Nr. 87: Zusammentreffen mit den Russen in Pommern und Rückkehr in die Heimat.

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Erlebnisbericht des Landwirts Artur Unrau aus Zandersfelde, Kreis Marienwerder i. Westpr.

Original, 11. März 1951, 7 Seiten. Teilabdruck.

In Schönwalde, Pommern, zwischen der Ostsee und dem Garder-See, wurde unser Treck, der mit 52 Wagen am 22. Januar 1945 auf behördliche Anordnung geflüchtet war, von russischer Kavallerie am 11. März überrascht. Der russische Offizier gab seinen Mannschaften die Erlaubnis zum Plündern. Die russischen Soldaten schlugen die Kisten und Kasten mit ihren Bajonetten und Gewehrkolben auf, warfen alles von den Wagen und plünderten und raubten alles, was ihnen mitnehmenswert erschien. Der Ortsbauernführer und Gemeindevorsteher Otto Kohtz und der Bauer Artur Kerber, beide Führer unseres Trecks, wurden zum Erschießen in das nächste Dorf Wobesde abgeführt. Hierauf mußte ich die Führung des Trecks übernehmen. Ein großer Teil unserer Pferde war uns geraubt worden, so daß der Treck mehrere Wagen zurücklassen mußte. Mit den restlichen Wagen durften wir um ca. 16 Uhr den Weg nach Hause antreten.

Als wir durch Wobesde kamen, wurde Artur Kerber gerade aus einem Haus herausgeführt, als ich dort vorbeikam. Er rief mir zu: „Artur, grüße meine Frau und Kinder, ich werde erschossen.” Fräulein Lietz, Wirtschafterin des Bauern Julius Wilms aus Morainen bei Christburg, Kreis Stuhm, Westpreußen (letzterer war Schwager des Artur Kerber), die in Wobesde im Quartier war, hat beide am Ausgang des Dorfes am nächsten Tage aufgefunden. Bei der Weiterfahrt unseres Trecks wurden uns immer wieder Pferde ausgespannt und ganze Fuhrwerke geraubt, ebenso die Wagen durchwühlt und geplündert. Käthe Körte und das Hausmädchen von Frau Pauls (Name unbekannt) wurden von russischen Soldaten von den Wagen gezerrt und in den nächsten Häusern vergewaltigt.


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In Krussen, 15 km südlich von Stolp, wurden am 13. März 1945 zwölf Personen unseres Trecks im Alter von 15 bis 30 Jahren von den Russen festgenommen und‚ wie sich später herausstellte, nach Sibirien verschleppt. Es sind folgende Namen: Waltraut Unrau (unsere Tochter), Ilse und Hans Kohtz, Ilse und Gert Kerber, Käthe und Horst Körte, Gert Anger (15 Jahre alt), Johanne Schimanski, Helene Gosda, Marie Bischke und Gerhard Bauer. . . . Von den vorgenannten Personen sind Helene Gosda, Gert Anger und Ilse Kohtz in Sibirien an Unterernährung, großen Strapazen, Fleckfieber und Typhus verstorben; der Rest ist, an Leib und Seele ruiniert, zurückgekehrt.

Bei der Weiterfahrt unseres Trecks haben einige unserer polnischen Kutscher, teils heimlich, teils mit Gewalt, mehrere unserer Wagen geraubt und sind davongefahren.

Unsere größte Sorge galt unsern jungen Frauen und Mädchen, wenn wir in Quartiere gehen mußten in Dörfern, die von Russen besetzt waren. Musternd empfingen sie uns und wiesen uns gerne in die Quartiere ein, um sich nachts beim Schein ihrer Taschenlampen ihre Opfer auszusuchen und sie zu vergewaltigen. Sie scheuten auch nicht davor zurück, ein 13-jähriges Mädchen unseres Trecks, N. N., zwischen ihrem 11-jährigen Bruder und ihrer Mutter auf dem gemeinsamen Schlaflager zu vergewaltigen. . . .

Ein anderes Mal wurde eine Nachbarin, Frau N. N., von russischen Soldaten an den Füßen von unserm gemeinsamen Schlaflager in die nebenan gelegene Küche gezerrt. Nach längerer Zeit kam sie ganz gebrochen zurück und erzählte uns, daß sie von mehreren Russen vergewaltigt worden sei.

Der folgende Abschnitt enthält die Erzählung einer Nachbarin des Vfs. über persönliche Erlebnisse.

Zu unserm Treck gehörte schließlich nur noch ein kleiner Wagen mit einem kleinen schwachen Pferd bespannt. Wir hofften, dies Fuhrwerk bis zu Hause behalten zu können, doch auch dieses letzte Gefährt wurde uns in Neukrug, ca. 18 km nordwestlich von Schöneck, von Polen mit Hilfe eines russischen Postens geraubt. Als wir die Polen baten, uns das Fuhrwerk zu belassen, da eine 80-jährige Frau nicht mehr gehen könne, sagten sie: „Die kann im Chausseegraben verrecken.”

Hier in Neukrug wurde unsere älteste Tochter, Frau Ilse Wiebe, und Fräulein Martha Wilms am 29. März 1945 von den Russen geraubt und in das Lager Oliva bei Danzig verschleppt, wo bereits ca. 500 Personen waren. Meine Tochter wurde, weil sie sehr schwächlich und krank war, entlassen; ebenso war Fräulein Wilms wegen Krankheit entlassen worden. Was mit den andern ca. 500 Personen des Lagers geschah, haben wir nicht erfahren.

Von Neukrug marschierten wir zu Fuß weiter und kamen bis Pogutken, 10 km westlich von Schöneck. Hier wurden wir von der polnischen Miliz am 30. März 1945 festgehalten und auf Anordnung des dortigen polnischen Amtsvorstehers in die ca. 3 km entfernt liegende Gemeinde Jeseritz abgeführt, in der Schule einquartiert und den polnischen Bauern zur Arbeit zugeteilt. Wir Flüchtlinge mußten uns täglich bei dem polnischen Kommandanten der Miliz melden und auf dem Rücken ein Hakenkreuz aus weißem Stoff tragen. Nachdem wir ca. drei Wochen bei den polnischen Bauern gearbeitet hatten, kamen wir in das vorher von russischem Militär besetzt gewesene, ca. 2 km entfernt liegende Lager Kleschkau (polnisch Kleszczewo), angeblich wegen


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Partisanengefahr. Die Polen befürchteten, wir könnten uns mit den Partisanen, die sich angeblich in den Wäldern aufhielten, nachts verständigen. Auch von diesem Lager aus wurden wir teils zu polnischen Bauern, teils zu einem russischen Pferdekommando zur Arbeitsleistung zugeteilt. Abends mußten wir immer wieder ins Lager zurückkehren und wurden dort von Posten bewacht. Die Verpflegung im Lager war sehr schlecht.

Etwa am 1. Mai 1945 bekam der polnische Amtsvorsteher von seiner vorgesetzten Behörde die Anweisung, sämtliche Lager bis zum 3. Mai 1945 von deutschen Flüchtlingen zu räumen und sie in die Heimatdörfer zu entlassen. Wir erhielten Ausweispapiere und kamen, zwar auch noch mehrmals durchsucht und beraubt, am 5. Mai 1945 in Zandersfelde, unserm Heimatort, an.

Im Anschluß hieran berichtet Vf. über seine Erlebnisse unter polnischer Staatshoheit.