Nr. 88: Flucht aus dem Kreis Dirschau in Richtung Pommern. Nördlich Karthaus Zusammentreffen mit russischen Truppen, langwierige Rückkehr nach Schönwiese.

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Erlebnisbericht der Bauersfrau L. T. aus Schönwiese, Kreis Pr. Eylau i. Ostpr.

Original, 27. Februar 1952, 45 Seiten. Teilabdruck.

Strahlend geht die Sonne auf an diesem klaren, eiskalten Wintertag des 24. Januar 1945. Dampfend von der Wärme des Stalles werden unsre Pferde vor unsern schon am Abend vorher vollgepackten Flüchtlingswagen gespannt, ein langgemachter Leiterwagen mit einem schützenden Verdeck. Noch schnell die Pökeltonne mit dem 4-Zentnerschwein heraufgeschafft, das noch am Abend vorher geschlachtet wurde. Kaum können es die dickvermummten Kinder erwarten, auf den Wagen gehoben zu werden; denn sie denken, es geht auf eine Spazierfahrt. Wie blühend und gesund sie aussehen, sind sie doch noch nie jemals im Leben krank gewesen. Alle drei blond, blauäugig und rotbäckig, der gerade acht Jahre alt gewordene Gerhard, der bald 7jährige Heini und die rundliche 3 3/4 jährige Gretchen.

Mir ist das Herz schwer, als ich den Wagen besteige und zumute, als steige ich in mein eigenes Grab. „Du wirst kein eignes, selbstgebackenes Brot mehr in Deinem Leben essen”, durchzuckt mich ein Gedanke, als der Wagen durchs Hoftor rollt. — Schwer fällt mir der Abschied von unsrer zweiten Heimat, unsrer Pachtung in Rokitten, Kreis Dirschau/Westpreußen, wohin mein Mann seit 1940 aus Ostpreußen als Wirtschaftsberater für die Volksdeutschen aus Beßarabien und dem Warschau-Gebiet von der Landesbauernschaft Danzig-Westpreußen dienstverpflichtet ist. Deshalb darf mein Mann uns jetzt auch nicht begleiten, erst wenn Rokitten von der Wehrmacht geräumt wird, darf er fort. So haben wir jetzt den „guten” Valeri, den Zivilrussen, „Ostarbeiter”, als Kutscher mit, der leider gelernter Chauffeur ist und keinen Pferdeverstand hat. Deshalb lenkt mein Mann mit sicherer Hand unser schwankendes Gefährt mit den übermütigen Pferden durch die hohen Schneewälle des Landweges bis auf die Hauptchaussee, um dann Abschied von uns zu nehmen. —


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Schritt für Schritt fahren wir nun im langen, endlosen Flüchtlingszug gen Westen. Dumpfer Kanonendonner grollt schon seit gestern von Marienburg. Gleich wird der Russe die Zange um Pommern schließen, berichtete uns heute nacht ein Stabsoffizier. „Nur schnell durch bis Mecklenburg”, nehme ich mir vor, — wenn die Straße nur nicht so verstopft wäre, oft müssen wir Flüchtlingswagen stundenlang halten, um Wehrmachtsfahrzeuge durchfluten zu lassen, so daß wir am Abend nur ganze 6 km gefahren sind. „Es ist doch keine Vergnügungsfahrt”, merken die Kinder, als wir abends in einer mit Flüchtlingen dickbelegten Stube auf dem Fußboden schlafen.

So fahren wir fünf Tage durch. Schneesturm mit über 20° Frost setzt ein. Unvergeßlich ist mir die Nacht, als wir wohl bis gegen 2 Uhr morgens vor Berent (Westpr.) stehen; die Straße wieder dick verstopft. Valeri, unsre Perle, wieder vom Wagen fort, trinkt Schnaps mit den Ostarbeitern der andern Flüchtlingswagen, die Kinder durchgefroren und unglücklich, obgleich sie tief in Betten verpackt sind, aber der Schnee dringt durch alle Ritzen. Die Pferde sehen schon ganz zottig und schubbrig aus, obgleich wir genug Hafer mithaben.

Dann läßt man uns nicht weiter nach Westen fahren, weil die Russen wohl schon die Zange um Pommern geschlossen haben; d. h. wäre mein Mann mit uns gefahren, wären wir auf Umwegen immer noch nach Mecklenburg gekommen. Jetzt müssen wir nördlich nach Kreis Karthaus (Westpr.) abbiegen, und wir halten uns jetzt in Schönberg auf, bis dann auch dieser Ort vom Zivil geräumt werden muß und wir uns in der Nacht zum 7. März wild auf die Flucht machen müssen, da die ersten Granaten schon hinter uns krachen. Unser guter Valeri ist nur mit Mühe und Not von mir zu überreden, den Wagen zu fahren, und widerwillig und noch nachlässiger als sonst versieht er seinen Posten. In wilder Flucht geht es nun über bergige, vereiste Waldwege (denn die Hauptstraßen hat der Russe schon alle) in Richtung Gotenhafen, denn man will uns vielleicht doch noch Gelegenheit geben, uns einzuschiffen. Da droht uns der Russe schon in einer kleineren Stadt zu umzingeln, jedenfalls ist in dem Ort so ein Tohuwabohu, daß unser Wagen mit andern so eingeklemmt ist, daß wir nicht weiter können.

Ich lasse Valeri an dem Wagen, packe nur die Betten und etwas Lebensmittel auf einen Wehrmachts-LKW. und fahre mit den Kindern davon mit noch andern Frauen. Fahren stundenlang nur durch Wälder und wüste Gegenden, immer in der Nähe der Front. Unser und auch die Chauffeure der andern LKW. sind Russen, die auf deutscher Seite kämpfen. Vor einer Lichtung halten plötzlich alle Autos, alle Chauffeure springen von ihren Sitzen und lassen lange und ausgiebig ihre Schnapsflaschen kreisen. Ich habe das Gefühl, jetzt wird es brenzlig, sie trinken sich Mut an. Und richtig, kaum springt unser Wagen an, schießt sich die feindliche Artillerie gut auf uns ein. Soldaten fallen, Pferde wälzen sich in ihrem Blut. Das Dach unsres Autos hat ein großes Loch. Im Nu ist die Straße verstopft, und das feindliche Feuer konzentriert sich noch mehr auf uns. Geistesgegenwärtig biegt unser Fahrer auf das freie Feld aus, um dem Dilemma zu entrinnen, doch die warme Märzsonne hat die Erde schon aufgetaut, das Auto bleibt stecken. „Raus, die Weiber, schieben”, brüllt er, im Nu gehorchen wir und kommen vorwärts, in sausender Fahrt jagt das Auto davon. Ich klammere mich an


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der Klappe fest und lasse mich nachschleifen, um nicht mit meinen Kindern auseinanderzukommen. In Deckung des Waldes warten wir dann auf die andern Frauen.

Doch nun kommen wir nicht mehr weiter, alle Autos fluten vorbei, wir bleiben stehen. Der Russe ist auch fort vom Steuer, ein deutscher Leutnant hat jetzt seinen Platz, — nein, wir können nicht weiter, der Kühler hat einen Granatsplitter abbekommen. — Wir sitzen nun gottergeben die ganze Nacht im Auto bei heftigstem Schneesturm und Geschützdonner. Im fahlen Morgenlicht wird alles ruhig und still. Ein verirrtes Auto erbarmt sich unser und nimmt uns ins Schlepptau. Es geht nur im Schneckentempo, da — von neuem ganz in der Nähe Beschuß, meine drei Kinder haben sich eng an mich gedrückt, haben alle weiße, verzerrte Gesichter. Ich bete immer, daß wir alle auf einmal tot wären, wenn wir sterben müssen. Uns gegenüber hat sich ein Flaksoldat eingefunden, der sich immerfort mit einer jungen Frau küßt. Widerlich.

„Russische Panzer von vorn gemeldet”, schreit der Leutnant von vorn uns zu. „Wenn ich rufe, alles rausspringen, sich kleines Handgepäck bereitlegen.” — Mit zitternden Händen packe ich etwas Brot, Speck, etwas Reis, Zucker und Verbandstoff ein und gebe dem Ältesten eine warme Decke zum Halten.

Plötzlich ein Krachen und Donnern, vom Auto vor uns loht eine Stichflamme hoch. „Raus!” Wir springen wie die Irren vom Lastkraftwagen runter, laufen, was wir können, von der Straße fort in den dichten Wald, — nebenbei ein Dorf, das brennt und in dem geschossen wird; auch die Bewohner des Dorfes fliehen in den Wald. Ich werfe mich mit den Kindern auf den Waldboden. — — —

Da sehen wir schon hinter den Bäumen die braunen Uniformen mit den ekligen Pelzmützen wie die Katzen angeschlichen kommen. „Jetzt werden sie uns runterknallen”, denke ich. Da heben alle zum Zeichen, daß sie sich ergeben, die Hände und wir natürlich auch. „Der Chitler (sprich langes i) und die Chitler!”, geht das Denunzieren der Pollacken los, und die Betreffenden werden sofort festgenommen. „Ihr jetz Ruuskis”, dolmetscht uns ein Russe. Sofort nimmt sich unsrer ein russisches Flintenweib an: „Alle mit!” Durch einen reißenden Bach müssen wir noch waten, dessen Wasser den Kindern bis zu den Hüften reichen würde. Alle über sechs Jahre müssen allein durch. „Is gutt für Gesundheit”, befiehlt die Russin; ich benutze das Durcheinander, um alle drei rüberzutragen; haben dadurch den Anschluß verloren, wir irren dann allein mitten im tollsten Maschinengewehrfeuer herum, die Erde spritzt uns nur so um die Ohren, nehmen überhaupt nicht Deckung, haben keine Angst, sind ganz abgestumpft, als ob uns das alles nichts angeht. —

Da endlich, ein entlegenes Haus eines Dorfes, um das sich unglückliche Leidensgenossen scharen, nein, das Polenweib läßt uns die Küche nicht betreten, wo ich um etwas warmen Kaffee für meine Kinder bitten will. „Da — soviel zu trinken”, und zeigt auf ‚den Schnee, denn ein Brunnen ist nirgends zu finden. Das arme kleine Gretchen wird bald schneeweiß infolge der furchtbaren Strapazen, und es stellt sich blutiger Durchfall bei ihr ein.

Bald geht das Plündern los. Ein feister Zivilrusse zieht mir den Trauring ab und befiehlt mir, bis zum Abend in dem einen Raum zu bleiben. Als er


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sich entfernt, benutze ich die Gelegenheit, auszureißen. Wieder in den Wald. Bloß fort. — Als es anfängt, dunkel zu werden, finden wir auf einer Anhöhe, ganz einsam liegend, ein halbzerschossenes Haus. „Kommt her”, ruft uns ein Pollackenweib entgegen, „Trinken warmen Kaffee für eure Kinder”, überaus freundlich. Das Haus ist schon angefüllt mit Flüchtlingen, und immer mehr strömen herbei. Tatsächlich, warmer Kaffee! „Gibt es doch noch edle Menschen?”, denke ich, und es kommt mir nicht geheuer vor. Als wir dann noch eine Kleinigkeit von unserm bißchen Brot „von Hause” gegessen haben und es ganz dunkel geworden ist, eröffnet uns das Weib: „So, Kinder, jetzt kommen russische Soldaten und Offiziere schlafen.”

Und bald ist das Haus voller Russen, die ausgehungert wie die Wölfe sind. Ich verlasse sofort die große Stube, wo die meisten Menschen zusammengepfercht sind, und lege die Kinder neben den Herd in der Küche auf den Fußboden zum Schlafen hin. Sofort drückt mir das Pollackenweib eine Bratpfanne in die Hand: „Du so sauber aussehen, diese Offizier sagen, Du für ihn Abendbrot machen”. Schmalz, gute ostpreußische Rauchwurst zum Braten. Nur ist der Russe ungehalten, daß ich nicht mit ihm mitesse. Um ihn nicht zu sehr zu erzürnen, trinke ich einige Schlucke vom schwarzen Tee „mit Zucker”. . . . Auf seinen Befehl muß ich auch meinen Kindern etwas von diesem lukullischen Mahl anbieten, aber die sind nicht wach zu kriegen aus ihrem bleiernen Schlaf. — Dieser Russe ist jedenfalls ein anständiger Mensch, er hat ein Gesicht wie ein deutscher Mann und sticht ab gegen die teuflischen Mongolenfratzen der andern; denn als die Russen satt sind, kommt der Schnaps heran, und man merkt, wie sie systematisch aufgehetzt sind zum Haß und Sadismus gegen uns: Sie zeigen nämlich Bilder herum, wie deutsche Soldaten auf viehische Art in Rußland russische Frauen und Mädchen ermordet haben.

Und was nun folgt, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Wäre ich ein Komponist, würde ich diese Nacht als „Symphonie des Grauens” schildern. — Die elende Petroleumlampe ist erloschen, alles spielt sich im Dunkeln ab. Draußen, nicht weit fort, tobt die Front. Plötzlich ein Brüllen und Schreien, Bitten und Beschwören bei den Vergewaltigungen.

Ein halb irrsinniger Schrei in grauenhafter Angst: „Hilfe, Hilfe, Flüchtlinge!” — Dann scheint mir mein Blut in den Adern zu erstarren vor Angst, als ich nebenbei in der großen Stube den Verzweiflungsschrei einer Mutter höre: „Quält uns die Kinder nicht,” — dann ein Brüllen und Schreien, Herausschleifen aus dem Haus, draußen ein schrilles Quieken und stoßweises Wimmern. — Was ist los? — Ich will ins Freie. — Die Russen, die mit uns in der Küche sind, lassen es nicht zu. Sollte es denn tatsächlich der Fall sein, daß die Russen uns die Kinder fortnehmen, wie es die Zeitungen in der letzten Zeit immer schrieben, — und sie uns die Kinder womöglich quälen, oder quälen sie ein Kind, weil sich eine Mutter nicht vergewaltigen läßt? — Da — „Jetzt kommen wir mit unsern Kindern heran”, flüstert die Stimme eines jungen Weibes neben mir, auch in höchster Erregung. „Unser Leben hat sowieso keinen Zweck mehr”, durchzuckt mich ein Gedanke, „Darf ich meine Kinder bei mir behalten, bringe ich sie doch nicht durch die Hungersnot und, wenn ja, werden beide Jungen später auch in solch braunen Uniformen stecken, und das liebe kleine Mädel wird früh eine Prostituierte sein, da hilft nur eins: Sterben.”


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Doch in dieser Symphonie des Grauens müßte immer wieder ein Motiv wiederkehren, das einen beruhigenden, tröstenden Einfluß hätte wie z. B. das herrliche Motiv des Pilgerchors in der Ouvertüre von „Tannhäuser”, das die Stimmen der Unterwelt übertönt, und mein Motiv müßte bedeuten: „Gottes große Güte ist viel größer als das Grauen, ist größer, als du armer, elender Mensch es je begreifst.” — „Doktor”, brüllt jemand, „zum Verbinden”, und der Lauf eines Gewehres ist auf mich gerichtet. „Was Deine Mann?” dolmetscht ein Pollack, und einem Mißverständnis verdanke ich mein Leben, denn meine Antwort von Kreisbauernschaft wiederholt er mit: „Er arbeitet beim Bauern?” „Ja, beim Bauern,” sage ich; „Dann bleibst leben.”

Die nächsten Tage irren wir durch zerschossene Dörfer, wo in fast jedem bewohnbaren Haus ein Pollack wohnt. Mein armer Kopf ist ganz wirr. Auch fällt mir das Tragen des bald 4jährigen Gretchens sehr schwer. Gerhard und Heini sind sehr tapfer. Beim Betteln haben wir wenig Glück. In der Gegend von Neustadt (Westpr.) sind wir. — Ganze Avitos voll Kommißbrote finden wir, aber leider von der deutschen Wehrmacht beim Rückzug verätzt, mit einer stinkenden Flüssigkeit übergössen. Ich röste das Brot auf der Pfanne an. Bald bekommen wir vier Durchfall und werden infolge der unregelmäßigen Ernährung und der Strapazen ganz müde und elend. Mittags, wenn wir uns in der Sonne im Straßengraben ausruhen, sind die Kinder gar nicht mehr weiterzubekommen. Morgens, wenn wir zerschlagen und elend in irgendeiner Scheune aufwachen, ist den Kindern so schwindlig, daß sie beim Aufstehen immer taumeln. Bald sind wir total verlaust: Kopf- und Kleiderläuse. Immer nach Osten wandern wir zurück, Flüchtlinge in großen Mengen, Ostpreußen, die „nach Hause” gehen, denn nach Westen läßt uns der Russe nicht durch. Wir wandern auf der Autobahn nach Dirschau. — Unvergeßlich ist mir da eine Nacht: Den ganzen Tag im Regen gegangen, total durchnäßt, nichts Warmes im Magen, es dunkelt, kein Haus in Sicht. Da stoßen wir auf einen großen Flüchtlingshaufen, die sich entschließen, die Nacht im dichten Wald zu verbringen.

Endlich hört der Regen auf. Tannenzweige brechen wir ab und legen unsre einzige Decke herauf, auf die Decke dicht aneinander lege ich die Kinder mit meinem Mantel bedeckt (denn ich habe zum Glück den schweren, guten Mantel meines Mannes genommen) und lege mich voller Angst neben sie: Werden sie auch diese Strapaze überstehen? Klarer Sternenhimmel, Frost, in der Ferne das Grollen der Front, nicht weit entfernt Hundegebell. Werden uns die Russen mit ihren Spürhunden finden? Alle Flüchtlinge verhalten sich ganz ruhig, nur das Schreien und Wimmern der Säuglinge, die ohne Milch ja dem Tod geweiht sind, schneidet einem ins Herz. — Ich friere schauderhaft ohne Mantel, weiß mir aber zu helfen und erwärme mich immer dadurch, daß ich in gewissen Abständen Kniebeugungen mache. — Doch auch diese Nacht hat Gott uns geholfen zu überstehen. Nur war es am Morgen sehr schwierig, den Kindern die total gefrorenen Schuhe anzuziehen.

Furchtbar ist dieser Leidensweg „nach Hause” besonders für die alten Leute. So ist mir und meinen Kindern besonders ein altes, einfaches Frauchen aus Schönwalde bei Tiefensee/Zinten in Erinnerung, die sich mit Macht an uns zu klammern sucht. Wenn wir abends in einem Elendsquartier ankommen, suche ich in wüsten Kellern oder Mieten Kartoffeln und koche sie für uns


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alle ab. Ruhen wir uns am Tag öfter am Weg aus, läuft das arme alte Weibchen mit ängstlichen, trippelnden Schritten schon weiter, um ja mit uns mitzukommen. Verlaust und verkommen ist sie genau so wie wir. Nach ein paar Tagen zwingt sie sich nicht weiter, ist nicht dazu zu bewegen, wenigstens bis zum nächsten Dorf, das nicht mehr weit ist, zur Nacht mitzukommen, bleibt unter einem Strauch an der Straße liegen. —

Bald merke ich, daß es gefährlich ist, im großen Flüchtlingszug zu gehen; denn alle Frauen, die zur Arbeit tauglich erscheinen, werden von den Russen auf der Straße aussortiert, verschleppt, und deren Kinder bleiben allein zurück. Eines Abends treffe ich in einem Elendsquartier ein dickes, ordinäres Weib aus dem Kreis Heiligenbeil, die drei rotznasige eigne Bengels und noch drei hübsche blonde Jungen aufgelesen hat, deren Mutter verschleppt wurde. Diese sechs Jungen müssen am Tag bei den Russen Brot betteln, „denn alle sechs dobrze, ruuski Soldatas werden”, erklärt sie den Russen immer wieder. — Ich werde klug, gehe immer mit den Kindern allein, dazu gehört viel Mut! Ist ein russischer Posten in Sicht, fange ich noch an zu lahmen. Auf die Frage: „Frau, wo Dokumente?” ziehe ich seelenruhig meine deutsche Kennkarte, die die Russen stets verkehrt halten. „Pascholl”, die Sache ist erledigt. Damit ihnen mein guter Mantel nicht so begehrenswert erscheint, habe ich oben am Aufschlag die Klappen tief durchgeschnitten, so daß bei jedem Schritt die ausgefranste Steifleinwand auf- und zuklappt. (Es lohnt nicht, eine Frau zu verschleppen!)

Ich merke, daß die Kinder schon recht schwach geworden sind, und auch ich bin todmüde. Wie lange werden wir diesen Elendsmarsch noch durchhalten? — Es ist bald Ostern. „Mama, wir wollen nach Hause!” — Unser Zuhause? — Mein Mann ist ja stets den Polen gegenüber tolerant gewesen, — niemand hat einen Haß auf uns gehabt, — vielleicht nimmt uns ein guter Mensch in Rokitten auf, — und wir biegen von der Hauptstraße nach Rokitten ab.

Kaum sind wir im Dorf, steht der Gewaltige von Rokitten vor uns, Balomonczek, vor dem selbst alle Polen dort zittern, er, der sich seit 1939 als Partisan in den Wäldern versteckt hielt und dessen Besitzung mein Mann gepachtet hatte, steht vor mir, das Gewehr auf dem Rücken, am Arm die weiße Binde der Polen, — in knallroten Filzpantoffeln. Das werd' ich nie vergessen: „Frau, wo Deine Mann?!” — „Ich weiß nicht, sicher tot. Laß mich hier in Rokitten arbeiten.” — „Fort, raus aus Rokitten, nach Dirschau zur russischen Kommandantur Dich melden, hab' ich Befehl!” — Und dann beeindruckt ihn wohl doch unser Elend, — sei es, daß er sich daran erinnert, daß mein Mann seine Familie gut behandelt hatte während seiner Partisanenzeit, — jedenfalls übergab er mich nicht der GPU., wie er es wohl hätte tun müssen, — sondern rät mir, so schnell wie möglich in unsre Heimat Ostpreußen zu fliehen. Eine Nacht dürfen wir sogar noch in Rokitten in einem einsamen Insthaus verbringen, allerdings mit niemand sprechen. Als wir im Morgengrauen das Dorf verlassen, hat sich hinter dem Dorf eine Frau versteckt, die all' die Jahre bei uns gearbeitet hatte, Frau Czaja, und übergibt mir für jeden ein Stück Brot und drei schöne Eier, obgleich das für sie nicht ungefährlich war.

Nur schnell über die Weichsel! Das ist leichter gesagt als getan, denn die Eisenbahnbrücke dicht an der Stadt ist gesprengt, ebenso die „Kniebauer”-


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brücke, die unsre Deutschen nach dem Polenfeldzug gebaut haben. So bleibt uns nichts andres übrig, als die 60 Kilometer südlich von Dirschau entfernte Brücke in Mewe zu benutzen. — Viele Pollacken setzen die Ostpreußen mit Ruderbooten über den Fluß, aber nur gegen mindestens zehn Pfund Speck. Wir haben keine Chancen, weil wir nichts besitzen. — Doch wie erstaunt und wie erfreut sind wir, als uns bei Klein-Schlanz (20 Kilometer südlich Dirschau) ein Pole auf seinem vollgepackten Boot mitnimmt, obgleich wir ihn gar nicht darum gebeten haben. Zum Dank gebe ich ihm meine schöne Angora-Strick-jacke, die ich anhabe. Verlaust ist sie sowieso!

Bis über die Knie versinke ich im Schlamm, als ich am andern Ufer meine drei Kinder an Land trage. Hochwasser an der Weichsel! „Gerettet von den Pollacken”, denke ich. Wir sind in Ostpreußen! Doch nach einigen Minuten sprengt ein Russe auf einem Pferd auf uns zu. „Dawai, dawai”, nicht schnell genug können wir ihm laufen bis zum nächsten Dorf. Heini weint immerfort, solche Stiche hat er in der Brust. — Wieder auf die russische Kommandantur zum Ausplündern. Bei uns ist nichts mehr zu holen. — Wir sind jetzt so erschöpft, daß wir zwei bis drei Tage hier in Groß Montau (denke ich, hieß das Dorf) bleiben. Es sind noch Kartoffeln in den Mieten, und die Kinder schlafen auch am Tag wie tot, hausen in einem wüsten Haus mit andern Flüchtlingen. Die Nächte sind hier ruhig, die russische Kommandantur ist in der Nähe, und der Kommandant muß wohl ein vernünftiger Mensch sein. Eines Abends spricht mich eine Flüchtlingsfrau (Anfang 50) an. Ich wundere mich, daß sie so undeutlich durch die Nase spricht. Wir kommen ins Gespräch: Bezirksbauernführer wäre ihr Mann gewesen im Gr. Werder (Delta zwischen Weichselarm und Nogat). Als die Russen sie vergewaltigten, wäre ihr Mann ihr zu Hilfe geeilt. Dafür hätten sie ihr das Nasenbein eingeschlagen. Auf der Kniebauerbrücke hätte sie gestern mit ihrem Mann gestanden: „Laß uns runterspringen, dann hat die Qual ein Ende”, hat er sie gebeten. Doch der Gedanke an ihre Kinder hat es verhindert. — Nun ist sie so unglücklich, daß sie es nicht zugelassen hat, denn eben haben sie ihren Mann fortgenommen, im Keller der Molkerei sitzt er. Um sie zu trösten, gebe ich ihr von meinem erbettelten Fleisch und Milch ab, denn meine Kinder sind heute so elend, daß sie nichts essen können, und ich denke, was ich heute abgebe, gibt Gott mir morgen wieder, und erfreut schleicht sie sich abends im Dunkeln fort, um ihrem Mann etwas durchs vergitterte Kellerfenster zu geben. —

Dann gehe ich mit den Kindern die Autobahn entlang, in Richtung Marienburg. Es ist immer dasselbe Bild auf diesem Weg des Elends: Auf der einen Seite des Weges, fast dicht am Chausseegraben, wandern wir Flüchtlinge ostwärts, viele haben ihr elendes Gepäck auf Handwagen, Kinderwagen oder Kindersportwagen geladen, ein Pferdefuhrwerk der Flüchtlinge sieht man jedenfalls niemals. In der Mitte der Straße braust rücksichtslos fahrend der russische Nachschub mit Lastautos, auf die vielfach Schlauchboote geladen sind. Fast jedes Lastauto hat ein Geschütz angehängt. Natürlich fahren russische LKWs. auch in entgegengesetzter Richtung, von Westen nach Osten.

In einem Siedlungshaus außerhalb von Marienburg „organisieren” wir uns auch einen stabilen Handwagen und Federbetten. Die kleine Gretchen und den sehr elend gewordenen Heini setzen wir in die Betten, der tapfere Gerhard zieht an der Deichsel, und ich schiebe unser elendes Gefährt. Über


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das verschossene Elbing und das wüste Braunsberg gelangen wir nach Heiligenbeil, wo ich 14 Tage freiwillig bei den Russen arbeite, weil es dort dafür etwas Brot und etwas stinkendes altes Pferdefleisch gibt. Zum 1. Mai müssen wir hier die Straßen schön fegen, und wir erleben dann wieder die Besoffenheit der roten Sieger mit den üblichen Begleiterscheinungen.

Von Heiligenbeil an gleicht Ostpreußen einer Wüste (d. h. gleich hinter der Weichsel waren alle Höfe leer, wenn nicht zufällig gerade ein Pole oben war als Besitzer). Jetzt sind wir in einer richtigen Wüste: Keine Kuh, kein Pferd, kein Schwein, kein Huhn, keine Taube, kein Kaninchen, leere Bienenstöcke, ganz öde, verlassene, zerschossene Dörfer, 10-20 Kilometer wandern wir, ohne ein menschliches Wesen zu sehen, höchstens streicht eine verwilderte Katze über die Straße. Mir ist oft himmelangst, mein Herz ist auch wohl nicht mehr ganz in Ordnung.

Über Zinten, Kanditten, Landsberg/Ostpr. landen wir endlich am 8. Mai 1945 in unserm lieben Schönwiese.

Im folgenden berichtet Vfn. über ihre Erlebnisse und die allgemeinen Zustände in Schönwiese unter Russen und Polen bis zu ihrer Ausweisung im Dezember 19461).


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