Nr. 22: Flucht aus Allenstein über das Haff nach Danzig.

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Erlebnisbericht der Angestellten Hildegard Aminde aus Allenstein i. Ostpr.

Original, 2. Mai 1950, 53 Seiten. Teilabdruck.

Am 21. Januar 1945, nachmittags 16 Uhr, verließ ich mit meinen alten Eltern (mein Vater Paul, Hegemeister i. R., 81 Jahre, meine Mutter Mathilde, 76 Jahre alt) mein Eigenheim am Langsee, um auf dem Hauptbahnhof einen Zug zu erreichen. Nachdem wir unter furchtbaren Mühsalen dorthin gelangt waren, war an ein Fortkommen kaum zu denken. Eine unübersehbare Menschenmenge staute sich, und alle Züge waren voll. Wir waren zuerst, wie uns gesagt wurde, auf der Verladerampe. Dann hieß es: „Alles nach dem Hauptbahnhof”. Unsere Packen mit Betten blieben dort schon liegen. Auf dem Hauptbahnhof war dieselbe Fülle. Ein Zug, der ziemlich leer war, stand auf Bahnsteig 3, es durfte niemand einsteigen, weil er angeblich für Frauen mit Kindern bestimmt war. Ich bin dann auf den andern Bahnsteig rübergegangen, weil da angeblich ein anderer Zug stehen sollte. Da ging schon wieder das Geknalle los. Es war stockdunkel, die Kinder fingen an zu schreien, ich dachte, es wären Flieger wie an den Vortagen. Ein Ritterkreuzträger sagte mir aber, daß es Granatwerfer waren, die Russen schossen in die Stadt.

Als ich nun zum Bahnsteig 3 zurückkomme, finde ich meine Mutter in hellster Aufregung: Mein Vater war spurlos verschwunden. Wir haben ihn überall gesucht, leider vergeblich. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.

Dann habe ich meine Mutter in den vor uns stehenden Zug in einen Viehwagen gezwängt. Der Zug fuhr sofort an, aber nur ein Stück weiter. Ich sprang nun in den nächsten besten Wagen, unsere letzten Habseligkeiten blieben auf dem Bahnsteig liegen. Gegen Mitternacht ist dann der Zug abgefahren. Er hielt in Wartenburg. Wieder eine unübersehbare Menschenmenge. In unsern Wagen warf eine Frau drei kleine Kinder, der Zug fuhr ab, sie selbst kam nicht mehr mit. Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern aus unserem Wagen nahm sich auch noch dieser dreiVerwaisten in rührender Weise an. Ich habe sie unterwegs wiederholt getroffen. - Am nächsten Morgen holte ich mir meine Mutter in unsern Wagen. Wie glücklich war die alte Frau, daß sie nicht ganz allein war. Wir saßen auf Kunstdung oder Zement, ich weiß es nicht, was das für weißes Zeugs war. Jedenfalls war es bitterkalt. Drei Tage und Nächte haben sie uns dann zwischen Braunsberg und Heiligenbeil hin- und hergefahren. In einer Nacht war große Aufregung. Da hatte man eine Sprengladung unter unserm Zug befestigt, die jedoch rechtzeitig gefunden wurde. Am 24. Januar abends haben sie uns dann auf freiem Felde ausgeladen. Wir gingen bis zum nächsten Dorf, wo uns mitleidige Menschen verpflegten und für die Nacht aufnahmen.


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Am Nachmittag des nächsten Tages holten uns dann Bauernschlitten in ein Dorf bei Heiligenbeil (Der Name ist mir entfallen). Dort wurden wir in einer Schule untergebracht. Nachdem wir eine Woche dort gewesen waren (Meine Mutter hatte sich bei der Glätte noch das rechte Handgelenk gebrochen), mußte der Ort von der Zivilbevölkerung geräumt werden. Wieder wurden wir auf Bauernfuhrwerke verfrachtet und sollten bis ans Frische Haff gebracht werden. Dort jedoch wurde von Offizieren angeordnet, uns über das Haff zu bringen.

Es war der 2. Februar, ein Sonntag. Strahlendheller Sonnenschein. Mittags begann diese furchtbare Fahrt. Weil das Eis schon brüchig war, durften die Wagen nur in Abständen von 50 Metern hintereinander fahren. Eine endlose Treckreihe, sie riß nicht ab. Meine Mutter saß auf dem Wagen, ich selbst bin den größten Teil des Weges zu Fuß gegangen. Der Schneematsch lief über den Rand der hohen Stiefel. Von oben kamen russische Flieger mit Bomben und Bordwaffen. Wir blieben wie durch ein Wunder verschont. Der Weg war durch Zweige abgesteckt. Einige Wagen versuchten auszubiegen, um schneller weiterzukommen. Ein Teil versank vor unseren Augen, ohne daß Hilfe gebracht werden konnte, So ging der furchtbare Weg stundenlang. Endlich hatten wir abends 8 Uhr die Nehrung erreicht. Dort verbrachten wir die Nacht auf den Wagen. Am nächsten Morgen fuhren uns die Bauern bis in einen Fliegerhorst und luden uns aus. Auch dort durften wir nicht bleiben. Wir wurden von den Soldaten auf vorüberfahrende Trecks gesetzt und weiter ging die Fahrt. Zwar kamen die russischen Flieger immer wieder, aber es war erträglich. Zwar lagen eine Menge erschossener und verendeter Pferde am Wege, man war so abgestumpft, das berührte einen kaum.

Vor Kahlberg ging der Weg sehr abschüssig herunter. Die Pferde des Treckwagens, auf dem meine Mutter saß, gingen auf der glatten Straße durch. Der Bauer sprang ab, und der Wagen fiel eine ca. 4 m hohe Böschung herunter und lag mit vier Rädern nach oben. Es war zum Glück ein mit Brettern überdachter Wagen. Soldaten hoben ihn hoch, und ich war glücklich, als meine Mutter lebendig hervorkrabbelte. Wir blieben die Nacht in Kahlberg. Am nächsten Morgen ging's die Nehrung weiter hoch nach Stutthof. Soldaten hatten meine Mutter zu einem alten Herrn, einem Gutsbesitzer, auf seinen Spazierwagen gesetzt. Ich bin die ganze Tour gegangen. In einer Fischerhütte haben wir noch einmal übernachtet. Es war ein furchtbarer Weg. Berge von Gepäck lagen an dem Weg, das die Menschen fortgeworfen hatten. Amputierte Soldaten standen mit ihren blutigen Stümpfen im Schnee und baten die Bauern, sie mitzunehmen. Aber selten hat sich einer erbarmt. Sie hatten auf ihren Wagen die Ausländer, Polen und Franzosen. Diesen Weg werde ich Zeit meines Lebens nicht vergessen!

Am 5. Februar 1945 landeten wir in Stutthof. Am 6. Februar nachmittags fuhr uns ein Frachtdampfer die Weichsel runter nach Danzig, wo wir um Mitternacht ankamen. Die Nacht verbrachten wir in den Ufa-Lichtspielen in der Langgasse. Am nächsten Morgen suchte ich meine Verwandten in Oliva, die ich dort noch vorfand.

Vfn. erlebte dann in Oliva das Eindringen der Russen und schildert ferner ihre Rückkehr nach Ostpreußen im Mai 1945 sowie Erlebnisse und Zustände im Kreis Osterode einschließlich der Ausweisung im Oktober/November 1945.1)


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