Nr. 85: Überrollung durch die Russen auf dem Treck nach Kolberg und Rückkehr ins Heimatdorf.

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Erlebnisbericht des Bauern G. J. aus Rackow, Kreis Neustettin i. Pom.

Original, 30. März 1952, 6 Seiten. Teilabdruck.

Auf Räumungsbefehl am 1. März 1945 wurde das Dorf Rackow, nach meiner Kenntnis bis auf elf zurückgebliebene Familien, geräumt. Treckführer für das Dorf war Erwin Ost, Treckführer für Abbau Rackow war der Unterzeichnete. Evakuierte: Lehrerin Fräulein Peters aus Herne mit sieben Schulkindern. Vorgeschriebene Fahrstrecke war über Tempelburg, Schivelbein nach Kolberg.

Am 3. März 1945 wurden wir gegen Abend noch vor Stolzenberg von russischen Panzern überholt. Dadurch kam der ganze Treck zum Stehen. Es entstand ein kurzes Feuergefecht, nach dem russische Panzer an den Trecks vorüberrollten. Dadurch gab es eine große Verwirrung. Einige Wagen wurden von russischen Panzern überfahren. Nach kurzem Beschuß wurde das Feuer eingestellt, und die russischen Panzer machten halt. Nun wurden die Wagen der Flüchtlinge von russischen Soldaten und Polen ausgeplündert. Was sie nicht mitnahmen, wurde auf die Straße geworfen und von den Panzern vernichtet. Sämtliche anwesenden Deutschen wurden von den feindlichen Soldaten nach Uhren, Taschenmessern und Wertsachen durchsucht und beraubt. Viele Frauen und Mädchen wurden belästigt und nach ihrer Aussage vergewaltigt. So ging es bis zum hellen Morgen. Dann wurden den Trecks die Pferde abgenommen. Einige alte und kranke Pferde ließen die Russen laufen. Von diesen holten die Flüchtlinge welche herbei. Soweit sie reichten, wurden diese vorgespannt, um Kinder, Kranke und Alte zu befördern.

Im Laufe des Vormittags des 4. März 1945 kam russischer Befehl: Trecks zurück. Von meinem Treck waren nur noch zwei Wagen beisammen. Die übrigen waren zerstreut und vernichtet. Auf dem Rückweg mußten wir über Schivelbein. Im Ort brannte es noch, und dadurch waren die Straßen gesperrt. So machten wir vor Schivelbein auf einem kleinen Gut (Neu-Schivelbein) halt. Hier lagen wir bis zum 6. Má'rz 1945. Dann erfolgte auch hier ein kurzer Beschuß. Nach diesem kamen russische Soldaten auf den Hof, und alle Deutschen mußten den Hof räumen. Es lagen dort noch mehrere Familien. Nun ging es nach Schivelbein. Hier mußten alle Fuhrwerke auf einem Schulhof haltmachen. Vor der Schule mußten sämtliche Flüchtlinge antreten, und auf Befehl ging alles in die Schule. Am Eingang kam neuer Befehl: Männer nach oben in ein Zimmer, Frauen mit Kindern unten in einen Raum und junge Mädchen in einen Nebenraum.


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Jetzt folgte eine Schreckensnacht! Die Klassenräume waren ursprünglich als Lazarett eingerichtet, nun aber ohne Beleuchtung. Ein Zivilpole, am Arm mit einer rotweißen Binde, kam öfter mit einer brennenden Kerze oder Taschenlampe in den Raum der Frauen und Mädchen, suchte einige junge Frauen und Mädchen aus und forderte sie auf, mitzukommen. Wenn sie sich weigerten, wurden sie energischer aufgefordert und mit der Pistole bedroht. Darauf hörte man aus einem anderen Raum Geschrei. Nach Aussagen Zurückgekehrter mußten die Frauen und Mädchen in einen Kellerraum gehen und wurden von feindlichen Soldaten vergewaltigt, öfter kam der Pole auch mit zwei oder drei russischen Soldaten, hatten Alkohol bei sich, tranken und sangen und nahmen dann auch einige Frauen und Mädchen mit. Zu diesen Unglücklichen zählten auch zwei bekannte Frauen aus Tempelburg. Eine hatte nach ihrer Aussage am vergangenen Tage ihren 12-jährigen Sohn beim Beschuß auf Schivelbein verloren und stand mit ihrem kleinen Töchterchen allein ihrem Schicksal überlassen. Sie zitterte vor Hunger und Kälte, bat meine Frau um ein Paar Handschuhe, die diese ihr glücklicherweise noch geben konnte und ebenfalls etwas Brot. Diese arme Frau in ihrem Elend und Schmerz um das verlorene Kind wurde mit ihrer Freundin in der Nacht oft fortgeholt. Bei einer Rückkehr rief die Freundin händeringend aus: „Eine Bombe könnte mich nur noch erlösen.” So ging es nun die ganze Nacht. Augenzeugen hiervon waren meine Frau, meine Schwiegermutter sowie meine Schwägerin und verschiedene andere Frauen aus unserem Dorf. Die übrigen Frauen waren unbekannt.

Auch wir Männer hatten keine Ruhe. Die ganze Nacht wurden wir nach Uhren und Wertsachen durchsucht. Unter uns befand sich auch der Rittergutsbesitzer von Kölpin. Dieser war wohl über 70 Jahre alt. Er wurde von russischen Soldaten aus unserem Zimmer abgeholt. Nach kurzer Pause fiel ein Schuß. Nach Aussage meiner Frau lag am nächsten Morgen ein alter Mann mit weißem Bart und langen Stiefeln sowie einer Joppe bekleidet tot auf dem Korridor. Nach dieser Beschreibung kann man annehmen, daß es wohl der alte Herr war. Als wir Männer von oben geholt wurden, war die Leiche mit einer Zeltbahn bedeckt.

Am Morgen gab es Befehl: Alles raustreten und die Fuhrwerke den Schulhof verlassen, die Männer mitkommen. Einen älteren Mann, dem sie die Stiefel ausgezogen hatten, ließen sie laufen, welchem ich schnell folgte und zu meinem Fuhrwerk eilte. Die Wagen waren auf dem Hof festgefroren und mußten erst losgebrochen werden. Eine Familie Fritz aus Sabin mußte ohne ihre zwei erwachsenen Töchter zurückfahren. Diese wurden am Tage vorher von russischen Soldaten aufgefordert, Kartoffeln zu schälen. Sie waren nicht zurückgekehrt.

Auf einem Umweg mußten wir die Stadt verlassen, denn durch die Stadt waren die Wege gesperrt. Zunächst wurde ich auch meine Stiefel los. Es gab noch allerlei unangenehme Zwischenfälle. Oft wurden die Pferde ausgespannt und für schlechtere vertauscht. Dann wurden uns die Wagen von feindlichen Soldaten in den Chausseegraben gefahren. Nach größter Mühe und Anstrengung kamen wir wieder los. Darauf hielten Russen und Polen die Wagen wieder fest. Alles mußte aus den Wagen, auch Alte, Kranke und kleine Kinder. Was sonst noch an Sachen und Betten auf den Wagen war, wurde auf


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die Straße geworfen. So saßen wir bei Unwetter, Kälte, Schneegestöber und Glatteis in einem Chausseegraben, ohne in diesen Tagen der Flucht etwas Warmes zu essen und zu trinken. Auf vieles Bitten erhielten wir dann einen Wagen zurück, sammelten einige unserer Kleidungsstücke und Betten zusammen, damit die alte, kranke Mutter und kleine Kinder, welche ich von anderen Familien mitgenommen hatte, fahren konnten.

Am Abend kamen wir in Rützow an und wollten übernachten. Aber das Dorf war von feindlichen Truppen besetzt und mußte von Deutschen geräumt werden. So mußten wir uns den anderen Trecks anschließen und die Nacht auf offener Straße bei Wind und Kälte verbringen. Es entstand noch ein kleiner Beschuß in der Nähe des Dorfes, wurde aber bald ruhig. Am Morgen ging es, natürlich mit Zwischenfällen, über Dramburg bis Zülshagen weiter, wo wir auf einem Hof, der von Polen besetzt war, übernachteten. Am Morgen wollten wir weiter, doch da wurden erst wieder die Pferde vertauscht, und von den Polen mußte man noch allerlei Schimpf- und Schmähworte und tiefste Erniedrigungen hinnehmen. So kamen wir unter vielen Schwierigkeiten bis Heinrichsdorf, wo wir wieder übernachteten. Am Morgen wurden die Pferde wieder genommen, und ich erhielt ein kleines Pferd und zwei Ochsen. Damit ging es nun weiter, und so kam ich am 10. März 1945 wieder auf meinem Hof mit noch vier anderen Familien aus unserem Dorf an. Es war alles ruhig. Im Hause und in der Scheune sah es wüst aus. Der Kuhstall war leer, die Kühe waren abgetrieben. Schweine, Hühner und Gänse liefen draußen und in der Scheune herum. Auch die beiden Hunde waren noch da.

Nach Aussagen der zurückgebliebenen Dorfbewohner waren russische Truppen ohne jeglichen Widerstand in das Dorf eingerückt (es war am 3. März 1945) und hätten sofort mit Plünderungen und Vergewaltigungen begonnen.. .

Anschließend berichtet Vf. von einzelnen Gewalttaten der Russen und Polen, Erschießungen, Vergewaltigungen, weiter von der Enteignung und Ausquartierung der deutschen Familien und von der Ausweisung.