Nr. 13: Räumungsvorbereitungen und Fluchtversuche der Bevölkerung Elbings, die Belagerung der Stadt bis zu ihrer Einnahme.

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Bericht des ehemaligen Oberbürgermeisters der Stadt E I b i n g i. Westpr., Dr. Hans Leeser.

Original, 29. Mai 1952.

Einleitend zeigt Vf. im Überblick, daß die Stadt Elbing bis zum Sommer 1944 vom Kriege nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, Industriekapazität und Bevölkerungszahl sogar erheblich anwuchsen.

2. Räumungsvorbereitungen.

Zum ersten Male wurde offiziell von Räumungsvorbereitungen auf einer Konferenz der Landräte und Oberbürgermeister des Reichsgaues Danzig-Westpreußen in Danzig, Ende August oder Anfang September 1944, gesprochen.


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Vf. erörtert nun die Tagesordnung dieser Konferenz, die sich zunächst mit der Planung und Ausführung von Befestigungsanlagen befaßte, unter Punkt 2 der Tagesordnung fährt er fort:

Zum Räumungskommissar wurde der Kreisleiter der NSDAP ernannt, der seinerseits wiederum den Kreisobmann der DAF mit der Durchführung beauftragte. Ortsgruppenweise wurden die Räumungswege festgelegt. Die besondere Schwierigkeit bestand darin, daß über den Elbing-Fluß nur 3 Brücken führten, nämlich die Autobahnbrücke, die Höhe-Brücke und die Leege-Brücke. Diese Brücken, soweit ich mich entsinne, wurden für Räumungsbewegungen überhaupt nicht zugelassen, da sie für die Wehrmacht freigehalten werden mußten. Die Räumung sollte daher über eine Schiffs-Brücke, die nördlich der Stadt, etwa an der Einmündung des Elbing-Flusses in das Frische Haff, lag, vorgenommen werden.

Soweit ich Kenntnis erhielt, wurde die Räumung theoretisch gut vorbereitet. Jede Ortsgruppe erhielt ihre Sammelplätze, und die Wege und Straßenzüge wurden festgelegt.

Daß die Räumung nachher in keiner Weise klappte, lag nicht nur an dem unerwartet schnellen Vorstoß der Russen, sondern in erster Linie daran, daß die Provinz Ostpreußen es abgelehnt hatte, von sich aus ebenfalls Räumungsvorbereitungen zu treffen und bei der dann einsetzenden wilden Flucht der Bevölkerung Ostpreußens die Straßen völlig verstopft waren. Dadurch sind alle Pläne über den Haufen geworfen worden.

Zu diesem Punkt möchte ich noch folgendes bemerken:

Der Stellvertreter des Reichsstatthalters in Danzig, Regierungspräsident Huth, hatte nach Eingang des Erlasses über die Räumungsvorbereitungen die Absicht, sich mit Ostpreußen und Pommern über eine Abstimmung der gegenseitigen Maßnahmen in Verbindung zu setzen. Er lud daraufhin die Vertreter Ostpreußens und Pommerns zu einer gemeinsamen Besprechung nach Danzig ein. Der Vertreter Pommerns erschien auch, von Ostpreußen erschien niemand. Dafür schrieb der Regierungspräsident Dargel in Königsberg folgenden Brief:

„Es sei nicht beabsichtigt, die Provinz Ostpreußen zu räumen. Daher halte er eine Teilnahme an der gemeinsamen Besprechung für überflüssig. Wenn aber die Absicht bestände, die Bevölkerung des Reichsgaues Danzig-Westpreußen nach Ostpreußen zu überführen, wäre er zu Verhandlungen bereit.”

Diese Äußerungen habe ich persönlich von Herrn Regierungspräsdenten Huth erfahren.

Als Aufnahmekreis für die Stadt Elbing war der Kreis Neustadt/Westpreußen vorgesehen, da die ganze Räumung unter dem Gesichtspunkt einer Widerstandslinie an der Weichsel geplant wurde, so daß also lediglich eine Räumung des Gebietes östlich der Weichsel vorgesehen war.

Vf. fügt an dieser Stelle einige Bemerkungen ein über Maßnahmen, die zur Durchführung des totalen Krieges erlassen wurden. Er führt weiterhin aus, daß durch die Anlage von Befestigungen die Bevölkerung sich keineswegs beunruhigt fühlte.

Bereits im Spätsommer 1944 wurde versucht, den luftkriegsempfindlichen Teil der Innenstadt zu räumen. Die dort vorhandenen beiden Schulen wurden geschlossen und Frauen und Kindern und Nichtberufstätigen nahegelegt, die


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Stadt zu verlassen. Trotz der bedrohlichen Lage hatte diese Maßnahme nur einen ganz geringen Erfolg. Nachdem die Front in Ostpreußen Ende Oktober 1944 zum Stillstand gekommen war und bis Ende des Jahres ohne wesentliche Kämpfe war, kehrte zu Weihnachten ein Teil der freiwillig Evakuierten wieder zurück.

Es folgen zwei kurze Absätze über das Aufgebot des Volkssturms und die Auslagerung von Aktenmaterial nach Mecklenburg.

4. Die Zeit der Belagerung Elbings.

Mit dem Angriff der Russen in Ostpreußen am 12. Januar 1945 verstärkte sich naturgemäß die Unruhe in der Bevölkerung Elbings, und es fuhren freiwillig viele Familien, zumindest Frauen und Kinder ab. Die Situation wurde dadurch erschwert, daß die Züge nach dem Westen von Königsberg aus bereits mit Flüchtlingen überfüllt waren. Etwa am 15. Januar 1945 setzte der Durchzug von Flüchtlingstrecks durch Elbing ein.

Da zur Abreise aus Elbing die verschiedensten Bescheinigungen vom Arbeits-, Ernährungs- und Wirtschaftsamt erforderlich waren und diese Ämter bei dem Andrang nicht ordnungsgemäß arbeiten konnten, wurde auf Veranlassung der Stadtverwaltung in der Ritterschule eine besondere Dienststelle eingerichtet, bei der sämtliche in Frage kommenden Ämter beteiligt waren, so daß sich die Abmeldungen reibungslos vollziehen konnten.

Aber, wie gesagt, die größte Schwierigkeit war die, daß die Menschen auch trotz aller Bescheinigungen nur schwer eine Möglichkeit fanden, überhaupt abzureisen.

Da zu der gleichen Zeit die ersten Räumungen der Südkreise des Reichsgaues Danzig-Westpreußen erfolgten, blieben Anforderungen von Sonderzügen und Omnibussen aus Danzig erfolglos. Gegen den 19. Januar 1945 nahm der Flüchtlingszug aus Ostpreußen außerordentlich zu. Die Straßen durch die Stadt waren teilweise völlig verstopft. Unter den durchflutenden Flüchtlingstrecks befanden sich bereits um diese Zeit auch zahlreiche Wehrmachtsteile.

Am Samstag, den 20. Januar 1945 nachmittags, eröffnete mir der Kommandeur der Schutzpolizei, Major Schmidt, daß er soeben den Befehl bekommen habe, sich auf den Einsatz feindlicher Luftlandetruppen im Gebiete der Weichselniederung einzurichten. Das hätte praktisch bedeutet, daß der Fluchtweg nach Westen abgeschnitten gewesen wäre. Zu einer solchen Landung ist es nicht gekommen.

Anfragen des Kreisleiters als Räumungskommissar, ob er Räumungsstufe I, d. h. die Räumung der Stadt von Frauen und Kindern, durchgeben könne, wurden von der Gauleitung kategorisch verneint.

Trotzdem habe ich jedem, der mich fragte, den Rat gegeben, abzureisen. Ich habe auch einer ganzen Anzahl städtischen weiblichen Angestellten zu diesem Zweck Urlaub gegeben.

Am 20. Januar 1945, abends, teilte mir die Lagerführerin eines weiblichen RAD-Lagers mit, daß sie Befehl erhalten habe, mit ihren Maiden sofort Elbing auf dem Fußwege zu verlassen. Am gleichen Abend kam eine Anordnung des Reichsstatthalters, daß am Sonntag wegen Strommangels sämtliche Betriebe stillgelegt werden sollten. In dieser Zeit kursierten naturgemäß die unglaublichsten Gerüchte, teils positiver, teils negativer Art, in Elbing und beunruhigten die Bevölkerung.


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Am Sonntag, dem 21. Januar 1945 abends, rief mich der Gaustabsleiter des Volkssturmes, der bekannte Ritterkreuzträger und U-Bootkommandant, Kapitän zur See Hartmann, an und teilte mir mit, zu irgendeiner Beunruhigung der Bevölkerung in Elbing sei kein Anlaß, die militärische Lage würde sich in wenigen Tagen grundlegend ändern. Er komme gerade von einer Besprechung aus Marienburg, wo der Reichsführer SS Himmler anwesend gewesen sei und erklärt habe, er sei der Befehlshaber der neuen Heeresgruppe Weichsel, und in wenigen Tagen würde alles wieder in Ordnung gehen.

Am Rande möchte ich hier noch folgendes bemerken:

Im Frühjahr 1946 war ich in dem Internierungslager Fallingbostel kurze Zeit mit dem ehemaligen Gauleiter Forster zusammen. Ich fragte ihn nach der Besprechung mit Himmler in Marienburg. Er sagte mir folgendes:

„Der Himmler hat uns fürchterlich belogen. Auf einer großen Karte operierte er mit Panzer-Armeen, so daß wir den Eindruck gewinnen mußten, die Lage würde sich in Kürze wenden. Hinterher stellte sich dann heraus, daß diese Panzer-Armeen überhaupt nicht vorhanden waren.”

Am Montag, dem 22. Januar 1945, verstärkte sich der Flüchtlingszug immer mehr. Einige Bürgermeister kleinerer ostpreußischer Städte meldeten sich bei mir auf der Durchreise. Einer ließ sogar — ich glaube, es war der von Wormditt — seine Stadtkasse, die er mit hatte, in Elbing im Tresor zurück.

Am gleichen Tage, mittags, erschien der stellvertretende Leiter des Landwirtschaftsamtes, Oberregierungsrat Dr. Koch aus Danzig, zu einer Besprechung über die Versorgung des „Brückenkopfes Elbing” für zwei Monate. Unter Hinzuziehung der Vertreter der einzelnen Handelssparten wurde festgestellt, daß mit Ausnahme von Salz alles vorhanden war, um die Bevölkerung der Stadt für 2 Monate mit den notwendigen Lebensmitteln und sonstigen Gebrauchsgegenständen zu versorgen. Auch zu diesem Zeitpunkt lehnte die Gauleitung in Danzig die Genehmigung zur Räumung ab.

Am Dienstag, dem 23. Januar 1945, erhielt ich vormittags einen Anruf vom Kreisleiter, bei welchem er mir mitteilte, er habe soeben einen Anruf von Gauleiter Forster bekommen. Dieser habe ihm mitgeteilt, die militärische Lage habe sich stabilisiert. Es bestehe keine Gefahr für Elbing, und eine Räumung sei nicht notwendig. Eine ähnliche Mitteilung erhielt ich etwas später von dem la des Wehrmachtkommandanten, Major Altermann. Die Trecks durch Elbing hielten ununterbrochen an, immer mehr durchmischt von zurückgehenden Wehrmachtsteilen. Am Nachmittag erhielt ich einen Anruf eines Ratsherrn, der mir mitteilte, in Preußisch-Holland, 20 Kilometer von Elbing entfernt, seien die Russen eingerückt. Er habe diese Nachricht von dem Leiter einer NSKK-Motorschule in Preußisch-Holland bekommen, der selbst gerade noch aus der Stadt herausgekommen sei. Diese Mitteilung veranlaßte mich zu einem Anruf bei dem la des Kommandanten, Major Altermann. Dieser erklärte mir, die Nachricht sei falsch. Noch gegen Mittag sei ein Infanterie-Bataillon von Elbing aus nach Preußisch-Holland in Marsch gesetzt worden, und es sei gut angekommen. Während dieses Gesprächs hörte ich im Apparat, wie der Kommandant, Oberst Schöpffer, in das Zimmer des Majors trat und ihm sagte: „Hören Sie, Altermann, bei Pomehrendorf sind russische Panzer gemeldet”. Daraufhin legte ich auf. Pomehrendorf war noch 8 Kilometer von Elbing entfernt.


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Kurze Zeit darauf, es muß gegen etwa 17.00 oder 18.00 Uhr gewesen sein, ertönten Schüsse in Elbing. Ich forderte die sich noch im Hause befindlichen Beamten und Angestellten auf, in den Luftschutzkeller zu gehen, blieb aber selbst noch in meinem Arbeitszimmer und sah dann, wie russische Panzer aus Maschinengewehren und Kanonen feuernd am Rathaus vorbeifuhren, Richtung Markt. Zu dieser Zeit war noch friedensmäßiges Leben in Elbing. Die Straßenbahnen fuhren und die Kinos spielten. Die Panik war ungeheuer. Die Luftschutzkeller des Rathauses und des Polizeipräsidiums füllten sich mit verängstigten Personen. Ich begab mich zum Kommandanten der Schutzpolizei, der aber auch nichts Näheres wußte. Nach einigen Stunden trat eine gewisse Beruhigung ein. Wir erfuhren, daß ein Teil der Panzer abgeschossen war und der Rest sich nach Norden aus der Stadt entfernt hätte. Nunmehr setzte eine regellose Flucht der Bevölkerung und der zahlreichen Flüchtlinge aus Elbing ein. Etwa gegen 21.00 oder 22.00 Uhr rief mich der Kreisobmann der DAF. an und gab durch: Räumungsstufe III. Das bedeutete also die Gesamträumung der Stadt. Auf meine Frage, ob dies auch für die Behörden gelte, antwortete er mit Ja. Mit einigen Beamten, die im Rathaus geblieben waren, benachrichtigte ich die übrigen Behörden und sorgte dafür, daß die im Rathaus verbliebenen Angestellten mit einem Lastauto der Feuerwehr aus Elbing weggeschafft wurden.

Gegen Mitternacht rief mich der Kreisleiter an und erklärte, er habe soeben einen Anruf des Gauleiters erhalten, und dieser habe ihm eröffnet, er würde jeden Behördenleiter erschießen lassen, der Elbing verließe. Mein Versuch, noch irgendeinen Behördenleiter zu erreichen, war auf Grund des durchgegebenen Räumungsbefehls selbstverständlich erfolglos. Ich selbst blieb mit einigen Beamten, dem Oberverwaltungsrat Bergs, den Stadtamtmännern Quandt, Schröter und Moots in der Stadt.

Am 23. Januar 1945, bei Durchgabe des Räumungsbefehls, gab der Kommandeur der Feuerschutzpolizei, Major Isermann, weisungsgemäß den Befehl, daß die luftwaffeneigenen Feuerlöschfahrzeuge die Stadt zu verlassen hätten. Dieser Befehl wurde ausgeführt. Aber mit diesen Fahrzeugen verließen auch ohne Befehl sämtliche stadteigenen Feuerlöschfahrzeuge die Stadt.

An den beiden folgenden Tagen, am Mittwoch, dem 24. Januar, und am Donnerstag, dem 25. Januar 1945, blieb die Situation etwas ruhiger, da die Russen nicht weiter zur Stadt vordrangen. Es wurden nunmehr die auf dem Elbinger Bahnhof stehenden Personen- und Güterzüge als Flüchtlingszüge eingesetzt, ebenso die Haffufer-Bahn und die in Elbing vorhandenen Passagierschiffe, so daß ein Teil der Bevölkerung noch abfahren konnte. Um diese Schiffe und die bei der Schichauwerft liegenden Torpedobootsneubauten über See herausbringen zu können, wurde von der Kriegsmarine veranlaßt, daß durch das zugefrorene Frische Haff durch Eisbrecher eine Fahrrinne bis Pillau gebrochen wurde. Diese Maßnahme ermöglichte das Herausbringen der Schiffe, behinderte aber die Flucht der Bevölkerung der Landgemeinden, die über das zugefrorene Haff der Nehrung zustrebte. Es gelang auch, mit einem Güterzug die Kranken des Städtischen Krankenhauses und des Diakonissenhauses unter der tatkräftigen Leitung des Direktors des Städtischen Krankenhauses, Dr. Wotschak, und seiner Beamten und Schwestern wegzubringen. Die Flucht wurde durch die außerordentliche Kälte und den Schneefall stark behindert, da sie fast nur zu Fuß angetreten werden konnte. Auf wiederholtes


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dringendes Ersuchen schickte Danzig eine Kolonne Lastwagen, die aber auch nur einen Tropfen auf den heißen Stein darstellten. In den späten Nachmittagsstunden des Donnerstag, 25. Januar 1945, hatten die Russen die Bahnlinie zwischen Elbing und Marienburg unterbrochen, so daß die letzten Züge nicht mehr abgehen konnten. Im Laufe der Nacht stießen sie auch bis zur Reichsstraße Elbing—Danzig vor und sperrten damit auch den Fluchtweg über diese Straße. Es blieb als Fluchtweg nur noch die Richtung nördlich von Elbing über die Nogat-Brücke bei Fischerskampe übrig. Am späten Nachmittag des Donnerstag, 25. Januar 1945, erschienen im Luftschutzbunker des Polizeipräsidiums, wo sich auch die Kreisleitung niedergelassen hatte, zwei Oberfeldwebel der Kriegsmarine und teilten mit, sie hätten Befehl, die Torpedobootsneubauten aus Elbing herauszuschleppen, sie könnten etwa 2000 Menschen mitnehmen. Auf Grund dieser Mitteilung gab der Kreisleiter seinen Ortsgruppenleitern, soweit sie noch da waren, die Anweisung, die zurückgebliebene Bevölkerung auf diese Fluchtmöglichkeit aufmerksam zu machen. Es sammelten sich in den Abendstunden 2000 bis 3000 Menschen an den Kais des Elbing-Flusses und warteten auf diese Abtransportmöglichkeit. Tatsächlich wurden etwa 400 Personen mitgenommen. In diese Menschenmenge schoß der Russe erstmalig mit Stalinorgeln, so daß es dabei Verluste gab.

In der Nacht setzte der Beschuß mit Artillerie stärker ein und hielt am Freitag und Samstag mit abwechselnder Stärke an. Die ersten Brände entstanden und konnten nicht gelöscht werden, da motorisierte Feuerlöschfahrzeuge nicht zur Verfügung standen. Die ersten Brände wurden mit Hilfe von Wehrmachtsangehörigen und Handspritzen zu löschen versucht. Da aber die Wasserleitung infolge Ausfallens des Elektrizitätswerkes nicht mehr funktionierte und der Elbing-Fluß stark gefroren war, blieben diese Versuche im wesentlichen ohne Erfolg. Es brannten in diesen Tagen Teile der Innenstadt ab, und zwar mit als erstes die dem Rathaus gegenüberliegende Kreissparkasse und die danebenliegenden Häuser. Während dieser beiden Tage waren sicher noch mindestens 25 000 Menschen in der Stadt. Um Plünderungen zu vermeiden, wurden die Lebensmittellager der Großhandlungen polizeilich bewacht. Die Geschäfte hatten geschlossen, aber die Bevölkerung hatte zunächst noch genügend Lebensmittel. Am Sonntag, dem 28. Januar 1945, hörte der Beschuß durch die Russen vorübergehend auf. Am frühen Nachmittag erschien der Wehrmachtskommandant, Oberst Schöpffer, bei uns und erklärte: Dieser Tag sei für Elbing von besonderer Bedeutung, da zum Entsatz der Stadt vom Osten her eine Armee — ich glaube, es war die 4. — im Angriff sei und von Westen her die 7. Panzerdivision. Die ersten Panzer seien schon am Stadtrand von Elbing eingetroffen und die Straße nach Danzig wieder frei! Er forderte u. a. auch mich auf, die Panzerspitze am Stadtrand zu begrüßen. Ich fahr in einem Wagen der Polizei mit, und wir fanden tatsächlich einige Panzer am Stadtrande von Grubenhagen vor. Im Anschluß an diese Begrüßung wollte der Kommandant noch einen Regimentsgefechtsstand des Majors Schulz besuchen, und wir fuhren durch Grubenhagen in Richtung auf die Autobahnüberführung.

Kurz vor Erreichen dieser Überführung erhielten wir Feuer aus dem Lager „Wansau” und konnten dann nur noch über die Nogat wieder in die Stadt zurückkehren. Zu dieser Zeit hatte der Beschuß wieder zugenommen. Es brannte u. a. die Omnibusfabrik Büssing, an der wir vorbeikamen.


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Die Versorgung der Bevölkerung wurde dadurch sehr erschwert, daß das Gaswerk bereits am 24. Januar 1945 durch Beschuß ausgefallen war und das Elektrizitätswerk am 25. Januar 1945. Damit lag auch die zentrale Wasserversorgung still. Es standen nur einige Brunnen zum Wasserholen zur Verfügung. Der sehr starke Schneefall ermöglichte es der Bevölkerung, durch Schneeschmelzung teilweise Wasser zu erhalten. Mit dem Ausfall der Wasserversorgung lag auch die Kanalisation still, wodurch sich naturgemäß starke Unzuträglichkeiten ergaben. Nur die starke Kälte verhinderte das Ausbrechen von Seuchen.

Die ärztliche Versorgung lag ganz still, da sämtliche zivilen Ärzte mit Ausnahme des Luftschutzarztes, Dr. Tschirner, der hervorragende Dienste leistete, Elbing verlassen hatten. Ebenso waren sämtliche Apotheken geschlossen. Mit Hilfe einer polnischen Apothekerin, die an einer Apotheke in der Innenstadt dienstverpflichtet war und Elbing nicht verlassen hatte, konnte wenigstens teilweise geholfen werden. Die wichtigsten Medikamente wurden im Rathaus sichergestellt.

Am 26. und 27. Januar 1945 war der Ortsteil Grubenhagen vorübergehend von den Russen besetzt gewesen. Die Frau eines Kinobesitzers aus der Innenstadt berichtete, daß die Russen in die Keller gekommen waren, Uhren und Schmucksachen abgenommen und jüngere Frauen herausgeholt hätten.

Am Montag, dem 29. Januar 1945, war die Straße nach Danzig noch frei, so daß ein Teil der Bevölkerung noch abziehen konnte. Von Danzig her kamen eine Anzahl zweistöckiger Berliner Omnibusse, die Polizeibeamte und einen Zug der Feuerschutzpolizei, drei Ärzte - Dr. Hörn, Dr. Jost und Dr. Rommeik -und ebenso auch den Leiter des Ostpreußenwerkes brachten. Die Omnibusse nahmen Verwundete aus Elbing mit.

Da die 4. Armee Elbing nicht erreicht hatte, zogen sich die Panzer der 7. Panzer-Division wieder aus Elbing zurück und nahmen bei der Gelegenheit Bewohner, insbesondere Kinder, auf ihren Fahrzeugen mit.

Am 30. Januar 1945 waren die Russen wieder über die Reichsstraße vorgestoßen und hatten den Ortsteil Grubenhagen wieder besetzt. Elbing war somit wieder abgeschlossen.1) Erwähnenswert ist wohl, daß durch eine aus Luftschutzgründen angelegte direkte Fernsprechleitung vom Polizeipräsidium nach Danzig die ganze Zeit der Belagerung über eine telefonische Verbindung möglich blieb.

Wie leichtfertig oder unwissend die Lage zum Teil von den Danziger Stellen beurteilt wurde, zeigt folgendes Beispiel: Am Donnerstag, dem 25. Januar 1945, rief ich den Stellvertreter des Reichsstatthalters, Regierungspräsidenten Huth, an, um ihn über die Lage zu unterrichten. Er fragte mich daraufhin, wer denn alles noch von Schichau in Elbing wäre. Als ich erwiderte: „Niemand”, erklärte er: „Das ist ja unerhört.” Er wolle am nächsten Tage die Produktion von Schichau wieder aufnehmen lassen.

Vf. berichtet im folgenden über den Einsatz von Polizeiverbänden.


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Die Zeit vom 30. Januar bis 4. Februar 1945 gestaltete sich für die Stadt verhältnismäßig ruhig. Trotz der völligen Einschließung blieb das Artilleriefeuer und der Beschuß durch Tiefflieger verhältnismäßig gering, so daß einige organisatorische Maßnahmen ergriffen werden konnten. Die Stadt wurde in Bezirke eingeteilt, in denen Lebensmittelgeschäfte wieder eröffnet und Lebensmittel ausgegeben wurden. In einer Baracke am Stadtpark wurde eine Gemeinschaftsküche errichtet, wo täglich mehrere 100 Portionen Mittagessen gekocht und an die Bevölkerung ausgegeben wurden. Es gelang sogar vorübergehend, das Elektrizitätswerk wieder in Gang zu bringen. Es fiel aber bald wieder durch Beschuß aus.

Große Schwierigkeiten machte auch die Beerdigung der Toten, da der Boden tief gefroren war und jüngere Kräfte zum Ausheben von Gräbern nicht zur Verfügung standen.

In diesen Tagen gelang es auch, einen Teil der Hauptverkehrsstraßen von Trümmern zu räumen, so daß sich der Verkehr der Wehrmachtfahrzeuge ungehindert abspielen konnte.

Die Bevölkerung lebte zum größten Teil in den Kellern, und es hatten sich in der Innenstadt, in den öffentlichen Luftschutzkellern, Gemeinschaften gebildet, die dort kochten usw. Auch eine Gaststätte hinter dem Theater gab Verpflegung aus.

Auch im Keller des Rathauses waren etwa 200 Menschen vorhanden, teils Elbinger Einwohner, teils aber Flüchtlinge aus Ostpreußen, die nicht weitergekommen waren; auch diese wurden laufend mit verpflegt.

Am Sonntag, dem 4. Februar 1945, trat eine entschiedene Verschlechterung der Lage ein.

Vf. führt Einzelheiten an, aus denen ersichtlich wird, daß der Kreisleiter bereits zu diesem Zeitpunkt die Stadt verlassen hatte. Er fährt dann in seiner Darstellung fort:

In den folgenden Tagen nahm der militärische Druck und die Beschießung ständig zu, so daß eine systematische Versorgung und Betreuung der Bevölkerung mit dem kleinen Stab von Beamten, die bei mir waren, nicht mehr möglich war. Der Keller des Rathauses mußte von den Flüchtlingen geräumt werden, da er Verbandsplatz für die Truppe wurde. Die Flüchtlinge wurden überführt in die Keller der Oberschule für Mädchen und andere benachbarte Keller...

Etwa am 6. Februar 1945, als nur noch ein begrenzter Teil der Innenstadt von den deutschen Truppen gehalten wurde, der etwa folgende Linienführung hatte: Fischer-Vorberg, Komnikstraße, Johannisstraße, Äußerer Mühlendamm, Neue Gutsstraße und Straßenbahndepot, erschienen einige Einwohner der von den Russen besetzten Nordstadt mit einer Kapitulationsaufforderung des Russen, die vom Kommandanten abgelehnt wurde. Unter den Überbringern befand sich auch eine Frau, die mehrfach von den Russen vergewaltigt worden war. Deren Name ist mir leider entfallen. Ich habe sie auch später in Danzig wiedergesehen, so daß sie den Russen entkommen ist.

Am 8. Februar 1945 nahm der Beschuß auf die Innenstadt und insbesondere auf das Rathaus erheblich zu. An diesem Tage wurde von einem Unteroffizier der deutschen Wehrmacht wiederum ein Kapitulationsangebot


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der Russen überbracht, in dem den Soldaten die sofortige Rückkehr in die Heimat nach Kriegsschluß versprochen wurde und den Offizieren sogar das Tragen der blanken Waffen in Aussicht gestellt wurde. Auch dieses Angebot wurde befehlsgemäß vom Kommandanten zurückgewiesen. Am Abend des gleichen Tages fing das Rathaus an zu brennen. Es konnte noch einmal gelöscht werden, dank der Initiative des Oberverwaltungsrats Bergs und seiner Beamten. Am Freitag, dem 9. Februar 1945 vormittags, erhielt der Kommandant den Befehl, auf dem westlichen Ufer des Elbing-Flusses in Höhe des großen Schichau-Lagers einen Brückenkopf zu bilden, um deutsche Truppen, die in der Niederung bis zur Höhe des Ostpreußenwerkes vorgedrungen waren, aufzunehmen. Inzwischen verstärkte sich der Angriff der Russen, und der Kommandant gab Befehl, die Stadt in Abschnitten zu räumen, um die befohlene Auffangstellung einzunehmen. Etwa gegen 11.00 Uhr verlegte der Kommandant seinen Befehlsstand nach dem Gymnasium. Ich schloß mich dem Kommandanten an. Wir kamen auch ohne wesentlichen Beschuß zum Gymnasium. Die übrige Gruppe der Beamten unter Ober-Verwaltungsrat Bergs, die 10 Minuten später das Rathaus verlassen sollte, erreichte das Gymnasium nicht mehr und ist später in die Hände der Russen gefallen. Mir persönlich gelang es dann, mit dem Kommandanten in den frühen Morgenstunden des 10. Februar 1945 noch den Elbing-Fluß zu überschreiten und die deutschen Linien zu erreichen.

Durch den starken Beschuß in den letzten Tagen war die Innenstadt abgebrannt. Auch das Rathaus hatte in den frühen Morgenstunden des

9. Februar 1945 wieder Feuer gefangen. Da es nicht mehr gelöscht werden konnte, war es bis auf die Mauern niedergebrannt.

Einem kleinen Teil von Zivilpersonen gelang es, in der Nacht vom 9. zum

10. Februar 1945 mit den restlichen Truppen den Elbing-Fluß zu überschreiten und damit den Russen zu entgehen.

Als ich mich am Sonntag, dem 11. Februar 1945, beim Reichsstatthalter Gauleiter Forster meldete, sagte er mir folgendes: „Ich habe nie geglaubt, daß Elbing so schnell fallen würde. Ich habe Elbing für die sicherste Stadt des ganzen Reichsgaues gehalten.”