Nr. 11: Die Räumung der Stadt Bischofswerder und der Fluchtweg der Bevölkerung.

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Bericht des ehemaligen Bürgermeisters der Stadt Bischofswerder, Kreis R osenberg i. Westpr., Fritz Haneberg.

Original, ohne Datum.

Am 20. Januar 1945 erhielt auch die Stadt Bischofswerder Befehl, die Räumung am 21. Januar durchzuführen. Während die landwirtschaftlichen Betriebe mit Pferd und Wagen unter Führung des Ortbauernführers auf den Weg gebracht werden sollten, waren für den Transport der übrigen Bevölkerung zwei Eisenbahnzüge vorgesehen. Wenn uns auch bei der Räumung des Nachbarkreises Neumark am 17. Januar 1945 erklärt wurde1), daß der Kreis Rosenberg nicht geräumt wird, sondern die Verpflegung und Unterbringung der durchziehenden Trecks zu übernehmen habe, so ging doch jeder daran, seine Wagen entsprechend herzurichten und die notwendigen Vorbereitungen zu treffen.

Als dann der Räumungstermin feststand, war es trotzdem schwierig, die Bauern und Fuhrwerksbesitzer auf den Weg zu bringen; denn es war sehr kalt, und die Straßen waren sehr glatt. Die Schmiede hatten keine Eisen, so daß die wenigsten Pferde scharfe Eisen oder Stollen hatten. Auch die langen Leiterwagen fingen auf den glatten Straßen an zu schleudern. Aber es gelang dann doch, im Laufe des Sonntagvormittag abzufahren. Da mit der Stadt auch die Dörfer: Gr. Peterwitz, Stangenwalde und Konradswalde räumten, setzte sich ein sehr langer Zug in Richtung Freystadt in Bewegung. War es schon schwierig, mit Fuhrwerk bei Kälte und glatten Straßen wegzukommen, so war der Abtransport der restlichen Bevölkerung mit der Bahn am schlimmsten. Es waren zwei lange Züge bestellt und auch zugesagt worden; aber sie kamen zunächst nicht. Der Grund für das Ausbleiben bzw. die Verzögerung der Transportmittel war der, daß in der Stadt Freystadt ein SS-Führer als Standortältester saß, der kurzerhand die für meine Sadt durchfahrenden Züge anhielt, die Weiterfahrt verhinderte und die Züge für eigene Zwecke verwandte.

Nach endlosen Telefongesprächen mit den verschiedensten Dienststellen gelang es dann doch, den Abtransport zu bewerkstelligen. Inzwischen hatte ich durch sofortige Verbindung mit der Wehrmacht eine Fahrzeugkolonne zur Verfügung gestellt erhalten, um für alle Fälle trotzdem den Abtransport zu sichern. Jedoch wollte die Bevölkerung lieber mit der Bahn fahren. Da die Russen erst am Montag, dem 22. Januar, am Spätnachmittag zögernd von Osten her in die Stadt einrückten, gelang es ungehindert, die Bevölkerung herauszunehmen. Die Räumung war für etwa 8 Tage vorgesehen und das Ziel: Großwollental im Kreise Pr. Stargard jenseits der Weichsel.2) Für die Aufnahme war ein Teil der Stadt Großwollental und vier Dörfer vorgesehen, und zwar


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für die Stadt Bischofswerder und die Dörfer Gr. Peterwitz, Stangenwalde und Konradswalde.1) Der Treckweg sollte folgender sein: Bischofswerder, Freystadt, Kl. Tromnau, Wandau, Kröxen, Bandtken, Liebenthal, Marienwerder, hier Weichselübergang: Grabau, Münsterwalde, Rakowitz, Lindenberg, Großwollental.

Während die Abfahrt noch einigermaßen klappte,begannen schon unterwegs die Schwierigkeiten — in Freystadt — mit den Umleitungen. Gefährlich wurde es dann an der Weichsel, wo sich unzählige Fuhrwerke an der Überfahrtstelle, die mit Stroh und Wasseraufgüssen verstärkt worden war, anstauten. Hier ging dann auch der ganze Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Trecks verloren. Von drei Stellen strömten die Trecks zur Übergangsstelle, und zwar nicht nur der Kreis Rosenberg, sondern auch Marienwerder und auch ostpreußische Kreise. So rückte auch ein Teil in Richtung Stuhm und Marienburg weiter, um schneller herüberzukommen. Da des Nachts kein Übergang gestattet wurde, nahm man am Tage einfach 50 Wagen von links, 50 Wagen aus der Mitte und 50 Wagen von rechts und ließ sie so die Übergangsstelle passieren. So kam es dann, daß die einzelnen Trecks innerhalb der Gemeinden auseinandergerissen wurden und nun mit dem großen Strom fremder Gemeinden und Kreise weiterzogen.

In Großwollental war für die Aufnahme unserer Bevölkerung alles sehr gut eingerichtet. Aber als die ersten Fuhrwerke ankamen, war auch der Räumungsbefehl für diesen Teil gegeben, und es hieß nun weiter. Die beiden Züge wurden nicht ausgeladen, sondern in Richtung Pommern weitergeleitet. Genaues Ziel war nicht zu erfahren. Anscheinend wußte nun niemand mehr, wohin es gehen sollte. Ich selbst begab mich nach Berent, um hier zu erfahren, wo die Bevölkerung bleiben sollte. Leider war nichts zu erfahren. Ähnlich ging es mir in Bütow und Stolp. Keine Dienststelle konnte mir Auskunft geben, wie weit die Reise gehen sollte. Mit dem Ortsbauernführer, als dem Treckleiter, hatte ich mich dahingehend verständigt, in dieser Richtung zu folgen. Leider ging das auch nicht ganz, die meisten Straßen waren für die Wehrmacht gesperrt, es erfolgten Umleitungen, so daß ein Nachfolgen sehr schwer war. Erst in Schlawe war im Landratsamt eine Treckleitstelle eingerichtet, die auch Auskunft geben konnte und sich um den Weitertransport bemühte. Hier erfuhr ich auch, daß wir noch die Oder und Elbe passieren sollten, um im Raum Osthannover Aufnahme zu finden. Da die ganzen Trecks an der Küste entlang geleitet wurden, mußten diese auch Schlawe passieren.

Nach mehreren Tagen kamen von dem ganzen Bischofswerder Treck sechs Wagen mit dem Treckleiter an. Die anderen waren unterwegs in andere Richtung gedrängt durch die dauernden Umleitungen oder waren in guten Quartieren hängen geblieben. Es war auch nicht möglich, zu warten, da an ein geordnetes Fahren nicht mehr zu denken war. Von Schlawe hat sich dieser Treck dann in folgender Richtung weiterbewegt: Köslin, Kolberg, Treptow, Cammin, Gollnow, Altdamm-Stettin über die Oder und dann auf die Autobahn in Richtung Prenzlau, Waren, Parchim, Ludwigslust, Dömitz über die Elbe, Dannenberg, Dahlenburg, Lüneburg, Salzhausen, Winsen nach Niedermarschacht. Die Reise dauerte vom 21. Januar bis 21. März 1945.


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Die Züge mit dem Rest der Bevölkerung sind bis Pyritz geleitet worden, hier ausgeladen und infolge Luftangriffs in Luftschutzbunker gekommen. Hierbei ist auch Frau Mehlin an einer erhaltenen Verwundung verstorben und Herr Otto Wollenschläger verschwunden. Der Weitertransport ist dann in aller Hast erfolgt. Während schon auf diesem Transport einige Tote zu beklagen waren, wurden es nun noch mehr. Hauptsächlich sind es die Alten und hier vornehmlich die Insassen der Diaspora-Anstalten gewesen, die einfach die Strapazen nicht aushielten. . .

Schon auf dem Marsch wurde ein Teil der Trecks von den nachdrängenden Russen mit Panzern überholt, zurückgeschickt, oder es wurden ihnen die Fuhrwerke abgenommen und zu Fuß zurückgeschickt, die Frauen vergewaltigt, mißhandelt. Ein Teil ist auch nach Sibirien gekommen. Ein anderer Teil ließ sich in guten Quartieren Zeit und wurde so von den Russen überrascht. So kam es dann auch, daß viele unter russische und später unter polnische Verwaltung kamen. Von diesen ist ein Teil dann später, ausgewiesen, in den Westen gekommen. Vereinzelte sind dageblieben, und andere haben in der Ostzone gesiedelt.

Ist schon in normalen, ruhigen Zeiten die Räumung von Städten und Dörfern schwierig, so war es hier, infolge der herandrängenden Russen, bei der Kürze der Zeit, den schlechten Verkehrsverhältnissen, bei strenger Kälte und Glätte beinahe zur großen Katastrophe gekommen. Wenn die Räumung Anfang Januar schon vorsorglich angeordnet und durchgeführt worden wäre, hätte sich viel Schweres und Bitteres vermeiden lassen.