Nr. 21: Flucht aus dem Kreis Wehlau, von Königsberg weiter über See, Untergang des mit Flüchtlingen belegten Schiffes durch Minentreffer.

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Erlebnisbericht der Angestellten Eva Kuckuk aus Königsberg i. Ostpr.

Original, 2. Oktober 1952.

Am 20. Januar 1945 fuhr ich mit dem fahrplanmäßigen Zuge von Königsberg (Pr.) nach Allenburg, Kreis Wehlau, um nach dem Hause meiner Eltern zu sehen und unsere dortige Einquartierung zu versorgen, da meine betagten Eltern sich bereits seit Ende Oktober bei meiner Schwester in Berlin befanden. Zum Sonntag, dem 21. Januar 1945, hatte ich eine Einladung nach dem Gut Gr. Plauen angenommen und wurde von einem Fuhrwerk bereits zum Mittagessen abgeholt. Ich hatte gebeten, spätestens um 17 Uhr wieder in Allenburg sein zu dürfen, da ich noch Flüchtlingsgut für meine Eltern packen wollte, welches Einwohner unseres Hauses mitnehmen wollten. Es hieß, daß am Dienstag, dem 23. Januar 1945, bestimmt ein oder mehrere Räumungszüge die Bevölkerung des Kreises Wehlau in Sicherheit bringen sollten. Es kam jedoch anders.

Herr v. W. auf Gr. Plauen, der gleichzeitig Bürgermeister der Gemeinde Plauen war, stand dauernd mit dem Landrat und der Kreisleitung Wehlau in Verbindung, um den Treckbefehl zu erreichen. Alle seine Vorstellungen, daß


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es bald zu spät wäre, fanden kein Gehör; der Landrat v. E. sagte einmal sogar: „Der Kreis Wehlau dürfe sich nicht auch noch auf die Landstraße begeben — an einer Stelle müßte ja schließlich damit Schluß gemacht werden!” Dies war etwa um 15 Uhr. Ich hatte zur gleichen Zeit Gelegenheit, mich mit einer Sekretärin des Postamtes Wehlau telefonisch zu unterhalten, die mir bestätigte, daß unweit von Wehlau die ersten Russen gesehen worden wären und daß ein etwa 8 km von Wehlau entfernt gelegenes Gehöft von diesen in Brand gesteckt worden wäre.

Ich war um 17 Uhr dann wieder in Allenburg. Es mag eine Stunde vergangen sein, während der ich packte, als eine junge Frau zu mir kam und mich davon unterrichtete, daß soeben vom Bürgermeister der Befehl an die Bevölkerung gegeben sei, daß Allenburg bis 19 Uhr geräumt werden müßte. Ein Zug fuhr nicht, andere Fahrgelegenheit war nur schnell für die Ältesten bereitgestellt, alle anderen sollten zu Fuß nach Friedland wandern und sehen, ob und wie sie von dort weiterkämen.

Sofort begab ich mich ans Telefon — die Post blieb noch auf ihrem Posten — und berichtete Herrn v. W. die neueste Lage in Allenburg. Ihm war nichts von einem Räumungsbefehl bekannt. Er setzte sich sofort wieder mit dem Landrat in Verbindung und erreichte endlich wenigstens den Befehl: „Alles zum Treck bereithalten!” Getreckt werden durfte immer noch nicht!!

Ich bat Herrn v. W. mit den Flauem trecken zu dürfen, und wurde am Sonntagabend noch einmal mit Fuhrwerk abgeholt. Wir packten dort noch die ganze Nacht, versahen uns für alle Fälle mit „Zyankali”, um den Russen nicht in die Hände zu fallen, und warteten auf den Treckbefehl. Am 22. Januar 1945 um 9 Uhr war es dann endlich so weit, daß die Gemeinde Gr. Plauen — mit einigen Ausnahmen der sich nachts schon eigenmächtig aus dem Staube gemachten Leute — geschlossen treckte. Auf dem vorgeschriebenen Wege war nicht mehr durchzukommen — wir mußten Nebenwege einschlagen. Infolge des Tauwetters kamen wir nur schrittweise vorwärts. Wir brauchten 11 Stunden, um einen Weg von ca. 10 km zurückzulegen. Wir übernachteten in Kl. Schönau in einem Gasthof, wo wir abwechselnd zu zweien mal auf einem Stuhl sitzen konnten. Beim Morgengrauen setzten wir unseren Weg fort. Soweit das Auge reichte, war jede Straße mit Flüchtlingswagen, wandernden Menschen, frei herumlaufenden Tieren übersät, ein trostloses Bild einer „Völkervertreibung”. Immer wieder sah man in einen Graben gekippte Wagen, das Flüchtlingsgut verstreut, die Menschen, den Blick auf ihre letzte Habe noch einmal wendend, zu Fuß weiterwandern.

Den ganzen Weg begleitete uns das Böllern der Artillerie — ob es die feindliche oder unsere war, vermochte ich nicht zu unterscheiden. Die engste Berührung mit den feindlichen Truppen blieb uns gottlob erspart, auch Tiefflieger griffen uns nicht an.

Die zweite Nacht verbrachten wir in Lisettenfeld, Kreis Bartenstein. Wir lagen zu 40 Menschen auf der Erde in einem winzigen Raum, eingepfercht wie Sardinen in der Büchse, und waren trotzdem dankbar, daß wir uns etwas Warmes zu Essen machen durften und uns einmal ausstrecken konnten.

Noch in der Nacht wurden wir davon unterrichtet, daß russische Panzerspitzen bis Elbing vorgedrungen seien, und uns der Rat erteilt, den Treck aufzugeben. Herr v. W. entschloß sich nach Lage der Dinge sofort dazu, holte seine


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Leute zusammen und erklärte ihnen, daß Pferde, Wagen und Flüchtlingsgut bis auf Handgepäck und notwendige Essensvorräte der Wehrmacht übergeben würden und alle mit von der Wehrmacht zur Verfügung gestellten Lastwagen, die in Richtung Heiligenbeil-Zinten führen, mitfahren könnten. Zunächst waren die Plauer Leute und Siedlerfrauen damit einverstanden, aber etwa um 5 Uhr morgens erschien der Kämmerer und bat Herrn v. W., weitertrecken zu dürfen. Nur nach langem Zögern gab Herr v. W. seine Einwilligung, da sich die Mehrzahl der Siedlerfrauen mit dem größeren Teil der Plauer Leute dazu entschlossen hatten. Wer nicht weitertrecken wollte, fuhr mit uns mit den Wehrmachts-Lastwagen bis Königsberg oder in den Raum von Heiligenbeil-Zinten. Der Lastwagen, in dem ich fuhr, war so dicht besetzt, daß ich pur knapp auf einem Fuß stehen konnte. Entsetzlich war es, sehen zu müssen, wie kleinste Kinder erdrückt wurden oder erfroren und ihre Leichen von ihren Müttern einfach aus dem Wagen geworfen werden mußten, da zum Aussteigen und Begraben keine Zeit blieb.

Das Schicksal des Trecks, dem es nicht mehr gelang durchzukommen, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.

Das Ehepaar v. W. sowie ihre Begleitung nahm ich in Königsberg zu mir und brachte sie in meiner Wohnung und den z. T. bereits verlassenen Wohnungen des Hauses unter.

Erwähnen möchte ich noch, daß die Wagen des ganzen Trecks entweder von Siedlerfrauen oder von Polen geführt wurden, die umsichtig, hilfsbereit und fleißig waren. Auch die Polenfrauen kamen mit — es wollte keiner unter die Russen kommen. In Plauen blieb nur ein einziger Pole zurück, der im äußersten Falle das Vieh herauslassen sollte, das er so lange wie möglich zu betreuen hatte und dem ein Fahrrad zur Verfügung stand, mit dem er sich dann selbst absetzen konnte.

Nach einigen Bemerkungen der Vfn. über persönliche Beziehungen fährt der Bericht fort:

Der Ring um Königsberg wurde immer enger, der Kanonendonner täglich deutlicher hörbar. Herrn v. W. gelang es mit größter Mühe, einen Dampfer ausfindig zu machen, der uns mitnehmen wollte. Es war der 900 t schwere, sehr alte Handelsdampfer „Consul Cords” aus Rostock, der zur Reparatur in der Schichau-Werft lag. Nachts um 2 Uhr waren wir auf dem Dampfer „Consul Cords”, fuhren bald darauf nach dem Hafenbecken I, um dort Flüchtlinge aufzunehmen. Bis mittags waren bereits ca. 1200 Flüchtlinge an Bord — wahllos, teils mit Berechtigungsschein der NSV., zum größten Teil aber ohne. Der Kapitän hatte den Befehl bekommen, mit Flüchtlingen auszulaufen, obgleich der Dampfer noch nicht völlig repariert war. Seine Einwendungen wurden nicht anerkannt, und so lehnte er jede Verantwortung ab. Vielleicht war dies der Grund, daß sich auf dem Dampfer keine Führung der NSV. oder der Partei befand, kein Arzt, keine Krankenschwester. Der Kapitän war ratlos und wandte sich mit der Bitte an Herrn v. W., sich der Flüchtlingsbetreuung anzunehmen, soweit es in seinen Kräften stand. Er sagte dies selbstverständlich sofort zu, ohne zunächst zu wissen, wie sich diese Betreuung auswirken sollte, Nachts waren wir in Pillau. Wir lagen im Kohlenbunker auf Stroh, nur in einer Ecke brannte eine winzige Petroleum-Laterne. Wir kamen uns vor wie


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im schlimmsten Gefängnis. Der Dampfer fuhr im Schneckentempo. In der Mittagszeit des nächsten Tages bat der Kapitän Herrn v. W. zu sich. Er eröffnete ihm, daß der Dampfer sich nur noch etwa l—2 Stunden über Wasser halten würde, da die Maschine einen nicht unbeträchtlichen Schaden aufweise. Alle SOS-Rufe nach Gotenhafen blieben unbeantwortet. Außer uns wenigen wußte gottlob niemand, in welch großer Gefahr wir uns befanden. Da kam Herr v. W. auf den Gedanken, auf Hela zuzusteuern. Befragt, antwortete der Kapitän, daß er Hela vielleicht noch schaffen könnte. Herr v. W. fuhr mit dem Steuermann zum Kommandanten nach Hela — ein Lotse holte sie nach erfolgter Funk-Verständigung ab — und bat um Aufnahme für alle an Bord befindlichen Flüchtlinge. Der Kommandant sagte sofort zu, und mit Gottes Hilfe kamen wir glücklich noch bis Hela unter Wind und wurden dort von der Marine vorbildlich untergebracht und verpflegt. Vier Tage waren wir Gast des dortigen Kommandanten, dann war unser Dampfer wieder flott, nachdem die besten Ingenieure, Techniker, Schiffsbauer usw. allen Schaden repariert hatten.

Am 30. Januar mittags bestiegen wir dann wieder unseren alten Dampfer „Gonsul Cords” und nahmen Kurs auf Kolberg. Die Fahrt ging glatt, und in der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 1945 langten wir in Kolberg an. Viele von uns bezogen in Kolberg Quartier, der größere Teil setzte sich weiter nach Westen ab. Ich möchte hier nicht unerwähnt lassen, daß Behörden und Bevölkerung in Kolberg uns sehr nett aufnahmen und sich bei jeder Gelegenheit hilfsbereit zeigten.

Wie unendlich froh waren wir, als wir endlich wieder in einem Bett schlafen konnten, und im stillen schworen wir uns, wenn es nötig sein sollte, Pommern auch zu verlassen, nicht wieder auf einem Dampfer zu fahren.

Wir verlebten in Kolberg 17 ruhige Tage, nur zweimal Fliegeralarm, jedoch keinen Luftangriff. Bedrohlich und immer bedrohlicher war allerdings der tägliche Wehrmachtsbericht. Wir beschlossen dann doch, unsere Fahrt fortzusetzen, aber es gelang uns nicht, mit dem Zuge, einem Auto oder Flugzeug fortzukommen, und da wir Verbindung mit dem Kapitän des „Consul Cords” gehalten hatten und dieser uns eines Abends erzählte, daß er Befehl hätte, nach Warnemünde zu fahren, entschlossen wir uns nach mancher Überlegung doch, mit ihm zu fahren.

Der Dampfer fuhr nun nicht mehr als eigentlicher „Flüchtlingsdampfer”, sondern hatte Flugzeugmotore und Getreide geladen. Es sollten etwa 45 Personen außer der Besatzung mitgenommen werden; als es dann aber nach tagelangem Warten endlich losging, waren ca. 285 Personen au Bord.

Mir bleibt bis heute unerklärlich, warum der Befehl zum Auslaufen des Dampfers gerade an dem Tage kam — es war Sonnabend, der 17. Februar —, nachdem in der Nacht zuvor auf der Strecke Kolberg—Warnemünde von den Engländern Minen gelegt worden waren. Es hieß: die genau vorgeschriebene Wasserstraße wäre minenfrei. Bei mildem Wetter und ruhiger See ging die Fahrt zunächst sehr gut vonstatten. In der Nacht zum 18. und 19. Februar gab uns ein Feuerschiff Befehl, zu stoppen und auf ein Geleit zu warten. Da unser Dampfer nur noch sehr wenig Kohlen hatte, bat unser Kapitän, auf dem vorgeschriebenen Seeweg auch ohne Geleit weiterfahren zu dürfen, was ihm aus triftigen Gründen gestattet wurde. 2 Stunden vor dem Ziel, um 12 Uhr mittags


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am 19. Februar 1945, ereignete sich dann das schreckliche Unglück. Der Dampfer war auf eine Treibmine gelaufen und sank innerhalb 8 Minuten. Bei der Explosion wurde die Notglocke ausgelöst, die weithin über das Meer erschallte.

Ich befand mich im Augenblick der Explosion in der kleinen Kajüte der Bordflak. Da wir noch eine Fahrzeit von 2 Stunden vor uns hatten, mit der ich so recht nichts anzufangen wußte, legte ich mich in eine mir zur Verfügung gestellte Koje, um ein Mittagsschläfchen zu halten. Plötzlich schien mit einem unheimlichen Krach alles über und neben mir zusammenzubrechen. Ich hörte nur eine laute Stimme, die mir zurief: „Schnell raus!” Ich sprang auf, sah mich blitzschnell um nach meiner Handtasche, die ich neben mir auf den Boden gestellt hatte, aber nichts war zu finden, der Boden unter meinen Füßen war wie zermalen — ich wagte kaum aufzutreten, weil ich fürchten mußte, in die Tiefe zu sinken. Etwa 2 m von mir entfernt war von dem Aufenthaltsraum der Flak nichts mehr zu erkennen, es stand nur noch links von mir ein Stück Bretterwand. Rechts unter mir sah ich in den Trümmern einen Fallschirmjäger seine Arme aus den Trümmern hervorstrecken und sich — wie mir schien — erfolglos bemühen, emporzuklettern. Ich suchte einen Halt an dem stehengebliebenen Teil der Bretterwand zu gewinnen, legte mich lang daneben und konnte eine Hand des Feldwebels noch gerade erreichen und ihm helfen, aus seiner äußerst gefährlichen Lage herauszukommen. Etwa einen Meter tiefer erblickte ich — bis an den Hals in den Trümmern — einen Heizer des Dampfers, den ich bei allem guten Willen leider nicht aus seiner furchtbaren Lage befreien konnte.

So schnell wie möglich eilte ich nach der Kajüte des Kapitäns, wo sich zu der Zeit der Explosion das Ehepaar v. W., ihre Wirtin mit 8-jährigem Töchterchen und meine Hausgehilfin aufhielten. Aber ich konnte sie nicht mehr finden. Nie vergesse ich das Bild, das sich mir bot, als ich an der schon genannten Bretterwand vorübereilte und an diese angelehnt eine Dame aus Insterburg sah, eine blutende Wunde an der Stirn, stumm und starr blickend auf die See, regungslos. Ich kannte sie gut und ging doch an ihr vorüber, ohne ein Wort zu sprechen — so erschüttert war ich. Ihre Tochter — eine Musikstudentin — hatte als Schwimmerin sich retten können.

Die Verbindungsbrücke des Dampfers war abgerissen, und ich watete auf Strümpfen durch das hereinflutende Wasser und schwamm dann zuerst auf ein noch mit einem Seil an den Dampfer gebundenes Rettungsboot, schwang mich auf die Kante und sah, daß es leck war und einige tote Fische darin schwammen. Ein starker Ruck, und das Boot schlug um. Immer wieder versuchte ich vergebens, an die Oberfläche zu gelangen, jedoch stieß ich mir den Kopf immer wieder an dem Boot und sah schon ganz deutlich meinen Tod vor mir. Aber — welch ein Wunder: als ich doch noch einmal Mut faßte nach oben zu schwimmen, hatte ich plötzlich den blauen Himmel über mir und erblickte nicht allzuweit entfernt ein Gummifloß, auf welches ich zuschwamm. An dieses hatte sich bereits ein schwerverwundeter Oberfeldwebel der Fallschirmjäger angeklammert. Er hatte noch die Kraft, sich auf das Floß zu schwingen, was mir nicht mehr gelang. Ihm war der glühende eiserne Ofen in der Bordflak-Unterkunft bei der Explosion an den Kopf geschleudert worden. Er blutete entsetzlich, aber die Schlagader war nicht getroffen. Außer uns beiden hing


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sich an das Floß noch eine Frau mit einem etwa 5-jährigen Jungen, der immerfort vor sich hinweinte. Endlich hatte ich Zeit, das ganze Elend um mich zu betrachten. Etwa 200 m von mir entfernt sah ich das Ehepaar v. W. sich gegenüberstehen in der See — so sah es jedenfalls aus —, und wie ich später von ihrer Wirtin hörte, hielten sich beide an einer Tonne fest. Für mich waren sie unerreichbar, da die herumschwimmenden Trümmer, Kisten, Bretter, Koffer, Kleider usw. mich von ihnen trennten. Links von mir sah ich in einiger Entfernung einen großen Dampfer — „Margarete” —, der Schiffbrüchige aufnahm. Auch zu diesem war der Weg für mich versperrt. Meine kleine Haustochter konnte ich nicht erblicken; sie war — trotzdem sie nicht schwimmen konnte — als eine der Ersten von der Rettungsmannschaft der „Margarete” geborgen worden, wurde dann aber einige Wochen später doch ein Opfer dieser Katastrophe. Sie starb in der Rostocker Chirurgischen Klinik an Sepsis, nachdem ihr noch ein Bein amputiert war.

Das Ehepaar v. W., nach dem ich immer wieder blicken mußte, zuletzt mit einer entsetzlichen Angst, sie könnten nicht durchhalten, fand dann auch den nassen Tod, und die Wirtin von ihnen verlor ihr 8-jähriges Töchterchen in den Fluten.

Eine halbe Stunde war vergangen, und ich spürte zum ersten Mal, daß ich den linken Arm nicht mehr so recht heben konnte, da erspähten wir ein auf unsere Gruppe zukommendes Rettungsboot. Einen Moment kamen mir Zweifel, ob mein Herz noch so lange schlagen würde, aber trotzdem sprach ich meiner Umgebung Mut und Hoffnung zu und zeigte ihnen das nahende Boot.

Dann wußte ich plötzlich nichts mehr und erwachte erst 4 Stunden später auf einem Vorpostenboot in Warnemünde. Nie vergesse ich diesen Augenblick: Als ich die Augen aufschlug, beugte sich ein Matrose zu mir herunter und sagte immer wieder: „Sie sind gerettet!” — „Sie sind gerettet!” und schien sich unglaublich über den Erfolg der ärztlichen Bemühungen, bei denen er geholfen hatte, zu freuen. Da man mir alle Kleider vom Leib geschnitten hatte, stellte er mir eine weiße Leinenhose und blauen Sweater zur Verfügung. So angezogen, barfuß und in eine Decke gehüllt, brachte uns Schiffbrüchige ein Autobus in die Turnhalle einer Schule, wo wir trockene Kleidung bekamen und aus einem Haufen nasser Kleider unser Eigentum heraussuchen konnten.

Wie man mir sagte, war ich 40 Minuten am 19. Februar 1945 in der Ostsee gewesen.

Von den ca. 285 Personen (mit Besatzung) waren nur ca. 30 übrig geblieben, von welchen auch noch einige an den Folgen der Schiffskatastrophe gestorben sind. Unter den Toten befanden sich auch der Kapitän, der Steuermann, der Bordfunker sowie zwei blutjunge Leute der Bordflak.


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