flucht von sowjetischen Truppen überrollte Bevölkerung Ostpommerns in ihre Heimatorte zurückstrebte3).

Eine Rückkehr von geflohenen Ostdeutschen aus Gegenden außerhalb der Oder-Neiße-Gebiete erfolgte dagegen erst nach dem Waffenstillstand und zwar im wesentlichen nur aus den Flüchtlingsaufnahmegebieten Böhmens und Mitteldeutschlands, die entweder schon bei Kriegsende von russischen Truppen besetzt waren oder später der russischen Besatzungsmacht unterstellt wurden. Das Protektorat Böhmen und Mähren, das von allen unter deutscher Herrschaft stehenden Gebieten als letztes von den Gegnern Deutschlands besetzt wurde, hatte als Aufnahmeland für Hunderttausende von Schlesiern besondere Bedeutung gehabt. Die Mehrzahl der hier versammelten Flüchtlingsmassen geriet schließlich doch noch in russische Hände; denn der überwiegende Teil Böhmens und Mährens wurde teils unmittelbar vor der Kapitulation Deutschlands, teils in den Tagen danach von sowjetischen Truppen besetzt, und nur einen schmalen Streifen längs der bayrischen Grenze nahmen amerikanische Truppen ein. Für die zahlreichen Flüchtlinge aus Schlesien, die in Böhmen und Mähren doch noch unter die Gewalt der Russen geraten waren, blieb die Rückkehr in ihre Heimat das einzig Gebotene, zumal die tschechischen Behörden und Milizeinheiten sehr drastische Maßnahmen zur Entfernung aller deutschen Flüchtlinge ergriffen4). — In einer ähnlichen Lage befanden, sich die ostdeutschen Flüchtlinge, die in Mitteldeutschland Zuflucht gefunden hatten. Fast ganz Sachsen, das gesamte Gebiet Brandenburgs mit Berlin sowie Vorpommern und Mecklenburg waren in den Wochen vor dem Waffenstillstand von der Roten Armee erobert worden, und später, Ende Juni 1945, fielen auch der westliche Teil des Landes und der Provinz Sachsen sowie Thüringen im Austausch gegen Westberlin unter die Verwaltung der sowjetischen Besatzungsmacht. Alle in diesen Gebieten Mitteldeutschlands befindlichen Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien, Ostpommern und Ostbrandenburg befanden sich somit in der Lage, daß sie ihre Heimatorte vor der Roten Armee verlassen hatten, ohne dem Regime der Sowjets entkommen zu bein, und viele von ihnen erstrebten deshalb die Rückkehr, wobei sie nicht unbeeinflußt davon blieben, daß die russischen Truppen


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sich im Gebiet der sowjetischen Besatzungszone nach dem Waffenstillstand sehr viel disziplinierter verhielten als vorher und man hoffen konnte, dies sei auch in der Heimat östlich der Oder-Neiße der Fall1).

Die russischen Militärbefehlshaber und die in den einzelnen Orten eingerichteten Kommandanturen verhielten sich zur Rückkehr der durch die Flucht versprengten deutschen Bevölkerung durchaus nicht einheitlich. Die auf der Flucht befindlichen Trecks, die unterwegs in russische Hände fielen, wurden in vielen Fällen sofort zur Umkehr gezwungen, oder es wurde ihnen wenigstens die Erlaubnis zur Rückkehr in ihre Heimatorte erteilt2). In anderen Fällen wieder kümmerte man sich wenig um sie, ließ sie bleiben, wo sie waren, registrierte sie an ihren Zufluchtsorten und behandelte sie wie die einheimische Bevölkerung.

Offensichtlich hatte die russische Führung ursprünglich beabsichtigt, daß in den gesamten deutschen und außerdeutschen Gebieten, die 1945 von russischen Streitkräften besetzt worden waren, die Bevölkerung wenigstens vorübergehend in ihre Heimatgebiete zurückkehren sollte, damit Flüchtlingsansammlungen vermieden und eine bessere Kontrolle der Bevölkerung ermöglicht werden konnten. Dahinter mochte einfach die Absicht stehen, aus militärischen Gründen eine gewisse äußere Ordnung zu schaffen oder die politische Siebung der Bevölkerung zu erleichtern; keinesfalls haben Maßnahmen dieser Art etwas mit der grundsätzlichen Einstellung der sowjetischen Politik zur Vertreibung zu tun. Diese war im Prinzip ihr letztes Ziel, das nur an einigen Stellen durch Erwägungen praktischer Natur verdunkelt wurde. Dies läßt sich etwa auch aus dem uneinheitlichen Verhalten der Sowjets zu den schon vor dem Potsdamer Abkommen von den polnischen Behörden begonnenen Ausweisungsaktionen erkennen, die von den Russen zwar damals aus besonderen Interessen in Einzelfällen behindert, im Prinzip aber gebilligt wurden3).

Auch an anderen Stellen erscheint die Haltung der Russen undurchsichtig und widerspruchsvoll. So wurde ein großer Teil der Flüchtlinge, die sich im Gebiet der sowjetischen Besatzungszone befanden und die teils von den zuständigen sowjetischen Kommandanturen oder den ihnen unterstellten deutschen Behörden den Befehl zur Rückkehr erhalten4) oder zu großen Teilen selbständig den Rückweg angetreten hatten, vor den Übergängen an der Oder und Neiße abgewiesen und nicht in ihre Heimatgebiete hineingelassen.

Die größte Verwirrung entstand hierbei im Raum von Görlitz.Dort wurden ab Ende Mai durch polnische Militärkommandos und die östlich der Neiße eingesetzten polnischen Verwaltungsbehörden die Neiße-Übergänge nach Schlesien für alle Rückkehrer gesperrt, so daß sich am westlichen Ufer und in der Stadt Görlitz der Rückwanderungsstrom staute. Die allgemeine Not stieg ins Unermeßliche, da zusätzlich vom Osten her die von den Polen in eilig betriebenen Aktionen zwangsweise Ausgetriebenen über die Neiße nach


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Westen kamen1). In ähnlicher Weise ist Ende Juni/Anfang Juli 1945 überall an den Übergängen über die Oder und Neiße der Weg für die Rückkehr gesperrt worden und gleichzeitig die erste Austreibungswelle aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße erfolgt, so daß in diesen Tagen und Wochen unzählige heimatlos gewordene Menschenmassen sich von Schlesien bis nach Stettin am westlichen Ufer von Neiße und Oder zusammendrängten.

Aber auch die Bevölkerungsbewegung zwischen den einzelnen deutsch bewohnten Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie, die sich aus dem Bestreben der Flüchtlinge zur Rückkehr in die Heimat ergab, wurde durch das Eingreifen russischer Truppen in mannigfacher Weise behindert oder vereitelt. Vor allem war es die Verpflichtung zur Zwangsarbeit, der alle Deutschen in den Wochen nach der Besetzung unterlagen, wodurch eine Rückkehr oft unmöglich gemacht wurde. Gleich, ob es sich um Flüchtlinge oder Einheimische handelte, wurden die in den Dörfern und Städten angetroffenen Deutschen zur Beseitigung von Trümmern, Bestellung von Feldern, zum Abbau von Eisenbahngeleisen sowie zu anderen Demontagearbeiten und Diensten für die sowjetische Truppe herangezogen2).

Vielen der Geflohenen war dadurch der Rückweg versperrt, und selbst diejenigen, die davon nicht betroffen waren oder heimlich den Rückweg angetreten hatten, mußten damit rechnen, unterwegs aufgegriffen und zu irgendwelchen Arbeiten gezwungen zu werden3).

Für manche Flüchtlinge dauerte es Wochen und Monate, ehe sie ihre Heimat erreichten, und ganz allgemein stellte es sich heraus, daß der Rückweg die vorangegangene Flucht an Strapazen und Gefahren noch weit übertraf4). Da der Eisenbahnverkehr im allgemeinen noch stillag, die Trecks in der Mehrzahl ihrer Pferde beraubt und die Gepäckstücke immer wieder geplündert worden waren, zogen die Flüchtlinge in der Regel zu Fuß mit nur wenigem Gepäck auf den Landstraßen einher, dabei ständig in Furcht vor russischen Truppen und polnischer Miliz. Der Weg führte durch zerschossene und abgebrannte Orte und über Landstraßen, wo noch die Tierkadaver sowie Leichen von Soldaten und Zivilisten lagen. Hunger und Durst forderten neue Opfer, und in der Regel fanden die Heimgekommenen zu Hause völlig ausgeraubte, wenn nicht gar abgebrannte Wohnungen vor, oder aber russische Besatzungstruppen hatten die Häuser bezogen.

Die allgemeine Unsicherheit jener Zeit und die auf dem Weg in die Heimat zu erwartenden Strapazen hielten manche Flüchtlinge davon ab, sofort nach dem Einzug sowjetischer Truppen den Rückweg anzutreten. Dies trifft beispielsweise für zahlreiche ostpreußische Flüchtlinge zu, die in Pommern von russischen Truppen überrollt worden waren. Die meisten von ihnen hatten einen 6-8 Wochen langen, gefahrvollen, seelisch und körperlich aufs äußerste


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anstrengenden Treck hinter sich, als sie in Pommern in die Hände der Russen fielen, und scheuten deshalb den Hunderte von Kilometern langen Rückweg, weil sie zu fürchten hatten, dabei ihrer letzten Habe beraubt zu werden, und nicht sicher sein konnten, ihre Heimatorte auch wirklich zu erreichen.

Da sie überdies erlebten, wie selbst in den Orten Pommerns polnische Behörden die Verwaltung übernahmen und polnische Miliz eine immer bedeutendere Rolle zu spielen begann, mußten sie, gestützt auf ihre Erfahrungen aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, für ihre noch weiter östlich gelegene ostpreußische Heimat das Schlimmste befürchten, zumal schon im Februar 1945, wovon freilich damals nur wenige Deutsche Kenntnis hatten, von den Vertretern der britischen, der amerikanischen und der russischen Regierung auf der Konferenz von Yalta erklärt worden war, „daß Polen beträchtlichen Landzuwachs im Norden und Westen erhalten muß”1).

Ähnliche Überlegungen spielten auch für die große Mehrzahl derjenigen eine Rolle, denen die Flucht in das mittlere oder westliche Reichsgebiet gelungen war. Für sie galt es, zunächst abzuwarten, was mit ihrer Heimat geschah, und nicht leichtsinnig das Leben und den wenigen geretteten Besitz aufs Spiel zu setzen, nachdem sie glücklich vor den Russen davongekommen waren. Die Nachrichten von Sperrungen der Oder-Neiße-Linie für Rückkehrer, von Deutschenverfolgungen in den Ostgebieten und von ersten Ausweisungen im Juni 1945 hielt die Masse der in der sowjetischen, amerikanischen, englischen und französischen Besatzungszone befindlichen Flüchtlinge vom sofortigen Aufbruch zur Rückkehr ab.

Im übrigen hatte die Einrichtung von Besatzungszonen eine Rückkehr aus der amerikanischen, der britischen und französischen Zone nach dem Osten rein technisch so gut wie unmöglich gemacht, da die Zonengrenzen wie überhaupt die Anordnungen aller Besatzungsmächte die Freizügigkeit des Verkehrs quer durch Deutschland verhindert hatten. Lediglich aus dem Gebiet der Sowjetzone konnten in den Wochen nach dem Waffenstillstand noch m größerer Zahl Flüchtlinge über di Oder und Neiße nach Osten zurückkehren. In Mecklenburg und dem westlichen Teil Pommerns waren es vor allem geflohene Einwohner aus Ostpommern, in Sachsen vor allem Schlesier, die den Rückweg antraten. Teilweise wurden sie von sowjetischen Kommandanturen oder deutschen Bürgermeistern dazu aufgefordert, teilweise machten sie sich auch selbständig auf den Weg zurück in ihre Heimat.

Bis die Sperrmaßnahmen der Polen Ende Juni 1945 den Massenstrom der Rückwanderer abstoppten, waren schätzungsweise bereits 300 000 bis 400 000 Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone wieder in ihre Heimat östlich der Oder und Neiße zurückgekehrt. Als schließlich in den Potsdamer Beschlüssen die Zustimmung der Großmächte zur Ausweisung der ostdeutschen Bevölkerung gegeben wurde, hörte die Rückkehr nach Ostdeutschland bis auf ganz geringe Nachzügler vollständig auf.

Erheblich größer als die Zahl der Rückkehrer aus der sowjetischen Besatzungszone war die Zahl derer, die nach dem Waffenstillstand aus dem Ge-


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biet der Tschechoslowakei in ihre Heimat zurückkehrten. — Rund 1,6 Millionen Deutsche aus Schlesien waren durch das Vordringen der Roten Armee nach Böhmen und Mähren hinübergedrängt worden1). Etwa die Hälfte von ihnen hatte in dem Schlesien unmittelbar benachbarten Streifen des Sudetenlandes Zuflucht gefunden. In den deutschen Orten des Sudetenlandes von Troppau im Süden bis nach Reichenberg im Norden war es infolgedessen zu einer ungeheueren Massierung von schlesischen Flüchtlingen gekommen, denen teils in Privatquartieren, teils in Massenlagern eine Notunterkunft geschaffen worden war. Da der Flüchtlingsstrom aus Schlesien trotzdem angehalten hatte, waren weitere Hunderttausende in dem an Sachsen angrenzenden Teil des Sudetenlandes oder im Innern Böhmens untergebracht worden, und viele waren auch quer durch Böhmen nach Bayern weitergezogen.

Je nach der Gegend, in der sich die schlesischen Flüchtlinge zum Zeitpunkt der Kapitulation befanden, ergab sich für sie eine sehr verschiedene Situation. Die nach Bayern Hereingeströmten waren froh, nicht mehr im Gebiet der Tschechoslowakei zu sein; aber eine Rückkehr nach Schlesien war für sie infolge der Besatzungsgrenzen in Deutschland nahezu unmöglich geworden. Für die vielen anderen, die sich im Sudetenland oder im Inneren Böhmens befanden, galt es, so schnell wie möglich dieses Gebiet zu verlassen, da seit dem Waffenstillstand überall in der Tschechoslowakei die Verfolgung und Internierung der Deutschen begann2). Die tschechischen Behörden ergriffen sogleich Maßnahmen, um die vielen deutschen Flüchtlinge, die nicht nur aus Schlesien, sondern auch aus der Slowakei, aus Ungarn und Rumänien in Böhmen und Mähren Zuflucht gesucht hatten, über die Grenzen abzuschieben. Viele Schlesier hatten sich, als der Krieg zu Ende war, bereits selbständig auf den Heimweg begeben; die anderen wurden in den folgenden Tagen und Wochen, teils zu Fuß, teils in Eisenbahntransporten, eiligst und auf dem kürzesten Weg über die Grenze geschickt. Auf diesem Rückmarsch durch das Gebiet der Tschechoslowakei waren sie fortgesetzten Belästigungen ausgesetzt, an denen sich russische Soldaten und tschechische Miliz je auf ihre Weise beteiligten3).

Bei ihrem Bestreben, die deutschen Flüchtlinge aus dem tschechischen Staatsgebiet zu entfernen, nahmen die tschechischen Behörden wenig Rücksicht darauf, ob den Schlesiern daraus wirklich eine Rückkehr in ihre Heimat erwuchs. Soweit sie sich in der Gegend um Prag und im Innern Böhmens aufhielten, wurden sie zunächst in Lager eingewiesen und dann meist auf dem nach Deutschland kürzesten Wege, nach Sachsen abtransportiert. Ebenfalls nach Sachsen hinüber drängte man die im nördlichen Teil des Sudetenlandes zwischen Eger und Reichenberg befindlichen Schlesier, denen es bei der allgemeinen Furcht vor tschechischen Verfolgungen oft auch selbst darauf ankam, so schnell wie möglich die tschechische Grenze zu passieren4). Viele versuchten von Sachsen aus, wo ihnen teilweise Lebensmittelkarten verweigert


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und längerer Aufenthalt untersagt wurden1), nach Schlesien zurückzukehren, was aber nur wenigen gelang, da, wie bereits dargestellt, ab 1. Juni die Neiße-Übergänge bei Görlitz für die Rückkehrer gesperrt waren.

Für diejenigen Schlesier, die im westlichen Teil Böhmens den Waffenstillstand erlebten, führte der kürzeste Weg aus dem Bereich der Tschechoslowakei hinaus nach Bayern. Er war auch insofern am ungefährlichsten, weil dieser Teil Böhmens nicht von russischen sondern von amerikanischen Truppen besetzt worden war und die Flüchtlinge infolgedessen der Berührung mit sowjetischen Truppen aus dem Wege gehen konnten.

Der Rückweg nach Schlesien blieb nur denen nicht verwehrt, die im östlichen Teil Böhmens Unterkunft gefunden hatten. Dies war jedoch etwa nur die Hälfte all derer, die aus Schlesien vor der Roten Armee über das Gebirge geflohen waren, insgesamt schätzungsweise 800 000 Menschen. An der schlesisch-tschechischen Grenze konnten die Polen nicht wie an der Oder und Neiße den Rückkehrerstrom sperren, dies gebot allein die Rücksicht auf die Tschechen. Deshalb begann sofort nach dem Waffenstillstand am 9. Mai ein gewaltiger Rückkehrerstrom über das böhmisch-schlesische Gebirge einzusetzen, der sich auf die gleichen Wege ergoß wie in den Wochen vorher die Flucht, nur daß die Flüchtlinge jetzt beträchtlich ärmer geworden waren und, nachdem sie Pferde und Wagen und einen beträchtlichen Teil des Gepäcks den Russen und Tschechen hatten lassen müssen, meist zu Fuß eiaherliefen. Bis Mitte Juni etwa dauerte dieser Rückstrom nach Ober- und Niederschlesien an2). Die teils völlig entleerten Dörfer und Städte Schlesiens füllten sich wieder mit Menschen, und als im Juli die Rückbewegung abgeschlossen war, hatten sie durchschnittlich wieder 50 Prozent ihrer alten Einwohnerzahl erreicht. Zusammen mit den rund 200 000 Schlesiern, denen es gelungen war, über die Neiße zurückzukehren, war es rund eine Million Menschen, die im Mai und Juni 1945 wieder in Schlesien eintrafen. Die deutsche Bevölkerung Schlesiens (Grenzen von 1937) war damit wieder auf rund 2,5 Millionen3) angewachsen, so daß hier auch unter der Herrschaft von Russen und Polen die deutsche Bevölkerung sehr zahlreich war.

Auch in Ostpommern war der Anteil der noch unter russischer Besetzung im Lande befindlichen Einwohner relativ hoch. Dabei spielte weniger die Rückkehr eine Rolle; denn infolge der polnischen Sperrmaßnahmen an der Oder kamen schätzungsweise nur 150 000 Ostpommern aus Mecklenburg und Vorpommern während der Monate Mai und Juni zurück, wobei dieser Zuzug etwa ausgeglichen wurde durch den Abzug zahlreicher ostpreußischer und westpreußischer Flüchtlinge, die von Ostpommern aus wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Im Gegensatz zu anderen Provinzen war aber in Ostpommern die Zahl der Zurückgebliebenen und nicht mehr rechtzeitig Herausgekommenen sehr hoch, so daß sich im Juni 1945, vor Beginn der ersten Ausweisungen, ca. eine Million Menschen in Ostpommern befand. Die Städte und Dörfer hatten durchschnittlich 50 bis 60 Prozent


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ihrer ehemaligen Einwohnerzahlen. In ihnen lebten schätzungsweise noch 150000—250000 Deutsche aus Ost- und Westpreußen sowie aus den polnischen Gebieten, die nicht in ihre Heimat zurückgekehrt waren, sondern ihr weiteres Schicksal in Ostpommern abwarteten1).

Die Bevölkerungsdichte in den einzelnen ostpommerschen Gebieten war sehr verschieden, je nach den Fluchtmöglichkeiten, die im Januar und März bestanden hatten2). Während in den westlichen Kreisen Pyritz, Greifenhagen, Naugard, Gammin und in den Hafenstädten Kolberg und Stolpmünde nur noch relativ wenige Deutsche lebten, betrug die Einwohnerzahl in anderen Kreisen, in der Gegend um Beigard, Köslin, Neustettin, Dt. Krone, Friedeberg, Stolp und Lauenburg teilweise über 75 Prozent des alten Standes3).

Am niedrigsten war die Zahl der Bevölkerung im Sommer 1945 in Ostpreußen. Rund 500 000 Einwohner waren in den Regierungsbezirken Gumbinnen, Königsberg und Allenstein in russische Hand gefallen4). Daneben sind auch in den westlich angrenzenden Kreisen Elbing, Marienburg, Stuhm, Marienwerder und Rosenberg fast 100 000 deutsche Einwohner zurückgeblieben, als die Rote Armee dieses Gebiet eroberte, oder später dahin zurückgekehrt. Zusammen mit den rund 200 000, die teils schon im März und April, teils auch erst nach der Kapitulation vor allem aus Pommern nach Ostpreußen zurückkehrten, zählte Ostpreußen (in den Grenzen von 1937) im Juni 1945 rund 800 000 Einwohner, d. i. knapp ein Drittel seiner Bevölkerung aus dem Jahre 19445).

Am schwächsten war die Bevölkerungsdichte in den östlichen Kreisen, dem Reg. Bez. Gumbinnen. Dort hatten die russischen Truppen nahezu menschenleeres Land in Besitz genommen, und obwohl schon ab Februar 194S zahlreiche im Samland unter die sowjetischen Truppen geratene Deutsche zwangsweise dorthin deportiert wurden6), hat die deutsche Bevölkerungszahl im östlichen Teil Ostpreußens unter russischer und polnischer Verwaltung kaum 15 Prozent ihrer ehemaligen Höhe erreicht. — Wesentlich zahlreicher war die deutsche Bevölkerung dagegen in den südlichen und mittleren Kreisen Ostpreußens. Die Städte Osterode, Allenstein, Mohrungen, Sensburg, Bartenstein, Heilsberg, Lötzen und die umliegenden Landgemeinden erreichten im Sommer 1945 durchschnittlich wieder die Hälfte ihrer alten Einwohnerzahlen. Die Masse der zu dieser Zeit in Ostpreußen lebenden deutschen Bevölkerung, wohl 500 000—550 000 Menschen, verteilte sich auf die südlichen Kreise, welche später auf Grund des Potsdamer Abkommens unter polnische Verwaltung kommen sollten, während in dem unter russische Verwaltung gestellten nördlichen Teil Ostpreußens, einschließlich Königsbergs, nur ca. 250000—300000 Menschen lebten7).


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In dem relativ kleinen Ostbrandenburg hat sich die Zahl der deutschen Einwohner durch Rückkehrer nur unerheblich vermehrt, zumal aus diesem Gebiet schon Ende Juni 1945 durch systematische Austreibungen der größte Teil der Deutschen gezwungen wurde, die Heimat zu verlassen. Vor Beginn dieser Austreibungsaktionen haben in Ostbrandenburg, dessen Bevölkerung zum größten Teil nicht rechtzeitig hatte fliehen können, jedoch noch rund 350 000 Menschen gelebt.

Nur von geringfügigem Ausmaß war die Rückkehr geflohener Deutscher in Danzig, in Westpreußen und in den west- und zentralpolnischen Gebieten. Die Deutschen, die sich in diesen Gebieten im Mai/Juni 1945 aufhielten, waren in der Regel Personen, die freiwillig dortgeblieben oder während der Flucht in russische Hände gefallen waren. Im Gebiet der Freien Stadt Danzig waren es rund 200 000 und auf polnischem Territorium etwa 800 000 Deutsche, die die Zeit der polnischen Herrschaft und der Ausweisungen in ihrer Heimat erlebten.


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