2. Vorgänge und Verhältnisse östlich der Oder und Neiße unter sowjetischer Militärverwaltung.

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Anders als im nördlichen Teil Ostpreußens blieb die sowjetrussische Militärverwaltung in den übrigen Gebieten Ostdeutschlands auf eine kurze Übergangszeit beschränkt, die mit der Besetzung bis Mai 1945 begann und mit der Verwaltungsübergabe an die Polen spätestens im Herbst 1945 endete. Je nach dem Zeitpunkt der Eroberung und der Verwaltungsübergabe an polnische Behörden war die sowjetische Militärverwaltung in den einzelnen Gegenden und Orten östlich der Oder-Neiße-Linie von unterschiedlicher Dauer.

In vielen Orten und Kreisen Niederschlesiens und Ostpommerns hat sich nach dem Ende der Kampfhandlungen zunächst ein mehrere Monate dauerndes Provisorium gebildet, das ohne polnische Mitwirkung allein durch die Maßnahmen der sowjetischen Besatzungsmacht bestimmt wurde und sich in vieler Hinsicht deutlich von der darauffolgenden Zeit der polnischen Verwaltung abhebt. Dagegen scheint für Oberschlesien, für Teile des südlichen Ostpreußens und vor allem für Danzig eine exakte Unterscheidung zwischen sowjetischer Besatzungs- und polnischer Verwaltungszeit kaum möglich zu sein, da in diesen Gebieten außer den russischen Truppen von Anfang an polnische Miliz, polnische Behörden und zahlreiche polnische Zivilpersonen neben- und durcheinander Einfluß ausübten.

Trotz solcher weitgehenden Verschiedenheiten in den einzelnen Gebieten1) kann jedoch insofern von einer allgemeinen sowjetischen Besatzungszeit ge-


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sprechen werden, als in allen deutschen Ostgebieten bestimmte von der sowjetischen Militärverwaltung ausgehende Maßnahmen durchgeführt wurden, und in allen Gebieten auf die Eroberung zunächst eine Zeit folgte, in der in erster Linie die sowjetischen Truppen und Befehlshaber das Schicksal der Deutschen bestimmten. — Bei vielem, was nach der Eroberung Ostdeutschlands durch die sowjetische Besatzungsmacht angeordnet oder durch einzelne ihrer Angehörigen in die Wege geleitet wurde, fällt es mitunter schwer, zu unterscheiden, wo es sich um Maßnahmen handelte, die im Interesse der Okkupationsmacht für nötig gehalten wurden, wo um Härte und Grausamkeit und bloße Schikane, und ob diese immer beabsichtigt waren oder nur menschlichem bzw. organisatorischem Unvermögen entsprangen.

So wurde die ohnedies durch die Flucht und die Kriegsereignisse durcheinandergeschüttelte Bevölkerung weiterhin durch Räumungs- und Evakuierungsmaßnahmen in Atem gehalten, vor allem, solange die Kriegshandlungen fortgingen.

In Ostbrandenburg, das den sowjetischen Armeen im Frühjahr 1945 als Aufmarschraum für den Kampf um Berlin diente, ist im Februar 1945 eine 25 km breite Zone an der Oder geräumt und die deutsche Bevölkerung in weiter ostwärts gelegene Kreise evakuiert worden1). Eine ähnliche Evakuierungszone entstand im März/April 1945 in Ostpommern, wo ein 15 km breiter Streifen längs der Ostseeküste aus militärischen Gründen der sowjetischen Armeeführung von der Landbevölkerung geräumt werden mußte2). Vorübergehende Evakuierungen dieser Art erfolgten im Zuge der Besetzung des Landes auch überall dort, wo die Front längere Zeit stillstand und eine Zusammenarbeit der deutschen Zivilbevölkerung mit deutschen Truppen befürchtet wurde. Schon im Samland waren aus diesem Grunde viele Deutsche nach Osten verschleppt worden3), und auch in Schlesien sind im Zuge solcher Maßnahmen durch die Rote Armee viele Tausende von Menschen in alle Winde zerstreut worden4). Erst im Sommer 1945 hörten diese Menschenverschiebungen allmählich auf, und die Deutschen konnten Hoffnung schöpfen, in ihrer Heimat oder in den Orten, in denen sie Unterkunft gefunden hatten, wieder seßhaft zu werden5).

Um einen Überblick über die Bevölkerungsverhältnisse zu gewinnen, hatten die nach dem Abschluß der Kampfhandlungen in den Städten und größeren Dörfern eingerichteten russischen Kommandanturen die Registrie-


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rung aller deutschen Einwohner angeordnet. Diese Registrierungen hatten jedoch noch einen anderen Zweck. Sie waren meist mit Befragungen und Verhören der einzelnen Deutschen verbunden und sollten alle nach Ansicht der Sowjets politisch verdächtigen und gefährlichen Elemente ausfindig machen, neben ehemaligen Mitgliedern der NSDAP, und ihrer verschiedenen Organisationen auch Volkssturmmänner sowie die ganze Gruppe der als „Kapitalisten” Bezeichneten1). Wurde dabei schon der Kreis der Verhafteten weit über das später in den Potsdamer Beschlüssen vorgesehene Maß ausgedehnt, so ließ sich die Behandlung der Verhafteten überhaupt nicht mehr rechtfertigen. Die in Gefängnissen und Lagern untergebrachten Verhafteten hatten, soweit sie nicht sofort nach Rußland deportiert wurden, unter fortgesetzten Verhören, zahlreichen Mißhandlungen und kärglichster Ernährung zu leiden. Im oberschlesischen Industriegebiet, wo die Zahl der Männer noch höher war als in anderen Gegenden, wurden die Verhöre und Verhaftungen aller irgendwie mit der NSDAP, verbundenen Deutschen, auch soweit es sich nur um formelle Mitglieder handelte, bereits eine Woche nach der Besetzung mit systematischer Gründlichkeit durchgeführt2). In den ländlichen Gegenden zogen sie sich dagegen meist durch die ganze Zeit der sowjetischen Militärverwaltung hin3). Offensichtlich entartete die politische Säuberung, die „Entnazifizierung”, unter den Händen der politischen Keimmissare oft zu bloßen Rache- und Verfolgungsakten, die nur noch wenig mit Rechtsprozessen zu tun hatten. In vielen Fällen bildete sie lediglich den Vorwand für Aktionen ganz anderer Art, wie vor allem die Deportation, vielleicht sogar die bewußte Vernichtung bürgerlicher Schichten4).

Besonders in den Wochen, die unmittelbar auf die Eroberung und Besetzung folgten, war die Behandlung der Deutschen durch die sowjetische Militärverwaltung in offenkundiger Weise von Vergeltungsgefühlen und der deutlichen Absicht zu einer mit europäischen Rechtsbegriffen unvereinbaren Erniedrigung der Beschuldigten geleitet. Da vielen Betroffenen die den Deutschen insgesamt zur Last gelegten Verbrechen der nationalsozialistischere Führung und Verwaltung in Rußland unbekannt geblieben waren, haben sie den kausalen Zusammenhang mit dem Vorhergegangenen nicht verstehen können.

Das gilt u. a. von der Art, mit der die russischen Besatzungsbehörden die deutsche Bevölkerung zum Arbeitseinsatz heranzogen. Grundsätzlich bestand Arbeitspflicht für die gesamte männliche und weibliche deutsche Bevölkerung von 15—65 Jahren5). Da es in denjenigen Orten, in denen sich noch Tausende von Deutschen aufhielten, nicht genügend sinnvolle Beschäftigung gab, wurden Arbeiten erfunden. Zweifellos spielte dabei neben dem Vergeltungstrieb


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der durch deutsche Maßnahmen in den russischen Besatzungsgebieten aufgereizt worden war, auch ein gewisser revolutionärer Fanatismus gegenüber der bürgerlichen Wohlhabenheit der Deutschen eine nicht unwesentliche Rolle1). Eine der ersten und der qualvollsten Arbeiten, zu denen die Deutschen herangezogen wurden, war das Aufsuchen und die Bestattung der Leichen und Tierkadaver, die infolge der Kämpfe und der vielen wahllosen Erschießungen in den Tagen des Einmarsches in den Ortschaften und auf den Landstraßen oft schon seit mehreren Wochen herumlagen2). Zu besonders unangenehmen Arbeiten suchten sich die sowjetischen Wachtposten vielfach bevorzugt solche Personen aus, in denen sie „Kapitalisten” sahen3).

Obwohl diese Zwangsarbeiten manche Schikane mit sich brachten und im allgemeinen auch äußerst anstrengend und erschöpfend waren, da bei langen Arbeitszeiten auch von Frauen schwerste Männerarbeit verlangt wurde4), blieb die Arbeit unter russischer Leitung für die deutsche Bevölkerung auch später, als der Arbeitszwang nachließ, die einzige Möglichkeit des Existierens; denn nur diejenigen, die arbeiteten, erhielten Verpflegung5), und überdies bot die Arbeit unter Aufsicht sowjetischer Wachen einen gewissen Schutz vor Übergriffen und Beraubungen”6). Noch immer kamen nämlich trotz ausdrücklicher Verbote der sowjetischen Kommandanturen7) sowohl Vergewaltigungen als auch Plünderungen, ja selbst Erschießungen durch einzelne russische Soldaten und Überfälle marodierender Banden keineswegs vereinzelt vor. Am häufigsten ereigneten sich die Übergriffe auf dem Lande, wo die sowjetischen Kommandanturen oft viele Kilometer weit entfernt waren8); aber auch in Städten wie Breslau, Danzig, Stettin sowie in den dicht besiedelten Orten des oberschlesischen Industriegebietes haben die sowjetischen Befehlshaber nicht vermocht, Plünderungen und Vergewaltigungen zu verhindern9). Erklärte Antifaschisten, ja selbst deutsche Juden hatten darunter bisweilen ebenso zu leiden wie ehemalige Parteiangehörige10).

Noch am günstigsten hatten es diejenigen Deutschen, die im persönlichen Dienst russischer Offiziere standen, so z. B. Frauen, die für die Kommandanturen kochen, waschen oder schneidern mußten. Sie wurden im allgemeinen gut behandelt, erhielten regelmäßige Verpflegung und lernten die Russen mitunter von einer besseren Seite kennen11). Eine gewisse Sonderbehandlung


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erfuhren auch die deutschen Arbeiter im oberschlesischen Industriegebiet. Dort traten bei den Maßnahmen der russischen Militäradministration sehr bald wirtschaftliche Gesichtspunkte in den Vordergrund. Ein erheblicher Teil der Bergarbeiter und Fachkräfte, die man zunächst fast sämtlich in Sammellager interniert hatte1), wurde auf Reklamation der einzelnen russischen Kommandanturen freigegeben2). Sie konnten nach ersten Notstandsarbeiten meist an ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren und erhielten bevorzugte Verpflegung.

In den anderen ostdeutschen Städten jedoch war das Los der deutschen Bevölkerung im allgemeinen sehr viel schwerer. Abgesehen von geringfügigen Aufräumungsarbeiten traf die sowjetische Militärverwaltung kaum irgendwelche Maßnahmen zum Wiederaufbau oder zur Ingangsetzung der Betriebe. Vielmehr wurde die deutsche Bevölkerung in den Städten mit dem systematischen Abbau allen wertvollen Inventars beschäftigt. Nicht genug damit, daß sämtliche Radio- und Photoapparate, alle Fahrräder, Schreibmaschinen und Klaviere abgeliefert werden mußten3), auch die Maschinen und Apparate aus den Fabriken, Versorgungsbetrieben und Wohnstätten, öffentliche Verkehrseinrichtungen, elektrische Anlagen sowie Inventar aus Schulen, Rathäusern, Hotels, Krankenhäusern u. a. wurden abgebaut und nach Rußland verladen. — Die Sowjetunion, die außenpolitisch den Anspruch der kommunistischen polnischen Regierung auf Ostdeutschland guthieß und unterstützte, hat nichts destoweniger alles getan, um vor der Auflösung ihrer Kommandanturen in Ostdeutschland und vor Übergabe der Verwaltung an den polnischen Staat aus den deutschen Ostprovinzen an wirtschaftlichen Werten herauszuholen, was noch irgend möglich war. Vom Frühjahr bis zum Herbst 1945 hat sie durch ihre Besatzungsorgane den Abbau wertvoller Industrieeinrichtungen und den Abtransport von Sachgütern mit äußerster Intensität und Beschleunigung betreiben lassen4) und hat hierbei auch durch eine Haltung des Gewährenlassens ihren Besatzungssoldaten und -Offizieren gestattet, sich persönlich an deutschem Eigentum zu bereichern. — Von den radikalen sowjetischen Demontagen in Ostdeutschland blieb nur das oberschlesische Industriegebiet bis zu einem gewissen Grade verschont. Hier ist es nur zum Abbau einzelner Anlagen und Maschinen gekommen5), im ganzen jedoch scheint die polnische Provisorische Regierung, die schon im Frühjahr 1945 die Zivilverwaltung in Oberschlesien übernommen hatte6), durch ihren Einfluß oder durch Verhandlungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht erreicht zu haben, daß die Demontagen auf ein Maß beschränkt blieben, das die Produktionsfähigkeit des oberschlesischen Industriegebietes nicht in Frage gestellt hat.


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Die Folge der umfangreichen Demontagen und Zerstörungen war, daß selbst die dringend notwendigen Versorgungsbetriebe stillgelegt wurden1). Die sowjetische Reparationsentnahme blieb indessen nicht auf die Städte und Industrieanlagen beschränkt, auch die Landwirtschaft wurde von ihr aufs stärkste betroffen. Der größte Teil der landwirtschaftlichen Maschinen, vor allem aber auch zahlloses Vieh wurde nach Osten weggeschafft. Schon beim Einzug der Sowjettruppen wurden für militärische Zwecke Tausende von Pferden requiriert; später erschienen immer neue sowjetische Kommandos auf den Höfen der deutschen Bauern, um auch die Kühe, Schweine, Ziegen und Schafe, ja selbst das Geflügel zu beschlagnahmen. Alle Ostdeutschen, die die Zeit der sowjetischen Militärverwaltung in ihrer Heimat erlebten, kennen aus eigener Anschauung die riesigen Viehherden, die im Frühjahr und Sommer 1945 nach Osten geleitet wurden2), oder wurden auf Befehl der Russen selbst zum Viehtreiben beordert und mußten es mit ansehen, wie wertvolles Nutz- und Zuchtvieh auf dem Wege nach dem Osten verendete3).

Durch diese sowjetischen Maßnahmen wurde die landwirtschaftliche Kapazität der deutschen Ostgebiete auch für die nun eindringenden Polen entscheidend geschwächt4). Wo einst eine sehr rationell arbeitende Landwirtschaft betrieben wurde, mußte man jetzt, sofern das Land überhaupt noch bebaut werden konnte, zu primitivsten Wirtschaftsmethoden und hunderterlei Notbehelfen greifen5).

Eine gewisse Ausnahme bildeten während des allgemeinen Niedergangs der Landwirtschaft lediglich die großen Güter. Im Gegensatz zu den kleinen Bauernhöfen, um deren Bewirtschaftung sich die sowjetische Militärverwaltung in der Regel wenig kümmerte, so daß sie nach Entnahme des Viehs und der Maschinen ausgeraubt und in ruiniertem Zustand ihren Besitzern überlassen oder leer und verlassen dem Verfall preisgegeben blieben, ist ein großer Teil der Rittergüter und Domänen von der sowjetischen Militärverwaltung beschlagnahmt und unter Aufsicht sowjetischer Militärkommandos in Betrieb genommen worden.

Während der größte Teil der Äcker infolge des Mangels an Arbeitskräften, Maschinen und Vieh brach lag6), wurden auf den von der Roten Armee in Besitz genommenen Gütern die deutschen Landbewohner aus der Umgebung versammelt, auch Vieh und nötiges Inventar zur Wiederaufnahme der Bewirtschaftung zusammengebracht.


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Ein erheblicher Teil der deutschen Landbevölkerung arbeitete bis zur Beendigung der Ernte- und Drescharbeiten im Herbst 1945 auf diesen in russische Militärkolchose umgewandelten Gütern1). Selbst aus den Städten wurden Deutsche zusammengeholt und nicht wenige gingen auch freiwillig dorthin, um für ihre Arbeit Lebensmittel zu erhalten2).

Manche der sowjetischen Militärkolchosen blieben noch in russischer Hand, als sonst bereits überall die polnische Verwaltung eingerichtet worden war3). Einzelne, besonders in Niederschlesien, waren wirtschaftlich leidlich geordnet; in einigen hatten sogar deutsche Verwalter die Leitung4). Sehr viele dieser Güter waren aber nur in Betrieb genommen worden, um das Getreide, das im Sommer 1945 auf den Feldern stand, zu ernten und für die Versorgung der sowjetischen Truppen zu gewinnen5). Nachdem dieses Ziel erreicht war, verlor die sowjetische Militärverwaltung daa Interesse an ihnen, trieb auch hier das Vieh ab und verlud die Maschinen nach Rußland6). Es kam sogar vor, daß die russischen Erntekommandos vor ihrem Abzug die Einrichtungen der Gutshöfe mutwillig zerstörten, um den Polen nichts zu überlassen7).

Für eine große Anzahl von Deutschen brachte die Beschäftigung auf den sowjetischen Kolchoswirtschaften wenigstens den Vorteil, daß ihnen eine, wenn auch noch so armselige Existenzgrundlage gegeben war. Nicht immer reichte auch hier die ausgegebene Verpflegung aus, um den Hunger der schwer Arbeitenden zu stillen; aber viele hatten wenigstens Gelegenheit, sich während der Ernte heimlich das Nötigste an Nahrungsmitteln zu verschaffen8).

Entschieden schlechter als auf dem Lande war die Ernährungslage in den Städten. Zwar setzte die russische Militärverwaltung zunächst in den Städten wie auf den Dörfern deutsche Bürgermeister und Verwaltungsstellen ein9), doch diese waren lediglich dazu verurteilt, die Befehle der sowjetischen Kommandanturen auszuführen, und sie hatten keineswegs die Macht, das Leben und die Wirtschaft in den Städten in Gang zu


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setzen. Da weder Lebensmittel im Lande waren, noch die Betriebe arbeiteten, lagen die Läden und Geschäfte still1). Deutsches Geld war nahezu wertlos geworden, und selbst in Großstädten wie Breslau wurde die Entlohnung für die arbeitende Bevölkerung fast ausschließlich in Naturalien gezahlt2). Auch die Strom- und Wasserversorgungswerke, ebenso die öffentlichen Verkehrseinrichtungen arbeiteten in den deutschen Ostgebieten während der Zeit der sowjetischen Militäradministration wohl fast nirgends3). Die Ursache lag zum Teil darin, daß manche Versorgungsanlagen durch Kriegseinwirkungen zerstört, die wichtigsten Fabriken demontiert und die Magazine geplündert waren.

Eine sehr verhängnisvolle Wirkung hatte es aber auch, daß bereits im Sommer 1945 nach Ostpreußen, Ostpommern und Schlesien eine große Anzahl polnischer Zivilpersonen eingeströmt war und sogleich begonnen hatte, die Geschäfte und Handwerksbetriebe ebenso wie die Bauernhöfe für sich zu beschlagnahmen. Jede Initiative zur Neubelebung des Wirtschaftslebens, die von der städtischen deutschen Bevölkerung hätte ausgehen können, wurde dadurch im Keime erstickt. Lediglich in einigen Städten Niederschlesiens, wo noch zahlreiche Deutsche lebten und die Polen sich erst im Herbst festzusetzen begannen, war nach den ersten Wochen der Besetzung ein eigenes Leben mit Ansätzen zu langsamer Aufwärtsentwicklung in Gang gekommen. Dies trifft z. B. für Schweidnitz zu, wo im Sommer 1945 sogar eine Reihe Läden wieder geöffnet hatte und wo mit deutschem Geld bezahlt werden konnte4). Auch in manchen kleineren Orten dieser Gegend konnten deutsche Verwaltungsstellen in der Versorgung der Bevölkerung im Sommer 1945 beachtliche Fortschritte erzielen5).

Im ganzen gesehen handelt es sich hier jedoch um Ausnahmen. Auch für Niederschlesien gilt, daß die Mehrzahl der Städte einer wachsenden Verwahrlosung anheimfielen, verwilderten und ihr deutsches Gesicht zu verlieren begannen. Es war überall das gleiche Bild, ob man Liegnitz, Glogau und Grünberg, die ostpreußischen Städte Osterode, Allenstein, Sensburg oder die pommerschen Köslin, Stolp und Treptow nimmt.

Die katastrophale Lage in den Städten Ostdeutschlands während des Sommers und Herbstes 1945 wird am deutlichsten veranschaulicht durch die unerhört hohe Sterblichkeit unter den Deutschen infolge des Hungers, der unhygienischen Verhältnisse und der großen körperlichen Erschöpfung. Nahezu in allen Städten Ostdeutschlands wüteten Typhusepidemien6), in Breslau und den kleineren schlesischen Städten ebenso wie in Ostpreußen, Ostpommern und Ostbrandenburg. In den pommerschen Städten scheint die Zahl der dabei entstandenen Menschenverluste am höchsten gewesen zu sein.


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So starb in Treptow und Stolp etwa ein Drittel der Einwohner während des Sommers und Herbstes 19451).

Ehe die Städte und Dörfer Ostdeutschlands offiziell unter polnische Verwaltung gestellt wurden und die russischen Besatzungsorgane ihre Kompetenzen an den polnischen Staat übergaben, kam es zu einer teilweise recht langen Periode des Überganges, des Nebeneinander- und Durcheinanderregierens von Polen und Russen, was vor allem für die im Lande befindlichen Deutschen höchst unerfreuliche Zustände schuf. Schon unmittelbar nach der Eroberung Ostdeutschlands hatten die Russen sich der Polen, die als Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter in Ostdeutschland lebten, als Ordnungsmiliz bedient und ihnen Aufsichtsrechte und Befehlsgewalt über die deutsche Bevölkerung gegeben2). In einzelnen Orten wurden ehemalige polnische Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter sogar als Bürgermeister eingesetzt3). Zu den bereits während des Krieges wie überall in Deutschland so auch in den Ostgebieten befindlichen polnischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen, von denen viele zwangsweise aus Polen zur Arbeit nach Deutschland verbracht worden waren, kamen außer den Angehörigen der polnischen Armee im Gefolge der sowjetischen Armeen viele Tausende von Zivilpersonen aus Polen über die alte deutsch-polnische Grenze4). Besonders im südlichen Ostpreußen, in Danzig, Oberschlesien und in manchen Gegenden Pommerns war das Gesicht der Städte und Dörfer schon im Frühjahr und Sommer 1945 stärker von den Polen als von russischen Truppen geprägt. An vielen Orten hatten sich sogar schon im Frühjahr 1945 polnische Verwaltungsbehörden etabliert5).

Während sich das reguläre polnische Militär als Besatzungstruppe offenbar im allgemeinen korrekter verhielt als die russischen Truppen6), wurde die aus bewaffneten polnischen Zivilisten bestehende polnische Bürgermiliz bald von der deutschen Bevölkerung mehr gefürchtet als die Truppen der Roten Armee7).

Aus dem Nebeneinander polnischer Behörden und russischer Kommandanturen, die weiter bestehen blieben, ergaben sich im Sommer und Herbst 1945 fortgesetzte Überschneidungen polnischer und russischer Anordnungen, wodurch die allgemeine Rechtlosigkeit und Unsicherheit für die deutsche Bevölkerung erheblich gesteigert wurden8). Nur teilweise erwuchsen daraus auch gewisse Vorteile, so, wenn z. B. die russischen Kommandanturen, wie es manchmal geschah, Schutz vor Übergriffen der Polen gewährten. Im allgemeinen waren sie dazu allerdings entweder nicht willens oder auch nicht imstande9).


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Die Kompetenzverhältnisse zwischen den polnischen Behörden und der sowjetischen Militäradministration waren in der Regel für die deutsche Bevölkerung völlig undurchsichtig, wahrscheinlich oft auch tatsächlich ungeklärt1). In manchen Gegenden kam es zu völlig getrennten nebeneinander liegenden polnischen und russischen Einflußbereichen. So gab es während des Jahres 1945 Dörfer, in denen allein die Russen bestimmten, während in Nachbardörfern polnische Behörden regierten2). In den Städten wurden mitunter getrennte deutsche Viertel eingerichtet, in denen die russische Kommandantur zuständig war, während in anderen Stadtvierteln polnische Behörden fungierten3).

Das Verhältnis zwischen Polen und Russen war in Ostdeutschland infolge der gegenseitigen Konkurrenz in der Beherrschung des Landes naturgemäß sehr gespannt, und in vielen Orten ist es zu fortgesetzten Auseinandersetzungen, ja sogar zu Schießereien zwischen ihnen gekommen4). Neben der alten nationalen Feindschaft hat dabei vor allem die Tatsache mitgewirkt, daß die russischen Truppen in Ostdeutschland einen systematischen Abbau aller wertvollen Sachgüter betrieben und den Polen ein Land übergaben, dessen Landwirtschaft und Industrie weitgehend ausgeraubt waren.

Nachdem auf der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) durch alliierten Beschluß — als provisorische Regelung bis zur endgültigen Entscheidung in einem Friedensvertrag — Ostdeutschland auch mit Zustimmung der Westmächte unter polnische Verwaltungshoheit gestellt worden war, sahen sich die Polen in ihren Bestrebungen gestärkt und setzten nunmehr die Polonisierung Ostdeutschlands mit gesteigerter Intensität fort. Obwohl ein Teil der sowjetischen Truppen im Lande blieb und russische Militärkolchose noch jahrelang in Ostdeutschland bestanden, war die Zeit der sowjetischen Militärverwaltung in Ostdeutschland mit dem Herbst 1945 im allgemeinen zu Ende.