Nr. 7: Überstürzte Flucht, Überrollung des Trecks durch die Russen bei Saalfeld, Rückkehr nach Groß-Nappern.

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Erlebnisbericht der L. S. aus Groß-Nappern, Kreis Osterode i. Ostpr.

Original, ohne Datum, 15 Seiten. Teilabdruck.

17. Januar 1945. Warschau geräumt! Rufe Frau Pfarrer Decke-Cornill in Groß-Schmückwalde an, frage, ob dies höchste Alarmbereitschaft sei, was sie verneint. Abends kein Licht, kein Radio.

18. Januar 1945. Finde keine Ruhe. Nachts gegen 3 Uhr wieder aufgestanden. Es ist mir immer, als ob man mich riefe. An den Betten der Kinder, die wie die Engel schlafen. Als der Morgen graut, beginne ich übernächtigt zu packen.

19. Januar 1945. Schon vor 8 Uhr kommt Lehrer Hopp und sagt: „Frau Sternberg, es ist so weit! Richten Sie sofort Ihren Treck!” Fieberhaftes Rennen treppauf, treppab. Was soll aus Tante Käthe werden? Sie ist 81, krank, und will von nichts wissen. Am Abend kommt die Meldung: „Abfahrt nicht notwendig, Feind 60 km zurückgeschlagen!” Darf man es glauben? Wieder kein Licht. Es Hegt etwas Unheimliches in der Luft. Beim trüben Schein einer Petroleumlampe packen wir weiter. Es ist ein gegenseitiges Aushelfen, wo etwas fehlt. Die Kinder finden es herrlich. Gott sei Dank, daß sie den Ernst der Stunde nicht spüren.

20. Januar 1945. 13 Uhr Treffen im Schulhaus. Es handelt sich um die Verteilung der Leiter- und Kastenwagen an die Flüchtlinge. Während Lehrer Hopp und Inspektor Henzler noch disponieren, kommt Schuster Rudolf Sendzik angestürzt: „Sofort los! Nur mit Handgepäck!” Im Nu sind wir auf der Dorfstraße, die mit einem Mal voll von jammernden Frauen ist. Ich laufe, ziehe die Kinder warm an. Unsere Gumbinner Flüchtlinge sind unschlüssig. Trage mit Lotte Saremba Tante Käthe in den Landauer, wo sie in Pelzdecken gehüllt ganz friedlich sitzt, neben ihr Ingrid (siebenjährig), ihr gegenüber Jutta (sechsjährig) und Oda (zweijährig). Dann gilt es, unsere, Sarembas, Kaminskis, Fräulein Knoops Sachen zu verstauen. Natürlich ist es viel zu viel, alle Wagen sind überlastet. 15.30 Uhr geht es endlich los. Lotte Saremba ist bei den Kindern. Ich laufe mit Fräulein Knoop nebenher, immer in Sorge, daß der Treck nur zusammenbleibt. Hopp und Henzler sind längst über alle Berge. Peterswalder überholen uns, Frau Dobrik, Frau Glesinski, Fräulein Forsch. Bei Rheinsgut erste Stockung. Die Chaussee ist eisglatt. Es sind mindestens - 20 Grad, doch keiner spürt die Kälte in der fieberhaften Aufregung. 18 Uhr stehen wir dicht ineinandergekeilt am ersten Bahnübergang der Wilhelmstraße in Osterode. Löse Lotte Saremba im Wagen ab, da sie nach ihren Eltern sehen will. Tante Käthe plagt mich mit Fragen: „Warum steht der Wagen still, was wollen wir hier, warum essen wir kein Abendbrot?” Auf der Straße rennen die Menschen, als wenn sie gejagt würden. Züge mit Panzern Richtung Allenstein. Erst im Morgengrauen können wir weiter, als der große Treckstrom, von


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Buchwalde kommend, unterbrochen ist. Wir fahren Osterode—Post—Kreishaus—Milliner—Richtung Waldau. Hier wieder Halt. Plötzlich ist Henzler da mit heißem Kaffee. Das tut gut. Unser kriegsversehrter Volontär Stöckel bemüht sich um den Zusammenhalt des Groß-Napperner Trecks. Saremba, der alte Ehmke, Janowski, Bolz, Kruschinski, Blaskowitz sind weit zurück, bei uns sind Lipowski, Kronberg und Nickel. Wir dürfen nicht überholen, sehen ja auch ein, daß die Wehrmacht die Straße frei haben muß. Mit Bangen sehen wir sie immer noch nach Osten ziehen.

Endlich können wir weiter, kommen aber nur langsam vorwärts. Tante Käthe beginnt wieder mit Fragen, und wenn meine Antworten nicht befriedigend ausfallen, zerrt sie an meiner Hand. Im Liebemühler Wald bleiben wir stecken. Nehme Frau Kaminski und Bildchen in den Wagen, Friedchen neben Kutscher Wischnewski auf den Bock. Versorge alle aus dem Rucksack. Sehe die ersten zurückgehenden deutschen Soldaten im Schneehemd, erschöpft und abgehetzt. Der Russe scheint uns auf den Fersen zu sein. Wie zur Bestätigung erschallt Kanonendonner. Weiter, nur weiter. Vorbei an Pillauken kommen wir in der Dämmerung nach Liebemühl. Frage nach der NSV. Tante Käthe will aus dem Wagen. Befehl der Kreisleitung: Sofort einsteigen und weiterfahren! Groß-Altenhagen. Die Kinder sind eingeschlafen, Tante Käthe redet wirr und zerrt an meinen Nerven, l Uhr nachts vor einem Bauernhof in Nickelshagen. Die Tür ist verrammelt. Nach langem Klopfen erscheint ein weißbehaubtes Mütterchen am Fenster, und es bedarf guten deutschen Zuredens, um ihr klarzumachen, daß wir noch nicht die Russen sind. Sie öffnet. Wir tragen Tante Käthe ins Haus, wärmen und stärken uns. Osterode, will man wissen, soll brennen. Feuerschein überall. Weiter. Sehe, daß auch Lotte Münz und Frau Perk bei uns sind. Die Straßen verstopfen sich immer mehr. Schimpfende Landser. 15 Uhr Saalfeld. Halt auf dem Marktplatz. Wir vertreten uns die Beine. Der Kutscher steht bei den Pferden.

Plötzliches Rasseln und Dröhnen, ein Panzer, nein, kein deutscher, ein russischer Panzer, riesenhaft. Maschinengewehre tacken. Ich reiße die Kinder in den Wagen, Kaminskis flüchten in ein Haus. Der Kutscher schreit: „Mich hat es getroffen!” Ich kann nicht helfen, da ich die wild um sich schlagende Tante Käthe halten muß. Der nächste Panzer rammt uns, die Deichsel bricht, und die Pferde gehen durch. Wir streifen in rasender Fahrt eine Bretterwand, eine Hausecke. Wieder ein Panzer, die Pferde biegen aus, dabei kippt der Wagen um, wir fliegen durcheinander, werden weiter geschleift. Ich liege auf Ingrid, wühle mich hoch, frage: „Wem tut was weh?” „Nichts!”, sagt Ingrid, „nur Angst, Mutti, laß uns beten.” Endlich kommen wir zum Stehen. Ich sehe eine Gestalt vorbeilaufen, schreie, klopfe, schlage wie rasend gegen die Wand des Wagens, erkenne unseren französischen Gefangenen Michel, der einen Treckwagen fuhr. Er hilft das Dach öffnen, und wir können die Kinder herausheben, schwieriger ist es mit Tante Käthe, die sich mit Händen und Füßen sträubt. Wir müssen sie zurücklassen, als uns neue Panzer zu überrollen drohen. Mit den Kindern und einer rasch aufgerafften Decke unter dem Arm kann ich in das nächste Haus flüchten. Panzer toben vorbei.

Als wir uns wieder hervorwagen, sind Pferd und Wagen verschwunden. Michel will mich zum verwundeten Kutscher bringen, er ist nicht mehr zu finden. Wir stapfen durch tiefen Schnee, kommen an einen Schuppen. Heftiges


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Maschinengewehrfeuer in den Straßen. Längst ist es dunkel. Mit Mühe entziffere ich auf der Tür des etwas abgelegenen Schuppens „Giftkammer Ceresan!” Nun, ein Beizmittel kann eine Landfrau nicht schrecken. Ich stoße die Tür auf, alles dunkel, aber ich höre Menschen, lasse mit zitternden Händen ein Streichholz aufflammen: acht todernste Männer in Wlassowuniform starren mich an, eine Frau mit Säugling, eine Alte. Rasch ziehe ich meine Drei rein, mache die Tür wieder dicht.Wir kauern uns in eine Ecke. Ich lege die jetzt so kostbar gewordene Decke über die Kinder. Die Stunden schleichen. Meine Gedanken kreisen um Tante Käthe. Habe ich sie im Stich gelassen? Lebt sie noch? Wrde ich jemals etwas über ihr Schicksal erfahren? Ich muß jetzt bei meinen Kindern bleiben, noch haben sie das Leben vor sich, meine einzige Aufgabe ist es, das ihre zu beschützen und zu bewahren.

Allmählich gewöhnen sich die Augen an das Dunkel, ich entdecke noch ein Ukrainerehepaar mit Kind, die bei uns gearbeitet haben, kann ihnen ein Stück Brot geben. Die Stadt scheint in den Händen der Russen zu sein, ich höre, wie sie im Vorderhaus mit den Kolben die Türen einschlagen. Alles hält den Atem an. Werden sie uns finden? Man fürchtet, sich durch den wilden Herzschlag zu verraten. Es geht vorüber. Die Füße erstarren in der Kälte. Ingrid und Jutta flüstern: „Mutti, die Russen, was werden sie mit uns machen?” „Nichts”, sage ich, während es mich schüttelt, „Nichts!”, und lege meine Hand auf ihre Lippen.

Vier Uhr morgens versuche ich, ins Vorderhaus zu gehen. Wir können hier nicht bleiben, es muß etwas geschehen. Plötzlich steht unser Obermelker Nickel vor mir. Dem Manu laufen die hellen Tränen herunter, er vermißt seine Frau und seine Tochter Gertrud. Führt uns in eine Fleischerei, wo wir Frau Henzler mit Mann und Sohn, Kronberg mit Frau und Sohn und Fräulein Schröder finden, die als Gumbinner Flüchtling bei uns gewohnt hat. Wir bekommen zu essen. Aber es dauert nicht lange, bis die ersten Russen kommen. Wir kommen, vielleicht der Fleischerei wegen, mit Uhren und Ringen, die Männer mit bzw. ohne Langschäfter noch gnädig davon. Ich sage zu Nickel: „Es hat keinen Zweck, uns hier festzusetzen, wir müssen aus dem brennenden Saalfeld raus!” Ja, Saalfeld brennt an allen Ecken und Enden. Organisiere einen Schlitten, auf den ich Odchen setzen kann. Marschieren los, kommen ins Kampfgelände, finden, auf Kartoffelkraut liegend, Schutz in einer Gärtnerei. Dann in einem Bunker. Nicht lange, da jagen uns die Russen raus, nehmen Henzler mit, der behauptet, Pole zu sein, obwohl sein Sprachschatz mit dem Wort „Popolski” erschöpft ist. Seine Frau und Sohn Ulrich laufen mit uns. Nickel immer noch untröstlich. Ich sage: „Zu Fuß können wir nur nach Groß-Nappern zurück, da werden auch Ihre Frau und Gertrud sein!” Kronberg hat sich abgesondert.

Wir marschieren, von den Russen getrieben, die Straße des Todes zurück, in unserem Rücken die brennende Stadt. Brennende Bauernhöfe begleiten uns, brüllendes Vieh. Kommen in ein schweres Panzergefecht und müssen im Straßengraben Deckung suchen. Odchen schreit so, daß Nickel böse wird. Er ist jetzt unser Schutz, denn er kann wirklich polnisch. Es wird dunkel, die Kinder können nicht mehr. In einer Holzhütte finden wir Unterschlupf, sie ist eng vollgestapelt, und wir sind 11 Erwachsene und 9 Kinder, aber es muß gehen. Barbarische Kälte, mache Feuer. Russen kommen und wärmen sich.


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„Schimna, schimna1)!„, rufen sie und strecken die mit Trauringen bedeckten Finger über das Feuer. Mit steifen Händen kochen wir in einer Konservenbüchse Schneewasser und trinken es. Mit einer Eisenstange breche ich eine Miete auf: Kartoffeln wie Steine, aber doch Kartoffeln! Halbgar schlingen wir sie hinab. Weiter. Ungeheure Massen amphibienhafter Panzer begegnen uns, auf denen Trauben von Menschen hängen. Russen, nichts als Russen. Über Kuppen nach Groß-Hanswalde. Überfahrenes, zerquetschtes Vieh, Zivilisten mit eingeschlagenen Köpfen neben ausgeplünderten, umgestürzten Trecks, tote deutsche Soldaten. Die Gesichter der Kinder sind ganz klein und blaß und so stumm geworden. In Groß-Hanswalde zur Nacht keine Unterkunft, Häuser ohne Dach. Binde mir die Leine des Schlittens um den Leib, um Ingrid und Jutta an die Hand nehmen zu können. In Schliewe, nahe der abgebrannten Kirche will mich ein Russe abseits zerren, kann mich losreißen. Niedergebranntes Gutsgehöft seitlich der Straße, in einer halbzerstörten Scheune etwas Stroh. Ich reibe den Kindern die erfrorenen Füße mit etwas Schnee ein, bereite ein Lager. Nickel fängt eine Kuh ein und strahlt, daß er wieder melken kann. Ich strahle auch, obwohl die Milch des euterkranken Tieres gelb ist. Greifen und rupfen zwei Hühner. Der brennendste Hunger kann gestillt werden. Aber die Kinder jammern immer noch über ihre geschwollenen Füße. Trage sie zum Austreten raus, Jutta kriecht auf allen Vieren.

Als der Morgen kommt, tauchen Menschen auf. Ein Landarbeiter auf Groß-Groben mit Pferd und Wagen. Angesichts der erfrorenen Füße der Kinder kann ich ihn bewegen, uns mitzunehmen. Das Pferd ist alt und schwach, so daß wir oft schieben helfen müssen. Tiefer Schnee, wohl 20—25 Grad unter Null. Wo der eisige Ostwind den Schnee weggefegt hat, ist die Chaussee spiegelglatt. Die Helle blendet. Keine Handschuhe, die man mir abgenommen hat, finde in einem Tornister ein paar Socken. Wieder bleiben wir stecken, der abgetriebene Gaul droht zu fallen. Die Polenfrau, die auch auf dem Wagen ist, will die Kinder heruntersetzen. Wir reisen ja gewissermaßen unter ihrem Schutz, und sie kann sich alles erlauben. Wir dürfen nicht einmal den toten deutschen Soldaten am Wege die Soldbücher abnehmen. Wer wird ihre Angehörigen benachrichtigen? Schnellwalde, kein Haus mehr, nur noch Mauerreste. Über Dittersdorf nach Liebemühl. Dämmerung, die den Augen gut tut. Nickel muß seine 16jährige Tochter Hilde schützen. Endlich ein heiles, offenbar noch bewohntes Haus. Aber als wir eintreten, bietet sich uns ein Bild unvorstellbaren Grauens: verstreutes und verschüttetes Essen, Tote sitzen auf dem Sofa, hängen über Stühle, liegen in den Betten. Fußboden und Wände sind mit Blut bespritzt. Nur ein Hund kläfft uns wütend an. Wir flüchten ins Freie. Plötzlich ist da eine alte Frau, ruft hinter uns her: „Kommt, ruht Euch hier aus!” Ich schüttele den Kopf, fort, nur fort von hier! Wieder bringen wir den Wagen in Gang. Ich ziehe immer noch meinen Schlitten. Im nächsten Gehöft kommen wir unter.

Es wimmelt von Menschen, viele Franzosen, die ganz lustig kochen und braten. Schleppe die Kinder auf dem Rücken ins Haus. Bekomme zu essen. In einer Ecke vor mit Stroh verstopftem Fenster finden wir Platz. Ich sehe mich um. Bauern aus Manchengut und Paulsgut, die uns kennen und Brot


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geben. Verwundete Frauen und Kinder aus dem letzten Liebemühler Zug, der nicht mehr fortkam und beschossen wurde. Eine Schwester, der ich verbinden helfe. Sie ist aus einem Treck herausgeholt und von 11 Russen vergewaltigt worden. Als wir weiterziehen, schließt sie sich uns an. Schritt für Schritt geht es durch den vertrauten Liebemühler Wald. Auch dort Trümmer von Trecks und Todesgeruch. Pillauken — ein wilder Russenhaufen. Senke mein Gesicht tiefer. Roterkrug Randsiedlung abgebrannt, Osterode abgebrannt, keine Menschenseele. Vor den Ruinen der Post Geld in Haufen, niemand will es. Hier war Kühls Hotel. Ein Russe hält uns an: „Wohin?” „Nach Hause!” Er winkt grinsend ab, als gäbe es so etwas für Deutsche nicht mehr. In der Wilhelmstraße stehen noch einige Häuser. Aber man sieht keine Menschen. Was noch lebt, hält sich ängstlich versteckt. Die Molkerei beschädigt (wurde Juni 1945 völlig abmontiert).

Kommen noch bis Treuwalde, dann ist es dunkel. Das erste Haus abgebrannt, ebenso die Försterei und das Schulhaus. In einem Stall finden wir 22 Menschen Platz. Brate das Stück Schweinefleisch, das mir in Liebemühl ein Franzose gab: „Madame, pour les enfants!” Das erste Mal seit 8 Tagen ziehe ich meine Halbschuhe aus, und das erste Mal seit dem Aufbruch aus Groß-Nappern schlafe ich den Schlaf völliger, totenähnlicher Erschöpfung. Einer hat gegen Morgen Feuer gemacht, und da meine Schuhe zu nahe dran waren, sind sie steinhart zusammengeschrumpft. Ich bekomme ein Paar Knobelbecher Größe 43 verpaßt, und weiter geht es. Hoffentlich laufe ich mir nicht zu schlimme Blasen. Im Schießwald irren hungernde Pferde und ein winselnder Hund umher. Mörlen, kein Gutshaus mehr. Auf der Strecke nach Rheinsgut schneidender Ostwind, der uns beinahe umwirft. Über uns ein Fieseier Storch mit blutrot leuchtendem Sowjetstern. Von fern der Groß-Schmückwalder Kirchturm, er steht also noch.

Die Heimat rückt nahe und die bange Frage: Wie werden wir sie antreffen? Klein-Schmückwalde, das Gutshaus ist niedergebrannt. Nickel sondiert. Wir warten. Es dauert mir zu lange, und ich wage mich in die Insthäuser, finde Nickel mit Russen, bekomme meinen Pelz abgenommen. Nickel gibt mir zu verstehen, daß er nicht weiter helfen kann. Werde untersucht, abgetastet. „Partisan?”, fragen sie drohend, wohl wegen meiner Skihosen, dann: „Patron?” Ich verneine. Spreche mit Frau Saloka wegen unseres Unterkommens, sie zeigt mir, daß alles reichlich besetzt ist. Ein Russe will mich ins Zimmer ziehen: „Frau, kumm!” Ich komme weg. Zu den Kindern. Wieder auf den Wagen. Im nächsten Haus, das leer ist, kommen wir unter, und ich kann etwas Eßbares zusammenbrauen. Zusammenstoß mit Frau Henzler, der wohl das Gewissen schlägt. Ich sage, daß ich mit gutem Gewissen nach Groß-Nappern zurückgehen kann. Am 3. Tag wagen wir trotz Schneesturm den nur 2 km entfernten Weg dorthin, aber die Kinder sind so schlecht auf den Füßen, daß es mir ins Herz schneidet und ich noch einmal umkehre. Der zweite Anlauf glückt.

Am 4. Februar sind wir wieder zu Hause, in Groß-Nappern. Das Haupthaus ist abgebrannt, nur das „gelbe” Nebenhaus steht. Es kommen Frau Sontowski, Frau Wilhelm Ehmke und Tochter Gertrud; andere kucken verängstigt aus dem Fenster. Nicht viele, meist 2—3 Familien, in der Angst zusammenge-


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drängt. Tolle Szenen müssen sich abgespielt haben, haben die Russen doch eine volle Brennerei vorgefunden. Ins Haus gehe ich zunächst nicht, da ich von draußen sehen kann, wie es drinnen aussieht! Ziehen bei Meissners ein, die uns mit offenen Armen aufnehmen. Wohnen oben in Lotte Münzens Zimmerchen, 3X4 m mit 14 Menschen. 2 Betten, l Kinderbett, in das Irmchen Meissner gesteckt wird, wenn die Russen hinter ihr her sind, l Tisch, l Schrank, noch l Sofa. Ingrid und Jutta schlafen unter dem Tisch. Um 4.30 Uhr wird es dunkel. Die langen Nächte sind angefüllt mit wilden Schießereien und ständiger Menschenjagd. Oft hört man das Schreien von Frauen, das Weinen von Mädchen.

In der Küche wird den ganzen Tag für die Russen geschlachtet und gebraten. Der Kommandant bewohnt unten 2 Zimmer und benimmt sich dank Messners polnischen Sprachkünsten fast europäisch, besucht uns, und ich erfahre, daß mein Mann ein „guter Pan„ gewesen sei und gerne kommen dürfe. Dabei lassen wir es. Ich bin froh und dankbar, die erfrorenen Füße und den furchtbaren Durchfall der Kinder pflegen zu können. Ein russischer Sanitäter steckt mir sogar etwas Chinosol und einige Tropfen Opium zu. Unter Aufsicht eines Feldwebels mit Hedda Meissner zum ersten Mal im Hause. Es sieht unbeschreiblich aus, nichts als Scherben, herumfliegende Federn. Ich gehe von Zimmer zu Zimmer, pralle zurück: Da liegt Bauer Puschatzki erschossen über einem Bett, er war aus der Gumbinner Gegend. Tief erschüttert trete ich den Rückzug an. Es dauert Tage, bis ich mich wieder hinwage, um den einen oder anderen noch verwertbaren Gegenstand zu holen. Viel ist es nicht. Fristen unser Leben von Tag zu Tag .

Im folgenden berichtet Vfn. über Erlebnisse und Zustände unter Russen und Polen bis zur Ausweisung im November 1945.1)