Nr. 18: Evakuierung im Oktober 1944, Flucht über das Haff und Überrollung durch die Russen im Kreise Stolp in Pommern.

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Erlebnisbericht des Bauern und ehemaligen Bürgermeisters von Argenfurt, Kreis Tilsit-Ragnit, Albert Szameitat.

Original, 8. November 1952, 8 Seiten. Teilabdruck.

In unserm Dorf befanden sich nur wenige, als die Russen eindrangen, weil wir schon am 22. Oktober 1944 unsere Heimat infolge Räumungsbefehls verließen. Am Sonnabend, dem 21. Oktober 1944, war ich mit den volkssturm-


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Pflichtigen Männern der Gemeinde nach Raunenhof (Kankwethen) auf dem Gut des Herrn Bühler zur Aufstellung des Volkssturms erschienen. Dort traf ich den Rittergutsbesitzer Herrn Bender von Gr. Schenkendorf. Der sagte mir: „Szameitat, wissen Sie schon, daß wir morgen früh gemeindeweise zu einem Treck zusammengestellt Richtung Braunsberg die Heimat zu verlassen haben?”

Schnell hab ich mir paar vernünftige Nachbarn genommen und sofort, als die Aufstellung des Volkssturms beendet war, per Rad nach Hause, paar lange Leiterwagen zusammengesucht und die Siedler und Arbeiterfamilien, die kein Fuhrwerk besaßen, nach Bahnhof Schulen hingebracht. Zum Teil sind diese Leute in Buxtehude bei Hamburg hingekommen. Sowie sich einige von ihnen sträubten, die Heimat zu verlassen, haben die andern mir dankend berichtet, daß sie sich freuen, ohne Feindberührung einen Teil ihrer Habe nach dort hingebracht zu haben.

Und nun die andern. Am Sonntag früh 9 Uhr sollte der Treck an der Kreuzung der Königsberger und Heinrichswalder Chaussee bei Sandfelde aufgestellt und in Bewegung gesetzt werden. Wer dazu gekommen war, sich rechtzeitig das Fuhrwerk marschbereit zu machen, der kam mit. Ich und Nachbar Friedrich Eckert kamen erst um die Mittagszeit weg. Auf der Königsberger Chaussee neben meinem Hausgrundstück in Argenbrück gesellten sich noch einige Nachgebliebene. Außerhalb Kreuzingen blieben wir in einer Feldscheune über Nacht. Ich fuhr noch per Rad nach Hause, hab 5 Kühe gemolken, den Wasserbassin, der die Tränken belieferte, voll Wasser ergänzt und die Soldaten, die schon beim Morgengrau einrückten, gebeten, sie möchten nach dem Vieh hinsehen, wenn ihnen Gelegenheit geboten würde. Dann hab ich mit tränendem Auge meinen Hof verlassen.

Von Kreuzingen fuhren wir zusammen mit Nachbar Eckert und den andern über Liebenfelde, Labiau, Königsberg auf Braunsberg zu. In Wagten bei Wormditt war unser Quartier bestimmt. In der Nähe war der Flugplatz. Da die Bauern der Umgegend noch mit der Feldarbeit beschäftigt waren, fuhren wir zum Bau von Flugzeughallen Baumaterial. Jetzt hieß es, die Fliegerschule besetzt die nächstgelegenen Quartiere. Wir mußten räumen und kamen einige nach Migehnen, einige nach Bürgerwalde hin. Schon waren wir 10 km von den andern Nachbarn entfernt.

Als die Russen immer näher kamen1) und Migehnen, wo wir lagen, und Heinrikau in Brand schossen, verließ ich und unser Quartierwirt querfeldein das Gehöft, weil die Chaussee Migehnen—Heinrikau unter schwerem Beschuß war. Die in Korbsdorf quartierenden Nachbarn aus Eichendorf wurden dort schon von den Russen ausgeplündert, die Frauen nach Russenart belästigt. Ich mit meinem Quartierwirt, Bezirksbauernführer Poschmann, bezogen in Sonnenwalde bei Frauenburg2) Quartier. Der Pfarrer, auf dessen Gehöft wir lagen, hat uns noch immer zum Abwarten gemahnt. Auf einmal hieß es: Rette sich wer kann. Ein anderer Weg als über das Haff ist uns nicht offen, und nun ging es Richtung Heiligenbeil. Dort standen wir auf einem großen Platz außerhalb der Stadt einige Tage. Unterwegs hatte ich meinen Nachbarn Erich Führer aus Eichendorf gefunden und wollten zusammenbleiben. Am 17. Februar 1945 berühren wir das Haff. Es wurde dunkel. Die Eisdecke war unsicher, wir mußten halten.


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Am 18. Februar morgens früh ging die Fahrt weiter. Diese Eisdecke war morsch, viele offene Stellen waren überbrückt oder mit Tannenbäumchen gekennzeichnet. Wieviel Wagen da untergegangen waren und wieviel Menschen und Tiere da umgekommen sind, das haben die gesehen, die das Haff passiert sind. In Schlawe/Pommern bezogen wir Quartier. Da unsere alte Mutter krank wurde, blieben wir einige Tage liegen.

Am 6. März machten wir uns auf den Weg, aber ohne Ziel. Die Pommerer kamen uns von Rügenwalde schon entgegen. „Wo wollt Ihr hin! Hinter uns kommen schon die Russen.„ Wir drehten auch um und schlossen uns ihnen an, und nun ging's Richtung Stolpmünde. Am 7. März 1945 kamen wir abends in Saleske, Kreis Stolp, an der Ostsee [an]. Da traf ich noch den einzigen Nachbar, Kurt Becker. Ein Teil der Einwohner war nach dem Strand geflüchtet. Da war Raum für die Trecks. Die Straße war, soweit das Auge sah, vom Treck gefüllt. Ich und meine alte Mutter blieben über Nacht auf dem Wagen, während die Frau und Schwester in den überfüllten Quartieren Obdach suchten. Beim Morgengrau, am 8. März 1945, hab ich den Pferden Futter vorgelegt und ging die Frauen rausholen, um weiter zu fahren in der Meinung, es gäbe noch irgendeinen Ausweg, den Russen zu entkommen, weil man doch die Gegend nicht kannte und keine Karte bei der Hand hatte. Wie in allen Quartieren, so war auch beim Bauer Heidemann, wo unsere Frauen Kaffee machen wollten, die Küche überfüllt. So wollte ich den Pferden noch etwas mehr Futter geben, damit die Frauen sich auch Kaffee machen können.

Kaum hab ich das Hoftor geöffnet, da kommen mir drei Russen mit schußbereiten Gewehren entgegen: „Idßi sudda kudda Nemze Soldat?”1) Unsere Soldaten kamen aus westlicher Richtung durchs Dorf gelaufen. Nach kurzem Geknatter der Maschinenpistolen lagen unsere Soldaten am Straßenrand erschossen. Die Überlebenden wurden als Gefangene abgeführt. Nur ein Russe war gefallen. Die Dorfstraße lang von Osten her stürmte uns die russische Infanterie entgegen, so breit wie die Straße faßte, wie eine Schafherde mit ihren Pelzmützen, zerlumpte, graubärtige Männer und Bengels von 16 Jahren, alles durcheinander, schleifend die Maschinengewehre hinter sich her. Dem am Straßenrand lagernden Treck, der unübersehbar war, wurden die Pferde abgespannt, zu vieren gekoppelt, die nachfolgenden vier den vordersten an den Schweifen befestigt, und dann ging's, was die Pferde laufen konnten, nach dem Osten, zu beiden Seiten ritten die Russen und hinterher auch. Meine Pferde spannten sie vor die eben erbeutete Feldküche unserer vernichteten Truppen. Herzzerreißend waren diese Erlebnisse. Weitere Truppenmassen stürmten hinterher. Unsere Mutter lag noch auf dem Wagen und rief um Hilfe.

Als die Marschkolonne etwas dünner wurde, eilte ich und Schwester, sie vom Wagen zu holen, um sie von dem plündernden Gesindel zu befreien. Was war die Folge? Ein Russe ließ mich los, der andere faßte mich, die Kleider bis auf den nackten Leib aufgerissen, Gewehr vor der Brust: „Tie Hitler”2), der andere „Uhr dawai”. Ein anderer wieder sagte: „Nicht erschießen, zum Arbeiten ist er gut.” Endlich riß die Marschkolonne wieder ab, und schnell brachten wir die Mutter vom Wagen. Kaum 20 Schritt geführt, sank sie zu-


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sammen. „Ich sterb”, war das letzte Wort. Wir trugen sie bei Heidemann, vor dessen Gehöft unser Wagen stand.

Eine Menge Frauen befand sich in dem Quartier. Hinter uns stürmten die Russen ins Quartier. Da ich aus dem ersten Weltkrieg etwas die russische Sprache gelernt hatte, suchte ich die wütenden Russen, die von den Frauen Uhren verlangten, zu verständigen. Da gab der eine Russe mir den Befehl, die Frauen hätten ihm in 5 Minuten die Uhren rauszugeben, sonst werd ich erschossen. Als die Frauen keine Uhren hergaben, weil sie schon, wie auch meiner Frau, vorher abgenommen waren, bekam er mich am Ärmel, schmiß mich zur Tür hinaus, um mich zu erschießen. In dem Moment hat Frau Brasat aus Pogegen bei Tilsit ihren Trauring vom Finger gezogen. Diesen Moment benutzte ich und warf mich schnell hinter die an der Hausecke liegendeKartoffelmiete. Der Russe schoß jedoch aus dem Hausflur, ohne zu sehen, wo ich geblieben war, ein Infanteriegeschoß ab. Die Hülse blieb im Hausflur liegen. Er ist wütend halb betrunken weitergegangen. Ich kam rein, da kamen wieder andere Russen, tobend verlangten sie von mir die Schlüssel, um alle Räume zu durchstöbern. Als ich ihnen keine Schlüssel geben konnte, weil Heidemann nach dem Strand geflüchtet war und die Schlüssel nicht da waren, haben die Russen zu zwei Mann mit den Schultern reingestoßen, daß die Türen sogar mit Türgerüst und -bekleidung rausflogen. In einer kurzen Zeit, vielleicht in 1/2 Stunde, waren Türen, Fenster und Schränke offen, und der Inhalt lag auf dem Fußboden. Eine Schar Russen ging raus, die andern kamen rein. Das Schlimme dabei war, weil sie sich in der unweit gelegenen Schnapsbrenneiei angetrunken hatten.

Anschließend gibt Vf. eine kurze Zusammenfassung der folgenden Erlebnisse bis zur Ausweisung im November 1946.