IV. Das Schicksal der deutschen Bevölkerung östlich von Oder und Neiße unter russisch-polnischer Herrschaft seit 1945.

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Der Einfall der Roten Armee nach Ostdeutschland hatte zur Folge gehabt, daß über die Hälfte der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße nach Mittel- und Westdeutschland verdrängt worden war. Die Millionen von Deutschen, die durch die Flucht vor der Roten Armee die Heimat verlassen mußten, hatten an den Folgen der Vertreibung noch lange schwer zu tragen, und noch heute haben sie unter der Besitz- und Heimatlosigkeit zu leiden. Dennoch blieb ihnen wenigstens das schwerere Schicksal der Deutschen erspart, die im Frühjahr und Sommer 1945 unter sowjetische und polnische Herrschaft gekommen waren. Auch diesen über 5 Millionen Ostdeutschen, die den Einzug der sowjetischen Truppen in ihrem Lande erlebten oder nach dem Ende der Kampfhandlungen dorthin zurückgekehrt waren, ist der Verlust ihrer angestammten Heimat nicht erspart geblieben, nur traf sie dieses Schicksal später, und der Weg dahin gestaltete sich für sie unvergleichlich schwerer. Ehe sie mit nur wenigem Handgepäck ihre Heimat verlassen mußten, lebten sie lange Monate und manchmal Jahre unter russischer oder polnischer Herrschaft im Zustande völliger Rechtlosigkeit unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen, die ihnen schließlich die Austreibung, wenn sie sie noch erlebten, als Erlösung von unsagbaren Leiden erscheinen ließ.

Im Gesamtvorgang der Vertreibung der ostdeutschen Bevölkerung muß dem Schicksal der Deutschen in den Jahren der russisch-polnischen Herrschaft deshalb besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Sowohl die Flucht, die am Beginn des Vertreibungsprozesses stand, wie die Ausweisung als sein Ende würden weitgehend unverständlich bleiben und nicht hinreichend zu erklären sein ohne Betrachtung der dazwischen liegenden Zeit,


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die die Deutschen jenseits von Oder und Neiße seit 1945 unter der Herrschaft der Russen und Polen in ihrer Heimat erlebten.

Nachdem Deutschland militärisch besiegt war, entwickelte sich die Lage in den deutschen Ostgebieten, in Danzig und in Polen für die dort lebende deutsche Bevölkerung sehr unterschiedlich.

Völlig abgesondert von den übrigen ostdeutschen Provinzen wurde der Nordteil von Ostpreußen, der durch die Potsdamer Beschlüsse der Alliierten unter die Verwaltung der UdSSR, gestellt worden war. Im Unterschied zu diesem Gebiet erlebte die deutsche Bevölkerung im südlichen Ostpreußen, in Danzig, Ostpommern, Ostbrandenburg und Schlesien zunächst zwar ebenfalls mehrere Monate oder zumindest einige Wochen russischer Besatzung, kam aber später unter polnische Verwaltungshoheit. Ein wiederum anderes Los traf die Deutschen in den alten polnischen Gebieten, die ohne vorübergehende russische Besatzungszeit sofort nach Ende der Kampfhandlungen in den wiedererrichteten polnischen Staat zurückgegliedert wurden.

Für die Darstellung empfiehlt es sich deshalb, zuerst die Hergänge im nördlichen Ostpreußen, dann die Entwicklung in den übrigen ostdeutschen Reichsgebieten und schließlich das Schicksal der Deutschen im polnischen Staatsgebiet zu betrachten.