Nr. 24: Die letzten Tage in der Stadt Rössel vor der Einnahme durch die Russen.

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Erlebnisbericht von Frau Ella Harwardt aus Rössel i. Ostpr.

Original, 1. Oktober 1950.

Sonnabend, 20. Januar 1945.

Es fährt kein Zivilzug von Rössel mehr. Telefonische Anfragen bei der Bahn bestätigen diese Tatsache, bringen aber die Beruhigung, es werden doch noch, sogar noch fahrplanmäßige Züge fahren. Z. Zt. würde viel Militär in die Gegend von Preußisch Holland-Elbing geworfen und ins Heilsberger Dreieck. Noch sei Ostpreußen nicht aufgegeben, und wenn diese Transporte vorüber wären, befördere die Bahn auch wieder Zivilvolk.

Dienstag, 23. Januar 1945.

Heute fand man Bestätigung der Bahnmeldungen. Unaufhörlich durchzogen Truppen die Stadt. Motorisierte Einheiten gaben auf Befragen der Bevölkerung den Bescheid, sie seien beauftragt, Elbing freizukämpfen. Freizukämpfen? Dann ist Ostpreußen ja schon vom Reich abgeschnitten! Und


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ringsum Eis und Schnee und — Russen! Wo soll man hin? Die Erregung steigert sich. Die Ungewißheit lastet. Die deutschen Truppen sagen, geht den Russen aus dem Wege, es sind Tiere.

Mittwoch, 24. Januar 1945.

Der Rundfunk bringt um 14 Uhr vernichtende Gewißheit. Um Elbing wird gekämpft, auf Königsberg drängt der Feind, russische Fallschirmtruppen sind auf der Frischen Nehrung! Also gänzlich eingekesselt! Völlig abgeschlossen von aller Welt! Den Russen preisgegeben! Wie in all den Wochen vorher ziehen über die verschneiten Straßen Tag für Tag, Nacht für Nacht, unaufhörlich, ohne Unterbrechung Ziviltrecks. Sie sind schwer beladen, kaum können die Pferde weiter. Die Wagen knarren und ächzen und — brechen. Dann gibt es Aufenthalte, Verkehrsknäuel, Verwirrungen. Und durch all den Jammer fährt die weichende deutsche Truppe, von sich ständig mehrenden russischen Fliegern in dauerndem Wechsel angegriffen. Bomben fallen auch in die Ziviltrecks. Die Toten, die Wagentrümmer, die Pferde werden in die Chausseegräben geschoben, ohne Aufenthalt soll es weiter gehen, nach dem Westen. Dazu strenger Frost, tiefer Schnee.

Donnerstag, 25. Januar 1945.

Die Bevölkerung hat es aufgegeben, den Russen zu entkommen, der größere Teil beschließt zu bleiben. Einige ziehen auf die Dörfer. Die Bleibenden beruhigen sich in der Hoffnung, 1914 waren die Russen im allgemeinen ja auch Menschen und benahmen sich, von einzelnen Übergriffen abgesehen, als solche. Draußen schrecken Kälte und Frost und Schnee und Hunger und der sichere Tod. Man vernimmt fernes Dröhnen, dumpfen Schall von großen Sprengungen. Es sollen die Anstalten von Carlshof, das Führerhauplquartier (die Wolfsschanze) bei Rastenburg sein.

Freitag, 26. Januar 1945.

Der Russe zieht in Rastenburg ein. Das wurde aber erst nach Tagen der Rösseler Bevölkerung bekannt. Daß er aber von Lötzen her im Anmarsch auf Rössel ist, das hörte man bald. Aus der Ferne das Rollen und Grollen der nahenden Front. Gelähmt, ohne Entschluß, ohne Tatkraft harrte man den immer näher kommenden, grauenhaft drohenden Dingen entgegen. Fast wollen die Nerven versagen.

Sonnabend, 27. Januar 1945.

Sämtliche Geschäfte sind seit Tagen dazu übergegangen, ohne Marken, ohne Bezugsscheine Waren zu verkaufen und geben sie in jeder Menge ab. Männer sind wenige in der Stadt. Die meisten der älteren holte der Volkssturm. Mittags schließen die Banken, um nie wieder zu öffnen. Sie haben ihr Bargeld völlig verausgabt. Alles zieht sich in seine Familie zurück, jeder Berufstätige, jeder Bertriebsangehörige. Einzelne wandern noch den nahen Dörfern zu und tragen und fahren auf Handwagen und Rodelschlitten die Alten und einen winzigen Teil ihrer Habe mit. Licht und Strom gibt es nicht mehr. Im Laufe des Tages sprengte deutsches Militär die elektrischen Anlagen, ebenso das Gas- und Wasserwerk. Wasser muß oft von weither geholt werden. In der Nacht zum Sonntag fährt tatsächlich noch ein Zivilzug ab. Es ist un-


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widerruflich der letzte, denn gleich darauf sprengen deutsche Truppen die Bahnstrecke. Grauenvolle Dunkelheit. Eine fürchterliche Nacht. Gegen Morgen rückt das Rumoren der Front näher und näher. Schon hört man das Heulen und Bersten der Granaten.

Sonntag, 28. Januar 1945.

Die Sprengung des Bahnkörpers, die mit schrillem Klirren der Schienen die Stadt erschüttert, weckte in der Nacht die vom Schlaf Überwältigten und schreckte sie hoch. Man packte, was noch zu packen war, und rüstete zum letzten Kirchgang. Zum letzten Gang. Das Landvolk, das in friedlichen Zeiten an den Sonntagen die Stadt belebte, fehlte. Es wollte die Dörfer nicht mehr verlassen, der Russe stand vor der Tür. Die große Kirche war nur zur Hälfte gefüllt. Die Orgel, die seit Kriegsbeginn von einer Katharinenschwester gespielt worden war, schwieg heute. Seine letzte hl. Messe in seiner Pfarrkirche feierte der Erzpriester Dr. Preuschoff, der wenige Monate später im Ural verhungerte, um 8 Uhr. Eine tiefe, stille Andacht senkte sich über die gequälten Menschen, verzagte, verzweifelte Hilferufe zu Gott, er möge das Schicksal wenden, stiegen zum Himmel.

Nach einer Rekapitulierung des Predigtinhaltes fährt Vfn. fort:

Die Angst der Kreatur vor den kommenden Tagen schob sich wie ein schwarzes Unwetter über die Andacht der Menschen. Der Erzpriester erteilte den letzten Segen, und aufs tiefste erschüttert mit einem letzten inbrünstigen Gebet verließen die Gläubigen die Kirche. Am Abend zogen die Russen in die Stadt, in der einige Gebäude brannten.