Nr. 23: Flucht über das Haff nach Danzig und mit dem Schiff nach Kopenhagen.

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Erlebnisbericht der Beamtcnfrau Lore Ehrich aus Sensburg i. Ostpr.

Auszug der Vfn. aus einem in den Jahren 1946—47 niedergeschriebenen Bericht.

Zu Anfang des Jahres 1945 gingen alle privaten Freuden und Leiden nun endgültig und restlos unter in der Sorge um unsere und Ostpreußens nächste Zukunft; denn der russische Ansturm, der im Herbst bei Goldap noch einmal zum Stehen gebracht war, hatte nun wieder begonnen. Im Rundfunk interessierten uns nur noch die Wehrmachtsberichte, und auch die Ruhe unserer kleinen Stadt war ganz dahin. Waren früher einzelne Flüchtlingszüge durchgekommen oder einige Einheiten der Wehrmacht, vor allem Pferde und nochmals Pferde, — so begann nun schlagartig der größte und traurigste Flüchtlingszug, den die Weltgeschichte bisher vielleicht überhaupt erlebt hat. Tag und Nacht rollten die Züge, und Tag und Nacht rollten die Räder der Flüchtlingstrecks in unabsehbarer Folge gen Westen. Traurig und unendlich rührend zugleich wirkten oft diese ärmlichen Leiterwagen, aus deren Innerem ganz vermummte Kinderköpfchen neugierig hervorsahen. Die an den Sprossen angebundenen Töpfe und Kannen klapperten laut. Oft trottete ein Schaf oder eine Kuh hinterher. Das waren meist diejenigen Wagen, die schon aus Rußland oder den Oststaaten unterwegs waren. Später folgten die ostpreußischen Trecks. Sie zeichneten sich oft durch stabilere Bauart und reiche Innenausstattung aus, d. h. statt des Strohs saßen die Leute warm in Federbetten, und die Seitenwände waren oft mit Brettern ausgeschlagen. Darüber wölbte sich ein Dach; z. T. war auch alles noch mit Läufern, den sogenannten Flickerdecken, verhängt, oder der ganze Aufbau war statt aus Holz aus Wellblech gearbeitet. Einige Trecks zeigten sogar Autoräder mit Gummibereifung.

Dann begann auch die gesamte Wehrmacht, sich von Polen her westwärts abzusetzen. Auch sie zog in tage- und wochenlanger Folge vorüber. Auffällig war es, daß die meisten Einheiten, die früher alle motorisiert waren, wie z. B. die Flak, jetzt auf Pferdewagen oder zu Fuß dahinzogen. Oft blieben die Kolonnen, der verstopften Straßen wegen, stundenlang stehen. Dann gingen wir mit heißem Kaffee heraus, oder Soldaten und Flüchtlinge kamen in buntem Wechsel zu uns, um sich aufzuwärmen und etwas zu kochen. — Immer wieder drängte sich uns dabei die quälende Frage auf, wann wohl die Reihe an uns sein würde.

Natürlich hatten wir schon lauge vorher unsern Forlgang in Erwägung gezogen. Aber es wurden keine Evakuierungsscheine ausgegeben, und ohne diese hätten wir an anderen Orten nirgends Kohlen und Kartoffeln erhalten. Außerdem wurde jeder schwer bestraft, der öffentlich von drohender Russengefahr redete.

Jetzt noch, Ende Januar 1945, mit Zügen mitzukommen, schien.so gut wie unmöglich. Die meisten kamen nur bis zum nächsten größeren Bahnknotenpunkt und mußten dort wieder umkehren. Da aber für unsere btadt immer noch keine Evakuierung vorgesehen war, sondern nur hochschwangere Frauen


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auf Lastwagen fortgeschafft wurden, versuchten wir, mit Fahrzeugen der Wehrmacht mitzukommen. Aber auch dies war schon zu spat; denn inzwischen hatten sich die Einwohner dreier benachbarter Stadtkreise (Johannisburg, Lötzen und Lyck) gerade in unserem Städtchen gestaut und wurden bis zum 26. Januar herausgebracht. Da bestellte man uns auf das Landrats- und Finanzamt. In der Ferne hörte man bereits die russische Artillerie. Mütter mit kleinen Kindern und alte Leute sollten bevorzugt befördert werden. Einen Tag und eine Nacht warteten wir vergeblich darauf. Es zeigte sich nur ein lächerlich kleines, rotes Feuerwehrauto, das förmlich gestürmt wurde. Darauf hin zogen die meisten es vor, sich auf die Chaussee zu begeben und allein ihr Heil zu versuchen. Da aber draußen eisige Kälte und Schneesturm herrschten, schien mir das Unternehmen für die Kinder und meine Eltern allzu gewagt. In der großen Halle des Landratsamtes sah es traurig aus. Alte, Kranke, Lahme und Kinder hockten überall herum, und verzweifelte Mütter versuchten wimmernde Säuglinge zu beschwichtigen. Während die russische Artillerie bald stärker, bald schwächer herübergrollte, während Partei, Landrat, Frauenschaft und Behörden längst das Weite gesucht hatten, saßen wir immer noch und warteten auf die versprochene Beförderung. Nur ein einziger Parteimann stand noch auf dem Plan und suchte sich vor dem Ansturm der Fragen durch unverschämtes Anbrüllen der Leute zu retten.

Bisher hatte es stets geheißen, frühe Evakuierungen ließen nur eine Panik unter der Bevölkerung entstehen. Im rechten Moment werde die Partei selbstverständlich alle notwendigen Maßnahmen treffen. Nun gaben plötzlich alle diese selbstsicheren Beruhigungsapostel die kühle Parole aus, jeder sollte tun, was er für richtig halte, So zogen dann noch bei Nacht die meisten zu Fuß auf die verschneite Landstraße, die meisten über den Kleinbahnhof in Richtung Rössel. — Statt der Partei waren Soldaten in die Behördenhäuser eingezogen. Sie schickten sich an, ihre Artilleriegeschütze im Park des Landratsamtes einzubauen. Die meisten hatten zuviel Schnaps getrunken und waren daher in eine Wolke von rosigstem Optimismus gehüllt, unsere Stadt bestimmt zu halten. — Resigniert kehrten wir wieder in der Nacht zum 27. Januar in unsere Wohnung zurück. Dort hatte sich inzwischen eine Abteilung des Volkssturms häuslich eingerichtet. Doch rückten sie in den Morgenstunden schon wieder ab. Wir erfuhren, daß die Russen nachts schon einen Angriff auf die Stadt gemacht hatten, der abgeschlagen worden war. Inzwischen gab es kein Licht, kein Gas und kein Wasser mehr. Die Straßen lagen wie ausgestorben, nur herrenlose Hunde begehrten Einlaß. Als die Fensterscheiben sprangen und die Kugeln immer näher vorbeisausten, bekam mein 74-jähriger Vater Schreikrämpfe. In blitzschnellem Entschluß machten wir die Kinder fertig, ergriffen Rucksäcke und Handtaschen und rannten nun doch auf die Landstraße, während das Sonntagessen noch lustig auf dem Herd brodelte. Zwei Soldaten, die einen Verwundeten trugen, begegneten uns und berichteten, daß die Russen von allen Seiten kämen und bereits von der Gasanstalt schossen. Die Straßen nach Mertinsdorf, Lötzen, Rössel und Rastenburg waren alle nicht mehr passierbar. Es wäre nur noch die Möglichkeit, den Damm entlang zu gehen und von da einen 3 km langen Feldweg, der zu einem alten Gutshaus führte. Wir zogen ächzend die Kinderwagen durch den tiefen Schnee in hoffnungsloser Verzweiflung und dachten nicht anders, als daß dieser Sonntag, der 28. Januar, unser aller Sterbetag werden würde.


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Mit Mühe erreichten wir das Gutshaus. Dort hatte sich der Stab eines Artillerieregiments einquartiert, und von hier aus wurde die Schlacht um Sensburg gelenkt. Ein älterer Oberleutnant d. R. nahm sich unser aller gütig an und forderte uns auf, vorläufig bei diesem Regiment zu bleiben, da das Flüchtlingselend groß wäre und viele Trecks den Russen in die Hände fielen.

Um 17 Uhr war Sensburg in russischer Hand, und nun begann für uns, immer nur 3 km von der HKL. entfernt, ein uns bisher gänzlich fremdes Wander- und Soldatenleben. Wir hatten öfters Gelegenheit, uns in Bauernhäusern auszuruhen. Doch statt der versprochenen 2—3 Tage wurden es stets nur wenige Stunden, ein Zeichen, daß uns die Russen schon wieder dicht auf den Fersen waren. Meine Eltern mußten die Fahrten auf offenen Schlitten machen, während man die Kinder und mich in den sogenannten Schmiedewagen steckte, da dieser der einzige geschlossene Wagen war, den der Troß aufwies. Es war ein grün angestrichener, fensterloser Holzwagen, durch eine Schiebetür nur von außen zu öffnen, in dem die Schmiede ihr Handwerkszeug aufbewahrten. Die Seitenwände waren vollgepfropft mit Tornistern, Aktentaschen und unsern Rucksäcken. Der freie Raum in der Mitte, der für 3 Personen natürlich viel zu knapp bemessen war, diente uns nun in den nächsten 10 Tagen als Eß-, Wohn- und Schlafgemach. Oft hielt die Kolonne auch nachts stundenlang im Wald oder auf der Landstraße. Sehen konnte ich nichts in dem dunklen Gefängnis, aber bald hatte ich es fast zur Meisterschaft gebracht, aus aufgefangenen Gesprächsfetzen und Geräuschen richtig zu kombinieren, ob es sich nur um eine Verstopfung der Straßen handelte, ob um Bomben- oder Tieffliegerangriffe, oder ob wir — wie das auch einige Male geschah — bereits von den Russen eingekesselt waren und erst von unseren Panzern freigekämpft werden mußten.

Für die Soldaten, die diese Absatzbewegungen mitmachten, war es nun schon seit Monaten ein müdes Dahinwandern in endlosen Gewaltmärschen, bei denen sie nie aus den Kleidern kamen und im günstigsten Fall zur Nacht ein Scheunenlager fanden.

Manchmal mußte man Tiefflieger- und Bombenangriffe über sich ergehen lassen; der einzige Gedanke, der unser aller Gemüter schließlich nur noch bewegen konnte, war die Aussicht auf ein Quartier. Doch war die Verpflegung immer noch gut und reichlich, und den Kindern gefiel das Wanderleben recht gut, da sie durch Federbetten geschützt waren und die Soldaten ihnen viel Freundlichkeiten erwiesen.

Nur mein Vater hielt die Fahrten auf offenem Schlitten bei der Kälte nicht aus. Schon am 2. Februar mußten wir ihn in Wernegitten in einem Dorfgasthaus, das mit Verwundeten und Flüchtlingen überfüllt war, zurücklassen. Er konnte sich nicht mehr aufrechthalten. Meine Mutter beschloß sofort, bei ihm zu bleiben. Erst nach 1 ½ Jahren erfuhr ich, daß mein Vater noch 9 Tage gelebt, dann von den Russen in ein Massengrab gelegt wurde und meine Mutter bei fremden Bauersleuten im gleichen Dorf nach seinem Tod Zuflucht suchte. Es gelang ihr nach einem Jahr, sich einem Transport anzuschließen, der nach Salzwedel (Altmark) ging. Ich blieb mit den Kindern noch bei der Stabskompanie, die ihren Weg zunächst über Heilsberg nahm, wo es auf der Heilsberger Rollbahn besonders hoch herging mit Tieffliegerangriffen. Immer auf schlechten, nun von einsetzendem Tauwetter ganz aufgeweichten Seitenstraßen gelangten wir ohne Menschenverluste bis Raunau, einem Dorf zwischen Mehl-


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sack und Heilsberg. Hier teilte man uns mit, daß die Division demnächst zum Einsatz käme und daß es daher für uns ratsam wäre, uns jetzt ebenfalls den Flüchtlingszügen anzuschließen. So brachte uns der LKW. einer benachbarten Kraftfahrdivision nach Mehlsack.

Die Stadt hatte gerade einen schweren Bombenangriff hinter sich, und die meisten Einwohner, soweit sie überhaupt noch da waren, waren aufs Land geflohen. Bisher hatten uns die freundliche Behandlung und die gute Verpflegung bei der Wehrmacht und das gewisse Schutzgefühl, das wir trotz aller Mißerfolge doch noch hatten, über vieles hinweggetröstet. Nun erst sollten wir das typische Flüchtlingselend so ganz spüren. Der Bahnhof war abgeschlossen, es hieß, daß keine Züge mehr gingen. Zur Stadt war es ziemlich weit, außerdem stockfinstere Mitternacht und der Weg uns unbekannt. Die Kinder an meiner Hand schrien vor Übermüdung und Angst wie am Spieß. Meine drei Decken, die beiden Rucksäcke und die große Handtasche — unsern ganzen Besitz zur Zeit — hatten wir auf einen Rodelschlitten gelegt, der verlassen am Weg stand. „Mutti, komm schnell in ein warmes Haus!”, schluchzte der vierjährige Axel immer wieder. Ich versuchte, mit Hilfe eines vorüberkommenden SA-Mannes in die nächsten Villen einzudringen, doch sie waren abgeschlossen. Die Wehrmachtwagen, die vorbeikamen, bewegten sich alle in Frontrichtung. Schließlich aber fanden wir doch noch ein Haus offen und mußten zunächst froh sein, noch auf den Steinstufen im Treppenflur ein Plätzchen zu finden. Dann erzwang ich mir in derselben Nacht noch Einlaß in eine Wohnung. Hier lernten wir die Wehrmacht, die uns vorher so freundlich und aufopfernd geholfen hatte, von der andern Seite kennen. In dieser Wohnung hatte sich ein Hauptmann von der Bahnhofskommandantur einquartiert mit seiner Sekretärin, die zugleich seine Geliebte war. Er brachte ihr Torte und Braten und ließ uns zuschauen und war so böse über unsere „Invasion”, daß er es vorzog, in den nächsten Tagen auf dem Bahnhof zu übernachten.

Am nächsten Tage standen wir vergeblich stundenlang nach Brot an. Nach endlosem Warten und mühsamster Beschaffung von allen möglichen Scheinen brachten wir schließlich 10 Pfund Kartoffeln und 1/2 Pfund Haferflocken nach Hause. Als auch am nächsten Tag das Anstehen nach Brot vergeblich war, packte uns zum ersten Mal die Angst vor dem Hunger. Schließlich schenkte uns eine Flüchtlingsfamilie aus der Nachbarwohnung Brot. Aufstrich fand sich noch genügend im Rucksack, und zum Mittagessen lud uns die Hausfrau ein, die selbst fluchtbereit war und daher allmählich immer mehr aus ihrer anfänglichen Reserve herausging. So wünschten wir uns endlich, noch recht lange in diesem Quartier bleiben zu können, doch sollte Mehlsack demnächst geräumt werden. Da auch im Hause der Oberleutnant einer Kraftfahrdivision einquartiert war, setzte ich mich mit diesem wegen einer Beförderungsmöglichkeit nach Braunsberg in Verbindung. Er und seine Kameraden waren genau so entgegenkommend wie die Herren unserer Stabskompanie und sorgte dafür, daß wir mit einem Güterzug mitkamen. Allerdings mußten wir noch 2 Tage in diesem Zug verbringen, ehe er abging. Das war mit den ungeduldigen Kindern und den wenigen Eßwaren, die wir noch besaßen, eine schwere Nervenprobe, zumal sich mit der Zeit noch viele Menschen einfanden, z. T. richtige Verbrechertypen. Bei ihrem rohen, heiseren Gebrüll dachte ich oft,


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wir wären in eine Hafenspelunke geraten, und der naßkalte, starke Tauwind zog unbarmherzig durch alle Ritzen.

Anfangs, als ich den unliebenswürdigen Hauptmann einmal zaghaft um seine Meinung befragte, meinte er wütend: „Es ist ja alles Wahnsinn, der Kessel bereits zu, aus Ostpreußen kommt keiner mehr heraus, die Leute sollen bleiben, wo sie sind!” Als ich aber von unserer Abfahrt nach Braunsberg rezahlte, meinte er knurrend: „Ja, der Zug geht, und ein Loch übers Haff ist auch noch offen!” Sein Knurren klang mir wie Sphärenmusik in den Ohren

Leider erinnere ich mich nicht mehr genau an die einzelnen Daten, doch müssen wir etwa am 12. Februar in Braunsberg angekommen sein. Auch Braunsberg hatte gerade wieder schwere Bombenangriffe hinter sich, während wir gelbst in den Städten, die wir berührten, keine großen Fliegerangriffe erlebten.

Stundenlang standen wir zunächst mit einer Unmenge anderer Flüchtlinge in der ungemütlichen Bahnhofshalle herum (von den Toilettenverhältnissen ganz zu schweigen!). Gegen Mittag befahl ein Bahnhofsoffizier allen Flüchtlingen, die Halle sofort zu räumen und sich zum Rathaus zu begeben. Hier trat dann zum ersten Mal auf unserer Flucht die NSV. in Erscheinung und verteilte eine warme Suppe und Keks für die Kinder.

Dann wurden alle am laufenden Band auf die vorbeikommenden Ziviltrecks verladen, deren Lenker uns nur sehr widerwillig aufnahmen. Oft geschah es nur unter Pistolenbedrohung durch die anwesenden SA-Leute. Wir waren zu einem Bauern aus dem Kreis Neidenburg gekommen, ein großer, wortkarger, kräftiger Mann, der weder liebenswürdig noch unfreundlich war. Wir redeten alle nur das Notwendigste und kamen ganz gut miteinander aus. Der Bauer hatte nur noch einen Knecht mit sich, seine Familie war bereits vorgefahren.

Nachdem wir einen Landweg zum Haff heruntergefahren waren, setzten wir bei Anbruch der Nacht die Fahrt über das vereiste Haff fort. Vorher wurden wir noch gezwungen, einen Verwundeten, den ständige Schmerzen arg plagten, in unserm Wagen aufzunehmen.

Schon in der ersten halben Stunde brach sich das Fohlen, das neben dem Wagen herging, beide Beine und mußte zurückgelassen werden. Kurz darauf geriet eines der beiden stämmigen Pf erde, die den Wagen zogen, in ein Eisloch und mußte mühsam mit einer Axt befreit werden. Der Bauer zitterte am ganzen Körper vor Furcht, auch dieses Tier könnte sich die Beine brechen, denn ein Pf e d allein hätte die Strapazen nicht bewältigen können. Auch waren wir genötigt, in riesigen Abständen zu fahren und stundenlang auf der gleichen Stelle stehen zu bleiben. Jeder, der zu überholen versuchte, wurde mit den wildesten Schimpfworten belegt und fast tätlich bedroht. Da nun aber schon lange Tauwetter eingetreten war, so war das Eis bereits mit einer Wasserschicht bedeckt, und je länger wir standen, desto höher stieg über dem Eis das Wasser.

Ich saß stundenlang unbeweglich und starrte auf den breiten Rücken des Bauern vor mir und dann durch einen Spalt daneben über die weite Fläche des Haffs und den schwarzgrauen Nachthimmel, der sich darüber spannte. Ab und zu beleuchteten Fackeln die vorgezeichnete Wegstrecke. Dann sah man die endlosen Reihen der Trecks, die sich schweigend in großen Abständen mit fast


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unvorstellbarer Langsamkeit fortbewegten. Es kam mir vor wie ein langer Leichenzug, und langsam und unabänderlich kroch die Kälte an uns hoch, bis wir am Morgen versuchten, die steifen Glieder in eine andere Lage zu bringen,

Als es hell wurde, sah man überall die eingebrochenen Wracks der Trecks und Autos herumliegen. Einigen Leuten war es gelungen, sich zu retten, und diese zogen nun zu Fuß weiter. Und fort ging die Fahrt noch eine zweite Nacht über das brüchige Eis bis Kahlberg. Die Kinder wurden von der Kälte und dem wenigen Essen immer matter und wollten gar nicht mehr aus dem Wagen heraus. Sie erkrankten später an ruhrartigem Durchfall, der sogenannten „Landstraßenkrankheit”, der wir alle zum Opfer fielen und die uns auch noch im ersten Jahr in Dänemark schwer zu schaffen machte.

Und unsere armen Verwundeten! Wie anders hatte ich mir ihre Betreuung vorgestellt! Wie vielen war ich z. B. schon in Mehlsack begegnet, die — direkt von der Front kommend — uns blutend, hinkend, z. T. mit schwersten Verwundungen entgegenwankten. Und auch bei dieser Fahrt über das Haff wurden sie einfach in die überfüllten Trecks mit Gewalt gestopft oder lagen bei Schnee, Sturm und Regen auf offenen Heuwagen. Erst in Kahlberg wurden sie von Sanitätern in Empfang genommen und nach einer Sammelstelle für Verwundete gebracht.

Kahlberg war für uns eine große Enttäuschung. Welch guten Klang hatte dieser Name früher als idyllisch zwischen Haff und See gelegener Badeort! Jetzt herrschte ein naßkaltes Februarwetter. Alle Straßen waren völlig aufgeweicht, wir versanken bis über die Knöchel im Schlamm und bekamen überhaupt nicht mehr trockene Füße. Ein Quartier war auch nicht mehr frei, wir mußten auch nachts mit den Kindern wieder im Wagen bleiben. Die Verpflegungsfrage begann nun zum brennendsten Problem zu werden. Stundenlang war ich im Ort nach Essen unterwegs, doch mußte ich immer wieder erfolglos umkehren, da ich Furcht hatte, die Kinder allzu lange allein zu lassen. Am andern Morgen aßen wir das letzte Stück Brot! Dann begab ich mich zur Kreisleitung, wo Schiffskarten nach Danzig verteilt werden sollten. Doch hörte ich, daß man alle zurückgeschickt hätte bis auf schwangere Frauen und sehr kinderreiche Mütter. Die noch von 5 Uhr morgens dasaßen, waren durch das lange Warten in schrecklicher Wut. Der Kreisleiter, am ganzen Leib vor Wut zitternd, schrie sogar Schwerkriegsbeschädigte an, er würde sie mit der Polizei herausjagen. „Schlagt doch die braunen Hunde tot!”, schrien einige Frauen neben mir: „Wenn die Russen schon hier wären, würden vielleicht wenigstens unsere Kinder nicht mehr hungern!” Ich verließ resigniert den Raum. Auch au Verpflegung konnte ich gar nichts mehr erobern, und jeder, der mit einem Brot vorüberkam, erschien mir als der beneidenswerteste Mensch unter der Sonne. Die goldenen Zeiten des „Schmiedewagens” schienen Jahre zurückzuliegen.

Viel schlimmer aber als der beginnende Hunger war der Durst. Dauernd — wahrscheinlich durch den ständigen Aufenthalt in freier Luft — klebte uns die Zunge förmlich am Gaumen fest. Wasser durfte wegen Typhusgefahr nicht getrunken werden, und Kaffee war zur Kostbarkeit geworden. Trotzdem glaubten wir nun, wo wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten, das Schlimmste überstanden zu haben, die Nehrungstraße in einem Tag zu überwinden und dann in gute, sichere Quartiere zu kommen.


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O, diese Nehrungstraße! Sie sollte das schrecklichste Erlebnis unserer Flucht werden! Sie war so schmal, daß zwei Wagen nebeneinander nur ganz knapp Platz hatten. Zur Linken schimmerte häufig die Eisfläche des Haffs, zur Rechten war Wald. Zu dem völlig aufgeweichten Boden wies die Straße ein tiefes Schlagloch nach dem andern auf, jedes von der Größe eines halben Zimmers. Zwar gab es noch eine zweite Straße, doch diese war der Wehrmacht vorbehalten. Dadurch nun, daß die Wagen in unabsehbar großer Zahl immer einer hinter dem andern fuhren, entstanden noch viel mehr Stauungen und Stockungen als sonst. Ein Drittel der Wagen etwa war schon auf dem Eis liegen geblieben, ein weiteres Drittel ging hier kaputt. Wenn wieder jemand vor uns einen Radbruch hatte, dauerte es stets einige Stunden, bis wir weiter fahren konnten.

Dieses endlose Warten und die Aussicht, daß es auch uns jeden Augenblick so ergehen konnte, machte die Fahrt wirklich unerträglich. Wieder ein Loch, wieder tiefster Schlamm, wieder eine Anhöhe! Ob wir dieses Mal noch durchkommen würden? So kamen wir tatsächlich während eines ganzen langen Tages nur 3—5 km vorwärts, und das „Hüh, jüh, hüh, jüh”, dieses heisere, wütende und zugleich angstgequälte Gebrüll des Bauern, mit dem er die Pferde antrieb, wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Ab und zu wurde unterwegs eine warme Suppe ausgeteilt, aber kein Brot. Wir bettelten häufig Soldaten an. Sie hatten aber, wenn überhaupt, nur noch ein wenig Knäckebrot mit sich und waren auch längst nicht so freundlich wie die vom Schmiedewagen.

Eines Nachmittags, als die Trecks gerade wieder stundenlang hielten, wurden dicht an uns vorbei auf der schmalen Straße Tausende von gefangenen Russen getrieben. Sie sahen zerlumpt und elend aus, viele mongolische Typen waren darunter, jeder hatte sich zwei Kohlrüben als Proviant umgehängt. Manchmal gingen einige zu den toten Pferden, die überall herumlagen, und schnitten sich ein Stück Fleisch ab, was sie dann sofort mit Heißhunger verzehrten. Einer unserer Wachsoldaten, der nebenher ging, rief mir zu: „Nehmen Sie Deckung, junge Frau, die Leute haben Hunger, und man weiß nicht, was in den nächsten Minuten passieren kann. Die Waldstraße ist schmal und einsam, und wenn die Gefangenen jetzt über die Trecks herfallen, kann niemand helfen.” „Wir haben doch noch unsere Wehrmacht”, sagte ich, äußerlich ganz ruhig, innerlich wie gelähmt vor Furcht. Er zuckte die Achseln: „Gott, wir paar Mann, was können wir noch machen!” Gottlob aber geschah nichts, und langsam, langsam kamen wir schließlich doch weiter. Am Weg lagen außer den toten Pferden schon viele alte Leute kraftlos da. Mütter mit Säuglingen kauerten am Straßenrand. Ihre Trecks waren unterwegs zusammengebrochen, und wahrscheinlich erreichte kaum einer von ihnen mehr Danzig, das uns damals noch an die Insel der Seligen erinnerte. Oft malte ich mir aus — während die Russen ihre Artilleriegrüße von Elbing herüberschickten —, wie furchtbar es wäre, wenn wir so kurz vor dem Ziel hier noch elend umkommen müßten. Denn zu Fuß konnte ich mit den Kindern nicht mehr 10 Schritte weit kommen. Axel hatte eine Fußentzündung, weil wir ja nie mehr aus den Schuhen kamen, und der kleine Olaf war noch kränker. Wieder aber hatten wir Glück im Unglück: Unser Wagen war einer der stabilsten. Er hatte einen Holzaufbau mit Dach und Gummirädern. Zwar hatten wir öfters Schäden, doch schließlich kamen wir alle heil über diese entsetzliche Todesstraße hinweg.


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Der Bauer fuhr uns noch einige Kilometer weiter, bis wir das riesige Sammellager in Stutthof erreichten. Hier traf mich ein neuer Schlag. Leider noch durch eigne Unachtsamkeit verlor ich unser letztes Gepäck und meine Handtasche mit Geld, Sparbüchern, allen wichtigen Papieren und unserm gesamten, sehr wertvollen Familienschmuck.

Auf den Wegen des Lagers herrschte ein unbeschreiblicher Schmutz, meine Kinder lagen krank im Stroh einer Baracke. Die große NSV.-Organisation versagte völlig. Nur Leute, die gesund waren und alleinstanden, konnten mit Erfolg den ganzen Tag nach Brot und Wassersuppe anstehen. Ich konnte die Kinder nicht so viel allein lassen und hatte ja nun auch keine Gefäße mehr zum Essenholen. Nun mußte ich auch die bittere Erfahrung machen, daß größtes Elend im allgemeinen nicht verbindet, sondern im Gegenteil die Menschen nur noch viel egoistischer und härter macht. Vergebens wandte ich mich unter Selbstmorddrohungen verzweifelt an Zivil- und Aufsichtspersonen. Schließlich half mir gerade ein SS-Offizier, von dein ich es am wenigsten erwartet hatte. Er ließ die Kinder durch einen seiner Leute in eine Baracke bringen, wo diejenigen Personen sich aufhielten, die zuerst, d. h. noch im Laufe dieses Tages, weiterbefördert werden sollten. Auch eine Suppe brachte man uns, und bei Anbruch der Dunkelheit wurden wir zwar nicht in einen Zug nach Danzig gesetzt, dafür aber in einen Lastwagen der Wehrmacht, der nach Dirschau fuhr.

In einem Dorf bei Dirschau verbrachten wir eine angenehme Nacht in einem von Soldaten besetzten Bauernhaus. Es gab warmes Wasser zum Waschen, gutes Essen und sogar Radiomusik. Und ehe wir am nächsten Tag nach Dirschau weiterfuhren, schenkten uns die freundlichen Soldaten noch ein Handtuch, Seife und einen Spankorb, in dem wir die mitgebrachte Verpflegung verstauen konnten. Es war wie eine Oase in der Wüste.

Im Wartesaal des Dirschauer Bahnhofs gab es noch Kellner, gedeckte Tische, Blumen und sogar Frauen, die Hüte trugen! Dies schien uns märchenhaft. Leider aber gingen die Züge auch hier schon recht spärlich, und der Flüchtlingsandrang war so groß, die Stimmung überall so gereizt und haßerfüllt auf jeden, der einen kleinen Vorteil errang, daß meine Hoffnungen, überhaupt noch nach Danzig zu kommen, schon wieder ganz tief sanken. Danzig aber war das vorgeschriebene Flüchtlingsziel. Hier endlich sollte es Lebensmittelkarten, Bezugscheine und Privatquartiere geben. Noch weitere Ziele sich zu stecken, erschien uns damals geradezu vermessen.

Doch auch in Dirschau erwischten wir wieder einen Zipfel Glück. Ich lernte im Wartesaal — nachdem die NSV. uns noch einige Kleidungsstücke für die Kinder geschenkt — einen freundlichen Wachtmeister kennen. Dieser wiederum kannte einen Eisenbahnbeamten, und beide zusammen brachten das Wunder fertig, uns im Zug nach Danzig noch zwei Plätze zu erkämpfen. Allein hätten wir dies niemals geschafft!

Am 20. Februar trafen wir in Danzig ein und wurden zunächst in eines der großen Auffanglager geschickt, wo wir nur auf Stühlen, fast ohne Verpflegung, einen Tag und eine Nacht verbrachten. Ich war körperlich, seelisch und materiell völlig am Ende meiner Kräfte. Doch Bekannte, die meinen


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Namen in der Auffangliste gelesen hatten, holten uns am nächsten Tag heraus und beherbergten uns 3 Wochen lang in ihrer Wohnung, obwohl dort bereits 10 Flüchtlinge untergebracht waren. Sie sorgten für alles Nötige, vor allem erhielten die Kinder endlich wieder die nötige Pflege. In den ersten 10 Tagen erschien uns das Leben hier geradezu paradiesisch: Die Läden waren offen, die Straßenbahnen gingen noch, man konnte noch kochen, waschen und heizen. Und was bedeutete nach allem, was wir durchgemacht hatten, schon das bißchen Fliegeralarm und Luftschutzkelleraufenthalt??! Es gingen noch einige Züge nach Berlin. Doch meine Freunde, die diese Fahrgelegenheit benutzt hatten, mußten auf halbem Wege wieder umkehren, da die Russen bereits in Pommern waren und nun — von Ostpreußen und von Pommern her — Danzig in die Zange nahmen. Schwere Fliegerangriffe und alarmierende Nachrichten, das ständige Vordringen der Russen betreffend, häuften sich. Des schlechten Gesundheitszustandes meiner Kinder wegen wollte ich so lange wie irgend möglich mit der Weiterreise „ins Reich” warten. Viele wollten sich in den Kellern häuslich einrichten und gar nicht mehr weiter. Fast hätte ich auch nicht mehr die Entschlußkraft zur Weiterreise aufgebracht, hätten nicht gute Freunde so sehr darauf bestanden. So fuhren wir am 12. März zum Hafen von Neufahrwasser, wo wir am 14. März den großen Hilfskreuzer „Hektor” bestiegen, der etwa 5000 Flüchtlinge faßte. Die Besatzung bestand fast ausschließlich aus Seekadetten. Erst mitten auf See erzählte uns der Kapitän, daß die Fahrt nicht, wie wir angenommen, nach einem Ostseehafen, sondern nach Dänemark ging.

Nach ruhiger Fahrt, wenn auch unter fast unerträglichen Unterbringungsbedingungen, erreichten wir am 19. März den Hafen von Kopenhagen.

Es folgen einige wenige abschließende Bemerkungen.