Nr. 14: Die Belagerung Elbings und ihre Auswirkung auf die Bevölkerung der Stadt.

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Bericht des Oberleutnants a. D. C. G. aus Posen.

Original, 28. November 1951. — Die Ausführungen stützen sich laut Anmerkung des Vfs. auf Tagebuchnotizen.

Vf. beginnt seine Ausführungen mit einer Beschreibung der Verteidigungsanlagen Elbings; im Anschluß daran hebt er die landschaftlichen und wirtschaftlichen Vorzüge der Stadt hervor.

Als die ersten Nachrichten von dem russischen Angriff in Ostpreußen durchsickerten und von angeblich versprengten Soldaten nicht sehr wohlwollend kommentiert wurden, flüchtete — noch ehe überhaupt ein amtlicher Befehl zur Verteidigung eintraf — ein Teil der sozial besser gestellten Bevölkerung aus der Stadt in Richtung Danzig. Es handelte sich vor allem um


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Familien höherer Behörden- und Staatsangestellter sowie um Parteifunktionäre. Denn nur diese verfügten über das notwendige Kraftfahrzeug. Gleichzeitig fingen die Behörden an zu räumen, besser gesagt: „zu verlegen”, gröber: „zu flüchten”. Beamte und Angestellte waren plötzlich spurlos verschwunden, trotzdem strikte Befehle „zum Ausharren” bestanden. Die telefonische Verbindung zu den meisten Ärzten, Rechtsanwälten usw. hörten bereits am 17. und 18. Januar auf, sie waren geflüchtet.

Indessen bot das Straßenbild das gewohnte Aussehen: Schichau arbeitete wie immer, der Straßenverkehr ging vonstatten, die Gaststätten waren geöffnet und voll besetzt, die Kinos spielten, so das Kino am Friedrich-Wilhelm-Platz den Farbtonfilm „Opfergang” nach der Novelle von R. Binding. Lediglich auf dem Bahnhof stauten sich die Massen zu beängstigender Fülle. Bis zu 4000 und 5000 Personen warteten bereits in diesen Tagen auf eine Gelegenheit zur Flucht nach dem Westen. Tag und Nacht waren alle Plätzchen und Ecken im Bahnhofsgelände besetzt. Der Zugverkehr schien von den Ereignissen der Kampfhandlungen keinerlei Notiz zu nehmen. Fahrplanmäßig und pünktlich wie in besten Friedenszeiten kamen und verließen die Züge den Bahnhof, allerdings waren die nach dem Westen strebenden Bahnen unbeschreiblich überfüllt. Überall klebten, hingen und klammerten Menschen in lebensgefährlicher Weise an den einzelnen Wagen, nur um mitzukommen.

Am 20. Januar brachte nachmittags gegen 17 Uhr ein von Elbing ausgesandter Panzerspähtrupp die Meldung, daß die Stadt Osterode brenne. Trotzdem gab es Unzählige, die das einfach nicht glaubten. Erst drei Tage später (!) erließ der Kampfkommandant, Oberst Schöpffer, den Alarmbefehl mit dem Stichwort „1600„. Die wenigen schweren Waffen wurden bei eisiger Kälte und stürmischem Nordostwind in Stellung gebracht. Stündlich verstärkten sich nun die Flüchtlingskolonnen, die sich von Preußisch-Holland und von Braunsberg her auf der Königsberger Straße in dichten Knäueln in und durch die Stadt wälzten, vermischt mit zurückströmenden Einheiten. Die anfängliche Ordnung dieser Flucht ging bald in eine regellose Unordnung, in ein wahres Chaos über, besonders an der einzigen Brücke über den Elbingûuß. Bald säumte wahllos weggeworfenes Flüchtlingsgut, Koffer, Kisten, Betten, Schreibmaschinen, Bekleidungsstücke usw. die Straße.

Erst mit der Einschließung der Stadt (etwa 25. Januar) hörte dieser Elendszug langsam auf. Es gab keine amtliche Stelle, welche sich dieser Zustände erbarmt hätte. Es wäre wohl auch vergeblich gewesen. Es war ein unmögliches Bild des Jammers, die alten, total erschöpften Leute, die schreienden Kinder und wimmernden Säuglinge vorbeiziehen zu sehen — ohne helfen zu können. Vor der Ungerkaserne halten indessen Offiziere auf eigene Faust Lastkraftwagen mit flüchtenden Soldaten an, lassen diese absteigen und dafür die am Wege wartenden Mütter mit Kindern aufsitzen und weiterfahren. So gelang manchen noch die rettende Flucht nach Westen. . .

Nachdem der Ring um die Stadt völlig geschlossen ist (26. Januar), treffen nur noch einzelne Flüchtlinge oder kleinere Kampfgruppen ein, welche die Verteidigung verstärken. So glückt das einer Schwadron unter Führung eines Rittmeisters Graf Finckenstein und einem noch 250 Mann starken Jägerbataillon vom Jäger-Rgt. 83 Brieg — aus dem Verband der 28. Jägerdivision unter einem Hauptmann Homburg und Oberleutnant Eisenblätter.


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War diese regellose Flucht aller verantwortlichen Stellen aus der Stadt schon eine Katastrophe, so gilt das von den militärischen Vorbereitungen für die Verteidigung nicht weniger.

Vf. schildert nun im einzelnen, wie schwach die Verteidigungskräfte waren und wie unzulänglich die Mittel, die diesen zur Abwehr zur Verfügung standen.

Gegen diese fragwürdige und verantwortungslose Verteidigung richtete sich vom 23. Januar an der feindliche Stoß. Von diesem Tage ab überstürzten sich die militärischen Ereignisse. Am Vormittag passierte der letzte „SF„-Zug fahrplanmäßig und pünktlich Elbing in Richtung Danzig. Noch in der Nacht erreichten die Russen nach zuverlässigen Meldungen die Bahnlinie Elbing— Königsberg. Das Schneetreiben und die eisige Kälte dauerten an. Der Schienenweg nach Dirschau und Danzig ist noch frei, aber auch hier kann es sich nur noch um Stunden handeln. Nach Fronterfahrungen genügt ein Panzer, um den Verkehr zu unterbrechen.

Dann und wann verläßt ein über und über voller Zug Elbing. Trotz der horrenden Kälte hocken Tausende von Flüchtlingen auf dem Bahnhof auf offenen (!) Güterwagen, Mütter mit den Säuglingen im Arm, alte Männer, Halbwüchsige, Kranke, Sieche, Erschöpfte, teilweise lange schon ohne warme Verpflegung, alle von der schwachen Hoffnung beseelt, doch noch unter selbstmörderischen Umständen nach dem Westen fahren zu können. Unzählige fallen erfroren während der Fahrt vom Zuge, weil sie sich nicht mehr aufrecht halten können. Zwölf kleine Kinder lädt man in Deutsch-Eylau aus einem Flüchtlingszug aus, als Leichen. Sie sind erstickt! Als ich befehlsgemäß die Zustände auf dem Bahnhof untersuchen soll, finde ich das geschilderte Bild vor. So hocken dumpf und verschüchtert die Menschen auf den offenen Wagen. „Das ist doch Wahnsinn”, schreie ich durch den Lärm einem Mann zu, der auf dem Wagen ein Kind im Arm wiegt, „ihr müßt doch alle erfrieren!” Der schreit zurück: „Fragen Sie lieber die Leute, die diesen Wahnsinn hier verschuldet haben, die Mörder und Lumpen!” „Mann”, sagt der neben mir stehende Feldwebel, „sie schreien sich noch um Ihren Hals.” Da tritt der andere auf uns zu und schreit mit einer sich überschlagenden Stimme: „Sie können dann ja mein Kind gleich mit aufhängen, die Verbrecher!” Es ist sinnlos, völlig sinnlos! Und immer wieder durchbricht diese brodelnde Volksstimmung das verzweifelte Weinen und Wimmern der Kinder, die jetzt gerade in der grimmigen Kälte am meisten leiden müssen.

Am Abend des 23. Januar durchfahren 7 russische Panzer, in der Dämmerung schwer auszumachen, in die Flüchtlingskolonnen geklemmt, unbemerkt die Panzergrabenübergangsstelle bei Grunauhöhe. In der Stadt schießen sie wüst mit Maschinengewehren und gelegentlich mit den Panzerkanonen, ohne aber Personenverluste zu verursachen. Sie rammen eine Anzahl von Flüchtlingsfahrzeugen. Zwei Panzer werden durch Panzerfäuste vernichtet, die restlichen 5 durchqueren die ganze Stadt, rasen die Ziesenstraße hinaus und bleiben dann für Tage am Bollwerk (nördlich der Mudrakaserne) stehen. Es entsteht nunmehr eine Massenflucht, die verheerende Panik ist unabwendbar. Alles stürzt kopflos über die Elbingbrücke, auch als die Gefahr längst vorüber ist. Die einzige Straße nach Westen ist bald über und über mit Flüchtlingen bedeckt, die um jeden Preis vorwärtsdrängen. Keiner nimmt auf den anderen Rücksicht, jeder ist nur auf die eigene Rettung bedacht. Nur mit äußerster


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Gewaltanwendung können die notwendigen Truppentransporte sich ihren Weg bahnen.

Die Verteidigung sichert sich inzwischen durch zahlreiche Panzervernichtungstrupps (deren einzige wirksame Waffe die Panzerfaust ist) und beugt so weiteren Panzerüberraschungen vor. Nachts kommt als Rest eines über 6 Kilometer langen Flüchtlingstrecks aus dem Kreise Preußisch-Hollaud lediglich der Kreisleiter mit Familie sowie etwa 30 alten Männern an, die fast alle bereits den ersten Weltkrieg mitgemacht haben. Die übrigen Flüchtlinge, so berichten sie, seien beim Auftauchen der russischen Panzer in alle Winde zerstoben, ein großer Teil sei an Ort und Stelle getötet worden: Männer, Frauen, Kinder — ohne Unterschied! — Fieberhaft arbeitet man trotz fehlenden Schanzgeräts daran, den inneren Verteidigungsring auszubauen — ein fast sinnloses Unternehmen. Denn der Boden ist steinhart gefroren und kann nur wirksam mit Sprengpatronen aufgebrochen werden. Und die fehlen — wie vieles andere. — Dazu häufen sich bei dem starken Frost die Fälle von Erfrierungen, denn kaum einer besitzt schützende Winterkleidung. Im Nordosten verläuft der innere Verteidigungsring etwa auf der Linie Mudrakaserne—Lärchwalde—Gut Freiwalde—Vogelsang (dem wunderbar gelegenen Ausflugsziel der Elbinger am Wochenende).

Die ersten heftigen Angriffe der Russen erfolgen vom 25. Januar an im Südosten aus Richtung Preußisch-Holland. Sie können alle mit großer Mühe abgewehrt werden. Aber südlich des Drausensees gewinnt der Gegner über Rückfort hinaus ständig Boden. Dort gelingt ihm der Stoß auf Fichthorst und damit die Unterbrechung der Bahnlinie nach dem Westen. Die Verbindung wird auf der Straße nach Einlage an der Nogat für Stunden noch offen gehalten, aber aus den eingehenden Meldungen ersehe ich stündlich, wie der Russe zäh nach Norden zwischen Elbingfluß und Nogat hinaufdrängt. Eine Trift nach der anderen (Triften sind schneisenähnliche Wiesenwege) fällt ihm in die Hände. Schließlich erreicht er mit Spähtrupps das Dorf Zeyer. Damit ist Elbing restlos eingeschlossen. Im Norden bei Tolkemit und Trunz herrscht nur zeitweilige Spähtrupptätigkeit. Immer noch flüchten Bauern aus den umliegenden Dörfern nach Elbing. Teilweise werden sie sogar von den Russen hineingeschickt. Aus Trunz berichtet ein Flüchtling eidesstattlich von den Greueltaten, besonders der mongolischen Truppenteile. Er berichtet, daß die Frau des Lehrers Horst und die Gemeindeschwester die im Ort befindliche Krankenstation für ausländische Arbeiter (die am Panzergraben gearbeitet hatten) versorgt hätten. Die beiden Frauen seien grausam mißhandelt worden und hätten schließlich Gift genommen, um weiteren Quälereien zu entgehen. Solche Berichte werden von nun an so zahlreich aufgenommen, daß wir uns unser vermutliches Schicksal und das der Zivilbevölkerung selbst an unsern Fingern abzählen können.

Am 26. Januar erfolgt ganz überraschend gegen Mittag von Norden her ein starker Panzerangriff in die Stadt hinein. Es sind vorwiegend amerikanische „Sherman”, aber auch einige schwere Kolosse vom Typ „Stalin” (über 60 Tonnen schwer). 42 Panzer kostet den Gegner dieser Versuch, 2 davon vernichten Amputierte einer Genesendenkompanie. Die Panzerbesatzungen tragen deutsche Uniformen und einwandfreie deutsche Soldbücher. Ein weiterer Panzerangriff folgt nicht, der Russe zieht vielmehr systematisch neue


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Verbände und schwere Waffen zur regelrechten Belagerung heran. Auf eigene Faust verlassen 3 kleinere Haffdampfer Elbing. Sie werden nur unbedeutend am Bollwerk beschossen und haben ohne weitere Gefährdung Danzig erreicht.

Die Zahl der geflohenen Zivilbevölkerung schätzen wir auf etwa 10 000 bis 12 000 Personen... Dafür sind wenigstens in der gleichen Anzahl Flüchtlinge ans der weiteren und näheren Umgebung in die Stadt geströmt. Gas, Licht und Wasser gibt es vom 26. Januar an nicht mehr. Die Behörden sind verschwunden, kein Laden verkauft etwas. Die zurückbleibende Bevölkerung ist völlig sich selbst überlassen. So beginnt zuerst ein schüchternes, bald ein offenes Plündern (obwohl darauf die Todesstrafe steht). Die Spitzen der Partei haben sich längst in Sicherheit gebracht. Zurückgeblieben sind die gutgläubigen kleinen Pgs., die z. B. in der Münchener Straße erst räumen, als die Russen mit Granatwerfern die Häuser beschießen. Sie glauben auch jetzt noch an den Endsieg” — so nachhaltig hat eine verantwortungslose Propaganda gewirkt! Auf meine Anfrage beim Kreisleiter am 24. Januar betreffs einer Evakuierung der Zivilbevölkerung erhalte ich den klassischen Bescheid, das sei Sache der Partei. Und die Partei werde in 4—6 Stunden eine vollständige Räumung durchführen, die Leute sollten alle ruhig in ihren Wohnungen mit ihrem Marschgepäck warten, bis aufgerufen würde! Daß dieses nie erfolgen konnte, war mir längst klar. So gab ich denn allen denen, die an mich mit Evakuierungsfragen herantraten, den privaten Rat, sich schleunigst nach Westen „abzusetzen”.

Vf. äußert unter dem Eindruck der folgenden Ereignisse die Meinung, daß die nach seiner Ansicht noch vorhandenen Möglichkeiten von den für die Räumung verantwortlichen Stellen nicht mit dem notwendigen Einsatz ausgenutzt worden seien. Denn die Bilder, die wir in den kommenden Tagen erleben, sind einfach so grauenhaft, daß man sie fast gar nicht beschreiben darf.

Es gibt keine Milch für Säuglinge und Kleinkinder. Kein ziviler Arzt praktizierte mehr. Da kommen die jammernden Mütter mit den Kindern auf dem Arm in die Kasernen und betteln flehentlich um Milch für ihre Schützlinge. Das Herz hätte einem brechen mögen angesichts dieses Hundeelends. Eine geordnete Ausgabe aus dem reichlich gefüllten Ersatzverpflegungsmagazin hätte erfolgen können, aber es gab keine zivile Stelle, die sich dessen hätte annehmen können. Stattdessen wird dort geplündert und sinnlos getrunken. Da wird ein Stabsarzt zu einer schwierigen Entbindung gerufen. Er ist ratlos. Einmal wegen mangelnder Praxis und dann deswegen, weil der Strom der Verwundeten und solcher Soldaten mit Frostwunden gar kein Ende nimmt. Da werden zwei herzkranke Frauen hereingebracht, Mutter und Tochter, und bitten fast kniefällig, in der Kaserne bleiben zu dürfen. Zwischendurch immer neue Protokolle über russische Ausschreitungen gegen wehrlose Zivilbevölkerung. Es ist die nackte Faust des Satans, die nach unserer Kehle greift.

Immer wieder schrillt das Telefon, von überallher greift der Gegner mit überlegenen Kräften an, stellenweise wird die vordere Linie zurückgenommen. Langsam aber sicher scheint sich unser Schicksal zu erfüllen. Am 27. Januar dringt der Russe im plötzlichen Vorstoß auf der Haffstraße in die Stadt ein. Er überrumpelt die Mudrakaserne und setzt sich mit mehreren Panzern, Paks und etwa zwei Kompanien an der Brauerei Englischbrunnen


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(am Ziesepark) fest. Zwar gelingt am nächstenTage wieder die Rückgewinnung der Kaserne, aber darüber hinaus sind die eigenen Kräfte zu schwach, um die Russen hier zu vertreiben. In der Flakstellung Lärchwalde verlange ich nach dem Batteriechef. Der dienstälteste Wachtmeister sagt wie abwesend: „Herr Hauptmann hat sich heute Nacht auf dem Gefechtsstand erschossen.-------„

Zwei Tage darauf versuchen die Russen bei Englischbrunnen nach Norden auszubreiten, werden aber bei diesem Vorhaben restlos aufgerieben. Doch auch die eigenen Verluste sind beängstigend im Ansteigen. Und sie können nicht ausgeglichen werden! Aus Urlaubern, die in Elbing gesammelt wurden, werden Urlauberkompanien aufgestellt. Sie erweisen sich, da keiner den andern kennt, als äußerst unzuverlässig. Nicht viel anders ist das Bild bei den Besatzungen, deren Torpedoboote bei Schichau auf der Werft liegen. Ihre Einheiten lösen sich förmlich auf. Teilweise beziehen Soldaten leerstehende oder sogar noch bewohnte Häuser und führen dort während der noch bestehenden kurzen Galgenfrist zum Teil ein wüstes Leben (mit Frauen).

Vom 28. Januar an wird das feindliche Artilleriefeuer stundenweise außerordentlich heftig. Schwere Geschütze und wenigstens 4 der berüchtigten Salvengeschütze („Stalinorgeln”) sind in Tätigkeit. Bald brennt es vor allem in der Gegend um den Friedrich-Wilhelm-Platz. Mühsam hält die zusammenschmelzende Schar der Verteidiger noch den äußeren Stadtkern (so im Nordosten etwa in der Linie Stolzenmorgen—Pulvermühle—Danziger Kaserne). Immer wieder müssen die Stellungen zurückgenommen werden, denn feindliche Einbrüche können nicht im Gegenstoß bereinigt werden.

Das Elend der Zivilbevölkerung, das sich hauptsächlich in den Kellern abspielt, nimmt dramatische Formen an oder artet auch oft in stumpfe Lethargie aus. So hocken tagelang in der neben der Unterkaserne stehenden Volksschule 200 meist ältere Frauen und Männer stumpf und gleichgültig auf demselben Fleck, kaum daß sich einer zur Verrichtung seiner Notdurft vom Platz erhebt (sie haben den Keller nicht mehr verlassen!).

Trotz der Einschließung der Stadt besteht zeitweise eine lose Verbindung zu Teilen der 7. Panzerdivision, die am Westufer der Nogat steht (ca. 6 km). Deshalb riskieren wir auch bei Nacht mehrmals einen Abtransport von über 1000 gehfähigen Verwundeten, die nur von einem Maschinengewehrtrupp begleitet sind. Merkwürdigerweise glückt das. Die Telefonverbindungen bestehen bis zum 3. Februar (und werden natürlich von den Russen abgehört) nach Danzig und anderen Orten. So erreicht uns denn auch auf diesem Wege jener irrsinnige Befehl eines Oberbefehlshabers der Gruppe Weichsel namens Himmler, daß Elbing als Brücke vom Westen zum Osten nach dem Befehl des „Führers” um jeden Preis gehalten werden müsse. — Warum, so fragt man sich, da eine Front in Ostpreußen längst nicht mehr besteht? Eigenartigerweise kämpfen sich gerade um den 30. Januar herum zwei russische Panzer vom Typ T 34 und T 43 nach Elbing durch. Sie waren die „Überlebenden” eines zwölf Panzer starken Verbandes, der von der großen Panzerwerkstatt Braunsberg aus Befehl hatte, Elbing zu erreichen.

In der Stadtmitte sind bis auf das Rathaus und die Hauptpost fast alle großen Gebäude ausgebrannt, während am Nordrand nennenswerte Schäden noch nicht zu verzeichnen sind. Der Flugplatz im Süden ist seit dem 27. Januar in feindlicher Hand. In der Folgezeit berennen starke Kräfte die Marien-


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burger Vorstadt auf dem Westufer des Elbingflusses. Sie muß am 1. Februar aufgegeben werden. Langsam wird die Lage kritischer. Am 5. Februar bilden die Kasernenmauern die vordere Linie, am 6. bezieht der Rest der Verteidiger eine Stellung im Stadtinnern. Die Kasernen müssen geräumt werden. So nehmen wir auch Abschied von zwei Massengräbern vor dem Eingang der Ungerkaserne mit 25 Toten, die ich dort am 31. Januar im russischen Artilleriefeuer beerdigt hatte. Nur die wenigsten waren namentlich zu ermitteln. Ein 16-jähriger Hitlerjunge namens Schröter war auch dabei. — Vom 6. Februar an war eine Bestattung nicht mehr möglich. So wurden die Verluste nur noch zahlenmäßig gemeldet.

Die Verteidigungslinie verläuft nunmehr im Norden die Grünstraße entlang zum Jahnkrankenhaus. Unser Gefechtsstand ist das Gymnasium in der Königsberger Straße. Am 6. tobt für Stunden vormittags ein wahrer Feuerorkan über der Stadt. Das Jaulen, Heulen, Fauchen und Krachen der Geschosse aller Kaliber will kein Ende nehmen. Gegen 12.30 Uhr tritt plötzlich eine Feuerpause ein. Wir nehmen an der Grünstraße einen die Königsberger Straße [entlang] kommenden älteren Mann in Empfang, der ein weißes Tuch dauernd über dem Kopf schwenkt. Er übergibt mir eine Aufforderung vom „Kommando der russischen Truppen um Elbing”, uns zu ergeben. Der Kampfkommandant verzeichnet sein „Kenntnis genommen. Schöpffer” darauf, und der alte Mann geht wieder zum Feind zurück. Nachmittags setzt dann wölkenbruchartig erneut das gegnerische Feuer aus allen Rohren ein. Die Verteidigung kann dem so gut wie gar nichts entgegensetzen. Wir müssen warten,

warten.-------Worauf denn eigentlich? Um 16 Uhr kommt die Meldung, daß

der Russe sich der Schichauwerft bemächtigt und die dort stehende Polizei über den Haffuferbahnhof auf die Ziesestraße zurückgedrängt hat. Vom Gymnasium bis zur Werft sind es 600 m. Überhaupt kann der gesamte Verteidigungsring höchstens einen Durchmesser von 1200 m an der breitesten Stelle haben. Zusammen mit den bereits genannten Männern vom Volkssturm Preußisch-Holland soll ich die Polizei entlasten. Beim Angriff auf die kleine Kapelle in der Ziesestraße (in der Nähe der Zigarrenfabrik) werde ich verwundet, aber die Gefahr, daß der Ring der Verteidigung gespalten werden kann, ist im Augenblick beseitigt. Im Gymnasium werde ich verbunden. Ein Bombentreffer hat den Nordgiebel völlig abgerissen. Trotzdem herrscht im Keller ein wüstes Gewimmel von Soldaten, Verwundeten, Kranken, Zivilpersonen, darunter viele Frauen und Kinder. Jeder glaubt sich hier wie auf einer rettenden Insel und verläßt nur im äußersten Notfall einmal den Keller. Beim Kommandeur sitzt eine junge Mutter mit zwei 6- oder 7-jährigen Mädchen, die bei jedem Granatwerfereinschlag zusammenzucken und laut weinen. Mit Schokolade werden sie beruhigt. Nachts in einer Feuerpause — es ist ein irrsinniges Geschieße mit Maschinengewehren und -pistolen in den Straßen, nur die schweren Waffen schweigen — fahren wir auf einem Pferdefuhrwerk zum Lazarett. Das ist die „Heinrich von Flauen Schule”.

Nun deckt der Russe zwei Tage lang die todwunde Stadt mit einem wahren Trommelfeuer zu. Kaum einer kann zur Verrichtung seiner Notdurft das Gebäude (besser: den Keller) verlassen. Kein Sanitäter wagt sich zum Verwundetentransport nach draußen. Dauernd ist die telefonische Verbindung zu den übrigen Befehlsstellen unterbrochen. In den Kellern, die zuletzt über


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2000 Verwundete beherbergen, herrscht ein unsägliches Elend. Da liegen die armen, hilflosen Verwundeten, einer neben dem andern, so dicht, daß man sich beim Vorwärtsgehen kaum bewegen kann — ohne Versorgung und fast ohne Verpflegung. Es gibt mal eine Suppe oder etwas Tee. Die Luft ist erfüllt mit allen widerlichen Gerüchen, die sich denken lassen. Zwischen den Verwundeten hocken oder Hegen Zivilpersonen, Frauen, Männer, Kinder, Greise, Säuglinge. Und daa wimmert, jammert, flucht, betet und stöhnt — es ist eine schaurige Musik des Krieges, die hier zu hören ist. Im einzigen Behandlungsraum sind seit Tagen 4 Ärzte ununterbrochen beschäftigt, die Verwundeten und Kranken, die laufend durchgehen, zu verbinden — von einer geregelten Versorgung kann längst nicht mehr die Rede sein. Woher nehmen sie nur die physische Kraft, hier ihre vielleicht sinnlose Arbeit zu tun? An den Gesichtern sieht man, daß sie nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Im Stehen werden die meisten „Fälle” erledigt. Es riecht nach Äther zum Erbrechen, aber sicher wie immer handhaben die Hände das Messer, wenn hier oder dort ein Schußbruch zu operieren ist — „Der Nächste”. So verrinnt Stunde um Stunde — und draußen mäht erbarmungslos der Tod. Dieses Bild der wimmernden und klagenden Menschen, ihre verzweifelten Gesichter — nie wird man es vergessen können. Und trotzdem wähnen sich alle irgendwie im Schütze des Lazaretts wie auf einer Insel, um die eine Sturmflut herumbraudet.

Nach zwei Tagen konnte ich alles nicht mehr mitansehen und verließ nachts, trotzdem die „Stalinorgeln” heftig am Werk waren, wieder das Lazarett, um zum Gymnasium zurückzueilen. Da das Schlüsselbein zerschmettert war, ließ ich mir die rechte Hand fest an den Oberkörper binden. Da taucht im Dunkel vor mir ein weißes Etwas auf, und laut höre ich es „Mutti! Mutti!” rufen. Da steht ein weinendes kleines Mädchen von höchstens 10 Jahren, und dabei ein Krachen um uns her, daß man stets auf dem Sprung in die Deckung sein mußte. Aber immer wieder rief das kleine Ding ihr klagendes „Mutti, wo bist Du?” Vielleicht war die Mutter längst tot — und so nehme ich das Mädchen mit zum Gefechtsstand. Sollte das noch Krieg sein? Nein, es war dies ein Stück Hölle auf Erden!

Im Gymnasium gab der Kommandeur gerade seine Befehle zum Ausbruchsversuch am nächsten Morgen. Da stand der Hauptmann, der an sich auf Krücken hätte gehen müssen, denn mit dem Stock allein schaffte er nur ein paar 100 Meter. Und er sagte ganz leise zu mir: „Es ist gut, daß Sie kommen, morgen wird das Lazarett wahrscheinlich an die Russen übergeben.” Als er mein entsetztes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Wir sind am Ende.”

Nachts ging es quer durch Hinterhöfe und Gärten, ein Mann hinter dem andern, Verwundete in der Mitte, vorsichtig bis in die Nähe der Brauerei Englischbrunnen, wo die Pioniere mit Hilfe eines Lastkahnes eine Fähre gebaut hatten. Morgens um 5 Uhr — am 10. Februar — befanden sich auf dem Westufer des Elbingflusses rund 2000 Mann. Diese griffen von dem kleinen Brückenkopf aus eine westlich liegende 800 m entfernte Siedlung an, in der Annahme, dort seien Russen. In Wirklichkeit befanden sich dort Soldaten der 7. Panzerdivision, die beim Hurragebrüll der Stürmenden glaubten, es handele sich um Russen. So wurde in Verkennung der Lage dieser völlig unnötige „Angriff” von eigener Artillerie zusammengeschossen. Das sah ich von einem halb eingestürzten Graben aus. Den Soldaten drängten in Massen Zivilpersonen


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nach. Inzwischen hatten die Russen den Ausbruchsversuch entdeckt — und nun traf das zusammengefaßte feindliche Feuer gerade den nachfolgenden wehrlosen Haufen. So hielt der Tod hier noch eine vielfältige Ernte unter denen, die bereits die ersehnte Freiheit zu besitzen glaubten. Von nun an lag die Straße nach Zeyer (am Fluß entlang) ständig unter feindlichem Feuer.

Als ich gegen 10 Uhr im Graben kriechend die Straße benutzte, lagen dort reihenweise die Toten. An einem kleinen Mädelchen kam ich vorbei. Es lag still da, mit leicht geöffnetem Mund, fast lächelnd — daneben die Puppe, die dem Arm entglitten war.

2400 Verwundete im Lazarett „Heinrich von Plauenschule” fielen in russische Hand. Die meisten — das darf als sicher gelten — sind eines jämmerlichen Todes gestorben. Fürchterlich war das Schicksal der in der Stadt verbliebenen Zivilpersonen. . . .