Nr. 15: Zusammentreffen mit russischen Soldaten in Elbing; Mißhandlungen.

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Erlebnisbericht der Frau E. O. aus E l b i n g i. Westpr.

Original, 26. Februar 1951.

Am 29. Januar 1945 morgens 6.30 Uhr kam ich in Gefangenschaft. Sofort bei Begegnung mit russischen Soldaten wurden mir meine Stiefel und Mantel ausgezogen. In meinem Kinderwagen hatte ich meine Tochter Christa, 15 Monate alt, und meinen Sohn Horst, 7 ½ Jahre alt, an der Hand. Die ganze Richthofenstraße wurde mit Männern, Frauen und Kindern zusammengetrieben. Ein Zug von etwa 1500 Menschen wurde jetzt in die Bahnhofshalle gejagt und blieb dort unter vollem Beschuß der Artillerie bis nach Mittag um 4 Uhr. Hier wurden wir gemustert nach Alter und Geschlecht, indem man uns den Mund aufriß und nach den Zähnen schaute wie bei einer Pferdemusterung. Die Männer wurden fast alle abtransportiert. Niemand hat sie jemals wiedergesehen. Übrig blieben Frauen und junge Mädchen ab 15 Jahren. Hier beginnt schon die Vergewaltigung der weiblichen Jugend. Auf offenem Bahnhofplatz sah ich, wie ein junges Mädchen H. N., 15 Jahre alt, aus Elbing-Trettinkenhof von russischen Soldaten vergewaltigt wurde. Die Mutter dieser H. N. verteidigte ihre Tochter, weil die russischen Soldaten sie immer wieder gebrauchten, und besiegelte ihr Leben für den Mut und den Kampf nach zwei Tagen mit dem Tode. Die Mutter heißt M. N., Wohnung wie oben. Bei dieser Musterung wurden uns alle Wertsachen: Trauringe, Uhren, Sparbücher und Wertpapiere abgenommen.

Nach geraumer Zeit wurden wir in Richtung Tannenberger Allee abgeführt und in Behelfsheimen untergebracht. Der Krieg tobt weiter. Auf dieser Taunenberger Allee marschierten die russischen Nachschubtruppen und wurden in unmittelbarer Nähe der Behelfsheime vorübergehend untergebracht. Wir wurden jetzt noch einmal gemustert und nach Alter sortiert. Ich war damals 39 Jahre alt. Ein Zimmer von diesen Behelfsheimen war für die Vergewaltigungen hergerichtet, die nun erfolgen sollten. Zuerst kamen die jüngeren Frauen dran, ich erst gegen Morgen und wurde gleich von drei russischen Soldaten gebraucht.


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Diese Vergewaltigungen wiederholten sich täglich zweimal, jedesmal mehrere Soldaten, bis zum 7. Tag. Der 7. Tag war mein schrecklichster Tag, ich wurde abends geholt und morgens entlassen. Ich wurde am Geschlecht ganz aufgerissen und hatte armstarken Geschwulst vom Geschlechtsteil an beiden Oberschenkeln bis an die Knie. Ich konnte nicht mehr laufen und nicht liegen. Dann folgten noch 3 dieser schrecklichen Tage wie bis zum 6. Tag. Dann waren wir nach Ansicht der russischen Soldaten fertig und wurden nackt aus diesem Höllenraum herausgejagt. Andere Frauen traten an unsere Stelle. Eine ältere Frau gab mir eine Decke. Diese Scheußlichkeiten wurden im Beisein von 10 Frauen und oft auch im Beisein der eigenen Kinder durchgeführt. Meinen beiden Kindern blieb jedoch dieses erspart. In diesen schrecklichen Tagen erhielten wir kein Essen, sondern nur Alkohol und Zigaretten.

Danach mußten wir zur Unkenntlichkeit gemarterten Frauen uns sammeln und wurden auf den Todesmarsch nach der 21 km entfernten Stadt Preußisch-Holland gesetzt. Man muß überlegen, daß wir keine Schuhe mehr an den Füßen hatten. Wir haben uns Sacklappen um die Füße gebunden, und ich nahm ein Kind auf den Arm und das andere an die Hand. Unter Begleitung russischer Soldaten wurden wir vorwärts getrieben. Auf diesem Todesmarsch warfen die russischen Soldaten laufend kleine eigroße Sprengkörper in den Zug. Ich mußte zusehen, wie Herr Kilian aus Elbing-Trettinkenhof tödlich verletzt wurde, desgleichen die Tochter des Beamten Herrn Neumann an einer solchen Kopfverletzung starb. Die Getroffenen mußten liegen bleiben und der ganze Zug darüber laufen. Wer nicht sofort tot war, bekam von einem Trupp russischer Soldaten, der dem Zug folgte, den Genickschuß, wir nannten es den Gnadenschuß. Ich kann bestätigen, daß das Ehepaar Jordan aus Elbing nach zweiTagen Hin- und Hermarsch nach Elbing—Pr. Holland nicht mehr mitlaufen konnte, setzten sie sich an den Straßenrand, und am nächsten Tag, als wir zurückmarschierten, überzeugte ich mich, daß die Eheleute durch Genickschuß von ihren Leiden erlöst waren. Essen gaben sie nicht, wir sollten kaputt gehen, das war der Zweck dieses Marsches. Er wurde 14 Tage durchgeführt. Von 800 Menschen, meist Frauen und Kinder (einige alte Männer waren dabei), waren bei der Auflösung des Zuges kaum noch 200 Menschen am Leben. Die Toten lagen am Straßenrand oder Straßengraben. Nach 14 Tagen wurde der Rest dieses Zuges aufgelöst, und die Menschen flohen in alle Richtungen auseinander. Die russische Armee zog nach Norden auf Danzig zu. Ich zog wieder nach Elbing mit meinen Kindern und fand noch meine Wohnung vor, außer meinen demolierten Möbeln war nichts mehr vorhanden, alles ausgeraubt. Die noch heilen Möbel wurden dann nach und nach von Polen geraubt. Gegessen habe ich in dieser Zeit mit meinen Kindern Kartoffelschalen und von den Krautstengeln die Nachwuchsblätter. Meine kleine Christa bekam Hungertyphus. Mein Horst und ich bekamen ganz dicke Leiber. Ich war dem Wahnsinn nahe.

Da ich nun vollständig kaputt war an Leib und Seele, hatte ich in Zukunft vor diesen Scheußlichkeiten Ruhe. Einmal noch wollte man mir meinen Sohn Horst wegnehmen; um ihn zu behalten, wurde ich noch einmal gebraucht. Dann kam das Verbot, Frauen zu vergewaltigen. Dann konnte man sich wehren, aber es war zu spät. Ich und viele Tausend Frauen sind kaputt bis auf den heutigen Tag, und niemand hilft uns.


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In diesem Zustand habe ich mir einen kleinen Handwagen besorgt und bin mit meinen Kindern von Elbing bis Weyer/Oberlahnkreis zu Fuß getreckt. Zweimal konnte ich auf dieser Reise die Bahn kurze Strecken benutzen. Bei Grenzübertritt in die englische Zone bei Helmstedt haben sich die englischen Soldaten mir und meinen Kindern gegenüber als gute Menschen gezeigt. Kurz vor meinem Ziel verließ mich mein Geist und Verstand. Ich wurde noch rechtzeitig besinnungslos aus der Lahn gezogen.


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