Nr. 9: Die Vorbereitung der Räumungsaktion Westpreußen und die Fluchtbewegung im Danziger Raum.

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Bericht des ehemaligen Hauptableilungsleiters der Landesbauernschaft Danzig-Westpr., Fritz Riemann aus W o s s i t z , Kreis Danzig-Land.

Original, Oktober 1952.

Als nach dem Zusammenbruch der Mitte der Ostfront sich die feindlichen Heere bis an die östlichen Grenzen unseres Gaues vorschoben und uns aus Berichten von Augenzeugen der wahre Zustand der Truppe und der Lage offenkundig wurde, gelang es dem Landesbauernführer, den Gauleiter davon zu überzeugen, daß vorsorglich Maßnahmen geplant werden müßten, um bei einem weiteren Vordringen der Russen für die Flucht der Bevölkerung zu sorgen. Natürlich durften diese Vorbereitungen nur streng vertraulich vorgenommen werden, und deshalb sind auch vielfach falsche Vorstellungen darüber bekannt. Es muß anerkannt werden, daß Forster entgegen vielen anders eingestellten Ratgebern, die alle solche Maßnahmen als Defaitismus verwarfen und sich nicht scheuten, mit ähnlichen Argumenten uns zu diffamieren, die Vollmacht dazu erteilte. Allerdings mit der Einschränkung, solche Vorarbeiten nur für die Gebiete rechts der Weichsel zu bearbeiten.

So unsinnig die Vorstellung vom militärischen Standpunkt auch war, anzunehmen, ein gegnerischer Vorstoß könnte die links der Weichsel gelegenen Gebiete verschonen, da der Weichselbogen unter allen Umständen gehalten werden würde, so war er doch nicht zu erschüttern. Vielleicht findet sich darin eine Erklärung, daß der Reichsstatthalter sein eigenes Gewissen und seine Verantwortung nach Berlin damit zu beruhigen glaubte, daß er das wirksam von uns herausgestellte Argument allein gelten ließ, nämlich die so von entscheidender Bedeutung bleibende Regelung des Überganges über die Weichsel im Ernstfalle zu regeln.

Einen geordneten Übergang über den breiten Fluß vorzubereiten, darin lag in der Tat die schwierigste Aufgabe. Wir hatten und konnten uns naturgemäß nur mit dem Abtransport der Landbevölkerung befassen, da man auch an maßgebender Stelle unterstellte, daß die Städter mit der Bahn abtransportiert werden könnten. Die Landbevölkerung hingegen sollte per Treck unter Mitnahme des Viehes auf genau festgelegten Straßen auf bestimmte, den Kreisen angewiesene Weichselübergänge abziehen. Im allgemeinen waren von den Kreisbauernschaften alle Vorbereitungen verständnisvoll getroffen — ich kann sie deshalb hier übergehen.


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Für uns aber waren zwei entscheidende Fragen sehr schwierig zu lösen:

1. Die Festlegung der Weichselübergänge.

2. Eine Vereinbarung mit den Ostpreußen, die ja auch den Strom überqueren mußten.

Nach sehr eingehenden, von militärischer Seite mit großem Entgegenkommen geführten Besprechungen stand fest, daß praktisch die großen, festen Brücken in erster Linie für den militärischen Verkehr unentbehrlich blieben. So blieb kein anderer Ausweg, als zusätzlich feste Notbrücken und Fähren an verschiedenen Stellen zu bauen, über die der Abmarsch der Zivilbevölkerung gehen sollte. Für den Winter bei einer festen Eisdecke wurden entsprechende Vorbereitungen an den Ufern getroffen. . .

Wenn so die eine Frage nach menschlichem Ermessen so zweckmäßig gelöst erschien, als es nach Lage der Dinge nur irgend möglich war, so konnte die zweite nicht gelöst werden. Zwar hatten maßgebliche Herren der Landesbauernschaft Ostpreußen nach Rücksprache mit uns gleichfalls einen genauen Plan für die einzelnen Kreise ausgearbeitet, worin in der Hauptsache der Rückmarsch über die Weichsel vorgesehen war. Als wir aber mit ihnen zu einer endgültigen Aussprache im Juli 1944 in Elbing zusammenkamen, mußten sie uns mitteilen, daß ihre Pläne plötzlich vom Gauleiter Koch zurückgehalten wären und er ihnen bei Androhung der Todesstrafe verbot, sich weiterhin mit solchen defaitistischen Plänen zu beschäftigen. Wir waren über diese Mitteilung sehr betroffen, und der Eindruck, daß diese voraussichtlich katastrophale Folgen für die ostpreußische Bevölkerung nach sich ziehen würde, hinterließ auch bei den Ostpreußen deutliche Spuren. Wir konnten ja nicht ahnen, daß der wirkliche Verlauf der militärischen Ereignisse im Januar 1945 alle solche Abmachungen über den Haufen werfen würde. Gewiß hätte der Durchbruch am 23./24. Januar alle Planungen zunichte gemacht. Dies war aber keineswegs 1944 im Sommer vorauszusehen. Festgehalten muß deshalb dennoch dies jeder Vernunft hohnsprechende Verhalten des Gauleiters Koch werden, der ohne jeden Sinn sämtliche Planungen hintertrieb und bewußt das Leben seiner Ostpreußen dem Zufall überließ. Wir fuhren unverrichteter Dinge zurück und konnten nur hoffen, daß es am Ende doch nicht zur Flucht käme. Sollte es aber doch sein, so glaubten wir, daß die westpreußischen Kreise vor dem Ansturm der Ostpreußen über die rettenden Übergänge gelangt wären. Nur provisorische Maßnahmen für den Fall, daß gleichzeitig beide Gaue zusammentreffen könnten, waren vorgesehen. Daß eine Katastrophe sich dann anbahnte, konnten wir uns nicht verhehlen — aber wir waren dagegen machtlos!

Vorgesehen worden war, daß die fliehenden Kreise diesseits der Weichsel in bestimmten Kreisen untergebracht werden sollten. An einer weiteren westlichen Verlegung zu arbeiten, wurde nicht gestattet. Wir mußten mit dem Erreichten zufrieden sein und waren es auch in der Annahme, daß gegebenenfalls eine Weiterleitung der Trecks nach Westen nach den gemachten Erfahrungen und ohne einen breiten Fluß im Rücken leichter sein würde. Wenn dies nachher auch trotz Winterwetters und großen Schwierigkeiten gelang, so doch nur, weil einmal der Feind lange Zeit das nördliche Pommern unbehelligt ließ, und nicht zuletzt, weil die Ostpreußen erst folgten, als die Westpreußen durch waren.


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Daß die Ostpreußen im Februar und Anfang März in nicht abreißenden Zweier-Kolonnen nach Überquerung des Haffs doch zu einem guten Teil hinter die Oder kamen, war nur folgendem Umstand mitzuverdanken. Entgegen aller Voraussicht wurde am 26. Januar plötzlich nach der Besetzung von Elbing und kurzer Bildung eines russischen Brückenkopfes bei Lesewitz diesseits der Nogat auf militärische Anordnung das Große Werder geräumt.1) Die Trecks wurden jedoch im Landkreis Danzig festgehalten, weil die militärische Lage an der Nogat für 6 Wochen wieder hergestellt war. Den beiden Danziger Landkreisen war ein Treckverbot auferlegt worden, da sie zur Versorgung der Festung Danzig bestimmt waren. Und so wurde dann auch Anfang Februar die männliche Bevölkerung aus Gr.-Werder zurückgeschickt, um die Ernte auszudreschen.

Da setzte der unerwartete Zustrom der Ostpreußen über die Nehrung ein. Nach den verzweifelten Wochen, die sie hinter sieh hatten, waren nicht nur die Menschen stark abgekämpft, sondern vor allem fehlte es an Pferdefutter. Jetzt konnte man deutlich an der Aufmachung der armseligen Wagen und Gespanne sehen, wie unvorbereitet und überrascht der Aufbruch erfolgt sein mußte. Die reichen Vorräte des reichen Kreises Gr. Werder allein verhalfen diesen Trecks zur Weiterfahrt, Die Menschen wurden in Steegen und Stutthof verpflegt und mit Vorräten versehen. Alles Getreide, Raufutter und die großen Vorräte an Zuckerschnitzeln der Fabrik Neuteich wurden an die Treckstraße gebracht und für längere Zeit ihnen als Pferdefutter mitgegeben. Die treuen Helfer aber selbst, bangten einer unsicheren Zukunft entgegen, ihre Angehörigen waren auf ihren vorläufigen Zufluchtsorten und harrten auf die Männer, um selbst zu trecken. Und als dann endlich den Bewohnern des Gr. Werders — nicht denen aus dem Landkreis Danzig — der Abzug gestattet wurde, war es zu spät. Sie gerieten in den Durchbruch der Russen zur Küste östlich Schlawe oder kehrten um nach Danzig.

Soweit es der städtischen Bevölkerung in Danzig gelungen war, sich noch abzusetzen auf die Nehrung, sind sie bis zum Waffenstillstand mit all den zurückgebliebenen, auf engem Raum zusammengedrängten Leidensgenossen vom Lande und aus Ostpreußen, die auch nicht mehr Pommern hatten glücklich durcheilen können, und mit Teilen der Bevölkerung aus Hinterpommern per Schiff via Hela und dank der Marine nach Westen gebracht worden. Wieviele Flüchtlinge aber, anstatt den erhofften Hafen zu erreichen, ein jähes Ende imder Ostsee fanden, wird wohl immer ungeklärt bleiben!

Vorbereitet war natürlich die Bergung der Vorräte bei den Genossenschaften und Zuckerfabriken. Nach Beginn der Offensive konnten nur die Vorräte von Pelplin, Schwetz und Neuteich gerettet werden. Alle Bemühungen, die großen Vorräte im Herbst wegzuschaffen, scheiterten au der Transportfrage und auch an der Tatsache, Vorräte unter allen Umständen bis zur neuen Ernte zurückbehalten zu müssen. Der Übereifer mancher politischer Gewalthaber sah hierin eine Chance, sich besonders zu bewähren, und so unterblieb manche Möglichkeit des Abtransports.


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