Nr. 19: Evakuierung nach dem Kreis Braunsberg im Oktober 1944. Flucht über das Haff im Januar 1945, Überrollung durch die Russen und Erlebnisse auf dem Rückweg in die Heimat.

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Erlebnisbericht der Bauersfrau I. S. aus Großroden, Kreis Tilsit-Ragnit i. Ostpr.

Original, 5. Oktober 1952, 17 Seiten. Teilabdruck.

August 1944. Die feindlichen Truppen waren in Ostpreußen eingebrochen. Wir in Großroden bekamen die ersten Flüchtlinge. Alles Bauern von der Grenze, die ihre reife Ernte und alles im Stich gelassen hatten. Den Roggen hatten sie schon zum Teil gemäht. Das andere Getreide stand kurz davor. Alle waren sie in größter Aufregung und Sorge und warteten jeden Tag auf Befehl zur Rückfahrt. Endlich nach 14 Tagen hieß es, die feindlichen Truppen wären zurückgeschlagen, alle atmeten auf. Aber kein Befehl zur Rückfahrt kam. Nun machten sich vereinzelte Bauern auf und fuhren zurück, um ihr Getreide einzubringen, welches auch ihnen gelungen war.

Gleichzeitig überflutete deutsches Militär unsere Dörfer. Es war ein aufregendes Durcheinander. Kanonendonner kam wieder näher. Die ganze Hauptstraße Tilsit—Königsberg mit Nachschubkolonnen und Flüchtlingen. Wieder


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dieselben Flüchtlinge, die zurückgefahren waren. Und auch Flüchtlinge aus Litauen, mit verstörten Gesichtern drängten sie vorwärts. Manche fast gar nichts mehr auf den Wagen als nur Kinder und paar Lumpen. Verschiedene hatten auch noch eine Kuh am Wagen gebunden. Ein trauriges Bild. Dieses haben wir (mein Mann und ich, meine beiden Jungs waren Soldaten) uns Wochen mitangesehen. Mit einmal hieß es, die feindlichen Truppen stehen vor Tilsit. Tilsit wird gehalten. So stand die Front 20 km von uns entfernt. Wir befanden uns in großer Angst. Es wurde uns nichts bekanntgegeben, was wir machen sollten. Natürlich hatten wir schon gepackt. Es hieß nur, dableiben. Der Kampf tobte Tag und Nacht. Wir hatten uns nachts nie ausgezogen. Inzwischen war es Oktober geworden. Wir hatten unsere Ernte eingebracht und ausgedroschen. Meine größte Sorge galt meinen beiden Jungs, die auch an dieser Front standen. Trotzdem ich laufend Nachricht hatte, lebte ich in banger Sorge. Dann am 20. Oktober erhielten wir doch die traurige Nachricht, daß unser Ältester gefallen war.

Am 25. Oktober Räumungsbefehl. Nun haben wir unsere ganze Kraft und Geistesgegenwart festhalten müssen, um nicht umzusinken. Haben auf die Wagren gepackt, was rauf ging. In erster Linie Futter für die Pferde, Betten, Wäsche, Kleider und für uns was zu essen. Dann sind wir am 1. November mit schwerem Herzen von unserm Gehöft weggefahren. Haben alles stehen und liegen lassen, in der Hoffnung, doch noch zurückzukehren. Nur unser Nachbar W. Schlaf war nicht zu bewegen, mitzufahren. Er blieb dann auf unserm Gehöft und wollte da solange wirtschaften, bis wir wiederkämen. Da habe ich dann jetzt von Augenzeugen gehört, daß er da schon im Sommer 1945 verhungert ist, weil die Russen alles weggenommen hatten. Verhungert sind ferner die Eheleute Petschull, die nicht flüchten konnten, weil Herr Petschull krank war. Frau Barstat mit Tochter, Frau Bublies mit Kind und Frau Adomat: sämtliche aus Großroden, die wieder zurückgekehrt waren, sind verhungert.

Nun begann für uns der Leidensweg. Unser Dorf Großroden wurde erst nach dem Kreise Braunsberg evakuiert. Woppen hieß dieses Dorf. Da fühlten wir uns erst mal sicher. Unterdessen wurde der Russe bis kurz vor Weihnachten noch vor Tilsit gehalten. Und dann brach er mit aller Wucht durch. Wir meinten, daß er noch zurückgeschlagen wird, aber alles vergebens. Es kamen da in Woppen Flüchtlinge, die schon 2 bis 3 Tage unter den Russen gewesen waren, die dann wieder von unseren Truppen befreit wurden. Die erzählten von den furchtbarsten Greueltaten und flüchteten vorwärts. Wir waren in größter Aufregung. Mein Mann wollte nämlich nicht mehr weiter fahren. Der Bauer, bei dem wir wohnten, war nämlich derselben Ansicht. Er selbst hatte beide Beine gebrochen, er lag noch in Gips. Seine Frau mit 4 kleinen Kindern, das kleinste 8 Monate alt, der Großvater alt und bettlägerig. Er sagte: „Was soll aus uns werden, es ist Januar und 20 Grad Frost, dann wollen wir lieber hier sterben. Mag da kommen, was da wolle.”

Die Front kam näher. Tag und Nacht ein Gedröhne. Unsere Truppen fluteten zurück. Nun hieß es, die Russen stehen in Paulen. Paulen war ein Dorf 5 km vor Woppen. Unsere Truppen bauten Artillerie-Stellungen gleich hinter dem Gehöft. So lag dieses Gehöft zwischen der deutschen und der russischen Stellung. Und wir warteten der Dinge, die da kommen sollten. Abends am 20. Januar begann der Kampf zu toben. Wir saßen zusammen-


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gekauert in einer Ecke. Die Geschosse schlugen überall ein. Frau Schlesiger, die Bauersfrau, wurde am Bein verwundet. Um Mitternacht stürmten unsere Soldaten in die Wohnung und sagten, wir sollten machen, daß wir wegkämen. Nun haben wir angespannt und sind dann nachts l Uhr von da weggefahren. Den Bauer Schlesiger, so krank, wie er war, auf den kahlen Wagen geladen, die Kinder und den kranken Großvater. So fuhren wir ins Ungewisse. Wo Schlesigers geblieben sind, weiß ich nicht. Wir wurden getrennt. Auf der Straße standen die Trecks und konnten nicht weiter. Die Wehrmacht hatte den Vorzug. Kein Mensch hat sich um uns gekümmert.

Dann wurde der Russe eine kurze Zeit gehalten. Dadurch haben wir einen Vorsprung erhalten. Nun ging es vorwärts in Richtung Frisches Haff. Das war die einzigste Stelle, wo wir noch entkommen konnten. Da haben wir nach achttägiger Fahrt Passarge am Frischen Haff erreicht. Eine Nacht durften wir ausruhen, denn die Pferde schafften nicht mehr. Nun konnten wir von da aus beobachten, was sich da auf dem Eise abspielte. Die Eisdecke war noch nicht so stark, daß sie die ganze Last tragen konnte. Da waren denn die ersten Trecks eingebrochen und ertrunken. Man sah die eingebrocheneu Wagen noch aus dem Eise ausragen. Da habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ganze Reihen von Wagen eingebrochen waren. Wie wir das alles gesehen hatten, haben wir uns geweigert, auf das Eis raufzufahren. Es kam Befehl, der Damm würde in einer Stunde gesprengt, und das Dorf steht unter Wasser. Also waren wir gezwungen, raufzufahren. Es hieß, wir blieben nicht lange auf dem Eise, wir sollten quer rüber nach Kahlberg. Das wären 8 km, und dann wären wir gerettet. Aber es war nicht an dem. Wir waren schon 5 Stunden gefahren, und noch war kein Strand zu sehen. Das sagte uns ein Posten, die Posten waren dazu da, um zu sehen, daß die Wagen hintereinander fuhren und auch richtig Abstand hielten. Also mußten wir das Eis entlangfahren.

Als wir noch eine Stunde gefahren waren, wurden wir von Fliegern angegriffen; ein furchtbares Drama spielte sich ab. Die Bomben schlugen Löcher, und ganze Reihen von Wagen gingen unter. Wir hatten keinen Lebensmut und warteten sehnsüchtig auf den Tod. Aber es sollte noch nicht aus sein. Als dieser Angriff beendet war, sind wir Überlebende weitergefahren. Da sind wir dann noch die ganze Nacht durchgefahren und erreichten dann Land. Da haben wir erleichtert aufgeatmet. Aber nur für eine kurze Zeit. Wir waren in dem zweiten Kessel drin und konnten nicht mehr raus. Da sind wir dann noch bis zum 8. März 1945 in diesem Kessel hin- und hergefahren, die Pferde schlapp, die Menschen abgekämpft und abgestumpft. — Am 9. März 1945 hat uns dann der Russe überrannt, die Pferde weggenommen, alles ausgeplündert, die Frauen vergewaltigt und verschleppt, ebenso die Männer erschossen oder verschleppt. Mein Mann wurde auch gleich mitgenommen, wo ich auch heute keine Nachricht habe. Nun stand ich alleine da, ohne was zu essen, nur das, was ich auf dem Körper hatte. Ein Russe schrieb mir einen Zettel, er sagte: „Dokument.” Nun konnte ich nach Hause gehen, das hieß, wandern nach Großroden; wir befanden uns da, wo der Russe uns überrannte, kurz vor Danzig. Ich konnte ja nicht gehen, ich mußte mich verborgen halten im Gestrüpp und im Walde. Dabei trafen wir uns mit den andern aus unserm Dorfe, die sich auch versteckt hatten. Nach etlichen Tagen, als die wütenden Horden über uns weg waren, sind wir gewandert in Richtung Osten. Unterwegs trafen wir noch


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mit mehreren Bekannten aus dem Nachbardorfe, so daß wir ungefähr 30 Mann waren. Unter diesen Bekannten waren das Ehepaar Mikoleit, Skambracks, Frau Göbel mit 3 Kindern und F. Becker.

Nun sind wir so drei Wochen umhergeirrt. Nichts zu essen, nur was wir unter den ausgeplünderten Flüchtlingswagen gefunden haben. Die meisten blieben am Wege liegen und starben. Wir Überlebende waren nur noch Skeletts. Nun hatten wir unterwegs erfahren, daß die Russen und Polen Läger errichtet hatten und die umherirrenden Menschen zur Arbeit aufgriffen. So ist es uns auch ergangen. Wir wurden in Blumenau bei Pr. Holland aufgehalten und mußten sofort arbeiten. Es war nun Anfang April; auf dem Felde war noch nichts zu tun. Dieses Lager hatte viel Vieh. Da haben wir im Stall gearbeitet, andere Heu und Stroh gefahren, andere wieder im Walde Holz geschlagen. Zu essen mußten wir uns was suchen. Kartoffeln waren ja noch in den Mieten. Herr Mikoleit starb gleich nach 8 Tagen an den Strapazen. Frau Becker starb etliche Wochen später. Die Leichen wurden in Lumpen gewickelt und auf dem nahen Friedhof verscharrt.

Im folgenden gibt Vfn. eine Zusammenfassung ihrer weiteren Erlebnisse im Lager bis zur Ausweisung im Mai 1946.