Nr. 3: Die Räumung des Kreises Angerapp anläßlich des russischen Vorstoßes Mitte Oktober 1944.

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Erlebnisbericht des ehemaligen Landrats von Angerapp (Darkehmen) i. Ostpr. Uschdraweit.

Photokopie, ohne Datum.

Am 20. Oktober 1944, ca. 6 Uhr, erhielt ich die Nachricht, daß der Russe um 3.30 Uhr in Nemmersdorf eingerückt sei. Irgendein Widerstand konnte


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nicht geleistet werden, da bis auf einige Batterien nennenswerte Kräfte nicht vorhanden waren. Diese Batterien konnten aber links der Straße Nemmersdorf—Gumbinnen ca. 12 Panzer abschießen und damit die Spitze zum Stehen bringen. Am Tage darauf wurde eine stärkere Abteilung der Führerbegleitbrigade eingesetzt und Nemmersdorf befreit. Ergebnis der Besetzung von Nemmersdorf waren 62 tote Zivilisten, in der Mehrzahl Frauen und Kinder. Kreis Angerapp am 20. Oktober noch frei.

Am 21. Oktober etwa 21 Uhr kam Anruf vom Amtsvorsteher Umhöfer-Gründann (am weitesten vorgeschobene Kreisecke nach Buylien), daß in dem Buyliener Forst Russen am Waldrand auftauchen und daß Artillerie-Geschosse im Gelände einschlagen. Zur selben Zeit ähnlicher Anruf von Lippold-Grasgirren. Umhöfer verlangt Räumungsbefehl. Ich setze mich mit stellvertretendem Kreisleiter Kaiser inVerbindung, der nach Befehl des Reichsverteidigungskommissars Koch als Parteibeauftragter nur allein nach vorheriger Fühlungnahme mit Koch oder Dargel Räumungsbefehle geben kann. Kaiser versucht fernmündlich Dargel zu erreichen, was wegen Abwesenheit unmöglich ist. Ich fordere von Kaiser Räumungsbefehl ohne Fühlungnahme. Kaiser lehnt ab. Um 23 Uhr wieder Anruf von Umhöfer, was er machen soll. Ich ersuche ihn mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß ich die volle Verantwortung übernehme, alle Gemeinden seines Amtsbezirks zu alarmieren und danach abzuziehen.

Etwa 1.30 Uhr am 22. Oktober ruft Umhöfer an, daß er abfährt und daß etwa 100 m vor seinem Hof ein russischer Panzer steht, der das Vorgelände bestreicht. Der ähnliche Anruf kommt von Lippold ca. 2.30 Uhr. Bei Hellwerden wird festgestellt, daß vom Kreise besetzt ist: Linie Dingelau—Wilhelmsberg, Gut — Vorfeld der Domäne Königsfelde. In dieser Linie haben sich die Russen eingegraben. Spitzen sind bis Weidegärten Weedern und Witt-Brindlacken vorgeschoben. Tagsüber versucht Kaiser Dargel zu erreichen. Vergeblich. Parteidienststellen, darunter NSV-Leiter Genée, der angeblich Quartier machen will, unauffindbar. Mir wird berichtet, daß Frauen ratlos sich in der Stadt zusammenrotten. Ich laufe zum Marktplatz, und es gelingt mir durch das Versprechen, die Bevölkerung nicht im Stich zu lassen, die Frauen zu beruhigen. Ich setze unter Leitung von Schulte und Gendarmeriemeister a. D. Neumann beide Kreisschlepper mit Anhängern ein, die alle Frauen und Kinder zum Bahnhof West fahren, wo der Vorsteher ca. 40 Güterwagen bereitgestellt hat. Schulte, Neumann und die Kreiskutscher bzw. Kraftfahrer mit der Begleitmannschaft leisten an diesem Tage Ungeheuerliches. Wenn auch der Russe nicht weiter kam, so ist doch in der Nacht kein Verlust eingetreten, als ca. 120 Bomben in die Stadt fielen, und auch in den nächsten Nächten trat kein ziviler Menschenverlust ein.

Gegen 17 Uhr kommt Anruf von Kleschauen, daß dort noch ca. 100 Frauen und Kinder auf der Straße sind und daß der Russe bereits bei Friedrichsberg näherkommt. Kaiser kann einen Lastwagen beschlagnahmen und schickt ihn nach Kleschauen. Nach 2 Stunden Anruf, daß LKW. nicht eingetroffen ist. Ich stelle fest, daß der Baustab (Parteidienststelle)1) den LKW. kurzerhand für Abtransport seiner Getränke und Vorräte beschlagnahmt hat. Ich schicke nun,


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etwa 21 Uhr, beide Schlepper zu Hilfe. Die Männer sind so müde, daß sie fast umfallen, aber es wird gefahren. Vorher Anruf vom Baustab, daß er die Auslieferung meiner Schlepper verlangt. Ich weigere mich, und als mit schärfstem Zwang gedroht wird, gebe ich die bindende Erklärung ab, daß ich die Schlepper unter Bewaffnung fahren lasse und auf jeden schießen lasse, der sich den Fahrzeugen nähert. Hörer wird unter Drohungen abgehängt. Die Schlepper kommen unbehelligt ca. 0.30 Uhr am 23. Oktober mit den Frauen und Kindern am Bahnhof West an. Gegen 2 Uhr geht der Güterzug Richtung Angerburg ab. Zu der Zeit beginnt der Bombenangriff. Verlust ca. 20 Soldaten, hauptsächlich in der Gudwallerstraße.

Während die Frauen und Kinder zum Bahnhof strömten, war dort Kreisleiter Lenk aufgetaucht, der bald darauf verschwand und betrunken im Gasthause Rowarren und anderen gesehen wurde. Die Tatsache führte später zu seiner Absetzung durch Dargel und Freigabe für die Wehrmacht. Es steht fest, daß in dieser höchst kritischen Situation außer Kaiser keine Parteidienststelle der Kreisinstanz am Platze war und seine Pflicht tat. Lenk begründete sein Verhalten in meiner Gegenwart, als er von Dargel abgesetzt wurde, er habe zu seinem Bauabschnitt zurückkehren müssen. (Dieser lag in der Gegend Tilsit.)

Endlich, am 23., ca. 11 Uhr, erreicht Kaiser Königsberg und schildert Dargel die Situation. Er wird von Dargel angebrüllt, weshalb er als stellvertretender Kreisleiter nicht die Bevölkerung an der Flucht gehindert habe. Wörtlich: „Ich erwarte in Kürze Meldung, daß Sie einige über den Haufen geschossen haben.” Auf Einwand von Kaiser, daß fast nur Frauen und Kinder da seien, erklärt Dargel, daß diese dann die Häuser verteidigen sollten. Als nach längerem Bemühen Kaiser Dargel klar macht, daß jedenfalls keine Bevölkerung in dem bedrohten Gebiet mehr da ist, gibt Dargel den Räumungsbefehl für den Kreisteil, der begrenzt ist von der Linie: Fluß Angerapp bis zur Stadt Angerapp — Bahnhof Ost -- Bahnstrecke nach Goldap. Nach längeren Bemühungen genehmigt Dargel endlich Räumung der Stadt selbst. (Gespräch wurde von mir abgehört). . .

Etwa 8 Uhr, am 23. Oktober, treffen ca. 30 Panzer auf dem Markt Angerapp ein, deren Kommandeur (Oberstleutnant) zu mir kommt und erklärt, nicht Angriff fahren zu können, da Straße Angerapp—Ostbahnhof durch 3 Reihen Flüchtlingsfahrzeuge verstopft ist. Er müsse durch und könne für die dadurch entstehenden Verluste an eigenen Menschen nicht einstehen. Ich bitte um Zeit von einer Stunde, und es gelingt mir mit der Gendarmerie tatsächlich, die Straße in dem Zeitraum freizumachen und die Kolonnen in Richtung Schabienen abzulenken. Da die Panzer zu wenig Sprit haben, kann ich dem Kommandeur glücklicherweise noch 9000 kg Benzin geben, das bei Tenfert lagert und vom Bauabschnitt beschlagnahmt ist. Der Angriff wird etwa 10 Uhr gefahren, und es gelingt, bis zum 24. Oktober den Russen bis Zellmühle (Riauten) zurückzuschlagen.

Nach Beruhigung der Frontlage begann Vieh- und Getreideräumung. Mein Gespräch mit v. Jaraczewski und sein Einsatz als Räumungskommissar. Fahrt zur Armee zu Oberstleutnant Gravenhorst. Dort Zusicherung von Hilfe an


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Mann und Transportmitteln. Schwierig die Freigabe von Jaraczewski vom Volkssturm. Nach vielen Bemühungen wird stets widerrufliche vorübergehende Beurlaubung genehmigt. Nach ca. 10 Tagen erscheint Landesbauernführer Spickschen bei mir und setzt Kröhm als Bauernführer ab, da er sich von mir habe vollkommen beiseiteschieben lassen. Ich kann Kröhm in Schutz nehmen, da ein Befehl von Koch herausgekommen ist, wonach Landräte die Räumung verantwortlich übernehmen. Dieser Befehl wird später widerrufen und die Bauernführer beauftragt. In den letzten Wochen vor dem ostpreußischen Zusammenbruch wurde dann jede Verantwortung den Kreisleitungen übertragen (Daten leider nicht mehr erinnerlich). Zahlen der Räumung: ca. 38000 Stück Vieh (darunter große Mengen aus Kreis Gumbinnen und Goldap), rund 20 000 t Getreide. Schweine? (Besonders aus dem Teil ostwärts der Angerapp das meiste von der Wehrmacht wild geschlachtet). Landräte behielten zum Schluß nur noch Verantwortung für Räumung von gewerblichen Gütern und Maschinen. Im Verlauf der 3 Monate bis zum Zusammenbruch der Front hat die Bevölkerung noch an eigenen Sachen große Mengen abtransportiert.

Abschließend erwähnt Vf. den Einsatz des Volkssturms und gibt detaillierte Auskunft über einzelne Fragen im Zusammenhang mit der Räumung.