Nr. 2: Evakuierung im August und Flucht imOktober 1944 aus dem Memelland.

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Erlebnisbericht der Bauersfrau Else Steinwender aus Wensken, Kreis Memel i. Ostpr.

Original, 12. November 1952.

Wir waren Bauern im Kreise Memel in Wensken, Ortsteil Meeßeln. Unsere Vorfahren kamen als Salzburger im Jahre 1732 nach hier und vererbten ihren Hof von Generation zu Generation. Bis wir, die Unglücklichsten in der zahl-


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reichen Reihenfolge, unsere von Urahnen geerbte Heimat, Haus und Hof, auf dem Wege der Flucht verlassen mußten. Die Flucht veranlaßte die immer näher rückende Front. Zum ersten Mal sind wir am 3. August 1944 im Treck mit den Nachbardörfern und fremden, eine endlose Karawane, etwa 120 km von unsrer Heimat weit geflüchtet.

Nach einer beschwerlichen Reise kamen wir am Sonntag, dem 7. August 1944, in Grünhof-Kippen bei Kreuzingen (Elchniederung), als die dortigen Bewohner friedlich beim Kaffeetrinken waren, an. Nach einigen Schwierigkeiten bekamen wir unser Quartier. Auf der Flucht sollten auch Großtiere mitgenommen werden. Welche sind aber wieder trotz allem zurück in heimatliche Gefilde. Nach einigen 15 km mußte der Zug über ein größeres Moorgelände, weil die Hauptstraßen für das Militär frei bleiben sollten. Die an Moorland ungewohnten Tiere sind vom Wege ab und im Moor stecken geblieben, wo sie einen elenden Tod finden mußten, weil sich kein Mensch um sie kümmerte. Auch sonst lagen viele verendete Tiere am Wege des Flüchtlingszuges.

Bei unserm Quartierherrn haben wir bei der Ernte mitgeholfen und mit Sehnsucht auf eine Heimkehr gewartet, die dann auch nach 3 Wochen eintraf. Zuerst nur Wagen und Pferde und arbeitsfähige Personen zum Ernteeinsatz. So sind wir dann im Eiltempo wieder freudig nach Hause gefahren und haben den Roggen, der schon 4 Wochen auf dem Felde stand und fingerlange Keime hatte, sowie das andere Getreide unter Dach gebracht. Anschließend wurde auch die Kartoffelernte beendet. Im September wurde auch der Roggen für das nächste Jahr gesät, obwohl hier und da Stimmen laut wurden, daß wir nochmals fort müßten. Das wollte keiner wahr haben, und wenn schon, dann kommen wir ja im Frühjahr wieder. Bis dann am 7. Oktober 1944 der Befehl erging, am Sonntag, den 8. Oktober, wieder mit allem bepackt, auf der Straße zu erscheinen.Wer dem Befehl nicht nachkam, galt als Landesverräter und trägt die Konsequenzen. Nun war guter Rat teuer, denn viele glaubten nicht mehr ernstlich daran, weil wir ja das erste Mal auch hätten dableiben können. Es sind dann auch nur zwei Nachbarn aus unserm Dorf am Sonntag fort. Am Montag, dem 9. Oktober, war es dann auch für viele zu spät; denn da war die Front schon spürbar in unserer Nähe. Flüchtende Soldaten ermahnten uns zur sofortigen Flucht. Nach größtem Überwinden (beim ersten Mal blieb mein Mann daheim) verließen wir unsern Hof und überließen unsere treuen Tiere ihrem Schicksal.

Für die kurze Strecke von ca. 5 km brauchten wir bis zum Abend. Soldaten, Flüchtlinge aus Litauen und die Unsern sperrten die Straße, daß es kein Durchkommen gab. Als durch Bomben ein Munitionslager in die Luft flog, hieß es: „Runter von der Straße, in dieWiesen rein.” Darauf wurde die Straße gesperrt, weil schon die Russen sie besetzt hatten. Nun war die Hauptstraße abgeschnitten. Fuhrwerke, die darauf weiter gefahren sind, sind unter feindlichen Beschuß gekommen und dabei ums Leben gekommen. Wir haben versucht, auf Nebenwegen über die schwierigsten Stellen herauszukommen, wenn wir über den Rußstrom gekommen wären, hätten wir uns außer Gefahr befunden. In dunkler, unheimlicher Nacht sahen wir, auf unsere Heimat rückblickend, als letzten Gruß die grauenhafte Feuerslohe über unserer Heimatstadt Memel. Kurz vor Heydekrug gerieten wir beinahe in ein Gefecht. Infolge verschiedener Hemmungen am Weg und an den Wagen haben wir zu unserm Unglück viel Zeit


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versäumt und mußten schließlich in Moorweide abseits vom Wege in ein Gehöft abbiegen.

Mit einem Male hieß es: „Die Russen sind da.” Starr vor Schreck schaute ich zu, wie die deutschen Soldaten hinter Gebäuden und Strohschobern in Deckung gingen. Die Nachbarin warf sich auf die Knie und betete laut um Gottes Hilfe, sahen wir uns doch mit unsern Kindern verloren. Wie durch ein Wunder wurde es plötzlich still, bis dann flüchtende deutsche Kolonnen einsetzten, denen wir uns, nach Abwurf alles nur Entbehrlichen, anschlossen. So sind wir noch vor Sprengung der Pilem-Brücke in Minge beim Morgengrauen angekommen. Meterhohe Granathaufen, Ausrüstung, Autos und aller erdenkliche Hausrat lagen mit erschöpften Menschen am Wege. Tausende von Fuhrwerken standen auf den weiten Mingewiesen und warteten auf die Übersetzung mit einer einzigen Fähre über die Minge. Viele werden wohl die Zwecklosigkeit eingesehen haben und versuchten schwimmend das andere Ufer zu erreichen. Viele sollen es nicht erreicht haben. Pferde haben wir selbst in der Mitte des Stromes untergehen gesehen. Eine Gutsbesitzerin, die mit mehreren Wagen aus ihrer Heimat fortgefahren war, kam in Labiau nur mit dem, was sie auf dem Leibe hatte, und einem Handtäschchen an. Ihre Leute ließen die Wagen im Stich, und der Wagen, den sie fuhr, ist auf der Fähre, weil die Pferde scheuten, in den Fluß gefallen. Sie hat nur mit knapper Not ihr Leben gerettet. Ein Fall von vielen. In unserer Ratlosigkeit sind dann mit einmal Männer in SA-Kleidung gekommen und haben uns aufgefordert, mit dem bereitstehenden Schleppkahn zu fahren, aber nur Frauen und Kinder. Die Männer sollten noch dableiben, um eventuell noch mit den Wagen herauszukommen. Wir haben es uns nicht zweimal sagen lassen, weil noch der Schrecken der vergangenen Nacht in unsern Gliedern steckte. Am Nachmittag sind wir fortgefahren. Bei Einbruch der Dunkelheit, es regnete und war sehr finster, blieb unser Kahn mitten im Haff mit abgestopptem Motor stehen. Es war Fliegergefahr, denn man hörte dauernd Fliegergeräusch. Am Morgen sind wir in Labiau gelandet. Nach mehreren Tagen im Lager habe ich meine Angehörigen erwartet, und wir sind dann über Open, Kreis Braunsberg, gekommen. Nach 14 Tagen mußten wir auch da fort, weil die Quartiere mit nachkommenden Flüchtlingen überfüllt waren. So kamen wir am 3. November in Sebnitz in Sachsen an. Nun konnten wir da 5 Monate bleiben, bis wir als Fremde und Nichtsachsen auch da am 28. März fort mußten und hier in Lauterbrunn am 31. März 1945 unsere zweite Heimat bezogen.