Nr. 31: Die letzten Tage in Rauschen, Kreis Samland, und die Flucht über See nach Saßnitz.

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Erlebnisbericht der Gewerbelehrerin Käte Pawel aus Königsberg i. Ostpr.

Original, 2. November 1952.

Nach völliger Ausbombung in Königsberg waren wir, d. h. meine 65-jährige Mutter und ich, in Rauschen untergekommen und hatten am 11. Oktober 1944 im Pestalozzihaus am Kirchenberg ein größeres Zimmer erhalten. Ich arbeitete zunächst in der Gemeinschaftsküche in Rauschen, die für 100—200 Flüchtlinge das Essen kochte. Ende September 1944 wurde in Rauschen eine Ausweichschule für die ausgebombten Königsberger Oberschulen errichtet, an der ich sodann tätig war (Ltg.: Stud.-Rätin Therese Liedtke). Unterricht war an verschiedenen Orten: im Dünenkaffee, Kaffee Waldeslust, Betsaal Friedenshöhe, im Kinderkrankenhaus und bei der Leiterin zu Hause. Von Weihnachten 1944 wurde ich auf etwa zwei Wochen zum Nähen von Volkssturmmützen abgeordnet.

Das Weihnachtsfest 1944 zeichnete sich durch viel Schnee und leichten Frost aus. Alle Gärten, Villen und der Wald waren wie verzaubert. Vom Krieg schien man noch einmal nichts zu merken. In den ersten Tagen des neuen Jahres 1945 brachte das Radio immer gefährlichere Nachrichten über das Vorrücken der Russen. Überall, wo ein Radioapparat war, sammelten sich die Hausbewohner zum Empfang der neuen Nachrichten. Am 18. Januar 1945 letzter Besuch in meiner Vaterstadt Königsberg. Noch immer aber ist Schulunterricht, und meine Primanerinnen fragen mich täglich lachend -die Jugend war ja bis zuletzt optimistisch — ob wir solange Schule haben werden, bis die russischen Panzer hier vorfahren werden. Der Rundfunk meldet nun: „Erbitterte Kämpfe im Pregeltal.”

21. Januar 1945:

Soldatensender „Ursula”, der in Rauschen stationiert ist, bricht fluchtartig seine Zelte ab. Die Kinderklinik transportiert werdende Mütter und Neugeborene nach Pillau ab. Wir aber dürfen unseren Arbeitsplatz nicht verlassen.


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22. Januar 1945:

Viele Rauschener versuchen nun über Königsberg die Flucht ins Reich, kommen aber zurück: der Zugverkehr dorthin ist unterbrochen.

23. Januar 1945:

Heute endlich wird in Rauschen die Schule geschlossen. In den bisherigen Schulräumen werden Strohlager aufgeschüttet. Es gibt keine Möglichkeit mehr, Rauschen zu verlassen.

Von nun ab gibt es oft Fliegeralarm. Russische Plugzeuge fliegen nun häufiger über uns hinweg.

27. Januar 1945:

Letzte Zugverbindung von Königsberg nach Rauschen. Viele Flüchtlinge aus Königsberg kommen abends mit dem letzten Zug noch heraus, der unterwegs schon beschossen wird. Auch die Zugverbindung über Marienhof nach Pillau ist unterbrochen. Der Kreis um uns wird immer enger.

29. Januar 1945:

Noch immer bekommen wir Nachrichten über den Rundfunk: die Russen besetzen immer weitere Teile des Samlands, überlaufen Drugehnen, Marienhof, Pobethen. Abends gibt es in Rauschen kein Gas mehr.

30. Januar 1945:

Jetzt gibt es auch kein Wasser und kein Licht mehr. Damit fallen auch die Radiosendungen für uns aus. Die wichtigsten Nachrichten werden von jetzt ab an der Post angeschlagen. Wir können nun nur noch das Allernotwendigste auf einem kleinen Kohlenherd bei Nachbarn kochen. Zur Notbeleuchtung haben wir keine Kerzen, nur noch ein paar winzige Stummel von Weihnachtslichtern. Zum Abendbrot wird ein Lichtstümpfchen angesteckt.

31. Januar 1945:

Zu Mittag gibt es eine Kartoffelsuppe, wozu ich mir Schnee von der Tannenhecke im Garten hole. Wie gut, daß es so viel Schnee gibt! Von jetzt ab dröhnt ununterbrochen Kanonendonner herüber, gleichgültig, ob es Tag oder Nacht ist. Unsere Kreuzer schießen von See her ins Samland hinein.

1. Februar 1945:

Das Schießen kommt näher. Mutti geht kaum noch aus dem Haus. Ich mache die nötigsten Einkäufe im Ort. Unser sauberer Schnee im Garten ist jetzt verbraucht, wir müssen jetzt Wasser aus dem Mühlenteich holen.

2. Februar 1945:

Den ganzen Tag wird geschossen. Der saubere Badeort hat sich allmählich in ein Soldatenlager verwandelt. In den meisten Gärten, auch im Lärchenpark, sind deutsche Soldaten in Stellung gegangen, MGs. und Geschütze sind aufgestellt. Im Wald am Karlsberg soll Artillerie stehen. Auch unser Pestalozzihaus bekommt Einquartierung. Im Garten zum Teich wird ein MG.-Stand errichtet. Beim Wasserholen aus dem Mühlenteich sehe ich gefangene Russen. Sie sitzen grinsend auf den Rundbänken unter den alten Linden dort. Die Sassauer Landstraße und die Straßen am Teich sind gestopft voll deutscher Fahrzeuge. Arme frierende Flüchtlinge kochen sich im Freien ihr Essen ab.

3. Februar 1945:

Die Russen haben Groß Kuhren und einen Teil von Georgenswalde besetzt und nähern sich von dort her Rauschen. Am Dünenbahnhof erste Kämpfe. Flüchtlinge aus Groß Kuhren kommen in unser Haus. Wir nehmen in unserm


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Zimmer auch einen älteren Mann auf. Die Kaufleute sind beim Einkaufen großzügiger geworden: Beim Fleischer bekomme ich ein großes Kalbsbein und beim Kaufmann einige Pakete Gustin ohne Marken! Die Soldaten aber schlachten in den Gärten Schweine und Rinder, die sie zwischen den Bäumen, den Kopf nach unten, angebunden haben. Ich muß durch den Wald bis hinter Bahnhof Rauschen-Ort laufen, wo ein Bäcker noch etwas gebacken haben soll. Nach einstündigem Anstehen bekomme ich ein Brot für uns und ein weiteres für die Nachbarin. Unterwegs sieht man wieder das Elend der Flüchtlingstrecks: Tote Pferde und Hunde, verhungert oder erfroren, liegen auf der Straße.

4. Februar 1945:

Tolles Schießen bei Tag und Nacht! Zwischen Karlsberg und St. Lorenz erbitterte Kämpfe, bei denen auch 2 oder 3 junge Soldaten, die eben erst in unserem Haus in Quartier lagen, ihr Leben lassen müssen. Auch von Rantau her, das die Russen besetzt haben, nähert sich der Feind in Richtung Neukuhren/Rauschen.

5. Februar 1945:

Das Kriegsglück hat sich für kurze Zeit gewendet: Georgenswalde ist wieder frei! Von heute ab gibt es alles ohne Lebensmittelkarten. Habe stundenlang nach Brot angestanden, das jetzt von Soldaten gebacken und in Tagesrationen ausgegeben wird.

6. Februar 1945:

Die Russen sind bis zur Königsberger Chaussee zurückgeworfen.

7. Februar 1945:

Wieder tolles Schießen in nächster Nähe! — Habe 3 Stunden lang nach Marmelade angestanden. — Wer noch ein Hitlerbild oder dergleichen hat, vernichtet es. Man richtet sich auf das Eintreffen der Russen ein.

8. Februar 1945:

Plötzlicher Befehl: Rauschen wird polizeilich geräumt! In Neukuhren sollen Schiffe zum Abtransport der Bevölkerung bereitliegen. Am Nachmittag oder Freitagvormittag werden zu diesem Zwecke ein paar Züge von Rauschen nach Neukuhren eingesetzt. Handgepäck darf mitgenommen werden. Ich stürze nach Hause, und wir beschließen, Freitag früh zu fahren. Ich nähe zwei Rucksäcke aus Scheuertüchern. Wir packen und werden von der Dunkelheit überrascht. Die Lichtstümpfchen sind längst verbraucht. Unser Proviant besteht aus 2 Pfund Zucker, 2 Gläschen Marmelade, etwa 200 g trockenem Brot und 2 Päckchen Gustin. Viele verlassen Rauschen noch am Donnerstagnachmittag, der letzte Zug gerät gleich hinter Rauschen unter Beschuß. Zum letzten Mal legen wir uns zur Ruhe, aber nicht für lange. Ein eigenartiges, bekanntes Geräusch läßt uns auffahren: Artilleriebeschuß! Wir verbringen den übrigen Teil der Nacht zum 9. Februar im Erdgeschoß, wo sich auch alle übrigen Hausbewohner eingefunden haben. Das Schießen hält die ganze Nacht an, an Schlafen ist nicht zu denken.

9. Februar 1945:

Wir verabschieden uns in Eile von Fräulein Nikolaus und Frau Hartmann, die das von ihnen verwaltete Heim nicht verlassen wollen. (Nach der einzigen April 1946 aus dem russischen Rauschen eingetroffenen Karte hat Fräulein Nikolaus den Tod gefunden). Wir können an Gepäck nur die zwei Rucksäcke,


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einen großen und kleinen Koffer und zwei Einkaufstaschen mitnehmen, alles übrige bleibt zurück. Über vereiste Straßen geht es zum Bahnhof Düne. Um ¼ 11 setzt sich der Zug endlich in Bewegung. Wir kommen unangefochten nach Neukuhren, wo ein aufgeregtes, wüstes Durcheinander herrscht. Im Hafen aber liegt kein Schiff! Der Ort bietet einen furchbar verwahrlosten Eindruck, alles, auch die Wohnungseinrichtungen, ist demoliert und verschmutzt. Die Nacht verbringen wir im Centralhotel auf dem Erdboden.

10. Februar 1945:

Noch immer ist kein Schiff im Hafen eingetroffen. Neukuhren ist gestopft voll von Flüchtlingen. Manche richten sich in den verlassenen Wohnungen häuslich ein. Andere stehen vor dem abgesperrten Hafen und warten, warten. Mittags gelingt es mir, von den Soldaten Essen aus der Gulaschkanone zu erbetteln: ein großes Stück Sauerbraten! Auch abends ist noch kein Schiff zu sehen. Wir ergattern zu Vieren ein Zimmer mit zwei Betten und legen uns hin. Gegen 21 Uhr wird an die Tür gebullert: „Alles fertigmachen! Abmarsch zum Hafen!” In wenigen Minuten sind wir alle unten auf der stockdunklen Straße. Rundherum Artilleriedonner. Unten am dunklen Hafen schiebt sich die Menge zu Hunderten. Unheimlich leuchtet hin und wieder eine Zigarette oder eine Taschenlampe auf. 2 Stunden stehen wir so bis über die Knöchel im wässrigen Schnee des Hafens herum. Kinder haben ihre Eltern verloren und weinen. Endlich geht ein Gemurmel durch die Menge: Schiffe sind eingelaufen, die man freilich nicht sehen kann. Es ist Nacht geworden. Die Schiffe bringen Proviant und werden erst ausgeladen. Ein Soldat schenkt uns eine Fischbüchse. Brot ist leider keins da. Um 23 Uhr gelingt es uns, auf ein kleines Schiff zu kommen. Es ist ein offener Kutter, unten mit einem Laderaum, in den hauptsächlich Mütter mit Kindern heruntergelassen werden. Wir bleiben oben an Deck und verbringen die Nacht auf unserm Koffer sitzend, in Decken gepackt. Schlackschnee setzt ein, der morgens in Regen übergeht.

Sonntag, 11. Februar 1945:

Ein grauer Morgen ist heraufgezogen, es regnet immer noch. Wir sind schon patschnaß und unser Koffer, auf dem wir sitzen, steht mehrere cm tief im Schneewasser. Endlich um 8 Uhr früh, setzt sich unser Geleitzug in Bewegung. Voran ein Kreuzer, dann mehrere kleine Schiffe, begleitet von Minensuchern und U-Booten. Eine Kollegin von mir, die zufällig auf demselben Schiff gelandet ist, stimmt unten im Laderaum das Lied an: „Wer nur den lieben Gott läßt walten . . .„ Alle singen mit. Die Küste, unser Samland, unsere Heimat, entschwindet langsam. Wir fahren weit in See hinaus, da die Küste überall vermint sein soll. Die See ist bewegt, große Wellen schlagen über Bord. Wir sind vollkommen durchnäßt. Viele werden seekrank. Unten kreist ein Eimer. — Der Leuchtturm von Brüsterort steht noch, die Schornsteine von Palmnicken sind nicht zu sehen. Große Rauchwolken liegen über der Gegend, besonders nach Fischhausen hin. Dieser Ort soll nachts unter Beschuß gelegen haben. Um 1/2 2 Uhr erreichen wir Pillau, wo wir auf andere Schiffe warten sollen. Den ganzen Tag über stehen wir mit Tausenden im Dreck des Hafens herum und warten. Pillau sieht infolge der nächtlichen Beschießung trostlos aus. Überall Glasscherben, Schmutz und Kot. Es ist


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unmöglich, auf ein Schiff zu gelangen: nur kinderreiche Familien werden durchgelassen. Wir haben schon einen Ruheplatz im Flur des Hotels Anker gefunden, als wir um 19 Uhr hören, daß ein weiteres Schiff angekommen ist. Es gelingt uns tatsächlich, in ein kleines Motorboot zu gelangen, das im Nu überfüllt ist. Dieses bringt uns' zu einem großen, ehemals französischen Truppentransporter „St. Malo”. In einem Durchgangsraum erwischen wir zwei Matratzen, auch wird sogar etwas Essen verteilt. Das Schiff bleibt nachtsüber im Hafen und fährt erst anderntags etwa um 9 Uhr ab.

12. Februar 1945:

Ohne Zwischenfälle, im weiten Bogen um die Minenfelder an der Küste herumfahrend, müssen wir, gegen 20 Uhr in Gotenhafen eingetroffen, das Schiff verlassen. Nun sitzen wir also wieder fest. Nach langem Umherirren kommen wir auf Holzwollstreu in einem Offiziersheim unter. Es wird uns bedeutet, daß wir hier mehrere Wochen warten müßten, aber dieses Heim muß für Verwundete freigemacht werden.

18. Februar 1945:

Endlich, nach unendlich vielen Versuchen, erhalte ich auf der Marinekommandantur zwei Karten für Dampfer „Hamburg”. Trotz der wohl doppelten Überbelegung des großen Hapag-Dampfers finden wir zwei Liegeplätze auf einem Seitengang. Hier wird auch wieder endlich ein kräftiges Essen, meist Eintopf, ausgegeben, so daß wir wieder zu Kräften kommen.

19. Februar 1945:

Noch immer fährt das Schiff nicht ab. — Im „Salon” ist ein Altersheim untergebracht. Welch ein Gegensatz zwischen den maskenhaft wirkenden alten Dämchen in ihrem geretteten „Staat” und dein Elend der andern! — Man spricht davon, daß die „Gustloff” schon mit Tausenden von Flüchtliegen untergegangen ist. Endlich, am 20. Februar 1945, mittags gegen 3 Uhr, setzt sich der Riesenkasten in Bewegung. Wohin die Fahrt gehen soll, weiß niemand. Auch diesmal geht es wieder im Geleit. Am späten Nachmittag hören wir, daß acht Kinder, die bisher an Bord des Schiffes gestorben sind, zur letzten Ruhe ins Meer versenkt wurden. Abends sind wir schon in Hela.

23. Februar 1945:

Wir hatten bisher eine schöne ruhige Fahrt. Heute sind 13 Schiffe von unserem Geleit zu sehen. Gegen Mittag kommt Rügen in Sicht. Kurz darauf stoppt unser Schiff, und es ertönt der Ruf: „Fertigmachen zum Ausbooten!” Wieder einmal schnüren wir unser Bündel, doch nimmt das Ausbooten der vielen Tausende 4 volle Stunden in Anspruch und zwar von 4—8 Uhr nachmittags. In Saßnitz betreten wir wieder deutsches Land und haben noch einmal die Russen, die schon überall an der Küste stehen sollen, überholt. Die Bewirtung der Flüchtlinge durch die hier noch voll amtierende NSV. trägt allerdings der Not und dem Elend unserer Heimatgenossen nicht Rechnung: Eine sauer gewordene Kohlsuppe ist die ganze Bewirtung! Wir müssen sie aus dem Zugfenster schütten. Daß wir des weiteren in der auf Umwegen erreichten neuen süddeutschen „Heimat” dann noch in gefährliche Bombenangriffe hineinkamen, bei der andere Landsleute noch einmal das gerettete Letzte verloren, das werden andere Flüchtlinge anderswo auch erlebt haben.


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