Nr. 8: Erlebnisse auf der Flucht und unter den vordringenden Russen im Raum Osterode.

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Erlebnisbericht der Medizinstudentin Josefine Schieiter aus Osterode i. Ostpr.

Beglaubigte Abschrift, 20. November 1951, 20 Seiten. Teilabdruck.

Wir fahren auf dem Weg nach Elbing weiter, Stunden durch den weißen Schnee, der immer höher wird. Wir sind ganz verkrustet vom Schnee und haben kalte Füße, müssen mit klammen Fingern Brote streichen, die mit kalter Milch, die wir in einer Kanne mitgenommen haben, gegessen werden. Einige Stunden übernachten wir in einem Gutshof. Die Leute sind schon geflüchtet, und fremde Menschen haben hier für Stunden Unterkunft gefunden. In den Zimmern liegt Stroh, worauf wir uns für einige Stunden ausruhen. In der Küche ist große Stockung. Die Frauen wollen alle an einem Herd kochen, und es dauert lange, bis auch wir uns eine Suppe gekocht haben.


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Am anderen Morgen geht es weiter. Die Straßen sind voll von Flüchtlingen, Wagen und Fußgängern. Ab und zu fahren Autos dicht gefüllt mit Menschen und Koffern an uns vorbei, und neidisch folgen die Blicke der Fußgänger. Immer wieder gibt es Stockung. Eine Panik erfaßt die Menschen, als der Ruf laut wird: „Die Russen sind in der Nähe!” Man schaut sich an. Das kann doch nicht möglich sein. Auf einmal kommt ein Mann zu Pferd geritten und ruft mit lauter Stimme: „Rette sich, wer kann. In einer halben Stunde wird der Russe da sein.” Eine lähmende Angst überfällt uns. Auf einmal fliegen Panzergeschosse über uns hinweg. Die vor uns liegende kleine Stadt Preußisch-Holland wird beschossen. Wir legen uns an die Erde an einen dicken Baum, und über uns fliegen die Geschosse. Ein furchtbares Dröhnen beim Einschlag. Ich habe mit meinem Leben abgeschlossen. Eine unsägliche Ruhe kommt über mich. Ich liege am Boden, neben mir das junge Mädchen, das sich ängstlich an mich schmiegt. Wir haben keine Hoffnung mehr. Wenn die Geschosse kommen, legt man unwillkürlich das Gesicht in seine Hände, als wolle man durch Rettung seines Kopfes sein Leben retten. Auf einmal hört die Schießerei auf; schon rollen Panzer an, und von allen Seiten kommen russische Soldaten in Schneehemden. Die Verwirrung war so groß, daß man nicht wußte, sind es deutsche oder russische Soldaten, und schon sah man mit hocherhobenen Armen unsere Soldaten, die aus einem Lazarettzug kamen, vor den russischen Soldaten stehen. Sie wurden gesammelt abgeführt. Die Panzer rasten durch die Wagenreihen. Wagen wurden in Gräben geschleudert, die Pferdeleiber lagen verendet im Graben, Männer, Frauen und Kinder kämpften mit dem Tode, Verwundete schreien um Hilfe. Neben mir verbindet eine Frau ihren Mann, dem das Blut aus einer breiten Wunde fließt. Hinter mir sagt ein junges Mädchen zu ihrem Vater: „Vater, erschieß mich!”, „Ja, Vater”, sagt der ungefähr 16-jährige Bruder, „Ich habe nichts mehr zu erwarten.” Der Vater blickt seine Kinder an, die Tränen laufen ihm über das Gesicht, und er sagt mit ruhiger Stimme: „Wartet noch etwas, Kinder.” Da kommt ein Offizier zu Pferd. Einige deutsche Soldaten werden zu ihm geführt, er nimmt seinen Revolver, ich schließe die Augen, Schüsse knallen, und vor uns liegen die Armen. Kopfschuß. Der Schrecken steht in ihren Gesichtern. Die Leichen bleiben liegen. Keiner wagt sie anzurühren. Da rollen die Panzer mit den Soldaten heran. Das soll die russische Armee sein, die, wie man uns erzählte, dem Hungertode nahe und schlecht gekleidet sei. Diese festen, kräftigen Kerle. Flintenweiber, die vor Gesundheit strotzen, saßen neben den Soldaten, alle in guter Uniform, mit Filzstiefeln an und Pelzmützen auf. Wir standen am Wegrande und sahen uns die vorbeirollenden Panzer und Soldaten an. Zum großen Teil waren es primitive Gesichter, rundschädlig, mit unbändiger Freude in den Gesichtern. Sie winkten uns zu und riefen: „Hitler kaputt”. Einige sprangen herunter von den langsamer fahrenden Panzern und kamen auf uns zu. „Urr, Urr„, klang es aus rauhen Kehlen, und ich hörte zum ersten Male die rauhe, für unsere Ohren nicht gut klingende russische Sprache. Im Nu waren die vielen Menschen ihrer Uhren und Ringe beraubt. Dem Herrn N. riß einer die herrlichen Pelzhandschuhe von den Händen und warf ihm seine durchnäßten Angorawollnen zu. Es wurde nach Waffen untersucht. . . Es dauerte dieser Vorbeimarsch einige Stunden. Auch widerliche Gesichter von Funktionären sahen wir. Da dachte man unwillkürlich an die GPU.


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Es dunkelte bereits, und wir überlegten, was wir tun sollten. Wir standen hilflos auf der Landstraße. Keine Seele kümmerte sich um uns. Die Polen, die als Arbeiter auf den Höfen gearbeitet hatten und mit geflüchtet waren, schlossen sofort Freundschaft mit den russischen Soldaten, da sie sich verständigen konnten, und sagten uns: „Fahrt nach Hause, eßt und schlaft. Russe gut, Euch passiert nichts.” Die Landstraße dröhnte von den vorbeirollenden Panzern. Wir fuhren weiter mit unseren Wagen. Die Franzosen hatten uns verlassen. Sie sammelten sich und meinten, sie würden nun sofort in ihre Heimat entlassen. „Was sollen wir nun machen?”, war unsere Frage. Wir entschieden uns und fuhren auf dem Seitenweg auf das nächste Gutshaus. Aber dieses war schon mit Polen ganz belegt, und wir gingen in das nächste Insthaus. Dieses war fest verrammelt, und wir mußten mit einem Beil, das wir im Stall fanden, öffnen. Im Stall standen zwei Schweine vor leeren Trögen. Hühner saßen auf der Stange. Futter war nicht mehr zu sehen. In der Küche machten wir uns etwas Feuer, aßen wenig und saßen während der ganzen Nacht auf den Stühlen voller Angst.” Wir wagten uns nicht zu rühren. Eine große Trostlosigkeit hatte uns gepackt, und wir sahen voller Grauen der Zukunft entgegen.

Am anderen Morgen fanden wir die weiteren Räume, ein komplettes Schlafzimmer mit Ofen. Wir machten uns Feuer. Der junge Mann holte vom Gutshof Milch. Gott Dank, die Wärme frischte uns auf. Da nahten sich Schritte. Das Blut stockt in unseren Adern. Ich sehe es an den Gesichtern der anderen. Tatsächlich, mehrere Offiziere und Soldaten kommen herein. Einer kann etwas Deutsch. Wieder schreien sie: „Hitler kaputt.” „Wir fahren nach Berlin.” Sie brachten Fleisch, das ich fertigmachen sollte. Sie fanden eingewecktes Fleisch und Früchte. Das schien ihnen neu zu sein. Sie machten die Gläser auf und machten Zeichen, ich sollte davon probieren, erst danach aßen sie davon. Als das Fleisch fertig war, aßen sie es mit Brot. Knochen wurden auf den Tisch geworfen oder auf die Erde. Dann tranken sie von ihrem mitgebrachten Wodka, rauchten und suchten sich mit uns zu unterhalten. So kamen in Trupps immer wieder Soldaten und Offiziere, die sich wärmten und ihr mitgebrachtes Fleisch und Brot verzehrten.

In der Nacht hatten wir uns auf die Betten gelegt. Da nahten wieder Schritte, ein Offizier kommt herein und leuchtet uns mit einer elektrischen Lampe ins Gesicht und fragt: „Germanski?” Wir bejahen. Er verläßt Gott sei Dank den Raum. Wir liegen stillschweigend auf den Betten und warten auf den Morgen. Herr N. war ganz zerschlagen und fragte immer wieder: „Wo mag meine Frau mit den Kindern sein?”

So blieben wir hier vier Tage. In der dritten Nacht kamen 5 Offiziere mit geladenem Revolver und sagten: „Heraus, hier wir schlafen.” Wohin sollen wir? Im anderen Raum hatten sich 16 Franzosen einquartiert. Wir gingen zu ihnen und baten, ob wir den Rest der Nacht hierbleiben könnten. Sie bejahten, und wir saßen die ganze Nacht frierend im Stuhl. Nachmittags, ich hatte für den Abend Kartoffeln fertiggemacht und briet sie in der Pfanne, kamen junge, betrunkene Offiziere in den Raum. Einer konnte etwas Deutsch. Er sagte: „Euer Leben in Gefahr, lauft sofort.” Wir zogen unsere Mäntel an und gingen auf den Gutshof, wo unsere Wagen standen. Morgens war noch alles auf den Wagen gewesen. Nun waren beide Wagen geplündert. Wäsche,


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Lebensmittel und Koffer verschwunden, und Reste an Wäscheteilen lagen zerfetzt am Boden. Schnell wurden die Pferde angeschirrt, aber immer standen die Russen mit Maschinenpistolen in unserer Nähe und beobachteten uns mit lauernden Blicken. Ich hatte so das Gefühl, sie lassen uns zum Ausziehen vom Hofe alles bereit machen und wenn wir im Begriff sind, vom Hofe zu fahren, bekommen wir die Kugel. Aber es war nicht so. Sie ließen uns fahren. Wir machten uns auf den Weg, um wieder auf das Gut des Herrn N. zu fahren. Unterwegs gingen wir zu beiden Seiten der Wagen, um die Pferde zu entlasten. Ab und zu fuhren russische Autos an uns vorbei.

Auf einmal hält ein Auto, und mich umringen drei baumlange Kerls, halten mich fest und werfen mich auf ihr Auto. Mein Rufen verhallte im Schneesturm. Der Wagen setzte sich in Bewegung, und ich stand auf dem Auto, von den lauernden Blicken eines Russen beobachtet. Eisige Kälte umwehte mich. Ich war seit Mittag ohne Essen und hatte nur das, was ich am Körper hatte. Grinsend beobachtete mich einer der Kerle, der in Decken eingehüllt lag, und fragte höhnisch „Kalt?”. Das Auto fuhr langsamer, ich sprang herunter, sofort hielt es, und wieder warf man mich auf den Wagen. Es folgten die entehrendsten Augenblicke meines Lebens, die nicht wiederzugeben sind. Auf einmal hält der Wagen. Ich springe herunter und laufe so schnell, wie ich konnte, in den dunklen Winterabend hinein, von einer gewaltigen Angst getrieben. Es war schätzungsweise 10 Uhr. Weit und breit war kein Haus zu sehen. Unter mir tiefer Schnee. An den Füßen hatte ich Militärschuhe; da meine naß geworden waren, hatte mir einer der Franzosen diese geschenkt. Aber das harte Leder schnitt in die Muskulatur. Ich lief ohne aufzuhören, bis ich an eine kleine Brücke kam. Hier stellte ich mich unter und hätte mich am liebsten in den weichen Schnee gelegt, um nicht wieder aufzuwachen. Was nun? Findet mich hier ein Russe, bin ich erledigt, oder komme ich in den Scheinwerfer eines Autos, wird man mich verschleppen.

Eisige Kälte kroch an meinem Körper hoch. Ich stand bis über die Waden im weichen Schnee. Herrgott, hilf mir, war das einzige, was ich sagen konnte. Aber ruhig standen die Sterne am Himmel. Was quälst Du Dich, Menschenkind, das Schicksal, das Dir auferlegt ist, mußt Du tragen. Da hörte ich Wagen und Menschen, die leise an mir vorübergingen. Gott Dank, es waren Flüchtlinge, die auch auf dem Wege nach Osterode waren. Sie hatten noch ihr ganzes Gut auf dern Wagen. Ich schloß mich an, und wir wanderten noch ungefähr 8—10 km. Wir kamen an einen großen Gutshof. Hier wurden wir von Russen, die denselben beschlagnahmt hatten, festgehalten. Kontrolle. Erst am anderen Morgen geht es weiter.

Wir kamen in den großen Kuhstall. Die Kühe liefen draußen im Schnee herum. Hier waren wohl an hundert und mehr Menschen. Man saß auf den Steintrögen. Einige Männer hatten Holz geholt und machten ein kleines Feuer. Stand man nahe davor, konnte man sich erwärmen. Qualvolle Stunden folgten, besonders für die Frauen. Von Zeit zu Zeit kamen Soldaten herein, auch Offiziere, und holten Mädchen und junge Frauen. Kein Schreien, kein Bitten, nichts half. Mit dem Revolver in der Hand faßten sie die Frauen um das Handgelenk und rissen sie mit. Ein Vater, der seine Tochter schützen wollte, wurde auf den Hof geholt und erschossen. Das Mädchen war erst recht die Beute die-


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ser vertierten Menschen. Gegen Morgen kam sie wieder, Schrecken in den kindlichen Augen, sie war über Nacht um Jahre gealtert. Da ihr Körper aber nicht mehr eines größeren Gefühlsausbruches fähig war, sank sie in das Stroh. Traurigkeit, Mutlosigkeit überfiel alle. Wir warteten. Es kamen Gott sei Dank! keine Soldaten mehr. Rund um den Gutshof standen Soldaten mit den bekannten Pelzmützen auf dem Kopf und der umgehängten Maschinenpistole.

Am anderen Morgen wurden alle Wagen nach Waffen untersucht. Frauen und Kinder konnten durchgehen. Ich schloß mich einer Gruppe an und kam glücklich durch die Kontrolle. Flüchtlinge über Flüchtlinge waren auf der Landstraße. Wir gingen zu Fuß neben den Wagen her. Die Gräben waren angefüllt mit ausgeschüttetem Hafer, mit Betten, Wäsche, Kleidungsstücken. Die Leute hatten die Sachen abgeworfen, um ihre Wagen zu erleichtern, damit sie schneller vorwärtskamen, denn alle hatten zu viel mitgenommen. Hausrat, Lebensmittel, Betten, Kleidung, da man der Ansicht war, irgendwo im Reich als Evakuierte leben zu können, bis der Krieg vorüber war. Aber es war anders gekommen. Werte von ungeheurem Ausmaße lagen hier verstreut und sollten in der Nässe umkommen. Immer wieder sah man Leichen von deutschen Soldaten, Männern, Frauen und Kindern, die aber nun auf das Feld gebracht und wenigstens bedeckt wurden. Schauder über Schauder krochen über unsere Rücken. Hätte ich doch Gift, sagte ein Mann, ich würde mich mit der ganzen Familie vergiften. Ich würde es nicht ertragen, wenn meine Frau und meine Töchter diesen schrecklichen Menschen zum Opfer fielen. So kamen wir am Abend zu einem Gutshof, wo wir übernachten wollten.

Hier hatten sich schon Franzosen einquartiert, die gerade ein Schwein abschlachteten. Auf dem Hofe lag der Besitzer des Hauses erschossen. Der Mond beleuchtete sein schreckerfülltes Gesicht, die Augen waren weit geöffnet, der Mund war wie zu einer Grimasse verzogen. Die Besitzerin kam zu uns. Wir möchten sie nur nicht verraten, da sie Angst hatte. In einen großen Raum holten wir Stroh, die zerschlagenen Fensterscheiben wurden ausgestopft. Holz wurde zerkleinert, im Kachelofen brannte das Feuer. Langsam füllte sich der Raum, und Männer, Frauen und Kinder machten sich Lagerstätten aus Stroh. In der Küche wurde Kaffee gekocht, und bald war eine große Stille eingetreten, da sich alles mit der Abendmahlzeit beschäftigte. Es waren zum Großteil Bauern, die über große Vorräte an Brot, Butter und Fleisch verfügten.

Ich mußte mir einen Platz suchen, nachdem ich noch eine Kranke, die man hereingetragen hatte, verbunden hatte. Sie hatte im Rücken eine faustgroße Wunde, auch am Bein und an den Armen. Sie war stark beim Beschuß verletzt worden. Die Wunden waren notdürftig verbunden, sahen schrecklich aus und verbreiteten einen fürchterlichen Geruch. Ich hatte Platz auf einem Wäschesack gefunden. Seit dem Mittag vergangenen Tages hatte ich nichts mehr gegessen und getrunken. Ob sich wohl einer deiner annehmen wird? dachte ich. Keiner der schmatzenden Leute dachte daran, daß einer nichts haben könnte. Schrecklich ist das, um ein Stückchen Brot bitten zu müssen. Die Mutter der Verwundeten, woran ich mich zuerst wendete, lehnte es ab, sie wären eine große Familie und hätten selbst nicht viel. Endlich erhielt ich von einer jungen Bäuerin eine Schnitte Brot mit Schmalz, die ich mit Heißhunger verzehrte. In der Küche bekam ich von den Franzosen sogar eine Tasse Milch und Pell-


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kartoffeln----------Am anderen Tage ging ich auf den Bauernhof, der in der

Nähe war. Hier sollte ich einige Wochen bleiben. Die junge Bäuerin war sehr gutmütig und hatte mich aufgenommen.

Es folgt eine ausführliche Schilderung über die Erlebnisse der Vfn. in Osterode bis zum September 1945.