Nr. 1: Das Schicksal der Bevölkerung des Memellandes von August bis Oktober 1944.

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Protokollarische Aussagen des ehemaligen Landrats Buttgereit aus Heydekrug und des Gutsbesitzers Strauß aus M e m e l i. Ostpr.

Original, 6. Dezember 1952, 3 Seiten. Teilabdruck.

Nach einleitenden Mitteilungen über Personalfragen in der Verwaltung des Memellandes seit 1939 heißt es in der Niederschrift:

Etwa am 4. August 1944 kam ganz plötzlich ein Räumungsbefehl, nach dem die gesamte Bevölkerung unter Mitnahme des wichtigsten Inventars und vor allen Dingen des Viehs sofort abtransportiert werden sollte . . . Infolge der überstürzten Räumung herrschte ein ziemliches Durcheinander. Die Bevölkerung strömte in die Elchniederung und zum Teil in den Kreis Labiau, wo sich ungeheure Herden Großvieh ansammelten, die wegen der damals herrschenden Dürre zum Teil sehr unter Durst litten. Auf den einzelnen Plätzen im Moor konnte man Herden bis zu vielen Hundert Stück antreffen, denen es zunächst an jeder Versorgung fehlte.

Bekanntlich hat dann der Russe damals die ostpreußische Grenze noch nicht überschritten. Der Räumungsbefehl war gegeben worden, weil die Front total entblößt war und auch der Ostwall nicht besetzt war. Über letzteren ging nachher das Wort, daß die Russen nur drei Stunden gebraucht hätten, um ihn zu überschreiten: 2 ½ Stunden hätten sie lachen müssen, und eine halbe Stunde hätten sie zur Eroberung gebraucht.

Da der Russe die Grenze nicht überschritten hatte und sich die Lage an der Front wieder besserte, wurde etwa 14 Tage später der Befehl ausgegeben, daß die arbeitsfähigen Männer wieder auf ihre Höfe zurückgehen sollten, um zunächst einmal die Ernte zu bergen.Dieser Befehl wurde insofern nicht wörtlich durchgeführt, als auch ein großer Teil der Frauen mit auf die Höfe zurückgingen. In den Kreis Heydekrug wurde auch einiges Vieh wieder mit zurückgenommen, wobei sich zeigte, daß manche kleinen Bauern, die bis dahin vielleicht nur eine schlechte Kuh gehabt hatten, nunmehr zwei gute Herdbuchkühe ihr eigen nannten. Der weitaus größere Teil des Rindviehs war allerdings mit Hilfe der Wehrmacht nach dem Westen abtransportiert worden. Die Einbringung der Ernte sollte in organisierter Gemeinschaftsarbeit durch Zusammenstellen von Drescherkolonnen usw. durchgeführt werden, doch erwies sich, daß das nicht recht funktionierte. Es bildeten sich dann kleine Gemeinschaften innerhalb der Nachbarschaften, die sich gegenseitig aushalfen, was sehr viel besser ging. Der Befehl ging dahin, daß nach Möglichkeit alles geerntet werden sollte, daß der Verkauf und der Abtransport zurückgestellt werden sollte, damit die Herbstbestellung ebenfalls noch rechtzeitig vollzogen wurde. . .


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Vom 1. Oktober ab trat eine neue Gefährdung des Memelgebiets ein. Am 6. fuhr Strauß1) zum Kreisbauernführer Knutti nach Labiau, um die Aufnahmeräume für den Fall einer erneuten Flucht festzulegen. Am 7. früh kam dann der Räumungsbefehl, und zwar sollten zunächst die Bauernfrauen, die wieder auf den Höfen saßen, mit den Polen und Kriegsgefangenen trecken. Es herrschte aber auch jetzt ein großes Durcheinander, auch hinsichtlich der Befehlsgebung. Der Kreisleiter Wagner, der auch am Ostwallbau eingesetzt war, widerrief plötzlich den Räumungsbefehl und ordnete an, daß vorläufig alles an Ort und Stelle bleiben müsse. Auch wurde darüber gesprochen, daß der Räumungsbefehl tatsächlich schon am 5. gegeben sein soll, aber irgendwo zurückgehalten wurde. Als dann die Trecks wirklich in Gang kamen, war es zu spät. Bekanntlich wurden damals 4000—5000 Flüchtlinge auf der in das Kurische Haff hineinragenden Halbinsel, der sogenannten Windenburger Ecke, zusammengedrängt. Dieser Landstreifen wurde aber durch die Division Großdeutschland mit hervorragendem Opfermut verteidigt, so daß es gelang, alle Zivilpersonen, allerdings ohne Pferde und Wagen, mit Kähnen über die Kurische Nehrung überzusetzen.

Aus dem Kreise Memel sind vollbeladene Trecks kaum herausgekommen, da der Russe die Treckwege abschnitt. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung fehlt. Der Landesbauernführer Spickschen äußerte nachher zu Strauß: „Tausende von Memelnern klagen die Unfähigen an.” Bereits am 9. Oktober stand der Russe vor Memel und bombardierte die Stadt. Der Stab der Kreisbauernschaft ging befehlsgemäß aus der Stadt heraus, nachdem der Landrat schon vorher nach Labiau gegangen war, und verlegte seinen Sitz zunächst nach Nidden, später in den Kreis Samland, wo Strauß bei dem Kreisbauernführer Lukas Unterkunft fand.

Auch aus dem Kreis Heydekrug sind zahlreiche ländliche Bewohner nicht mehr rausgekommen. Zum Teil lag das auch daran, daß sich die Bauern schwer zum Trecken entschließen konnten. Sie wollten ihre Höfe vor dem herumstrolchenden Gesindel solange wie möglich bewachen und verpaßten dann häufig den'richtigen Zeitpunkt. Die flüchtige Bevölkerung kam in die Kreise Labiau und Samland.

Abschließend folgen Angaben über Versuche einer Entschädigungsregelung für die aus dem Memelland Evakuierten sowie über persönliche Schicksale.