Nr. 34: Untergang des Flüchtlingstransporters „Androß” im Hafen von Swinemünde.

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Brief der Frau Anna Küsel aus Gumbinnen i. Ostpr.

Photokopie, 14. April 1946, 8 Seiten. Teilabdruck. An den Mann einer beim Untergang der „Androß” ums Leben gekommenen Flüchtlingsfrau aus Gumbinnen.

Nach einigen privaten Einleitungssätzen schreibt Vfn.: Schätzungsweise sind von den 2 500 Passagieren der „Androß” nur ca. 500 mit dem Leben davongekommen — vor allem natürlich die, die in den Bunker an Land gegangen waren. — Ich habe Ihre Frau öfters in den 6 Tagen, die wir auf dem Schiff zusammen waren, gesprochen. Sie erkannte mich zuerst und sprach mich an. Sie sah sehr elend aus und erzählte mir den ganzen Verlauf ihrer Flucht.

Also am 12. März früh ca. 7 Uhr kam unser Schiff, die „Androß”, die am 6. Pillau verlassen hatte, im Hafen von Swinemünde an. Es hieß, wir nehmen nur Proviant und Kohlen, und dann ginge es weiter nach Dänemark. Gegen 11 Uhr kam plötzlich Alarm: „Amerikanische Bomber”. Es war — meiner Ansicht nach — auf dem Schiff wenig bekannt, daß Alarm gegeben war. Nur die, die oben auf Deck waren, hatten es gehört. Und es ist — meiner Ansicht nach — auch ein Versehen von der Schiffsleitung, die Passagiere nicht davon in Kenntnis zu setzen. Ich selber hatte die Sirene auch nicht gehört. Plötzlich ruft mir Forstmeister Messing zu (ein bekannter ostpreußischer Forstmeister, dessen Familie ich mich angeschlossen hatte, weil wir zusammen in Pillau in der gleichen Baracke gelegen hatten): „Wollen Sie nicht in den Bunker gehen, es ist Alarm gegeben, meine Familie ist auch schon drüben an Land.” Ich wollte zuerst nicht, aber dann tat ich's doch und ging vom Schiff — es war wohl Gottes Fügung und Führung, anders kann ich es mir nicht erklären. Denn diese Sekunde — gehst du, oder gehst du nicht — hat ja über


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mein Leben entschieden. Ich ging widerstrebenden Gefühls, da ich mir feige vorkam, das ganze Schiff saß noch voller Menschen. Während der ganzen Fahrt hatte ich meinen Platz in der Nähe Ihrer Frau. An dem Morgen stiegen ea. 10 Soldaten in Swinemünde aus, und da ich vorher sehr beengt saß, so ging ich in die andere Ecke des Raumes, da, wo die Soldaten gewesen waren. Sonst hätte ich an Ihrer Frau vorbei müssen, und sie wäre vielleicht mitgekommen. Von meinem jetzigen Platz hat sie mich gewiß gar nicht gehen sehen. Es ist wohl alles Bestimmung.

Als ich in den Bunker kam, war er voll. Da wies man mich in ein danebenstehendes Haus („Marine-Seeamt” oder so 'ähnlich hieß es), wo auch ein guter Keller vorhanden war. Auch hier herrschte eine große Fülle; viele Menschen vom naheliegenden Bahnhof und aus der Stadt waren drinnen. Um ca. 1/2 12 Uhr kommt die erste Bombe, mit einem unvorstellbaren Krachen, daß man sich festhalten mußte, sonst wäre man umgefallen. Es war wohl die, die die „Androß” getroffen hatte. Eine dreiviertel Stunde dauerte der fürchterliche Angriff, man war wie betäubt von dem Krachen und Dröhnen und Splittern. Unvorstellbar! Mit zitternden Knien ging man nach der Entwarnung heraus, und ein grausiger Anblick bot sich einem: Das Schiff war gesunken, das Ende, auf dem sich Ihre Frau und ich befunden hatten, hatte den Volltreffer bekommen, da ragte nur noch ein kleiner Teil aus dem Wasser hervor. Die andere Seite war etwas besser weggekommen, da ragte noch das „Deck” über Wasser vor, und ein Teil der Passagiere sind gerettet; sogar das Gepäck, das auf Deck lag, haben diese Menschen teilweise retten können, wenn es auch teilweise im Wasser lag. Wasserschutzpolizei, Rotes Kreuz etc. beteiligten sich an den Rettungsarbeiten. Es war nicht mehr viel zu retten. Grausige Bilder boten sich einem, erlassen Sie es mir, davon Näheres zu schildern: herzerschütternde Szenen spielten sich ab — es war ein Bild des Grauens und der Verzweiflung; nie werde ich das in meinem Leben vergessen.------

Mit Familie Messing verließen wir das Hafengelände, wir hatten ja nichts zu tragen, da all unser Gepäck, das auf Deck gelegen hatte, auch untergegangen war. Wir bekamen, nachdem man an tiefen Bombentrichtern, entwurzelten Bäumen etc. vorbeigekommen war, an zerstörten Häusern, brennenden Gebäuden etc. etc., nach langen Bemühungen gegen Abend einen Wagen, der uns nach dem 6 km entfernten Ahlbeck brachte, wo wir in einer leeren Pension Zimmer und Betten erhielten. Am nächsten Morgen setzte ich meine Fahrt fort über Wolgast, Grimmen, Strelitz etc., bis ich am 16. März hier in der Lüneburger Heide landete.

Es folgen noch einige private Mitteilungen.


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