Nr. 4: Russische Greueltaten in Nemmersdorf im Oktober 1944.

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Erlebnisbericht des Volkssturmmannes K. P. aus Königsberg i. Ostpr.

Original, 14. Januar 1953, 7 Seiten. Teilabdruck.

Vf. berichtet eingangs über seine Einziehung zum Volkssturm und den Einsatz zur Rückeroberung Nemmersdorfs.

Meine Volkssturmkompanie erhielt dann den Befehl, in Nemmersdorf aufzuräumen. Schon kurz vor Nemmersdorf (Richtung Sodehnen—Nemmersdorf) fanden wir schon zerstörtes Flüchtlingsgepäck und umgeworfene Wagen. In Nemmersdorf selbst fanden wir den geschlossenen Flüchtlingstreck.1) Alle Wagen waren durch die Panzer vollständig zerstört und lagen am Straßenrand oder im Graben. Das Gepäck war geplündert, zerschlagen oder zerrissen, also vollständig vernichtet. Dieser Flüchtlingstreck war aus der Gegend Ebenrode und Gumbinnen. Ich stellte dieses beim Aufräumen fest. Im Straßengraben fand ich ein Männerjackett. Aus der Brusttasche ragte ein Stück weißes Papier heraus. Nicht Neugierde, sondern tiefstes Mitleid mit diesen armen Menschen ließ mir keine Ruhe, nachzusehen, was es war. Es ist gut, daß ich es getan habe.


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Es war ein Briefumschlag mit der Aufschrift: Schmiedemeister Grohnwald, Gumbinnen. In dem Umschlag steckten 5 Zwanzigmarkscheine. Diese steckte ich in den Umschlag zurück in der Hoffnung, daß der Besitzer doch noch einmal zurückkommt. Das ganze Flüchtlingsgut wurde gesammelt und in die Dorfkirche getragen. Von der Zivilbevölkerung haben wir nichts gefunden.

Am Dorfrand in Richtung Sodehnen-Nemmersdorf steht auf der linken Straßenseite ein großes Gasthaus „Weißer Krug”, rechts davon geht eine Straße ab, die zu den umliegenden Gehöften führt. An dem ersten Gehöft, links von dieser Straße, stand ein Leiterwagen. An diesem waren 4 nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt. Hinter dem „Weißen Krug” in Richtung Gumbinnen ist ein freier Platz mit dem Denkmal des Unbekannten Soldaten. Hinter diesem freien Platz steht wiederum ein großes Gasthaus „Roter Krug”. An diesem Gasthaus stand längs der Straße eine Scheune. An den beiden Scheunentüren waren je eine Frau, nackt in gekreuzigter Stellung, durch die Hände angenagelt. Weiter fanden wir dann in den Wohnungen insgesamt 72 Frauen einschließlich Kinder und einen alten Mann von 74 Jahren, die sämtlich tot waren,1) fast ausschließlich bestialisch ermordet bis auf nur wenige, die Genickschüsse aufwiesen. Unter den Toten befanden sich auch Kinder im Windelalter, denen mit einem harten Gegenstand der Schädel eingeschlagen war. In einer Stube fanden wir auf einem Sofa in sitzender Stellung eine alte Frau von 84 Jahren vor, die vollkommen erblindet [gewesen] und bereits tot war. Dieser Toten fehlte der halbe Kopf, der anscheinend mit einer Axt oder Spaten von oben nach dem Halse weggespalten war.

Diese Leichen mußten wir auf den Dorffriedhof tragen, wo sie dann liegen blieben, weil eine ausländische Ärzte-Kommission sich zur Besichtigung der Leichen angemeldet hatte. So lagen diese Leichen dann 3 Tage, ohne daß diese Kommission erschien. Inzwischen kam eine Krankenschwester aus Insterburg, die in Nemmersdorf beheimatet war und hier ihre Eltern suchte. Unter den Ermordeten fand sie ihre Mutter von 72 Jahren und auch ihren alten schwachen Vater von 74 Jahren, der als einziger Mann zu diesen Toten gehörte. Diese Schwester stellte dann fest, daß alle Toten Nemmersdorfer waren.

Am 4. Tage wurden dann die Leichen in zwei Gräber beigesetzt. Erst am nächsten Tage erschien die Ärzte-Kommission, und die Gräber mußten noch einmal geöffnet werden. Es wurden Scheunentore und Böcke herbeigeschafft, um die Leichen aufzubahren, damit die Kommission sie untersuchen konnte. Einstimmig wurde dann festgestellt, daß sämtliche Frauen wie Mädchen von 8—12 Jahren vergewaltigt waren, auch die alte blinde Frau von 84 Jahren. Nach der Besichtigung durch die Kommission wurden die Leichen endgültig beigesetzt.

Es folgen Darlegungen weiterer Erlebnisse des Vf. sowie eine Wiedergabe mehrerer Nachrichten über andere russische Gewalttaten.


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