Nr. 12: Die Räumung des Kreises Stuhm.

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Bericht des Landwirts Günther v. Flottwell aus Ankemitt-Lautensee, Kreis S t u h m i. Westpr.

Original, 4. Mai 1952.

Trotzdem die militärische Lage östlich der Weichsel um die Jahreswende im Osten und Süden ernst genug war, durfte von einer Räumung nicht gesprochen werden.

Obwohl das Landratsamt in Stuhm seit August 1944 für den Räumungsfall gut durchdachte Pläne ausgearbeitet hatte, zögerte die Partei, diese Pläne bekanntzugeben, und ließ im Gegenteil „Widerstand bis zum Letzten” und „Jedes Dorf eine Festung” als Parolen verkünden. Lediglich eine „vorübergehende Zurückziehung von Frauen und Kindern und sogar des Viehs hinter die Weichsel wurde vorsorglich erwogen”. Man hatte das Beispiel des August 1914 vor Augen, als auch bereits der Räumungsbefehl vorlag, aber durch die Schlacht von Tannenberg hinfällig wurde. Auch die neuen Geheimwaffen spielten bei der amtlichen (Flüster-)Propaganda damals schon eine große Rolle und fanden freiwilligen Glauben. Woran klammert man sich nicht, wenn man hofft, ein Aufgeben der Heimat verhindern zu können?

Eine planmäßige Vorbereitung der Bevölkerung unterblieb also, und als dann das Schicksal nahte, stand sie fassungslos vor der erchütternden Tatsache.


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Am 21. Januar wurde es ernst. Tagelang hatten Trecks aus Ostpreußen den Kreis durchzogen, zogen „versprengte” Soldaten durchs Land und führten uns unser kommendes Schicksal vor Augen.

Auf die Radiomeldung (11 Uhr), daß die Russen vor Dt. Eylau ständen, rief der Gauleiter in Stuhm an und teilte mit, daß der Angriff auf Dt. Eylau abgeschlagen sei und ein Räumungsbefehl für den Kreis Stuhm nicht in Frage käme. Landrat und Kreisleiter Franz erklärte seinen Mitarbeitern, daß er die Verantwortung für eine durch diesen Befehl des Gauleiters zu erwartende Tragödie nicht auf sich nähme und überließ den Ortsgruppenleitern die Entscheidung, ob sie trecken wollten.

So einsichtsvoll diese Einstellung des Landrats war, so große Verwirrung entstand nun im Kreise, weil jeder Ortsgruppenleiter und Bürgermeister nach eigenem Ermessen handelte oder nicht handelte. Das eine Dorf packte und schickte Frauen und Kinder fort, das Nachbardorf hatte keinen Befehl oder durfte nicht trecken.

Immerhin steht fest, daß die Räumung begann, und zwar gegen Willen und Befehl des Gauleiters.

Um 12 Uhr erhielt die Strafanstalt Stuhm Räumungsbefehl. Um 16 Uhr traf in Stuhm eine Sturmgeschützbatterie ein, die gegen Niklaskirchen und Riesenburg zu sichern hatte und zu ihrer Unterstützung 60 Mann Volkssturm anforderte.

Um 18 Uhr erreichte mich als Kompanieführer im Volkssturm der Befehl vom Landrat: „Feindliche Panzerspitzen in Rosenberg (16 km), der Volkssturm sichert die von Christburg nach Süden führenden Chausseen”. Das taten wir die ganze Nacht hindurch, während einige Hundert „versprengte” Soldaten, durch diese Nachricht aufgeschreckt, schleunigst ihre warmen Quartiere und die Stadt räumten. Es ereignete sich jedoch nichts. Um 19 Uhr begann auf dem Bahnhof Rehhof die Verladung von Frauen und Kindern.

Um 23 Uhr erneuter Befehl vom Gauleiter an den Landrat: „Es darf nicht getreckt werden”. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen am Telefon, in deren Verlauf dem Gauleiter anheimgestellt wurde, selber nach Stuhm zu kommen und sich von der Lage zu überzeugen. Er ist nicht gekommen, und die Räumung ging weiter. Auch das Landratsamt stellte im Laufe des Nachmittags seine Tätigkeit ein und beließ nur einen Arbeitsstab in Stuhm.

In der Nacht vom 21./22. Januar hatten einige Ortsgruppen aus eigenem Entschluß mit der Räumung begonnen (Lichtfelde 21 Uhr, um 22 Uhr widerrufen), andere hatten den „Rat” gegeben zum Treck (Ortschaft Tiefensee). Die östlichen Nachbargemeinden der Kreise Mehrungen und Pr. Holland waren teilweise ebenfalls im Abmarsch.

Der Tiefenseer Treck marschierte die Nacht hindurch bis in die Gegend Schönwiese-Neumark, wurde dort von Polizei und Wehrmacht angehalten und zurückgeschickt, weil sich die Lage wieder gebessert hätte.1) Von wem dieser Befehl ausgegangen ist, konnte ich nicht feststellen, vom Landrat kam er jedenfalls nicht. Übernächtigt und erschöpft kamen die Tiefenseer in den frühen Morgenstunden des 22. Januar wieder zu Hause an, und die Gemüter beruhigten sich wieder. Eine völlige Planlosigkeit war eingetreten, jeder befahl


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auf eigene Faust, und jeder etwas anderes. Um 9 Uhr wurde die Sturmgeschützbatterie aus Stuhm abberufen und in der Gegend Pr. Holland eingesetzt, so daß von einem militärischen Schutz des Kreises schon an diesem Tage nicht mehr geprochen werden konnte.

Die Nachbarkreise Pr. Holland und Mohrungen räumten im Laufe des Tages befehlsgemäß, gegen Abend standen dort alle Gehöfte leer. Auch die Stadt Stuhm war um diese Tageszeit fast menschenleer, nur der unvermeidliche Pöbel plünderte die Geschäfte.

Die Stadt Christburg begann ebenfalls im Laufe des Tages (22. Januar) mit dem Abtransport der Frauen und Kinder. Ein nicht abreißender Strom von Wehrmachtsfahrzeugen und Trecks aus Südosten verstopfte in dichtem Schneetreiben die Straßen und den Markt der Stadt, so daß alle Räumungsmaßnahmen stark behindert wurden.

In diesen Trubel stieß die Radionachricht: „Dreißig feindliche Panzer bei Freystadt durchgebrochen, die Front klammert sich an die Heimaterde”. — Das sagte genug. Kein Wort konnte man nunmehr glauben, denn jeder wußte, daß es eine „Front” gar nicht mehr gab. Nur einzelne beherzte Trupps versuchten Widerstand zu leisten, im übrigen war die Auflösung der Truppe eine beschämende Tatsache.

Die Bevölkerung des platten Landes saß derweil in höchster Spannung bei gepackten Wagen und in erstaunlicher Disziplin und erwartete Abmarschbefehl. Alle Menschen der Dörfer und Güter waren auf bestimmte Wagen verteilt, verzweifelt und mit den hellen Tränen in den Augen kamen die Menschen und fragten um Rat — konnte man einen Rat geben? Der einzige war der: „Disziplin und Zusammenhalten!” Wo diese Parole befolgt wurde, ist auch alles glatt gegangen.

In den Städten und größeren Ortschaften sah es anders aus. Hier stand neben wenigen LKW nur die Eisenbahn zum Abtransport zur Verfügung, die — das muß hier besonders hervorgehoben werden — in der tapfersten und selbstlosesten Weise bis zum Schluß ihren schweren Dienst versah. Das Problem war eben das: Wie alle Menschen, namentlich die Alten und die Kranken, zur Bahn heranzuschaffen, die z. B. in Christburg 2 km von der Stadt entfernt liegt? Gar mancher verzweifelte oder scheute die Strapazen und blieb zurück. In Christburg mögen es 300 Menschen gewesen sein.

Auch der Bahntransport litt unter den sich widersprechenden Befehlen. So hatten sich die Frauen und Kinder aus Gr. und Oberteschendorf bereits am Freitag, dem 19. Januar (!) zur Bahn nach Niklaskirchen zu begeben. Der Zug durfte aber nicht früher abfahren, bis nicht der letzte Platz besetzt war. Da das am 19. Januar noch nicht zu erreichen war, kehrten diese Frauen und Kinder also wieder nach Hause zurück, und der Zug stand noch am 23. Januar früh auf dem Bahnhof von Niklaskirchen. Ähnlich war es in Braunswalde und anderen Bahnhöfen.1)

Um 22 Uhr meldete sich telefonisch beim Landratsamt der Ortsgruppenleiter Brodsende ab mit der Meldung: Altdollstädt brennt, man hört Artilleriefeuer. Eine ähnliche Meldung lief aus Niklaskirchen ein. Beide Meldungen


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waren unzutreffend und spiegeln die Erregung wieder, die nun die bis dahin disziplinierte und ruhige Bevölkerung erfaßte, weil es an einer einheitlichen Leitung fehlte.

Der 23. Januar. Nach einer Nacht der Unruhe und Erwartung erreichte die meisten Ortschaften gegen 5 Uhr früh der Abmarschbefehl. Das langerwartete, im stillen aber immer wieder zurückgedrängte Wort war gefallen. Für den, der nüchtern die Dinge sah, konnte der Befehl nicht ausbleiben, und so war es fast wie eine „Erlösung”, als es nun so weit war und gehandelt werden mußte. Das Stillsitzen und das Warten auf das Unabänderliche hatten nun ein Ende. Tausendmal hatten wir schon Abschied genommen von allem, allem was uns lieb und wert war und das wir zurücklassen mußten, vor allem von unseren Tieren, die wir einem Ungewissen Schicksal überlassen mußten, in denen jahrzehntelange züchterische Arbeit den wertvollsten Teil unserer Heimat geschaffen hatte.

Ihre geplante Mitführung hätte bei dem hohen Schnee ihren sicheren Tod bedeutet, auch hatte sich die Lage so grundlegend geändert, daß man froh sein mußte, jetzt wenigstens die Menschen retten zu können. Riesige Schneemassen mußten stellenweise zunächst beseitigt werden, um mit den schwer bepackten Wagen vom Hofe zu kommen. Alles war in emsiger Tätigkeit, wenn auch mit ernsten Gesichtern und unter verhaltenem Schluchzen. Ein dichtes Schneetreiben hatte die Heimat unter einem dicken weißen Kissen verborgen, wie schon seit Jahren nicht, und die Sicht betrug nur wenige Meter. „Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!” —

Der Volkssturm war inzwischen durch Befehl aufgerufen worden, die Männer hatten bei der Räumung zu helfen und standen den Bürgermeistern für Sonderaufgaben zur Verfügung. Dieser Befehl kam im rechten Augenblick und hat manches Unheil verhütet. Aber überall machte sich der Mangel eines einheitlichen Willens bemerkbar. Während im Osten des Kreises der Befehl lautete: „Alle Menschen müssen räumen, die Räumung ist nötigenfalls durch Waffengewalt zu erzwingen”, war in anderen Gegenden des Kreises der Befehl gegeben: „Die Viehpfleger bleiben zurück und übergeben das Vieh der Wehrmacht” (die nicht mehr vorhanden war). Die Wehrersatzinspektion vollends nahm keinerlei dienstliche Notiz vom bösen Feind und hielt noch am 23. Januar in Posilge und Stalle Pferdemusterungen ab!

Für uns begann nun das große Trauerspiel auf der endlosen Straße, die vielen zum Verhängnis wurde. Die meisten Trecks strebten auf den bekannten Wegen nach Marienburg, die aber — wie die dortigen Nogatübergänge — bereits seit Tagen von Trecks aus Ostpreußen verstopft waren. Nicht besser sah es bei Weißenberg aus. Der Osten des Kreises zog daher zum großen Teil nach Norden und suchte bei Elbing-Einlage den Flußübergang zu gewinnen.

Von deutschen Truppen war auch an diesem Tage nur das bekannte Bild der sich absetzenden Versprengten zu sehen, die mit Alarmnachrichten die Trecks zur Eile trieben. Nur von Marienburg kamen über Stuhm drei Kradstreifen, die nach Pestlin, Altmark und Niklaskirchen aufklären sollten. Die eine bekam bei Kalsen Feuer (Partisanen?) und hatte zwei Verwundete. Flüchtlinge meldeten: Feind im Walde zwischen Altstadt und Alt-Christburg.

Um die Mittagszeit des 23. Januar sollte der letzte Zug vom Bahnhof Christburg abgehen. Ab 8 Uhr warteten die letzten Christburger auf das Abfahrts-


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signal. Die Ungeduld steigerte sich, als gegen 11 Uhr Flüchtlinge aus Alt-Christburg und Altstadt zu Fuß und völlig erschöpft ankamen und berichteten, daß die Russen in Alt-Christburg mordeten und plünderten, sie selber seien nur mit knapper Not aus dem schon brennenden Dorf herausgekommen. Auch aus Finckenstein wurde ähnliches gemeldet. Und der Zug fuhr immer noch nicht ab! Endlich um 12.30 Uhr setzte er sich in Bewegung und brauchte 7 Stunden, um Marienburg zu erreichen.1)

Während die auf Weißenberg und Marienburg marschierenden Trecks nach endlosem Warten die Nogat passierten, hatten die nach Norden (Einlage) Ziehenden am Abend des 23, Januar ihr erstes kriegerisches Erlebnis. Am späten Nachmittag, etwa um 16 Uhr, waren die Russen über Pr. Holland, das um diese Zeit in Brand geschossen wurde, auf Elbing vorgestoßen, das sie gegen 18.30 Uhr erreichten. Hier gerieten sie in das Abwehrfeuer der schweren Flak des Flugplatzes, doch stießen einige Spähwagen bis zum Friedrich-Wilhelm-Platz vor und schossen wild um sich.2) Unsere Trecks standen zu dieser Zeit an der Chaussee Marienburg—Elbing, nur wenige Kilometer von Elbing entfernt, und erlebten den Kampf aus der Nähe. Es war ein Höllenlärm von Abschüssen und Einschlägen, das grelle Mündungsfeuer von Feind und Freund blendete die Augen. Ströme von Flüchtlingen und Soldaten ergossen sich aus der Stadt mit allen Zeichen des Entsetzens im Gesicht. Mit ihrem Ruf: „Zurück, rette sich, wer kann!” brachten sie die letzte Haltung unserer wartenden Trecks zum Schwinden. Eine wilde Panik griff auch auf sie über, dem mancher Treck zum Opfer fiel. Er wurde zersprengt, andere machten kehrt, fuhren wieder zurück und kamen am 24. morgens gegen 4 Uhr wieder zu Hause an. Nur einige beherzte Männer und vor allem Frauen konnten Disziplin in ihren Trecks halten und sie heil aus diesem Hexenkessel herausbringen und die schützende Nogat erreichen.

Kurz nach diesen Ereignissen erfolgte eine erneute Anfrage unseres Landratsamts beim Gauleiter, ob nun Treckerlaubnis gegeben würde. Abermals wurde diese verweigert mit der Begründung, die Straßen müßten für die Wehrmacht freigehalten werden, die Bevölkerung müsse im Kreise bleiben.

Wenn dieser Befehl auch ohne Bedeutung war, so soll er doch hier erwähnt sein, um zu zeigen, mit welch unerhörtem Leichtsinn von Leuten mit Menschenleben umgegangen wurde, die weitab vom Schuß und ohne Kenntnis der Lage sich Entscheidungen über Tod und Leben ungezählter Tausender Verzweifelter anmaßten.

Vf. durchbricht an dieser Stelle den Zusammenhang seiner Schilderung, um an einigen kleineren Vorkommnissen aufzuzeigen, wie überraschend schnell die russischen Truppen in die eben geräumten Ortschaften hineinstießen.3)

Die wenigen Ortschaften, die nicht am 23. Januar aufgebrochen waren, rückten am 24. Januar in den frühen Morgenstunden ab, darunter Tiefensee, Posilge, Budisch und unzählige Nachzügler aus dem ganzen Kreisgebiet. Das


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Erwachen der am 22. Januar zurückgekehrten Tiefenseer morgens um 5 Uhr des 24. Januar war ziemlich heftig, denn feindliches Artilleriefeuer lag plötzlich auf dem Dorf, auf Niklaskirchen, Linken und den Straßen dieses Raumes und sorgte für überstürzten Abmarsch. In Richtung Riesenburg brannten mehrere große Feuer. Der Russe muß dann ziemlich schnell gefolgt sein, denn als die Tiefenseer Wagen bei Georgensdorf standen — etwa um 9 Uhr — erreichte sie wiederum das Störungsfeuer der feindlichen Artillerie. — Tiefensee wurde gegen 11 Uhr vom Feinde besetzt, also 2 Stunden später als das nördlicher liegende Christburg.

Offensichtlich lag dem Feind daran, seinen Ostflügel westlich des Sorge-Drausen-Abschnitts vorzuschieben und die Verbindung zwischen Marienburg und Elbing hier zu unterbrechen, nachdem ihm das am Vortag östlich des Abschnittes nicht geglückt war und sein erster Panzerangriff auf Elbing abgeschlagen war. Seinen Vormarsch über Christburg hinaus nach Norden beschleunigte er so, daß er etwa um 12 Uhr Posilge erreichte und bald nach 15 Uhr Altfelde besetzte. Sein weiterer Vormarsch auf Marienburg geschah zwar nur zögernd, doch holte er noch die letzten Trecks am Abend wenige Kilometer vor Marienburg ein und schoß oder rollte sie zusammen. Um diesem Schicksal zu entgehen, mußten viele Wagen einzeln oder in großen Abständen über das Eis des Nogat fahren, das sich zwar bog, doch hielt. Verluste bei Kreiseingesessenen sind [hierbei] nicht entstanden.

Eine zweite, westliche Kolonne des Feindes — wohl die, die die Tiefenseer aufgeschreckt hatte — erreichte aus Riesenkirch kommend gegen 13 Uhr Altmark-Heinrode, von wo sie aber Gott sei Dank nicht weiter vorstieß, sondern (nach Meldungen der Gendarmerie) in diesen Orten Quartier bezog. Das war das Glück aller derer, die als Nachzügler in Richtung Marienburg strebten und es nun dank des Stehenbleibens des Feindes auch erreichten. Ich selber stand, nachdem ich feindlichem Feuer ausgewichen war, gegen 17 Uhr an der Chaussee Marienburg—Altfelde bei Sandhof. Unsere im Sommer 1944 ausgehobenen Panzergräben und Stellungen fand ich nicht besetzt, eine Verteidigung der Stadt war um diese Zeit offensichtlich noch nicht für nötig gehalten worden. Hier bei Sandhof wurde mir die Schimmerlosigkeit der militärischen Führung an folgendem Beispiel klar. Feldpolizei machte die Straße frei für einen Wehrmacht-Tankwagen, der Richtung Feind fuhr und nach dem Wege nach Christburg fragte. Er sollte von einem bei Großwaplitz liegenden Brennstofflager Sprit holen (wo also seit 5 Stunden die Russen saßen). Keine Warnung half, der Mann fuhr. Das westliche Nogatufer war mittlerweile (am Industriehafen) von jungen Marineinfanteristen besetzt worden, die in ihren Erdlöchern z. T. ohne Mäntel bei der grimmigen Kälte fast erfroren.

Am reibungslosesten hat sich die Räumung des Westteils des Kreises vollzogen, was durch die Nähe der Weichsel und durch das Vorhandensein der Garnison Marienwerder zu erklären ist, die nach Süden Schutz bot. Trotzdem sei hier ein Erlebnis der Bauern Mau-Honigfelde verzeichnet, das ein Licht auf die verworrenen Zustände wirft. Infolge abseitiger Lage seines Hofes hatte Mau den Abmarsch seiner Nachbarn nicht bemerkt, wohl auch nicht an den Ernst der Lage geglaubt und war auf seinem Hof geblieben. Am 24. Januar bei Hellwerden hörte er bei Dakau-Orkusch (3 km) MG-Feuer. Da er aber „keine Truppe sah”, blieb er. Am Nachmittag kam das MG-Feuer „ganz nah”,


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und um 15 Uhr erhob sieh ein lebhaftes Artilleriegeschieße auf das südlich Portschweiten liegende „schwarze Bruch”, so daß Mau die Splitter um die Ohren surrten. Das Feuer galt einigen Treckwagen seines Nachbarn Görz, der friedlich dort seines Weges zog. Nun schien es auch Herrn Mau an der Zeit, abzubauen, und um 17 Uhr setzte er sich schließlich in Marsch und hat an der Weichsel das Ende der dort haltenden Treckkolonne erreicht.

Vergegenwärtigt man sich, daß Christburg (im Osten des Kreises) um 9 Uhr, Tiefensee um 11 Uhr, Heinrode gegen l3 Uhr besetzt wurden, so erscheint es fast unmöglich, daß weiter südlich viele Stunden später Deutsche in aller Ruhe zu Hause saßen und noch am späten Abend heil herausgekommen sind.

Die Kreisstadt Stuhm und ihre Umgebung hat am 24. Januar nicht unter Feindeinwirkung zu leiden gehabt, jedenfalls nicht bis 18 Uhr, doch machte die allgemeine Lage ihre Räumung an diesem Tage nötig.1) 16.15 Uhr verließ auch der Arbeitsstab des Landratsamtes die Stadt und marschierte zu Fuß nach Weißenberg an die Übergangsstelle der Nogat. Als letzter Eindruck dröhnte den Männern die Sprengung des Munitionslagers am Sägewerk Schmidt in den Ohren.

Nach den bis jetzt vorliegenden Berichten ist damit die Schilderung der Räumung des Kreises abgeschlossen. Wenn der Abmarsch auch ohne nennenswerte Verluste vonstatten ging, so ist doch der Blutzoll, den die Kreisbevölkerung — soweit sie deutsch war — entrichten mußte, erheblich. Die meisten Trecks wurden im Kreise Karthaus oder in Pommern von den Russen eingeholt. Die Überlebenden dieser Überrollung mußten zu Fuß in ihre Heimatorte zurück und mußten .unter schwersten körperlichen und seelischen Strapazen oft noch jahrelang unter einer harten Fremdherrschaft im eigenen Lande leben, wenn sie nicht das noch härtere Los der Verschleppung traf. Nach den bisher festgestellten Zahlen muß man mit einem Verlust von etwa 25 % der deutschen Kreiseinwohner rechnen.