Nr. 5: Die letzten Monate und Tage vor der Einnahme Insterburgs durch die Russen.

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Erlebnisbericht des ehemaligen Bürgermeisters von Insterburg i. Ostpr., Dr. Wander.

Original, 7. November 1952

Nachdem Vf. ausführlich die immer bedrohlicher werdende militärische Lage im Herbst 1944 skizziert und über den schweren Luftangriff auf Insterburg am 27. Juli 1944 berichtet hat, fährt er mit der Schilderung fort:

In der nächsten Zeit folgten nur kleinere Luftangriffe, aber es verschlechterte sich die militärische Lage weiter. Anfang August drang der Feind vorübergehend ins Memelland ein und überschritt auch — es war wohl Anfang September — die Reichsgrenze bei Ebenrode und Schloßberg. Der Ostteil dieser beiden Kreise und das Memelland wurden damals von der Bevölkerung und dem lebenden Inventar evakuiert, und wir erinnern uns alle der Monate, als etwa 20 000 Stück besten Rindviehs auf den Insterwiesen unweit Insterburg standen.

Von der städtischen Bevölkerung war nach dem Luftangriff vom 27. Juli und den anschließenden schwächeren Angriffen ein Teil auf das Land zu Verwandten oder Bekannten gegangen, und das war auch den Nichtberufstätigen, den Frauen und Kindern gestattet. Verboten waren dagegen jede Vorbereitung einer Räumung für den Fall der unmittelbaren Feindgefahr. Derartige Versuche wurden als Defaitismus ausgelegt und mit dem Verfahren vor dem Sondergericht bedroht.

Als ich Anfang August mit der Planung einer etwaigen Räumung der Stadt beginnen wollte und u.a. Verhandlungen mit der Reichsbahn und der Schiffahrtsgesellschaft in Königsberg führte, wurde ich in harter Form vom Oberpräsidenteri und der Regierung zur Rede gestellt, was das bedeutete und wenn das der Gauleiter ... Es war nicht leicht, eine gute Ausrede zu finden. In Königsberg machte sich wohl eine Anzahl Leute ihre Gedanken, was wohl geschehen müsse, wenn der Feind in Ostpreußen eindringe, aber wohl auf Veranlassung des Gauleiters Koch durften die im Oberpräsidium verantwortlichen Persönlichkeiten bei ihrer Planung nur mit der Möglichkeit eines vorübergehenden Feindeinbruchs rechnen, der in kürzester Zeit wieder beseitigt sein würde. Und so beschäftigte man sich auch nur mit der Frage, wie wertvolle Warenlager und wichtige Maschinen gerettet und anderweitig sichergestellt werden könnten, und auf welche Weise es zu verhindern wäre, daß der Feind Nutzen aus gewerblichen und industriellen Anlagen zöge.

So geschah es eines Tages, daß die Stadtverwaltung vom Oberpräsidium etwa 150 Briefe abholen mußte, die als „streng geheim” im Tresor zu ver-


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schließen waren und auf das Stichwort „Zitronenfalter” an die Adressaten ausgehändigt werden sollten. Diese Briefe waren an die großen und mittleren Industrie- und Handelsbetriebe gerichtet, wie z. B. die Stadtwerke, Drengwitz, Toussaint, Wollenschläger, Schmissat, Enskat, die großen Druckereien, Textil- und Lederwarengeschäfte, Mühlen usw. Durch diesen Brief, der also erst auf Befehl im Falle höchster Gefahr zugestellt werden sollte, wurden die Adressaten, — also die Betriebsführer — aufgefordert, sich unverzüglich zur Bahn zu begeben und dort die sofortige Verladung der wichtigsten Maschinen oder Vorräte zu vereinbaren. Es war jedem Betrieb ein Ausweichbetrieb in einer anderen ostpreußischen Stadt, Königsberg, Zinten, Heiligenbeil, Allenstein u. a. angegeben. Diese Briefe sind niemals zugestellt worden. Was wäre wohl auch geschehen, wenn wir wirklich einmal im Augenblick der Gefahr nach diesen Weisungen hätten handeln müssen? Es wäre niemals möglich gewesen, in kürzester Zeit für so viele Güter Fahrzeuge und Waggons zu bekommen und außerdem die Arbeitskräfte, um die Maschinen zu demontieren und diese und Vorratslager zur Bahn zu schaffen.

Vorbereitungen zu einem Abtransport der Bevölkerung bei Feindgefahr war weder getroffen noch gestattet. Der Gauleiter erklärte immer wieder, nicht nur die Wehrmacht, sondern vor allem die jetzt von ihm aufgebotenen Männer würden sich im heimatlichen Boden festkrallen, und kein Feind würde weiter in die Provinz eindringen können.

Bald aber kamen die kritischen Tage des 20. bis 23. Oktober. Im plötzlichen Vorstoß erreichten die Sowjets im Norden den Memelstrom und drangen von Osten über Schloßberg hinaus und bis wenige Kilometer vor Gumbinnen und nahmen nach Durchschreiten der Rominter Heide die Stadt Goldap. Wir erinnern uns dieser Tage, die uns einen Vorgeschmack von dem gaben, was Ostpreußen drohen werde, wenn einmal die russische Flut über unsere Heimatprovinz hereinbrechen würde. Der Himmel im Osten war rot von Bränden, der Kanonendonner wurde täglich stärker, die Straßen von Flüchtenden und Fahrzeugen, von Vieh und Pferden verstopft, und unsere Stadt selbst so voller Menschen und Fahrzeuge, daß der Verkehr nur durch Einsatz des letzten Polizeibeamten notdürftig geregelt werden konnte und auch Wehrmachtseinheiten kaum hindurchkamen. Kinder und Fohlen, die ihre Mütter verloren hatten, irrten in den Straßen von Insterburg umher. Der Bahnhof selbst war belagert von Tausenden von Menschen aus den überrannten Grenzkreisen, die angsterfüllt auf ihren Habseligkeiten saßen und auf die Möglichkeit eines Abtransports mit der Bahn warteten.

Auch die Bevölkerung der Stadt selbst und des Landkreises war äußerst erregt, ratlos und voller Sorge, zumal die Nachrichten von den schrecklichen Vorkommnissen in Walterkehmen, Nemmersdorf und Goldap und dem Abschuß sowjetischer Panzer westlich Gumbinnen bekannt wurden. Züge oder Fahrzeuge zum Abtransport so vieler Menschen standen nicht zur Verfügung. Der Kreisleiter, dem die Menschenführung oblag, war beim Spateneinsatz in der Provinz eingesetzt, und die Kreisleitung hatte keine Befehle von der Gauleitung erhalten.


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Als ich mich daraufhin selbst mit der Gauleitung in Königsberg in Verbindung setzte und dem dort verantwortlichen Sachbearbeiter Knuth die Lage schilderte und die sofortige Gestellung von Transportzügen verlangte, fragte er mich, ob ich wohl 44 Grad Fieber habe und ermahnte mich, warme Füße und einen kalten Kopf zu behalten. Erst als ich ihn wiederholt darauf aufmerksam machte, welche Opfer und welche Verwirrung ein einziger Luftangriff auf den mit Tausenden von Menschen angefüllten Bahnhof verursachen müsse, versprach er mir nach längerem Verhandeln, sich mit dem Gauleiter in Verbindung setzen zu wollen, der im Führerhauptquartier bei Rastenburg weile. Wider alles Erwarten wurde ich dann bereits nach einer halben Stunde angerufen und mir erklärt, daß die erbetenen Züge zum Abtransport bereitgestellt werden würden, und tatsächlich kamen die Züge im Laufe der Nacht und auf weiteres Verlangen auch an den folgenden Tagen. So gelang es, den Bahnhof frei zu machen und die Menschen aus der Stadt zu bringen.

Trotz der Schwäche der deutschen Verteidigung kamen die Sowjets nicht weiter vor. Die Front kam zum Stehen und wurde an einzelnen Stellen wieder zurückgedrückt. Goldap wurde wieder genommen, und während der nächsten Monate herrschte im allgemeinen Ruhe. Als Folge der Oktober-Katastrophe wurden jedoch nunmehr von dem Reichsverteidigungskommissar Maßnahmen angeordnet, die auch das Leben des Stadt- und Landkreises wesentlich veränderten. Es wurde die „wirtschaftliche Auflockerung” der Stadt Insterburg und ihre Räumung von Frauen, die nicht kriegswichtig eingesetzt waren, von Frauen mit Kindern und nicht volkssturmpflichtigen Männern befohlen. Für das Land war angeordnet worden, daß der Teil des Landkreises, der ostwärts der Linie Angerburg—Nordenburg—Insterburg—Kreutzingen liegt, von Menschen und Vieh zu räumen sei. Aufnahmekreis für Stadt- und Landkreis Insterburg waren der Kreis Mehrungen und das Land Sachsen. Der Teil des Landkreises, der westlich dieser Linie lag, hatte friedensmäßig weiterzuarbeiten.

Da waren die Monate November und Dezember erfüllt mit dem Herausbringen der Menschen, die nicht unbedingt in der Stadt Insterburg sein mußten oder die aus dem östlichen Teil des Landkreises in den Teil Mohrungen verlegt wurden und der Arbeit, die die „wirtschaftliche Auflockerung” machte. In den ersten Wochen nach den Oktober-Ereignissen waren die Züge nach Mohrungen und nach Sachsen, wohin meist ältere Leute und Frauen mit Kindern gingen, überfüllt. Mit der Zeit aber, als die Front ruhig blieb und die bekannten Gerüchte über die neuen Waffen und die Stärke der Ostfront verbreitet wurden, ebbte der Zustrom zu den Zügen ab, und gar manche Frau oder mancher alte, nicht mehr volkssturmpflichtige Insterburger kehrte zurück, weil er nicht als Evakuierter in der Fremde leben wollte und im eigenen Heim gut mit Brennstoffen und Lebensmitteln versorgt war.

Als alle Aufforderungen, die Stadt zu verlassen, gegenüber Vielen nichts fruchtete, entschloß ich mich, die Lebensmittelkarten denen zu verweigern, die in Insterburg nichts mehr zu tun hatten. Dadurch haben wir manchen zur Abwanderung gezwungen. Aber täglich waren viele bei dem Leiter des Wirtschafts- und Ernährungsamtes, Herrn Niegisch, oder mir, mit der dringenden Bitte, die Ausgabe von Lebensmittelkarten an sie doch anzuordnen. Es sei ja


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doch gar keine Gefahr mehr vorhanden, und wenn es doch einmal kritisch werden sollte, dann brauche man auf sie nicht Rücksicht zu nehmen, sie würden schon sehen, wie sie wegkämen. Herr Niegisch und ich sind solchen Wünschen gegenüber immer hart geblieben, weil wir von der Größe der Gefahr überzeugt waren, und so mußte man immer wieder erklären, daß im Falle der Gefahr ein jeder, der nicht unbedingt dableiben müsse, eine große Last sei für die, die dann die Aufgabe hätten, die Stadt schleunigst zu räumen. Gar mancher ist voller Zorn damals von dannen gegangen, hat uns aber später an diese Rücksprachen erinnert. Besondere Schwierigkeiten machte dabei das Landesernährungsamt in Königsberg, bei dem sich viele beschwerten und das uns anwies, die Lebensmittelkarten in jedem Falle auszuhändigen. Wir haben diese Anordnung nicht befolgt und dadurch erreicht, daß die meisten Betroffenen zur Evakuierung gezwungen wurden. Wir haben aber damals feststellen müssen, daß die evakuierte Bevölkerung praktisch dreimal aus Insterburg abtransportiert werden mußte, weil die Menschen immer wieder zurückkamen. Die Zahl der in der Stadt verbliebenen Insterburger sank aber im Laufe der Monate November und Dezember auf etwa 8 000 bis 10 000 Einwohner Anfang Januar 1495.1)

„Die wirtschaftliche Auflockerung” hatte das Ziel, industrielle, gewerbliche und Handelsbetriebe stillzulegen und in den Aufnahmekreis Mohrungen oder andere ostpreußische Kreise zu verlagern, soweit diese Betriebe nicht mehr unbedingt für die Wehrmacht und die verringerte Bevölkerung von Insterburg Stadt und Land notwendig waren. Daher wurden im Laufe des November und Dezember nicht nur Lebensmittel- und andere Einzelhandelsgeschäfte, die Betriebe von Bäckern, Fleischern und anderen Handwerkern nacheinander geschlossen und in den Kreis Mohrungen oder anderswohin verlagert, sondern auch die großen Betriebe wie Drengwitz, Enskat, Malk & Huth, die Mühlen, Druckereien usw. ganz oder teilweise demontiert und die Maschinen und alle wichtigen Einrichtungen nach bestimmten Aufnahmeorten wie Königsberg, Heiligenbeil, Mohrungen, Samland usw. versandt.

Die technische Nothilfe, der Luftschutzinstandsetzungsdienst und auch zeitweise eine Pioniereinheit waren von früh bis spät mit dem Abbau und der Verpackung beschäftigt. Unbegreiflicherweise war es streng verboten, Maschinen und Gerätschaften und Vorräte an Lebensmitteln, Textilien usw., soweit sie nicht gebraucht wurden, außerhalb Ostpreußens zu verlagern. Jeder entsprechende Versuch wurde, oft unter Drohungen, verhindert. Auch die eindringlichsten Vorstellungen und der Nachweis, daß ein Betrieb die Produktion in einer anderen Stadt Westdeutschlands sofort aufnehmen könne, fruchteten beim Gauleiter nicht. Alles, auch wenn es künftig nutzlos herumlag, mußte in Ostpreußen bleiben. Nicht einmal in die Nachbarprovinz Westpreußen-Danzig, die wegen der Differenzen Koch-Forster als „feindliches Ausland” galt, durften Auslagerungen vorgenommen werden, von wo außerhalb der Kontrolle von Koch ein späteres Weiterschicken ins Reich viel leichter gewesen wäre. Die Bevölkerung selbst durfte nur Hausrat in Kisten ins Reich schicken oder anderweitig auslagern, darüber hinaus höchstens einmal einen zerlegbaren Schrank


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oder Bettgestelle. Das Verladen von Möbeln war verboten. So ist es nur wenigen Familien aus unserer Stadt gelungen, etwas zu retten. Denn das, was ausgelagert wurde, wurde meist nicht weit genug geschickt und ist irgendwo anders in der Provinz, in Westpreußen, Pommern oder Schlesien verloren gegangen.

So wurde die Stadt langsam leerer und das beeinflußte auch die ganze Arbeit der Stadtverwaltung. Die Schulen waren seit dem 20. Oktober restlos geschlossen und die Lehrkräfte — soweit nicht volkssturmpflichtig — anderweitig eingesetzt oder beurlaubt. Da die Arbeit zur Beseitigung der Bombenschäden, die das Stadtbauamt unter Einsatz auswärtiger Handwerkertrupps leitete, eingestellt wurde, beschäftigte dieses sich in der Hauptsache mit dem Ausbau von Maschinen in gewerblichen Betrieben.

Mit der Evakuierung eines großen Teils der Bevölkerung sank auch die Zahl derer, die Familienunterhalt oder Unterstützungen bekamen, sowie der Empfänger von Lebensmittelkarten und vom Wirtschaftsamt Betreuten. Das Stadtsteueramt erhielt Anweisung, weitgehend auf die besonderen Verhältnisse und die Abwesenheit der Steuerpflichtigen Rücksicht zu nehmen. Und so war es bald möglich, einen großen Teil der Städtischen Verwaltung und vor allem die älteren und weiblichen Gefolgschaftsmitglieder in den Aufnahmekreis für die Stadt Insterburg zu verlegen und in Mehrungen selbst eine Filiale der Stadtverwaltung einzurichten. Dorthin kam alles, was nicht in Insterburg selbst unbedingt gebraucht wurde. Zum Leiter der Mohrunger Verwaltung wurde Herr Oberstudiendirektor Dr. Schultz1), der Leiter der Hindenburg-Oberschule für Mädchen, bestellt, da Stadtrat Dr. Sierigk bereits Anfang Oktober wieder zur Wehrmacht einberufen worden war und die beiden anderen Beigeordneten erkrankten. Regierungspräsident Dr. Rhode war mit seiner Dienststelle aus Gumbinnen, das unter ständigem Beschuß lag, nach Insterburg übergesiedelt und hatte einen Teil des neuen Rathauses in der Forchestraße bezogen.

Gauleiter Koch organisierte Ostbefestigungen und Volkssturm und erklärte immer wieder, daß keine Gefahr für die Bevölkerung bestände. Wehrmacht und Volkssturm würden in den neuen Stellungen die mit Panzergräben und „Koch„töpfen2) ausgestattet seien, jeden feindlichen Angriff zunichte machen. Auch Generaloberst Reinhardt erklärte anläßlich der Vereidigung des Volkssturmes auf dem Insterburger Sportplatz, daß er die Front halten werde. In Wirklichkeit wußten wir alle, daß die Ostfront völlig ungenügend durch Truppen gesichert war. In Insterburg war nunmehr auch ein Kampfkommandant, der im Divisionsgebäude (altes Krankenhaus) saß. Dieser unterrichtete mich laufend über die Lage und so wurde auch mir bereits im November bekannt, daß die Sowjets drei große Angriffsarmeen bereitgestellt hatten. Die eine ostwärts Gumbinnen mit der Stoßrichtung Königsberg, die zweite ostwärts Zichenau mit der Stoßrichtung Danzig—Elbing und die dritte bei Warschau,


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die die stärkste Truppenansammlung dieses Krieges gewesen sein soll und die Aufgabe hatte, auf Berlin zu marschieren.1) Obgleich die deutsche Heerführung dies alles wußte, entblößte sie den Osten weiter und warf zahlreiche Divisionen auch aus dem ostpreußischen Raum nach Westen, um die sinnlose Ardennenoffensive zu starten.

Anfang November konnte jeder einsichtige Mensch erkennen, daß der baldige Einbruch des Feindes bis weit nach Ostpreußen hinein nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich war. Trotzdem verbot Gauleiter Koch weiterhin jede Planung oder Vorbereitung einer Räumung und Rettung der Bevölkerung im Falle der höchsten Gefahr. Falls die Front kleine Veränderungen erfahre, müsse eben „improvisiert” werden. Wer an dem Endsiege oder an der Festigkeit der Ostfront zweifele, sei ein Defaitist und Miesmacher, und gegen diese würde auf das Schärfste vorgegangen werden. Diese Haltung und Auffassung der höchsten Befehlsstelle der Provinz schien mir ein Verbrechen gegenüber der im Ernstfall wehrlosen Bevölkerung, und ich bin heute froh, sie nicht geachtet und ihr entgegen gehandelt zu haben.

Anfang November entwarf ich einen genauen Plan für die sofortige Räumung der Stadt Insterburg im Falle höchster Feindgefahr. Er enthielt bis ins einzelne gehende Anordnungen für die Verwaltung, Werke, Polizei, Organisationen, Behörden, Betriebe, Fahrzeuge und Bestimmungen über Alarmierung, Sammelplätze, Abtransport der Bevölkerung usw. Es waren Vereinbarungen mit der Reichsbahn getroffen und der Fahrbereitschaft bezüglich der LKWs und PKWs, sämtliche Zeiten und Uhrzeiten sowie die Aufgaben der verantwortlichen Stellen und Personen genau festgelegt. Die Aufstellung dieses Planes hatte sofort ein positives Ergebnis. Es trat bei einem Teil der Bevölkerung, insbesondere bei den Behörden und Betriebsangehörigen eine gewisse Beruhigung ein, weil die Menschen nun wußten, daß für den Fall der Gefahr Vorbereitungen getroffen sind. Vor allem die weiblichen Kräfte in den Verwaltungen, die vorher oft mit der besorgten Frage kamen: „Kommen wir auch mit, wenn es so weit ist?”, taten erleichtert und vorbildlich ihre Pflicht. Die große Befürchtung, daß diese Räumungsvorbereitungen dem Gauleiter bekannt werden könnten, hat sich als unbegründet erwiesen. In einer Kameradschaft haben alle, die davon wußten oder daran beteiligt waren, geschwiegen. Ich konnte sie nur bitten, den Mund zu halten, damit uns dieser Weg offen bliebe. Zu großem Dank sind wir insbesondere auch dem Regierungspräsidenten Dr. R. verpflichtet, der von diesen Räumungsvorbereitungen bis ins Kleinste unterrichtet war, sie stillschweigend förderte und pflichtwidrig nichts nach Königsberg meldete.

Es folgt eine Aufzählung verschiedener Einzelheiten im Zusammenhang mit den Räumungsvorbereitungen, worauf der Bericht fortgesetzt wird:

Anfang Januar besserte sich das Wetter, es kam Frost und Schnee, und am 13. Januar, etwa 7 Uhr war es wohl, hörten wir ein Rollen und glaubten, daß eine größere Zahl von Panzern durch Insterburg führe. Aber bald wußten wir, daß der Russe zum Großangriff angetreten sei und ein zweistündiges Trommelfeuer auf die deutschen Stellungen eröffnet habe.


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In den ersten Tagen des Angriffs, der auf der ganzen Ostfront gleichzeitig einsetzte, gelang es den sowjetischen Truppen nur an einigen Stellen, insbesondere westlich der Trappöner Forst und von Schloßberg etwas vorzukommen. Am 17. Januar aber gelangen ihm tiefe Einbrüche mit Panzern, die am 18. bei Szillen und Grünheide die Bahnlinie Insterburg—Tilsit überschritten und auch bis in die Eichwalder Forst vorstießen. Am 19. Januar, etwa 4.30 Uhr, wurde mir vom Kreisleiter fernmündlich der Befehl des Reichsverteidigungskommissars durchgegeben, daß die Räumung der Stadt Insterburg befohlen sei. Sie brauche aber nicht überstürzt werden, man habe etwa noch 5 Tage Zeit. Die Stadtwerke sollten noch nicht gelähmt oder stillgelegt werden, die industriellen Betriebe aus der Stadt wie z. B. Brauerei, Drengwitz usw. und auch die Landwirte sollten noch nicht trecken, sondern besonderen Befehl abwarten. Es sei möglich, daß die Lage sich bessere. Der Befehl für die Stillegung der Städtischen Betriebe oder das Trecken sämtlicher Betriebe ist aber niemals durchgekommen. Dieser allgemeine Befehl zur Räumung, war der letzte Befehl, den ich von einer höheren Dienststelle erhalten habe. Der Kreisleiter, dem die Menschenführung oblag, ist nach meiner Kenntnis während der kritischen Tage im Landkreis gewesen, wo er sich um das Trecken der ländlichen Bevölkerung gekümmert haben soll.

Sogleich nach Eingang des Räumungsbefehls wurde die Bevölkerung alarmiert, aber nicht durch Läuten der Kirchenglocken und Schüsse an den Straßenecken, wie es ursprünglich für den Fall des plötzlichen Feindeinbruchs vorgesehen war, sondern mündlich und durch einen Lautsprecherdienst, der von Lehrer E. Schulz und Mittelschullehrer Wötzel organisiert worden war. Da nach Ansicht der Königsberger Stellen eine akute Gefahr nicht bestand, hatten wir keine Veranlassung, die Bevölkerung unnötig und überflüssigerweise zu beunruhigen. So wie es in dem Räumungsplan vorgesehen war, traten unverzüglich noch vor Hellwerden Betriebsführer und Behördenleiter, die Abteilungsleiter der Städtischen Betriebe, Polizei, Feuerschutzpolizei, Organisationen usw. bei mir zu Besprechungen zusammen, wobei es im großen und ganzen genügte, auf die Einzelheiten des Räumungsplanes hinzuweisen. Und nun geschah, was ich kaum zu hoffen gewagt hatte. Der theoretische Räumungsplan bewährte sich bis in seine Einzelheiten. In vorbildlicher Pflichterfüllung und Zusammenarbeit tat jeder, was ihm aufgetragen oder für ihn vorgesehen war.

Die Evakuierung der Bevölkerung begann bereits in den Morgenstunden mit fahrplanmäßigen und besonderen Räumungszügen, mit LKWs und PKWs und ging trotz der inneren Spannung und des Wissens um die Nähe des Feindes und große Gefahr in Ruhe und ohne besondere Hast vor sich.

Als ich im Laufe des Vormittags dieses Tages trotz mehrfacher Anrufe von Königsberg keinen Treckbefehl für die gewerblichen und landwirtschaftlichen Betriebe bekam, gab ich von mir aus die entsprechende Anordnung, so daß die meisten Betriebe schon am Freitag zu trecken begannen. Die Beamten und Angestellten der Stadtverwaltung, die noch in Insterburg waren, wurden z. T. mit der Bahn, z .T. mit Omnibussen nach Mohrungen in Marsch gesetzt. Lediglich den weiblichen Gefolgschaftsmitgliedern stellte ich frei, sich sofort unmittelbar in den Aufnahmegau Sachsen oder anderswohin ins Reich zu begeben


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und sich von dort aus zu melden. Diese Anordnung widersprach zwar den Weisungen aus Königsberg, erschien aber angebracht. Neben der Räumung der Stadt durch die Bevölkerung mußte das wertvollste Maschinenmaterial und anderes Gut, das dem Feind nicht in die Hand fallen sollte, fortgeschafft werden. Das galt insbesondere auch für die Autoreparaturwerkstätten Toussaint und Wollenschläger, die nicht verlagert waren, weil sie für die Wehrmacht arbeiteten. Vor allem sollten von den Maschinen und Anlagen, die nicht in vollem Umfang verlagert werden konnten, wichtigste Teile herausgelöst und weggeschafft werden, damit sie nicht gebrauchsfähig dem Feind in die Hand fielen. Diese sogenannte „Lähmung” der wichtigsten Betriebe wurde am Freitag, begonnen und am Sonnabend, dem 20. Januar beendet.

So herrschte am Freitag, dem 19. Januar, bei aller Betriebsamkeit und der verhaltenen Furcht vor ganz plötzlich eintretenden Ereignissen eine unbedingte Ruhe, obgleich der Feind die Eichwalder Forst schon zu einem erheblichen Teil durchschritten hatte und unser Insterburger Volkssturm dort unter schweren Verlusten gekämpft hatte. Dort soll auch Oberstudiendirektor Köhler, der Leiter unseres staatlichen Gymnasiums, gefallen sein.

Am 19. und in der Nacht zum 20. Januar hatte wohl die Hälfte bis zwei Drittel der Bevölkerung Insterburg verlassen, wobei sich bei der Freimachung der Stadt besonders die Herren Nötzel und Schulz auszeichneten. Ganz vorzüglich bewährte sich unsere Schutzpolizei unter Führung des Hauptmanns Salewski, der Reviervorsteher Ottenberg und Schablowski, des Revierleutnants M.1) und des Meisters Baumann. Auch ihnen, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit bei der Räumung der Bevölkerung einsetzten, verdankt wohl mancher Insterburger sein Leben. Besonders schmerzlich war mir daher später die Nachricht, daß Hauptmann Salewski und seine Frau in Königsberg nach der Kapitulation der Stadt aus dem Leben gegangen sind.

Bis zum Morgen des 20. Januar wurde die Räumungsaktion in Insterburg durch den Feind nicht gestört. Auch vorgesetzte Dienststellen traten nicht mehr mit Anordnungen in Erscheinung, obgleich von den Räumen der örtlichen Luftschutzleitung Verbindung mit Königsberg durch Telefon und Funk bestand. Lediglich mit dem Regierungspräsidenten, der seine Dienststelle nach Norkitten verlegt hatte, wurde Verbindung gehalten.

Es war am Morgen des 20. Januar gegen 9 oder 10 Uhr, — die letzten Omnibusse mit Gefolgschaftsmitgliedern der Stadtverwaltung unter Führung des Rechnungsdirektors Appel sollten gerade abfahren, — als ein schwerer, über dreistündiger russischer Luftangriff auf die Stadt einsetzte. Ich hatte gerade in meinem Arbeits- und Dienstraum im Stadtbauamt die letzte Besprechung in größerem Kreise beendet, als die erste Welle russischer Bomber mit ihrem Angriff begann. Zum letzten Male heulten die Sirenen in Insterburg und auch dieses Mal, wie stets in den letzten Monaten, da die Front so nahe der Stadt lag, erst nach den ersten Bombenwürfen. In rollendem Einsatz wurden bis gegen Mittag auf alle Stadtteile Spreng- und Brandbomben geworfen, die


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große Brände und Zerstörungen, vor allem in der Hindenburg- und Luisenstraße, am Alten Markt, am Markgrafenplatz, in der Wilhelmstraße, Siehrstraße, in der Karalener Chaussee und an vielen anderen Stellen verursachten.

Die Feuerlöschpolizei begann schon während des Angriffs mit den Löscharbeiten, die aber durch den starken Frost und vor allem die ständige Feindeinwirkung sehr erschwert wurde. Sie leistete dabei wieder Hervorragendes und löschte viele Brände ab oder es gelang ihr zum mindesten, sie auf ihren Herd zu beschränken. Das war notwendig, weil immer noch die schwache Möglichkeit bestand, daß sich die Lage im letzten Augenblick wieder festige, und deshalb mußte ein Ausbreiten der Brände verhindert werden. Während dieser Angriffe rumpelte der eingesetzte Lautsprecherwagen, immer wieder von Bombensplittern getroffen und notdürftig instand gesetzt, durch die Straßen der Stadt und gab dem Rest der Bevölkerung Weisung für das Verlassen der Stadt. Da die Stadt schon fast leer war, kamen bei diesem Angriff nur etwa 30 Zivilpersonen und Wehrmachtsangehörige ums Leben. Vorzüglich arbeitete der Luftschutzsanitätsdienst unter Führung des städtischen Vollziehungsbeamten Neumann, der stets sofort zur Stelle war, um die Verwundeten zu bergen und zu versorgen.

Als der letzte Feindverband gegen 13 Uhr abgeflogen war, setzten wir die letzten Omnibusse in Marsch und fanden uns vor der Luftschutzbefehlsstelle zusammen, um die Lage zu besprechen. Es waren nicht mehr viele, die hier noch zusammen kamen, aber es waren auch noch manche da, die schon hatten gehen können und die nur ihr hohes Pflichtgefühl in der brennenden Stadt zurückgehalten hatte. Ich gedenke dabei noch der Unterhaltung mit unserem Superintendenten Füg, der nicht gehen wollte, weil er noch die Opfer des Angriffs beerdigen müsse, außerdem aber auch von Königsberg keine Weisung zum Verlassen der Stadt habe. Diese letztere zu geben war ich berechtigt, aber Superintendent Füg verließ die Stadt erst, nachdem er die Toten zu Grabe geleitet hatte.

Bald nach Mittag setzten wieder leichtere Luftangriffe ein, und als wir uns etwa gegen 15 Uhr zur Lagebesprechung in meiner Befehlsstelle in der Forchestraße trafen, wurde mir berichtet, daß der Feind bei Feideck Artillerie eingesetzt habe und daher in Kürze mit Artilleriebeschuß zu rechnen sei. Angesichts dieser Tatsache wurde endgültig die Lähmung der letzten Betriebe angeordnet. Der ausgeschickte Lautsprecherwagen kam nicht weit — Alter Markt, Hindenburgstraße, Belowstraße, Wasserturm, — da setzte ein neuer Treffer einer Fliegerbombe den Wagen endgültig außer Aktion. Zum letzten Male ließen wir die Glocken der Lutherkirche läuten, um noch einmal auch die zum Verlassen der Stadt aufzufordern, die trotz aller Mahnungen noch nicht gegangen waren. Bergungszüge und Fahrzeuge standen planentsprechend bereit, und so wurde die Evakuierung der Stadt im Laufe des Nachmittags des 20. Januar beendet.

Im folgenden zitiert Vf. den mit ihm an der Leitung der Evakuierung beteiligten Polizeioffizier Ottenberg und den Reichsbahnbeamten Catarius bezüglich der Räumungsvorgänge am 20./21. Januar 1945 und fährt danach fort:

Der Feind hatte inzwischen, wie mir der Kampfkommandant General Dormagen erklärte, den Stadtteil Sprindt erreicht und sich auch im Norden weit


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um die Stadt herumgeschoben. Als es uns seltsam vorkam, daß Bomben immer in die Nähe des Bahnhofs und der Siehrstraße fielen, merkten wir, daß der Artilleriebeschuß begonnen hatte. Gegen Abend habe ich bei Durchfahren und Durchgehen der Stadt keine Menschen mehr gesehen, die in Insterburg nichts mehr zu tun hatten. Und es war gut so, denn die militärische Lage hatte sich weiter sehr verschlechtert. Der Feind hatte sich bereits bis Merkthausen vorgeschoben und einzelne Feindpanzer machten die Chaussee Insterburg— Königsberg unsicher.

In Insterburg selbst war gegen Abend des 20. außer einigen Wehrmachtsangehörigen, die in der Hauptsache zu rückwärtigen Diensten gehörten, nur noch der Insterburger Volkssturm, der vor allem bei Althof eingesetzt war und über schwere Waffen nicht verfügte, ferner die Schutzpolizei, die Feuerschutzpolizei, der Sanitätsdienst, Teile der Technischen Nothilfe und ein Räumungskommando, das ich mir in Stärke von etwa 25 Mann zurückbehalten hatte und das über einen LKW und über einige PKWs verfügte. Zu diesem Räumungskommando gehörten die Herren Niegisch, Otto Hagen, du Bois, Holz (Polizei), Richard Neumann, Rabaschus, Konditoreibesitzer Gertner, Kaufmann Heinacher usw. Vom Volkssturm waren u. a. Herr Padeffke, Kampf, Rektor Radtke eingesetzt. Am Spätnachmittage wurde ich im Auftrage des Regierungspräsidenten von dem Dezernenten der Schutzpolizei der Regierung, Oberstleunant Schröder, angerufen und gefragt, warum wir Insterburg noch nicht verlassen hätten, die militärische Lage sei doch so, daß mit dem Eindringen des Feindes im Laufe der Nacht gerechnet werden müßte. Da der Kampfkommandant mir aber die Lage noch nicht so ernst geschildert hatte, hielt ich es jedoch für richtig, noch in Insterburg zu bleiben.

Und nun kam die letzte Nacht in unserer Heimatstadt, die für alle Zurückgebliebenen wohl unvergeßlich sein wird.

Auf weiteren 3 Seiten schildert Vf. ausführlich das Ausmaß der durch Fliegerbomben und Artilleriebeschuß entstandenen Brände in der Stadt sowie die verziveifelten Löschversuche durch die Feuerwehr. Die Schilderung fährt dann fort:

Der Sonntag, der 21. Januar 1945, war kalt und trübe, und das war auch uns allen von Nutzen, da nur wenige feindliche Flieger sichtbar wurden. Der letzte Treck der Stadtwerke ging in den Morgenstunden in Richtung Heiligenbeil. Beim Durchfahren der Straßen konnte man feststellen, daß Menschen nicht mehr in der Stadt waren. Wohl kann es sein, daß sich Einzelne in den Kellern versteckt hatten, die Insterburg nicht verlassen und freiwillig den feindlichen Einmarsch abwarten wollten. Am Vormittag wurden von den letzten zurückgebliebenen Luftwaffeneinheiten große Sprengungen auf dem Flugplatz durchgeführt. Der letzte Kommandant des Flugplatzes, Oberst von Busse, setzte seinem Leben selbst ein Ende. Der Feind war inzwischen bis Waldgarten zum Verpflegungsamt an der Tilsiterstraße vorgedrungen und schoß außer mit Artillerie mit leichten Granatwerfern in die Stadt. Da nunmehr die Gefahr bestand, daß sowohl vom Osten wie auch vom Norden in Kürze mit einem Einbruch in das Stadtzentrum zu rechnen war, entschloß ich mich, am Nachmittag des 21. Januar mit dem Räumungskommando die Stadt zu verlassen und zunächst nach Schulzenhof zu gehen, um dort zu übernachten.


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Vf. berichtet anschließend über die letzten deutschen Maßnahmen in Insterburg und das Eindringen der ersten Russen in die Stadt während der Nacht vom 21. zum 22. Januar und schreibt abschließend:

Zahlreiche Einwohner, die den Weg zu dem unter Beschuß liegenden Bahnhof nicht gewagt hatten, waren zu Fuß nach Waldhausen gegangen. Dort standen um die Mittagszeit des 21. Januar rund 1700 Menschen. Leider war niemand da, der für den Abtransport verantwortlich war. In aller Eile wurden Mittelschullehrer Noetzel und Lehrer Albat dort hingeschickt. Ihrem tatkräftigen Eingreifen ist es zu danken, daß bereits um 14 Uhr ein Zug von Königsberg nach Waldhausen kam und die Hälfte der versammelten Frauen und Kinder mitnahm. Der zweite Zug sollte in einer Stunde folgen. Stunde um Stunde verrann, von einem Zug war nichts zu sehen. Obgleich Herr Noetzel sich jede nur erdenkliche Mühe gab, war ein Zug, der bis nach Waldhausen fahren sollte, von Königsberg nicht mehr zu erhalten.

Eine frostkalte Nacht brach herein. Ein Feldwebel der Wehrmacht erhielt den Befehl, die Brücken zu sprengen, da diese bereits unter russischem Maschinengewehrfeuer lagen. Was sollte dann aus den Frauen und Kindern werden? Herr Noetzel handelte immer wieder einen kurzen Aufschub für die Sprengung heraus, aber der Zug kam nicht. Die Russen hatten bereits den Pregel überschritten. Die Menschen standen geduldig auf dem Bahnsteig, sie ahnten nicht die Größe der Gefahr. Ein Artilleriehauptmann ließ abprotzen, er verlangte Freimachung des Bahnhofes, da er feuern müsse. Im Räume des Stationsvorstehers verhandelte Herr Noetzel immer wieder mit Königsberg, er bat, er wurde grob, er verhandelte wieder und bat wieder. Endlich um Mitternacht schob sich langsam ein langer Zug auf den Bahnhof. Und nun begann der Ansturm auf diesen letzten Zug. Es hatten sich inzwischen noch zahlreiche Kriegsgefangene mit vielem Gepäck eingefunden, die für sich und ihr Gepäck den besten Raum in Anspruch nahmen. Es war den beiden, vom Volkssturm abkommandierten Männern unmöglich, mit Machtmitteln einzugreifen. Erst als Herr Noetzel bekanntgab, daß der Zug erst dann abfahre, wenn die letzte Frau im Zuge untergekommen sei, kam man zur Vernunft. Am 22. Januar 1945, gegen l Uhr nachts, fuhr der Zug aus dem Bahnhof. Bis auf die Herren Noetzel und Albat, die keinen Marschbefehl hatten, blieb niemand zurück und bis auf wenige Stücke auch kein Gepäck. Herr Noetzel und Herr Albat sahen den letzten Zug davonfahren mit dem stolzen Gefühl, den letzten Insterburgern eine letzte Möglichkeit zum Abtransport geschaffen zu haben.

Sie stampften durch den verschneiten Wald nach Schulzenhof. Bei Norkitten rumpelten bereits die russischen Panzer. Als sie in Schulzenhof ankamen, verließen gerade die letzten Wehrmachtsteile den Ort. Sie begaben sich nach Jänichen, und von der Höhe aus bot sich ihnen das furchtbare Bild ihrer brennenden, untergehenden Stadt.

Das Räumungskommando der Stadt konnte seine Aufgabe am 21. Januar nicht mehr fortsetzen und verließ in den Morgenstunden des 22. Januar mit mir Schulzenhof, da auch dort Feindgefahr bestand, zumal sowjetische Einheiten schon in der Nacht bei Norkitten den Pregel überschritten hatten. Ich selbst versuchte über Allenburg nach Mehrungen herein zu kommen, wohin


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ja der größte Teil der Stadtverwaltung verlagert war. Dort war aber am Dienstag, dem 23. Januar früh bereits der Feind eingebrochen. Die Weiterfahrt nach Elbing verhinderten sowjetische Panzer. Die Mehrzahl der Mitglieder des letzten Räumungskommandos von Insterburg fand sich in Braunsberg zusammen, von wo dann gemeinsam der Weg über das Eis des Frischen Haffs und die Nehrung nach Danzig angetreten wurde.

Die meisten Männer, Frauen und Kinder aus unserer Heimatstadt sind heute am Leben. Aber trotz aller Maßnahmen ist doch mancher von ihnen in Königsberg, in Mohrungen, Heiligenbeil oder anderswo vom Feinde überholt worden und hat ein schweres Schicksal gehabt oder ist zugrunde gegangen.


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