Nr. 86: Mißglückte Flucht. Erlebnisse beim Zusammentreffen mit den Russen im Raum Küstrin und während der langwierigen Rückkehr nach Heilsberg.

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Erlebnisbericht der Handwerkersfrau I. W. aus Heilsberg i. Ostpr.

Photokopie, Januar 1951, 8 Seiten. Teilabdruck.

Die Russen rückten bedrohlich näher an die Stadt Heilsberg. Eine große Unruhe kam in die Einwohnerschaft. Die Weisung ging um, Frauen mit Kindern hätten die Stadt zu verlassen. Am Bahnhof standen einige Militärzüge bereit, die die Flüchtlinge aufnehmen wollten. Ich war gerade auf der Straße, hörte davon, lief nach Hause, um das Allernötigste zu packen, und in einer Viertelstunde saßen wir schon im Bahnwagen. Auf keinen Fall wollte ich mich von den Russen überraschen lassen, denn ich hatte Angst vor einer Verschleppung in das unheimliche Rußland. Von meinem Mann konnte ich noch brieflich Abschied nehmen und von unserm Fortzug verständigen.


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Es war der 23. Januar 1945, als wir unsern Heimatort verließen. Wir fuhren die Nacht durch stets unter Beschuß von feindlichen Flugzeugen in zwei Tagen nach Danzig. Da hatte sich schon ein unabsehbarer Strom von Flüchtlingen zusammengefunden. An demselben Tage war an einen Weitertransport nicht zu denken, also mußten wir bis zum andern Tag draußen in der Bahnhofshalle bei starkem Schneesturm bleiben. Viele Kranke, alte Leute und Kinder sind dabei um ihr Leben gekommen. In dieser Nacht verloren wir auch meines Mannes Mutter, Frau Ottilie W., die mit uns gekommen war. 0, was haben wir da bloß gefroren. Am zweiten Tag nach unserer Ankunft in Danzig wurden die Transportzüge nach dem Reich eingesetzt. Eine ganze Woche waren wir auf Bahnfahrt im Zick-Zack-Kurs, anscheinend wußten sie wohl nicht, wohin mit uns. Jedenfalls landeten wir am 31. Januar in dem Gebiet von Küstrin. Ein kleines Mädel schaute gerade zum Abteilfenster und rief: „Die Russen sind da!” Ein Blitzschlag hätte uns nicht tiefer treffen können als dieser Ruf. Verlassen unsere Heimat, um hier dem Russen in die Arme zu fallen. Schon hören wir auch Schüsse knallen, die Pelzmützen eilen auf unsern langen Zug zu und brachten ihn zum Stehen. Der Lokomotivführer ist schwer verwundet. Mit uns sind noch viele Verwundete und Soldaten gefahren. Sie wurden gefangengenommen. Die Zivilisten wurden in das Dorf geschickt und fanden Aufnahme bei den Einwohnern. Dies passierte in der Mittagsstunde. Später drangen russische Soldaten in das Zimmer und nahmen uns unter Bedrohung mit der Waffe die Uhren und Wertsachen ab.

Die Nacht kam. Der Höllentanz ging los. Wir lagen mit den Russen zusammen in einem Brückenkopf im deutschen Feuer. 0, war das furchtbar, unvorstellbar, nichts gaben wir mehr für unser Leben. Aber Gottes Hand war schützend über uns. Nun sollten die nächsten Tage noch ärger werden. Am folgenden Morgen mußten wir unser Asyl verlassen und wurden an die Oder getrieben und fanden eine Bleibe in einem Fischerhäuschen. Mit noch andern 40 Personen fest zusammengerückt verbrachten mein Junge, meine Jüngste und ich fünf Tage und fünf Nächte unter schwerstem Beschuß, unter Hunger und Kälte. Meine Tochter Rita, 14 Jahre alt, hatte ich nicht bei mir. Diese wurde mir von einem Russen fortgenommen. Sie hat den Sprung aus einem zweistöckigen Gebäude gewagt und ist ihm entkommen. Unsere Ernährung in diesen Tagen waren Mehl, Zucker, das wir noch bei uns hatten, und Oderwasser, das wir abwechselnd aus einem schmutzigen Kochgefäß tranken. Es war ein furchtbar schauriges Erlebnis. Da habe ich ermessen können, was unsere Männer die ganzen Jahre durchmachen mußten, die im tiefsten Kriegserleben standen.

Am Abend, als der Kampf abflaute, es war schon dunkel, trieb man uns aus dem Häuschen über eine provisorische Holzbrücke über die Oder nach Osten zu. Wer da fehltrat, versank lautlos in dem eisigen Wasser. Und das waren nicht wenige. Die meisten Menschen waren von den ausgestandenen Ängsten und Hunger so erschöpft, daß sie kaum ihr Gleichgewicht halten konnten. In Massen mußten wir hinüber, denn das ganze Dorf wurde herübergetrieben. Im langen Treck mußten wir die ganze Nacht etwa 10 km wandern. Das Gepäck ließen wir im Stich, denn wir konnten uns ja vor allgemeiner Erschöpfung kaum fortbewegen. Da folgte ich einer inneren Eingebung, mich mit beiden Kindern heimlich vom Treck zu lösen und in einem Wald zu ver-


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stecken. Diesem Beispiel folgte auch eine Frau mit ihren drei kleinen Kindern. Am andern Morgen, es war der 6. Februar 1945, als wir aus dem Wald traten, kam uns mit mehreren andern Personen meine verlorene Tochter entgegen. Die Wiedersehensfreude war groß, und was haben wir unserm lieben Gott für diese Fügung gedankt. Nun hatte ich doch mein Mädel wieder. Sie sah bös aus. Vollkommen durchnäßt und ganz abgemagert. Sie hatte sich auch im Walde versteckt und die ganze Zeit kaum was genossen, weil sie nichts zu essen hatte.

Aber unsere Leiden gingen jetzt ununterbrochen weiter. Jeden zweiten Tag wurden wir mit Peitschen und geladenen Pistolen getrieben. An Verpflegung hatten wir nur das, was wir an umgestürzten Wagen am Straßenrand fanden. Meistens lebten wir von rohen Kartoffeln und Wruken. Zum Kochen ließ man uns keine Zeit. Wagten wir es doch einmal, so ließen wir es doch stehen. Aus den Kleidern kam man diese ganze Jagd nicht, keine Wäsche wechseln, das Ungeziefer begann uns zu plagen. Die Kleider wurden naß und trocken auf dem Körper. Das Schlimmste war wohl die Vergewaltigung der Frauen und Mädchen, selbst meine junge [Tochter] von 13 Jahren wurde belästigt, ja, selbst Kinder von acht Jahren und alte Mütterchen von 75 Jahren wurden nicht verschont. Dies geschah alles unter den Augen von kleinen, unschuldigen Kindern. Wie viele sind dabei zu Tode gemartert worden. Was haben wir doch für eine Not gehabt, um immer ein neues Versteck vor diesen tierischen Horden zu suchen. Oft haben die Russen die Verstecke entdeckt und die armen Frauen, die ihnen ausgeliefert waren; heute noch nach solch einer langen Zeit gellen einem noch die verzweifelten Schreie dieser unglücklichen Opfer in den Ohren.

So gingen die weiteren Tage dahin unter Kälte, Angst, Schrecken, Verfolgung und Hunger, bis uns die Russen 17 km vor Landsberg a. d. W. getrieben hatten. Da sollten wir in das Verschleppungslager. Davor wollte ich meine Kinder auf jeden Fall bewahren. Lieber in den Tod. So habe ich mit diesen einen ganzen Monat im Wald versteckt gelebt. Wir hatten Glück, daß wir einen Bunker aus Holz gebaut fanden mit etwas verdorbenen Nährmitteln und Konserven, den wohl Russen oder auch andere Flüchtlinge verlassen hatten. Auch war es im Frühjahr, so fanden wir junge Nadelspitzen, Sauerampfer, junges Grün, was uns zu unserer Nahrung verhalf. Anfang Mai wagte ich mich aus unserer Waldwohnung heraus, um im Dorfe zu erkundigen, wie die Lage stand. Da hörte ich, daß Deutschland kapituliert hatte.

Nun konnten wir unser Versteck aufgeben, weil die größte Gefahr vorüber war. Das taten wir dann auch, fanden gleich Arbeit, bekamen dafür Verpflegung und wohnten im Hause des Dolmetschers. Hier fanden wir auch Schutz gegen Überfälle, die ja weiter am laufenden Band gingen. Ich hatte keine Ruhe, ich wollte zurück über die Oder. Bin wohl auch mit meinen Kindern von Liebenow, so nannte sich unser Wohnort, zurück nach Küstrin gegangen. Aber aus meinen Papieren sahen deutsche Kommunisten, die als Kontrolleure aufgestellt waren, daß ich aus dem Osten stammte, und mußten wieder zurück.

Ich weiß nicht, was mir in jener Zeit eingefallen ist. Jedenfalls faßten wir den Entschluß, mit zwei anderen Heilsberger Familien, die wir zufällig trafen, in die Heimat nach Ostpreußen zu wandern. Da die Eisenbahn infolge Zer-


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Störungen nicht verkehrte, ging es los auf Schusters Rappen. In 20 Tagen hatten wir den Weg von Küstrin bis Heilsberg zurückgelegt. Da haben wir bei unserer Fußwanderung gesehen, wie zerstört unser armes Vaterland ist. O, wie sah es da in den meisten Städten und Dörfern aus. Viele Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Nur als wir den ehemaligen Korridor durchwanderten, fand man geordnetes Leben und kaum Zerstörungen. Die Menschen hier waren eigentlich nicht häßlich zu uns. Sie gaben uns zu essen und trinken und Schlafgelegenheit, wenn wir darum baten; aber sie sprachen polnisch, besonders die älteren Leute, während die Jugend nur wenig vom Polnischen wußte. Am 6. Juni 1945 waren wir wieder in unserm geliebten Heilsberg. Viele Bekannte fanden wir doch noch vor, aber nicht einen von meinen Verwandten.

Auf weiteren drei Seiten berichtet Vfn. über ihre Erlebnisse unter Russen und Polen bis zur Ausweisung im November 1945.