Nr. 25: Das Schicksal der Bevölkerung von Rössel nach der Einnahme der Stadt durch die Russen.

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Erlebnisbericht von Frau E. S. aus Rössel i. Ostpr.

Beglaubigte Abschrift, September 1946.

In unserer Wohnung und in unserem Geschäft war es nicht zum Aushalten. Deshalb gingen meine Eltern am Montag, dem 29. Januar 1945, in ihr oberes Haus, das frühere Konvikt (Philippinum). In der unteren Wohnung wohnte die Lehrerin Frl. Kr. von der höheren Mädchenschule. Meine Eltern haben mit Frl. Kr. und deren Mutter eng aneinandergepreßt auf dem Boden des Hauses gelegen. Wir blieben verschont. Frau K. im 1. Stock wurde sehr schwer vergewaltigt. Ihre 78-jährige Mutter, die im Sterben lag, wurde aus dem Bett auf die Erde geworfen und blieb dort liegen. Ein 20-jähriges Mädchen wurde in dieser Nacht 20 Mal vergewaltigt. Im Korridor wurde ein Flüchtling aus Goldap erschlagen. In der Wohnung von Dr. Grunwald tobten die Russen. Sie tranken Schnaps und zerschlugen die Möbel. Dauernd kamen Russen in das Zimmer, drohten und fluchten und gingen wieder. Immer wieder wurde gebetet: „Lieber Heiland, laß uns sterben.” Frl. Kr. flehte Papa um sein Taschenmesser an.


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Sie wollte erst den andern, dann sich die Pulsadern aufschneiden Der liebe Gott würde es ihr verzeihen, sagte sie. Papa gab ihr das Messer nicht.

Endlich kam nach dieser Nacht voll Angst und Todesschrecken der Morgen. Meine Eltern nahmen die sterbende Frau K. in ein Laken und brachten sie ins Krankenhaus. Die Straßen — ein Bild des Grauens. Umgekippte Flüchtlingswagen, zertrümmerte Möbel, Scherben und Leichen und Pferdekadaver. In einer Nacht! Das Krankenhaus war voll besetzt. Die Russen dort tranken, soffen, fraßen, fluchten und drohten. Der Chefarzt Dr. N. hatte sich versteckt und war nicht gefunden. Die Schwester Theresia von der Pforte sagte: „Nicht sehen lassen, schnell verschwinden. Wir Schwestern wären auf ein Haar alle erschossen worden.” Kaum waren wir zu Hause, da holte ein Russe meinen Vater auf den Hof, um ihn zu erschießen, aber ein Rösseler der polnisch konnte, sagte zu dem russischen Offizier: „Nicht schießen, er ist ein guter Mensch.”

Etwa am 20. Februar 1945 kamen feste Verbände nach Rössel. Damit wurden wir Garnisonstadt. Tag und Nacht wurde geplündert. Die Vergewaltigungen nahmen kein Ende. Viele Frauen, z. B. Frau B., baten Dr. N. vom Krankenhaus um Gift. Er gab es nicht. Unter den von wüsten Männern viehisch Mißhandelten befanden sich Kinder von 13—14 Jahren, so die 14-jährige Tochter von W. F. und die 13-jährige Tochter von Kaufmann V. M. Meine Freundin E. W. wurde von russischen Soldaten zu ihrer Mutter gebracht, sie konnte vor Schwäche nicht mehr gehen und war lange krank. Ein Mädel aus der Siedlung konnte die Vergewaltigungen nicht mehr ertragen, nahm Essigessenz und starb unter furchtbaren Schmerzen. Ein anderes Mädel hängte sich aus demselben Grunde auf, eine Flüchtlingsfrau ebenfalls. Wenn ein Russe an der Türe erschien, flohen Frauen und Mädchen durch die Fenster. Dann umstellten die Russen die Häuser und holten sich ihre Beute.

Gleich in den ersten Tagen mußten sich die Männer bis zu 50 Jahren melden. Sie wurden verschleppt. Darunter war auch Pater Bock. Er ist inzwischen verstorben. Später nahm man auch die älteren Männer. Einige Namen: Mein Vater (60 Jahre), Kaufmann Kellmann, Fleischermeister Jekosch, Fleischermeister Nieswandt, Kaufmann Klimmeck, Stadtbaumeister Krekel, Kaufmann Hoepfner, Postassistent Zimmermann, Schlachthofaufseher Naujoks, Tischler Hermann Orlowski, die Fleischer Luhmann und Bagahn, Polzien (von der Ermländischen Genossenschaft), Bäckermeister Prill und seine Frau, Stadthauptkassenrendant Wolff, Kaufmann Hünemohr (im Lager Archangelsk verstorben), Rechtsanwalt Dorsch (70 Jahre, im Lazarett Archangelsk 1. April 45, acht Tage nach Einlieferung, laut Nachricht von Pfarrer Lic. Braun (jetzt englische Zone), verstorben), Apotheker Pessara (kam zurück, starb auf der Flucht in Deutschland), Installateur Radtke (kam zurück), Postobersekretär Lingnau mit drei Töchtern, Polizeiwachtmeister Kroll mit zwei Töchtern, Tischlermeister Schmidt und Tochter, Lehrer Buchholz mit zwei Töchtern, Frau Masuhr (Frau des Bürgermeisters — hatte falschen Paß), Frau F. (Kind oben erwähnt — Vater W. F.), Lilly Peto, Gertrud Käse, Frau Sistermanns (kam zurück), Fräulein Maria Wirdel (kam zurück, wohnt mit ihrer Mutter in Westfalen), Fräulein Gitta Harwardt (kam zurück, wohnt in Westfalen), Frau Lowitsch, Frau Schwark, Tischlermeister Dedner und zwei Töchter.


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