Nr. 26: Treck des landwirtschaftlichen Betriebes Loschkeim über das Frische Haff durch Nordpommern bis Wollin.

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Erlebnisbericht von Annemarie Kniep aus Loschkeim, Kreis Bartenstein i. Ostpr.

Die Aufzeichnungen entstanden im Frühjahr 1946 auf Grund von Tagebuchnotizen, die während des Trecks gemacht wurden. Teilabdruck.

Loschkeim, 23. Januar 1945.

Das Haus ist übervoll. Die Flüchtlinge schlachten Schweine. 20° Kälte. Treck Blumenthal fährt los. Wir sollen mit; Vater zögert noch. Hptm. L. verspricht mir, mir rechtzeitig zu sagen, wenn es Zeit ist. Der Wohnwagen ist fast fertig beladen. Tag und Nacht geht die Türe: Soldaten, Flüchtlinge. Ich habe mir vorn im Wohnzimmer auf dem Sofa ein Lager zurechtgemacht und liege halbangezogen da. Bei jedem erneuten Beben des Hauses (Sprengungen, Artillerie) springt mir Hexe (Dackel) angsterfüllt ins Genick.

29. Januar 1945.

Es ist milder. Die Leute wollen nicht mit. Da erscheinen die Männer vom Volkssturm zurück. Nun ist mir überhaupt erst die Durchführbarkeit des Trecks gewährleistet. Der Packbefehl ist da. Wir schlafen die letzte Nacht jeder unter dem eigenen Dach. Ein Leben im Haus! Unser friedliches, stilles Loschkeim ist nicht wiederzuerkennen.

30. Januar 1945.

Hptm. L. zeigt mir ein Schreiben, nach dem ein Zögern nicht mehr ratsam ist. Die letzten Vorbereitungen zur Flucht werden getroffen. Mittags holt Färber Hexe, sie wird erschossen. Ebenso die sieben edlen Fohlen. Die ein- und zweijährigen Fohlen, z. T. die dreijährigen, bleiben da. Das Militär will das Vieh losmachen, wenn es abrückt. Um 6 Uhr werden die Leute (Männer) zusammengerufen, Abfahrt des Betriebes zur Flucht auf ca. 11 Uhr bei Mondaufgang. Wir hören die Rede Hitlers: leer und nichtssagend. Also: rette sich, wer kann. Wir sitzen zum letztenmal um den gemütlichen Tisch im Wohnzimmer, trinken mit Hptm. L. und Hptm. B. eine Flasche Wein. Hptm. L. gab mir Zigaretten, Keks und Bonbons für die Kinder für unterwegs. Ich nehme mir eine Handvoll Erde, binde sie in ein Taschentuch, nehme sie mit in die Fremde. Es liegt Schnee. Die Wagen fahren vor. Meine Mutter, die beiden Mädchen (Eise und Frieda) kommen in den Wohnwagen, um Platz für Mutter zu schaffen, dann steigen die Mädchen zu Reintraud Wittkuhn (Rendantin) auf den Wagen. Die Eltern und ich verlassen gemeinsam das Haus. Der Treck ordnet sich: Wohnwagen, Tummescheits zwei Wagen — die Stuten wollen nicht anziehen, ich muß noch Soldaten um Hilfe holen —, unser Kutschwagen, Reintraud mit kleinem Kutschwagen, der Futterwagen mit Seege, die Wagen der Leute, zuletzt die Weißrussen und Polen mit ihren Wagen (11 im ganzen). Hoher Schnee, der Mond beleuchtet das Haus, die Tannen davor. Ich gehe in hohen Stiefeln, den Stock in der Hand (er hatte mir 1934 zu fröhlicher Harzwanderung gedient) am Treck entlang und fasse es nicht, daß wir nun tatsächlich die geliebte Heimatscholle verlassen müssen, uns mitten in Eis und Schnee auf die Landstraße begeben müssen. Eine Provinz auf der Straße! Ein Irrsinn


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und ein Elend! Doch ich denke an Hptm. L.'s Worte, als er mir zum Abschied die Hand küßte und den Schlüssel zu Georgs Zimmer nahm, das er erst öffnen wird, wenn wir fort sind: „Und nun seien Sie nicht so weich, wie Sie innerlich tatsächlich sind. So kommen Sie nicht durch. Und möge Ihnen das Schlimmste erspart bleiben.”

Der Treck biegt auf die Chaussee ein, um die Ecke nach dem Eichgarten zu. Dort bleiben nun die Gräber zurück. Der Wagen von Worm hat da schon die erste „Panne”. Schoels Fleischwanne geht ab. Eine Stunde wird gebraucht, um sie festzumachen. Die Weißrussen und Polen kehren um. Beim Gut Glommen hohe Schneewehen. Schwer schieben die Mädels an ihren Rädern. Hinter uns der Treck von Herrn Balsk, dann der Treck von Frau Süden (Kreis Gerdauen). Erste Rast im Feldweg hinter Teppelheim.

31. Januar 1945.

Und damit hörte für uns das Fahren auf der Landstraße auf. Die wurde belebt von den Trossen der Wehrmacht und diese hatten Befehl, die Flüchtlingsfuhrwerke in den Graben zu schieben, wenn sie im Wege waren, nötigenfalls ihnen die Pferde auszuspannen zum eigenen Gebrauch. Ich habe diesen Befehl selber gesehen, schwarz auf weiß. Wir waren also vogelfrei. Zwischen unseren Treck schoben sich andere Wagen. Die Trecks Balsk und Süden waren nicht mehr hinter uns. Nirgends gibt es Wasser. Die Front ist ca. 12 km von uns ab. Wir stehen zur Nacht auf einer moorigen Wiese bei Dexen. Ab und zu Schüsse im Wald. Immer mehr Treckwagen kommen. Sind alle Fuhrwerke da? Strauß-Lapkeim fährt seine Familie holen, die hinten geblieben sind mit Worm. Er nimmt die Pferde von Reintrauds Wagen, der wird an den großen Kutschwagen angehängt.

Reintraud und das Mädchen kommen in den Wohnwagen. Sie sind reichlich verklamt. Wir fahren früh los Richtung Gr. Peisten durch den Wald.

1. Februar 1945.

Gr. Peisten. Wir kommen gar nicht in den Ort rein. Davor auf einer großen Wiese ist ein riesiges Flüchtlingslager. Eine Herde Vieh und Schafe auf einer Wiese im Hintergrund. Reintraud und ich wollen sehen, ob noch einige Kühe zu melken sind. Es ist ergebnislos. Blutige, erfrorene, eiternde Euter. Am Zaun entlang schiebt sich lahmend und müde ein prächtiger Bulle. Er wird niemand mehr gefährlich. Neben ihren frischgeborenen, toten Kälbern stehen unglücklich muhend die Kühe. Das schöne ostpreußische Herdbuchvieh frierend und hungernd in Eis und Schnee ist ein viel trostloserer Anblick als die Wagen mit Menschen und Pferden. Die haben noch Zweck und Ziel, das Vieh aber ist bereits jetzt hilflos dem Verderben preisgegeben.

Mitten im Gewühl der Wagen treffen wir Jordans (Progen, Kreis Wehlau), die vor 10 Tagen bei uns in Loschkeim in Quartier lagen. Sie standen schon 7 Tage hier. Der gelähmte Herr J. lag apathisch im Wagen. Unsere Leute wollen abkochen etc. Ich überrede Vater, nur eben füttern zu lassen und dann unter allen Umständen Anschluß an die Treckreihe auf der Chaussee zu bekommen. Es gelingt uns dies auch, und wir stehen in Sturm und Regen auf der Chaussee. Am Nachmittag klopft es: Naß und frierend steht mein Schwager Jochins Grigull (Blumenthal, Kreis Gerdauen) da. Sie sind noch hinter uns und 2 Tage vor uns fort aus L. Nachts weiter Sturm und Regen. Die Frauen


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mit kleinen Kindern kommen in den Wohnwagen. Der Säugling von Frau Strauß-Lapkeim hungert. Ich gebe ihr von Hptm. L.'s Keksen. Sie zerkaut sie und schiebt sie dem Kind in den Mund. Die andern Kinder bekommen Bonbons. Da — ein Krach — ein Schleudern! Ein Militärlastwagen hat den Wohnwagen gerammt, eine Planke seitlich losgerissen, der Wind heult herein. Den Frauen wird es unheimlich, sie gehen mit den Kindern auf ihre Wagen zurück. Schrittweise rückt der Treck bis ins Dorf.

2. Januar 1945.

Im Gustahaus sind Raethjen-Bollendorf, Plock-Sechserben, Strüvy — der Besitzer von Gr.-Peisten; Plock und Frau gehen in dieser Nacht mit Handgepäck vom Treck los. Das Schießen nimmt zu. Kampflärm nähert sich. Die Gendarmerie wird unruhig, leitet den Treck rechts ab. Also die Chaussee über Landsberg ist nicht mehr zu passieren. Leuchtkugeln steigen auf. Panzer angriff. Wir biegen um 7 Uhr früh auf eine Wiese ab, fahren den Berg in die Höhe, der Treck stoppt. Unten im Kessel schon Geschrei der Russen. Links seitlich brennt Landsberg. Feindliche Flieger kreisen über der Stadt. Unser Gummiwagen hat gerade jetzt Radpanne. Eilig montieren die Männer das Reserverad auf. Ich vermeine, tiefer unten auf der Wiese meinen Schwager mit dem Jagdwagen zu sehen. Ich will ihn bitten, meine kranke Mutter (sie hatte am 2. Tag Gehirnschlag bekommen) auf den Wagen zu nehmen. Ich laufe über ein Stück freies Feld, da erhebt sich ein Brausen und Knattern über mir. Ich werde von einem Flugzeug mit Bordwaffen beschossen. Schnell auf den Bauch! Um mich herum schlägt es ein. Wie durch ein Wunder bleibe ich unversehrt. Ich richte mich auf — es war nicht J., ich laufe zum Wagen zurück. Reintraud, die Mädchen machen sich Sturmgepäck zurecht und wollen in Deckung in den Wald laufen. Doch da knallt es auch. Die Eltern1) wollen auch losgehen. Ich muß bei Mutter bleiben. Und sie wollen sich nicht von mir trennen. Aber es ist keine Zeit für solche Dinge. Parole: Rette sich, wer kann. Gerade, als sie gehen wollen, setzt sich der Wagen in Bewegung. Brizzi gleich dahinter. Ich stehe in der offenen Wagentür, „Spinnes” Kopf mit prustenden Nüstern dicht vor mir. Ein Zaun wird durchschnitten, ein Graben passiert, wir sind auf der Chaussee nach Pr. Eylau. Mit uns die Wagen von Tummescheit. Unser Treck ist zersprengt. In Massen strömen die Flüchtlinge aus dem brennenden Landsberg. Über Sturzacker jagen die Coupes von den umliegenden Gütern. Die Soldaten sagen: „Kehrt doch um und fahrt nachhause. Ihr kommt doch nicht mehr raus, seid im Kessel drin.” Aus der Gegenrichtung — von Pr. Eylau her — kommen uns die Trecks auch entgegen. Reintraud und ich gehen neben dem Wagen her, halten Ausschau nach den übrigen Leuten. Links geht es ab nach Schönwiese. Es ist ca. 11 Uhr vormittags. Wir sind in einem Talkessel gelandet und warten. Vater trifft Herrn v. Senden. Losch und Färber kommen mit den Pferden, der Wagen hat ein Rad verloren. Viele Sachen haben sie nicht gerettet. Der Futterwagen mit Seege steht auf der Chaussee, hat auch Radbruch. Die anderen Wagen sind hinten geblieben.

Schoel ist am weitesten zurück mit den herrlichen Kutschpferden (Trespe und Angora) und den beiden Kutschwagen. Die Schießerei nimmt zu. Auf den Höhen ziehen Wehrmacht und Volkssturm auf. Auf verschneitem Hohlweg,


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teils über Sturzacker, erreichen wir bei einbrechender Dunkelheit ein Gehöft. Dort bereiten wir Abendbrot. Die Leute wollen nicht fliehen. „Wohin”, fragen sie. Um 11 Uhr Alarm! Der Russe ist in Eichen, 3 km von uns. Wir rüsten. Aber der Hohlweg ist verstopft. Wir kommen nur ca. 300 m voran.

3. Februar 1945.

Wir entschließen uns, wieder mit den nötigsten Sachen und Eßwaren aufs Gehöft zurückzugehen und unser Schicksal zu erwarten. Es erscheint ausgeschlossen, daß es ein Ausweichen vorm Russen noch gibt. Meine Mutter sitzt in der Bauernstube am warmen Ofen. Die Luft ist schlecht, aber sie schläft ein. Die Schüsse peitschen über das Gehöft. Ich muß allein sein. Ich gehe in die Scheune. Die Eltern und Reintraud folgen. Wir sind alle übermüdet. Wir wühlen uns ins Stroh. Wir schlafen, schlafen tatsächlich ein trotz bellender Schüsse, bebender Scheune, zu erwartender Russenhorden. Um 10 Uhr früh wache ich auf. Es ist wie ein Wunder! Der Russe ist noch nicht da. Wir kochen Bohnenkaffe, essen Wurstbrot und beladen unsere Wagen wieder. Färber und Losch haben Pech. Ihr organisierter Schlitten wird vom Hofbesitzer als der seines Schwiegersohnes erkannt und einbehalten. Aber sie sind Meister im Organisieren. Sie kommen mit einem Kastenwagen an. Unsere Rollschinken waren derweil von Färbers Schlitten verschwunden. Langsam schiebt im vereisten Hohlweg die Treckschlange weiter. Gradi, der mal wieder im Graben gelandet ist, belädt mit Brizzi wieder den Wagen. Einiges bleibt liegen, darunter leider die Milchkannen mit Salzfleisch. Fräulein Idas Betten landen bei Losch's auf dem Wagen. Wir sind startbereit. Es geht weiter bis Kumkeim. Wir stehen dicht vor dem Wald in dichtem Knäuel von Wagen auf einem freien Platz neben der Ortschaft. Sehr starker Aribeschuß. Ein Blindgänger landet zwischen Losch's Pferden. Endlich geht es gegen Abend weiter. In Pilzen, wo wir Quartier hätten haben können, machen wir keine Rast und versuchen es im Wald. Es geht nicht mit den langen Wagen. Wir fahren weiter bis Bornehmen und halten rechts dicht am Eingang des Dorfes. Wir treffen dort Teile der R. 21. Der Stab liegt in Rossitten.

4. Februar 1945.

Ich versuche, Hptm. L. von unserer Anwesenheit zu benachrichtigen. Da das Auto keinen Brennstoff hatte, konnte der Fahrer aber den Brief nicht übermitteln. Wir kommen an diesem Tag nicht weiter.

5. Februar 1945.

Wir werden durch ein wahres Trommelfeuer geweckt. Die Front ist 3-5 km nur entfernt. Es ist klares Fliegerwetter, und wir bekommen gegen 10 Uhr heftigen Bordwaffenbeschuß. Über Pilzen kreisen viele feindliche Flieger. Wir sind froh, daß wir nicht dort geblieben sind. Trotzdem kochen wir Mittag und waschen uns gründlich. Wir treffen Frau Richter-Plensen, Kreis Bartenstein. Ihr Mann ist in Eichen gestorben (Granatsplitter). Sie haben dort den Russeneinfall erlebt. Sie haben das Grab nicht ausschaufeln können, mußten so schnell aus dem Dorf raus, das gerade wieder von Deutschen eingenommen wurde. Nachmittags geht es langsam weiter. Es wird in zwei Reihen gefahren, und beim Einbiegen auf die Hauptstraße gelingt es nur durch Anwendung von Landsknechtsmanieren, den Treck zusammenzuhalten. Wir kommen auch nur 3 km weiter bis Quehnen.


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6. Februar 1945.

Frau Süden erscheint am Vormittag. Sie hat auch nur noch zwei Wagen. Mutti steht auf einmal auch der alten Frau Scheppuhn (Liekeim, Kreis Bartenstein) gegenüber. Diese war mit einem Handwagen losgezogen und zog nun mit Veterinären mit. „Wo haben Sie denn geschlafen, gnädige Frau?” Darauf die alte, feine Dame: „Ja, ist das nicht zu riechen?” Neben dem Bullen im Kuhstall. Damals fanden wir so etwas noch furchtbar. Gegen ½ 2 Uhr mittags machen Reintraud und ich uns auf nach Rossitten, um die R. 21 zu treffen. Unterwegs begegnen wir Schirrmachers. Sie sitzen auf dem Wagen von der Schwester von Frau Schirrmacher und bleiben auch dort. Sie erzählen, wie unsere Leute drei Tage unter den Russen waren und dann weitergefahren sind ohne Sachen und ohne unsere Pferde. Ich hoffe, daß es J. (Julius Grigull) mit seinem Treck ähnlich ergangen ist, denn seit Gr. Peisten fehlt jede Spur von ihm. Wir treffen von der R. 21 auch Sepp hoch zu Roß. Ich gebe Nachricht an Hptm. L., der auf dem Gefechtsstand in Bartenstein ist. Wir gehen zurück und kommen gerade zur Zeit, der Treck schleicht bereits vorwärts. Wir sind abends in Angam. Es wird eine unruhige Nacht, da wir unmittelbar an der Straßenkreuzung halten. Am dunklen Nachthimmel rundherum der Feuerschein der Front. Eine schmale Stelle ist dunkel. Da ist der Kessel also offen. Es soll die Straße über Arnstein-Tiefensee sein. Soll ich wirklich Arnstein, das Paradies meiner glücklichen Kindheit (ehem. väterl. Gut, Kreis Heiligenbeil) noch einmal wiedersehen? Als der Name „Arnstein” fällt, wird sogar Mutter lebhaft, die seit dem Gehirnschlag am 2. Februar 1945 unter heftigen Kopfschmerzen leidet und zeitweise ganz wirres Zeug redet. In der Nacht läuft dicht am Zaune eine noch junge Frau hin und her und schreit: „Laßt mich raus, wa? ist hier los?” Es hat nicht nur die alten Leute getroffen. Auch viele junge Menschen sind irrsinnig geworden. Überhaupt lastet so am 9./10. Tag des Trecks eine Angstpsychose über allen: Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaflosigkeit. Dann wird dieser tote Punkt überwunden. Wir sind alte „Treckhasen” geworden.

7. Februar 1945.

Morgens um 7 Uhr sagt uns eine Feldgendarmerie, daß der Weg über Sangnitten freigekämpft ist. Wir schlagen also diesen ein. Da wir die ersten sind, die ihn fahren, kommen wir gut voran. Hier haben Kämpfe getobt. Tote Pferde liegen am Wege und auf dem Felde, Blutlachen auf dem Wege, Blutspritzer an den Hauswänden. Ab und zu ein frisches Grab am Straßenrand mit schlichtem Holzkreuz. Es ist heute Muttis und meines toten Bruders Geburtstag. Aber meine Mutter erinnert sich nicht mehr daran. Muttis einziges Geburtstagsgeschenk: ein Omelett. Immer weiter geht die Fahrt. Wir kommen einige 30 km voran.

8. Februar 1945.

Am Nachmittag hat Gradis Wagen Deichselbruch. Sie bleiben zurück. Soldaten helfen, die Deichsel zurechtzumachen. Sie sollen uns nachkommen. Wir wollen einen Platz zum Übernachten suchen. Wir halten abends unfern Sonnenstuhl am Wald. Es wird ein Feuer angemacht. Klarer Sternenhimmel, mäßig kalt. Brizzi wird hell vom Feuer beschienen, es wirkt wie ein Zigeunerlager. Ich denke unwillkürlich an Friedemann Bach. Aber bald ertönt Flieger-


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Warnung. Das Feuer wird gelöscht. Wir hören einen Zug pfeifen. So etwas gibt es also noch in Ostpreußen! Aber auch nur noch auf einer kurzen Strecke bis Braunsberg.

9. Februar 1945.

Wir fahren nur ca. 2 km weiter und machen in einem Gehöft warmes Mittag, bekommen dort auch Hafer für die Pferde für 2 Tage. Ein Soldat gibt mir einige Zigarren für Vater. Ich rauche die letzte Zigarette von Hptm. L. Meiner Mutter ging es nachts so schlecht, daß wir dachten, es ginge zu Ende. Sie ißt nichts mehr, will dauernd trinken und hat doch schon Ruhr. Wir haben noch Wein und davon bekommt sie nun immer.

Wir stehen in Sonnenstuhl, 16 km vom Frischen Haff entfernt. Die verschiedensten Gerüchte erreichen uns. „Fünf Brücken sollen über das Haff gehen. - Nur mit Handgepäck darf man rüber. . . Alles ist verstopft, es wird 14 Tage dauern, bis wir durchgeschleust werden ... Es soll bis Danzig gehen, wo uns die Partei erwartet.” Welch frohes Wiedersehen! Hier war sie nicht mehr. Wir stehen auf dem Dorfanger in Sonnenstuhl, auf jeden Fall sichtbar jedem ankommenden Wagen. Denn Neyers und Poeks mit Gradi sind noch nicht wieder bei uns, und auf sie wollen wir warten.

10. Februar 1945.

Wir stehen noch immer in Sonnenstuhl, Kreis Braunsberg. Im ehemaligen Gutshaus ist ein Altersheim und Lazarett. Mutti und ich gehen hin und sehen, ob wir Hilfe für Mutter bekommen, der es sehr schlecht geht. Ich beschreibe einer Schwester die Krankheitserscheinungen. Sie sagt, daß Hunderte von alten Menschen so erkrankt seien. Sie öffnet die Türen zu den Krankenzimmern. Gestank, Schmutz und Enge. Nein, da kann Mutter nicht hin. Ich spreche den Arzt, er sagt: „Nehmen Sie sie weiter mit, in ca. 2 Tagen ist sie tot.” So leid sie mir tut, ich kann ihr nicht helfen, ihr kein Bett verschaffen. Sie schläft nun schon viel; da sie nichts ißt, nehmen die Kräfte schnell ab. Hier soll es heute pro Kopf zwei Pfund Mehl beim Bürgermeister geben. Die Mädchen nehmen einen Eimer und holen es. Unsere Leute backen Brot. Keine Zigarette mehr!

11. Februar 1945.

Gradis Wagen ist nicht gekommen, dann sind sie einen anderen Weg gefahren. Wir erleichtern unseren Wagen um die Brotmaschine. Sie ist kurz darauf aus dem Graben verschwunden. Es geht weiter durch Kriegsgebiet, an verödeten Gütern vorbei. Es gelingt mir durch Soldaten, an Leute nach Meißen eine Nachricht zu geben. Sie ist aber nie angekommen. Mutter schläft. Es ist ein sonniger, schöner Tag. Aber die Nase ist sehr spitz und eingefallen. Der Atem geht ruhig, aber sehr flach. Mutti fühlt den Puls, er ist sehr schwach. 10 Minuten vor 3 Uhr tut sie den letzten Atemzug. Sie ist so friedlich eingeschlafen, daß außer Mutti, Reintraud und mir ihren Tod keiner im Wagen bemerkte. Reintraud drückt ihr die Augen zu. Ich konnte mich nicht rühren und sitze wie erstarrt. Eine Mutter ging fort — und bleibt nun in der Heimat, die sie nicht verlassen wollte. Wir fahren im Walde zwischen Regitten und Helenenhof, Kreis Braunsberg. Bei Helenenhof biegen wir auf einen Platz am Walde ein. Im Wald wird ein schöner Platz für das Grab ausgemacht. Die Leute gehen daran, es zu graben. Es muß tief sein, wir haben keinen Sarg.


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Die Tote wird in ein großes Laken gehüllt, mit einer Decke bedeckt und auf einem breiten Brett aus dem Wagen geschoben. Es tragen: Strauß, Losch, Färber, Brizzi. Das Grab ist mit Tannen- und Kiefernzweigen ausgelegt. Sanft bettet Färber die Tote auf diesen grünen Teppich. Er gibt ihr die Briefe ihres Sohnes, die Bilder ihrer Kinder und Enkel mit, die ich ihm reiche. Sie hatte sie sich zwei Nächte vorher zusammengesucht und gebündelt und dabei gemurmelt: „Meine Kinder, meine Kinderchen!” — Bevor die weiche Walderde die Tote deckt, legen wir alle noch Kiefernzweige ins Grab. Nur eine ihrer Töchter steht am Grabe. Die beiden anderen wissen es nicht, daß ihre Mutter in der Heimat blieb. Still gehen die Eltern, die Leute und ich zum Wagen zurück. Still im Wald unter den klaren Sternen liegt wieder ein einsames Grab am Wege.

12. Februar 1945.

Morgens gehen Mutti und ich noch einmal zu Mutters Grab und nehmen still Abschied. Dann fahren wir weiter. In Russen wird uns noch eine Frau mit zwei Kindern in den Wagen gesetzt. Sie hat ihren Mann vor einemWeilchen verloren. Er fuhr eine andere Straße. Sie gibt uns Zigaretten, die aus Bartenstein stammen. Der Weg über Knüppeldämme und schwappendes Wasser zu beiden Seiten ist furchtbar und lebensgefährlich. Wir sind von oben bis unten mit Dreck bespritzt. Gegen Abend stehen wir in Schlamm vor Alt-Passarge. Der Übergang über das Haff liegt vor uns.

13. Februar 1945.

Die Pferde stehen zu eng, sie beißen sich mit fremden Pferden. Ich muß mehrmals nachts raus in den fast knietiefen Schlamm und sie beruhigen. Die Männer, Frauen und Kinder haben sich Quartiere besorgt. Am Morgen haben wir die Bescherung. Luise, die Fuchsstute von Losch's Wagen ist geschlagen, das Bein ist kaputt. Sie muß erschossen werden. Die Vorderpferde von T. kommen vor den Wagen. Die Stute „Puppa” als Einzelpferd vorne vor die Hinterpferde von T. Diese Regelung wurde nach einigen Schwierigkeiten getroffen. Der gute Losch meinte, nun könnten T's Sachen von seinem Wagen geworfen werden und dann die Pferde vor ihren Wagen. Ich machte ihm den Standpunkt klar, daß er andermal besser acht haben sollte auf die ihm anvertrauten Pferde. Noch einmal würde nicht ausgeholfen. Mutti und ich gehen ins Dorf, um auf dem Standesamt meiner Mutter Tod anzumelden. Es ist geschlossen. Niemand mehr da. Vor der Kirchentüre liegen eine Reihe von Leichen, notdürftig die Gesichter mit Tüchern bedeckt. Es begräbt sie niemand. Wir stehen am Haff. In zwei Reihen — von Heiligenbeil und hier von Alt-Passarge aus — in Abständen von 100 m fahren die Treckfuhrwerke über das Haff. Es ist sonniges, klares Wetter. Das Eis ist gut. Schade, daß wir noch nicht herüberkönnen. Gegen Abend kommen wir noch bis zum Ausgang des Dorfes. War anfänglich klares Wetter und leichter Frost, so schlägt es gegen 10 Uhr um. Wir stehen im Schneesturm bis 2 Uhr nachts auf der Straße. Da wird die Parole durchgegeben: „Fertigmachen! — Es geht aufs Haff.” Frau Strauß hat schlecht geträumt, ich auch.

14. Februar 1945.

Nach hundert Meter Fahrt auf dem Eis — es ist heute schlecht, und leise regnet es — stehen wir. Unser Wohnwagen ist zu schwer. Es bilden sich sofort Wasserlachen. Fahren können wir wohl, aber stehen nicht. Ich spreche mit dem


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Wachhabenden. Er sieht die Gefahr ein. Ich kann auf eigne Gefahr neben der abgesteckten Treckstraße vorziehen. Strauß fährt sicher und ruhig. Die Eltern sind vorgegangen. Die Frau mit den beiden Kindern geht auf einen leichten Schlitten; es ist ihr zu gefährlich. Zu beiden Seiten der Straße eingebrochne Wagen, Teile des Verdecks und die Ohren von Pferden ragen aus dem Wasser heraus. Dann liegen wieder Fuhrwerke zertrümmert da, zerfetzt die vier Pferde: Volltreffer! Denn Frauenburg ist in den Händen der Russen. Braunsberg hat furchtbare Alarme. Auf der Nehrung bereits russische Spähtrupps. Feindliche Flieger über uns. Aber es ist zu diesig, schlechtes Fliegerwetter, und noch immer regnet es. Ich habe nasse Füße, gehe ein Weilchen in den Wagen. Bereite für Reintraud, Strauß und mich Speckspirkel. Auch der Gendarm bekommt ein Teil und ist froh. Dann räumen Reintraud und ich auf und machen uns noch Gries mit Kirschen. Meiner Mutter und meine Koffer waren auf,T.'s Wagen gekommen, die Sachen der Mädchen und Reintrauds auf Losch's Wagen, um den Wohnwagen zu entlasten. Gegen 12 Uhr mittags kommen die Eltern zurück und essen auch noch Grieß mit Kirschen. Dann gehen wir wieder alle hinter dem Wagen her, der über Eisspalten schaukelt, das Wasser gurgelt, teilweise sind leichte Holzdämme über zu breite Spalten gelegt. Strauß fährt sicher. — Von Braunsberg her viele Reiter und Pferde. Wir nehmen die Ferngläser. Das Landgestüt Braunsberg ist es. Jetzt erst! Viele der edlen Tiere tanzen unruhig auf dem Eis. Unsere Tiere sind ja so müde, sie sind sehr ruhig und tun nun schon vorbildlich 14 Tage ihre Pflicht, noch nie au den Sielen gekommen. Ich habe die nassen Stiefel ausgezogen, auch schon die hohen nassen Schuhe und stehe in Halbschuhen und den Überschuhen meiner toten Mutter da. Wir haben es geschafft. Vor uns liegen die Häuser von Neukrug. Da — man faßt es nicht mit gesundem Menschenverstand: Wir dürfen nicht an Land. Die 100 m Abstand sind so dicht an Land nicht mehr gewahrt. Nicht nur unser Wohnwagen steht mitten im Wasser. Nicht weit von uns ruft eine Frau, die Leute mögen ihr doch helfen, die Pferde ziehen nicht an. Sie steht in einer großen Wasserlache. Es rührt sich niemand. Die Hände in den Hosentaschen sehen die Männer zu, stumpf von all dem Elend. Und wie zum Hohn wird uns erklärt: Das Eis ist von Pionieren geprüft. Einsturzgefahr besteht nicht. Vater glaubt es. Sachen, die schon vom Wohnwagen heraus aufs Losch's Wagen gekommen waren, werden wieder zurückgebracht. Wir essen Abendbrot. Da erscheint Strauß's Gesicht an der Wagentür. Der Wagen steht bis zu den Achsen im Wasser. Die Mädels essen nicht mal ihre Speckspirkel auf, nehmen ihr letztes Gepäck und raus. Vater gibt den Befehl, die Pferde loszumachen. Die Bracken klatschen ins Wasser, die Ketten klirren, Strauß lenkt die vier Pferde um. In mir ruft es: „Weiter fahren, auch gegen den Befehl.” Aber ich bin nicht Treckführer. So rufe ich mir den Polen und die Italiener ran und reiche raus: die Fahrpelze, Mäntel, Schuhe, ein großer Koffer von Mutti. Ich will das Silber nehmen, ergreife gerade noch zwei Löffel, da rutscht der Wagen, bricht vorne rechts ein. Ich rufe nach den Italienern, sie wollen nochmal antreten, Eßwaren will ich rausgeben. Da ruft Vater, ich solle selber rauskommen und noch die Petroleumlampen mitbringen. Ohne Petroleum! Ich trinke schnell noch den letzten Schluck Wein aus. Steige aus und gleite bis zu den Knien ins Wasser. Vater hat Stiefel an und schließt den Wagen zu. Er meint, nun sollten wir zur Nacht bis nach Kahlberg gehen. Das kann


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ich nicht, 5 km völlig naß auf dem harschen Eis. Die Laterne geht aus. Alle geben dieses Vorhaben auf. Um 3 Uhr nachts soll auch nach Aussagen der Polen der Treck weitergeleitet werden. Ich gehe auf T.'s offenen Leiterwagen, setze mich auf seine Kleiderkiste, und Brizzi wickelt mich in Decken ein. Ich bin tatsächlich eingeschlafen und erwache erst, als wir fahren. Ich rufe entsetzt nach Reintraud: „Was ist mit dem Wohnwagen?” „Abgesoffen”, ist die Antwort. „Ganz?” „Ja”. „Es gab ein Klirren und Krachen, er sackte vorne weg.” Es war dunkel. — Nichts war von ihm zu sehen. So verließen wir unser letztes Hab und Gut und die Eßwareu. Eine unbegreifliche Torheit. Aber viele haben ähnlich gehandelt in derselben Situation. Ein Endchen wird gefahren, dann stehen wir. Es kommen Sterne vor. Brennende Städte: Frauenburg, Braunsberg. Niemand führt. Wir fahren aufs Geratewohl. Die Pferde wollen nicht stehen, 1/4 m hoch steht Wasser auf dem Haff. Sie scharren unruhig, sie frieren auch. Wir haben auch kalte,nasse Füße. Die Eltern sind vorgegangen. Mutti ist in diesem einen Tag gealtert, daß sie kaum wiederzuerkennen ist. Sie weint bitterlich. Erst der einzige

Sohn, dann der Enkel, dann die Scholle, nun die letzte bewegliche Habe-------

verloren. Dafür haben die Eltern ein Leben lang fleißig gearbeitet. Es ist sehr bitter —. So fahren wir immer weiter von der Heimat fort. Das Ganze mutet wie ein Spuk an. 15. Februar 1945.

Kahlberg kommt in Sicht. Färber geht vor, um die Eltern zu benachrichtigen. Nun fängt das Hungern an. Für 8 Mann bekommen wir etwas trockenes Brot. Ich habe unbedingt das Gefühl: Zurück und sehen, was aus dem Wohnwagen geworden ist.” Der Treck geht ganz flott bis zum Ende des Haffs. Die Sonne scheint. Ich habe meine nassen Schuhe und Überschuhe ausgezogen, lasse die Sonne heraufprallen. Aber es hilft nur wenig. Von Muttis guten, geretteten Schuhen finde ich nur einen, auch nur einen ihrer Handschuhe. Ich hoffe, sie liegen noch unten im Wagen. Ungewaschen, ungekämmt, mit unbeschreiblich schmutzigen Händen, so sitzen wir alle da. Zu beiden Seiten der Treckstraße auf dem Haff: tote Pferde, Menschenleichen. Spitze, gelbe Gesichter starren in den blauen Himmel. Feindflieger kreisen über uns. Niemand kümmert sich um uns.. . Die Pferde bekommen fast den letzten Hafer. Strauß hat Losch's Wagen vierspännig gemacht und führt ihn. T.'s Pferde sind wieder an seinem Wagen und noch eins von uns. Gegen Abend kommen wir in Bodenwinkel vom Haff. Ostpreußen liegt hinter uns. Mit ganz unbeschreiblich dumpfem Schmerzgefühl blicken wir noch einmal nach der herrlichen verlorenen Heimat zurück: Es dämmert, die bewaldeten Elbinger Höhen versinken — wir sind ohne Heimat. —

Ein Aufenthalt in Bodenwinkel ist zwecklos. Es gibt für Pferde und Menschen keine gute Unterkunft. Es ist ein kleines Fischerdorf. Wir fahren bis Stutthof. Der Mond geht auf. Wir kommen, in Danziger Gebiet. Im Auffanglager für Flüchtlinge erhalten wir eine warme Suppe. An unserem Tisch sitzen Schönbrucher, u. a. Milchkontrolleur Fischer. Vom Nebentisch winkt mir Lehrer Blank aus Pregelswalde zu. Er sitzt dort mit seiner Frau. Sie sind mit der Wehrmacht mit rausgekommen. Herr Blank borgt mir einen Löffel zum Essen. Zur Nacht geht es in eine der großen Maschinenhallen. Vor der Eingangstür liegt ein totes Pferd. Wir sind solche Wegweiser ja gewöhnt.


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Vorher hatten wir noch Karten geschrieben, Mutti nach A., ich an meine Schwestern, meine Schwägerin Ilse, Tante Inge nach Berlin, und ihnen Mutters Tod mitgeteilt. Diese Karten haben auch alle erhalten. Ich benachrichtige auch Herrn T.'s Bruder in Lenzen, daß der Treck aus Ostpreußen raus sei. Wir legen uns auf feuchtes Stroh. Es tropft durch die Ritzen der Decke. Es ist ein Bellen wie im Hundezwinger. Alle Flüchtlinge sind erkältet. Ich träume: Um die Maschinenhalle steht 3 Fuß hoch Wasser. Ich laufe zu den Eltern, rufe, wir müßten raus. Da erst wird mir bewußt, wo wir sind, als sie mich beruhigen. Ich schlafe wieder ein.

16. Februar 1945.

Es gibt noch einmal die dünne Grütze, etwas Brot, Pferdefutter. Die Eltern können auf offenem Wagen den Treck nicht weiter mit machen. Sie wollen von Danzig aus mit der Bahn nach Meißen. Wir gehen zu den Fuhrwerken. Die Eltern nahmen ihre Sachen: Koffer, Rucksack, Decken. Der einzige Pole, der noch beim Treck war, geht mit. Er soll in Danzig beim Arbeitsamt abgegeben werden. Den beiden Mädchen wird freigestellt, den Treck zu verlassen und mit nach Danzig zu gehen, oder auf eigene Verantwortung mitzufahren. Wir haben ja nichts mehr zu essen für sie. Sie bleiben. Else schließt sich Färbers an und Frieda Losch's. Vater sagt den Leuten, daß von nun an ich den Treck übernehme; die Eltern verabschieden sich von allen. Die Trennung wird allen schwer. Aber besonders mir. Da gehen sie nun. hin. Wann sehen wir uns wieder. Daß wir uns wiedersehen, weiß ich. Mutti mit Decke und Rucksack, Vater mit Pelz und Kartentasche.

Saglowski nimmt den Koffer. Der Italiener Augusto geht auch mit. Auch wir fahren los, kommen langsam voran über die Nogatbrücken. Es wird Abend. Irgendwo rauf auf den Hof. Es ist ja egal, wo. Da kommt Reintraud angelaufen, ich solle bloß mal sehen kommen, wer in der Küche steht und kocht. Gretchen Meyer und Edith Pock! So haben wir die verlorenen Schäflein wieder. Die Freude auf beiden Seiten ist riesengroß. Sogar Gradi schüttelt mir lange die Hand. Auch unser Hunger ist groß. Frau Pock steht bereits da mit einem Teller von Pellkartoffeln und Speck, und wir essen beide gleich zusammen aus einem Teller. Wir schlafen in einer Tischlerwerkstatt. Oma Rohde, Pocks Kinder und ich in einem kleinen Zimmer daneben. Die Wirtsleute sind nett. Ich bekomme sogar warmes Wasser zum Waschen. Der Ofen ist geheizt. Daneben liegen meine Sachen zum Trocknen und ich nicht weit davon auf einem Unterbett auf der Erde.

17. Februar 1945.

Wir bekommen noch warmen Kaffee und brechen um ½ 8 Uhr auf. Es geht über die große Weichselbrücke.Else und Frieda gingen über Mittag — als der Treck lange stand — irgendwo Mittag essen. Sie sagten niemand etwas. Der Treck fährt, die Mädels kommen nicht zur Zeit und treffen uns auch nicht abends im Quartier in Kl. Zünder. Dort sind wir beim Bürgermeister einquartiert, die Pferde unter Dach, die Leute im Kuhstall. Reintraud erreicht sogar ein Bett im Zimmer des Stubenmädchens, und ich schlafe bei einer Kaufmannsfrau aus Danzig, an der Erde zwar, aber — auf Schlaraffiamatratzen warm und weich. Ich höre Radio, aber nichts Gutes. Wir durften alle in der Küche Abendbrot kochen, bekamen Kartoffeln geliefert. Ich bekam abends von meiner freundlichen Flüchtlingsfrau noch zwei Stücke Leber, Pfef-


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ferkuchen und Kaffee. Ich rauche auch noch eine Zigarette. Es folgt der Text eines Liedes, das die Verfasserin zusammen mit ihrer Weggenossin Reintraud dichtete.

18. Februar 1945.

Wir kommen durch Danzig-Ohra. Es ist Sonntag, sonst hätte ich meinen Onkel angeläutet und mich nach den Eltern und den anderen Verwandten erkundigt. Friedlich gehen die Menschen auf der Straße spazieren, bringen auch heißen Kaffee an die Treckwagen. Auf schlechtem Weg kommen wir bis Wonneberg. Die Latten fliegen von den Zäunen, Feuer prasseln. Es wird Abendbrot gemacht. Ich traf am Vormittag Heinz Grigull; er sagt mir, J. sei nicht von den Russen geschnappt, worüber ich sehr froh bin. Der Kanoter Treck ist ein Ende hinter uns. Wir bekamen auch Brot und Butter von der NSV. Heinz Grigulls Treck (Kinderhof, 22 Wagen) ist zersprengt. Er sitzt auf dem Wagen seines Schweizers, der ihn auch verpflegt.

19. Februar 1945.

Wir sind nun in der Kaschubei. Ich muß daran denken, wie seinerzeit Herr Bothe und ich in Magothen die Kaschubei aufsuchten. Das ist also: steiniger, armer Boden, ein Gemisch von Polen, Deutschen, rückgeführten Rumänen etc. Wir stehen abends 5 Uhr in Karthaus auf dem Markt. Verpflegungs- und Futterscheine holen wir uns ab, essen, füttern, erhalten den Quartierschein, der auf Garschendorf lautet, und fahren weiter. Waldig und bergig geht es bei Mondschein voran. Aber wir sind falsch gefahren, kommen auf eine vereiste Straße. Gradi sitzt mal wieder im Graben. Um 1/2 10 Uhr endlich landen wir in Nasse Wiese. Diese kümmerlichen Höfe machen ihrem Namen leider Ehre. Wir schlafen in der Küche auf der Erde. Einige von uns nebenbei bei Weißrussen und Ukrainern.

20. Februar 1945.

Die Wagen werden geschmiert. Wir stopfen unsere Sachen. Wir sind alle fiebrig und erkältet, ein Ruhetag tut not. Wir backen Kartoffelpuffer. Die Nacht ist furchtbar. Reintraud, unsere Leute und ich schlafen mit den Italienern, mit Polen und Ukrainern zusammen. Gegen Abend fährt ein Gutstreck auf den Hof: lauter Gummiwagen (5), ein Kutschwagen. Es ist Treck Saffran. Herr Saffran gibt uns Hufnägel und Stollen. Die „Örtlichkeiten” sind unglaublich. Unsere Leute sehen nun ein, wie gut sie es in dieser Beziehung zuhause hatten.

21. Februar 1945.

Es schleicht zu viel Gesindel rum, daher sind Nachtwachen gestellt. Am Vormittag werden Stollen eingeschroben. Unser geschickter Färber muß der Schmied sein. Er kann auch das. Auf vereister Straße geht es in bergigem Gelände vormittags noch weiter. Viel durch Wald! Der Vormittag ist sonnig, und wir frieren nicht. Nachmittags wird es allerdings regnerisch, und als wir abends gegen 1/2 7 Uhr in Sierke ankommen, fällt ein feiner, alles durchdringender Regen vom Himmel. Es gibt keine Unterkunft mehr. Die Pferde stehen draußen. Das gute, alte Milchpferd kann nun nicht mehr weiter. Es ist hier beinahe noch schlimmer als auf dem Haff. In die Scheunen können wir nicht, da haben Gefangenentransporte übernächtigt. Das Stroh ist verlaust. Aus der Küche des Hauses, vor dem wir stehen, dringt Bratenduft.


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Uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Es sind Klopse. Die halb polnischen Hausbewohner lassen keinen von uns herein. Soldaten geben uns die Reste aus ihren Kochgeschirren. Wir stürzen uns darauf. Der Löffel ist gar nicht abgewaschen. Was tut's! Reintraud, Pocks Kinder und ich schlafen mit sieben fremden Soldaten (sie waren in der Ortsgruppe Pregelswalde gewesen) in einem schmalen Zimmer auf der Erde. Es ist wenigstens warm. Später kommen noch zwei Frauen dazu.

22. Februar 1945.

Am Morgen das Übliche: Ein Trupp holt Pferdefutter (Reintraud mit Färber, Losch, Brizzi), der andere steht nach Brot an (Frau Meyer und ich). Das Milchpferd kann nicht mehr weiter und wird gegen 1/2 Ztr. Hafer eingetauscht. Auch Gradi, der mit seinen erfrorenen Füßen nicht weiter kann, bleibt in Sierke, um von dort in ein Lazarett gebracht zu werden. Ich habe für 19 Personen 4 kg Brot erhalten. Verpflegung soll es in Göbeln geben. Wir fahren also los. Göbeln: nichts. Vertröstet auf Gr. Rakitt. Auch dort: nichts. Aber an der Abzweigung lese ich: Wutzkow 7 km. Ab nach Bochow. Wir fahren durch Wald und Heidelandschaft. Bochow liegt vor uns. Ich gehe vor und begrüße die Eltern Maul. Wir kommen alle unter, und die Pferde stehen im Stall. Gegen Abend verfohlt „Elite”. Endlich kann ich mich waschen und umziehen. Es gibt viel zu erzählen. Reintraud und Gretchen Meyer backen Pfannkuchen unten in der Küche. Abends sitzen Mauls und ich bei einer Flasche Rotwein beisammen. Fehlt nur die Zigarette. Ich schlafe auf der Chaiselongue in Mauls Zimmer, um mich herum vertraute Gegenstände und Bilder, Erinnerungen an glückliche Kiuderzeit in Ballupönen.

23. Februar 1945.

Ich bemühe mich mit Herrn Mauls Hilfe um den Totenschein für meine Mutter. Es scheint zu klappen. Gute Verpflegung.

24. Februar 1945.

Die Regierung Köslin genehmigt, daß mir der Schein ausgestellt wird, wenn ich verzichte, den Ort zu nennen: also, gestorben auf dem Treck. Der Schein soll an Herrn Maul gehen, der ihn an die Sterbekasse nach Berlin schicken will. Die Abschrift meines Schreibens nach Kösliu ist bei meinen Akten in der braunen Aktentasche.

Um 9 Uhr geht es dann weiter. Die Eltern Maul winken, Tränen in den Augen. Ich habe das Gefühl, sie zum letzten Mal gesehen zu haben. Gegen 5 Uhr nachmittags finden wir Quartier in Rambow, d. h. wir stehen auf einem freien Platz im Dorf. Treck Saffran auch. Mit Mühe kommen wir einzeln unter. Auf dem Gut ist Militär, Flüchtlinge werden nicht aufgenommen. Reintraud und mich nimmt schließlich der Ortsbauernführer mit. Wir bekommen Milchsuppe und Rührei und eine Zigarette! Im selben Zimmer schläft bereits ein Mann. Nun, wir sind größere Enge gewöhnt. R. schläft auf der Ofenbank, ich auf dem Sofa.

25. Februar 1945.

Um ¾ 10 Uhr geht es weiter. Wir fahren 30 km. In Stolp Alarm! Bei regnerischem Wetter fahren wir durch bis Gr. Brüskow. In der Schule wird uns Quartier angewiesen. Altes Stroh und feucht dazu. Oben wohnen Flücht-


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linge aus Bochum. Reintraud und ich erzählen uns mit ihnen. Sie laden uns zum Abendbrot ein. Überall nur die eine Frage: „Werden wir auch noch fliehen müssen?”

26. Februar 1945.

Es regnete die ganze Nacht über. Unsere Sachen sind durchgeweicht. Wir müssen aber weiter. Es ist zum Verzweifeln! Um 10 Uhr soll die Schule geräumt sein. Die Polizei kommt und gestattet gnädig, daß wir bis 1/2 12 Uhr unter Dach bleiben können. Es hört auf zu regnen. Trotzdem sind die Wagen naß. Wir setzen uns ins nasse Stroh, fahren weiter. Es ist windig. R. und ich haben heute aber bereits eine warme Mahlzeit: Kartoffeln und Fleisch intus. Nach Mecklenburg! ist die Parole. Wenn nur die Pferde durchhalten! Manchmal denke ich: Dieser Spuk auf der Landstraße muß ein Ende haben. Große Sorge außer um die nun mir anvertrauten Trecks habe ich auch um Eltern und Geschwister. Ob sie wohl alle durchgekommen sind? —

Es klärt sich auf, und wir fahren 25 km bis Natzmershagen. Die Unterbringung der Trecks klappt hier gut. Die Pferde stehen im Stall, und wir bekommen gutes und reichliches Abendbrot. Die Auflegematratzen sind feucht. Ich kann auch schlecht schlafen. Vollmond! Ich gehe draußen auf und ab. Man denkt zu viel, und der Verstand kann diesen Wahnsinn doch nicht fassen.

27. Februar 1945.

Am Morgen gibt es herrliche Milchsuppe. Der Bauer ist vom Volkssturm zurückgekommen. Der Russe ist bei Pollnow durchgebrochen. Wir nehmen die Karte vor. Es sieht brenzlig aus. Die Perde werden beschlagen. Die junge Braune von Tummescheit muß hier zurückbleiben, l Ztr. Hafer bekomme ich noch. Es geht über Rügenwalde—Richtung Köslin weiter, um aus diesem Kessel rechtzeitig rauszukommen. Durch Rügenwalde geht es bis Altenhagen. Ich habe zu große Schmerzen. Reintraud und Färber suchen Quartier. Es ist schwierig. Übervoll und regnerisch. Die Wagen von Strauß und Losch stehen woanders, unserer allein. Aber die Pferde werden gut verpflegt, wenn sie auch im Schweinestall stehen müssen. Das gefällt „Spinne” gar nicht.

Ich muß vorgehen in den leeren Koben. Dann kommt sie erst nach. Aber R. und ich schlafen im Zimmer des Nachts und bekommen abends von unseren Quartierwirten einen Apfel. Die Leute dort wissen nicht, ob sie fliehen sollen. Ich rate dazu. Am Nachmittag hatte ich noch Frau Richter-Plensen getroffen. Ich fuhr ein Stückchen in ihrem Wohnwagen” mit, und sie gab mir noch ein Stück Speck ab. Nachts bellte öfters der Hund. Wir standen auch dann auf und sahen nach dem Wagen. Zuletzt schliefen wir doch fest ein.

29. Februar 1945.

Morgens merkten wir, daß verschiedene Dinge aus unseren Koffern fehlten: gute Seife, Kleiderbürsten, seidene Nachthemden etc. Um 8 Uhr ging es weiter. Frau Richters Wagen steht noch unbespannt. 6 km vor Zanow soll der Russe sein. Es stockt ziemlich. Wir kommen auf einem abseits gelegenen Gehöft unter. Ein Sandweg führt hin. Die Pferde ziehen schwer. Abends verfohlt Senta. Die Pferde stehen im Stall. Die Bäuerin geht am Stock. Sie hat schwer Rheuma und 6 kleine Kinder. Polnische Arbeiter auf dem Hof. Frau Pock und ich wachen auf dem Wagen. Später löst Reintraud mich ab.


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Ich wandere in den Kuhstall, wo Gretchen und Oma Rohde schon schlafen. Oma R. hat stark die Ruhr. Die Bäuerin hatte gerade frisches Brot gebacken. Ich kaufe eins für 10,— M., 10 weitere tausche ich gegen Sielen ein, dazu ein Pack Streichhölzer, die ich verteile. In Zanow ist eine Streichholzfabrik, aber wir kommen nicht mehr dahin. Am 26. Februar sang die erste Lerche. Nun ist es März, und seit Januar liegen wir schon auf der Straße! Färber gab zu, Frau Meyers Pede1) zu haben. Sie bekommt ihn zurück am Ende des Trecks. In Rügenwalde steckte ich Post an Mutti, Ilse, Herrn T.'s Bruder ein. Wir sollen ab Zanow über Köslin umgeleitet werden. Wenn wir nur erst heil aus diesem Kessel raus wären. 12 km von uns der Russe und keine Front!!!

1. März 1945.

Durch herrlichen Wald geht es bei Köslin. Als wir gegen l Uhr in der Stadt sind und in Trecks zu 10 Wagen eingeteilt werden, heißt es: Köslin steht kurz vor Panzeralarm. Frau Meyer, Gretchen, Reintraud, Frau Pock gingen einkaufen und zur Apotheke. Wir werden über Jamuud umgeleitet, es ist ein Umweg von ca. 12 km. Ich warte an der Ecke auf R., G., Frau M. und Frau P. Sie kommen nicht und ich gehe dem Treck nach, er ist 3 km voraus. Da sehe ich unseren Wagen. Er hält. Der Sturm hatte einige Koffer und den Teppich vom Wagen gerissen. Brizzi bindet ihn neu fest. Ich steige vorne auf. Frau Strauß reicht mir die Auflegematratzen, um sie seitlich zu befestigen. Erneut setzt der Sturm ein. Ich kann mich nicht halten, stürze rückwärts mitsamt den Auflagen und wäre zwischen Pferde und Deichsel gefallen; wenn nicht im letzten Augenblick Brizzi dazugesprungen wäre und mich im Rücken gestützt hätte, so wäre ein Unglück passiert. In Jamund sehen wir die ersten blühenden Schneeglöckchen und Haselsträucher. Es fängt an zu regnen. Wir sind durch naß. Unsere zwei Treckwagen sind weit voraus und die Frauen aus Köslin immer noch nicht in Sicht. Unser Quartier ist: Bast. Da müssen wir uns also alle treffen. Wir kommen auf die Hauptchaussee. In Köslin ist Panzeralarm. Die Bewohner fliehen. Das übliche trostlose Bild. Mütter mit Kinderwagen, das Nötigste oben. Alte Leute von jüngeren Verwandten gestützt. Regen und Nässe. Ein lahmer Mann hinkt die Straße entlang. Ein Paar Stiefel über der Schulter. Das ist alles. Niemand wird ihm helfen. Die Sonne kommt vor. Es ist windig. So werden wir also wieder trocken. Wir fahren ins Dorf Bast. Ich treffe unsere Wagen. Umkehren! Quartier ist auf dem Gut Gr. Bast. Ein Riesenhaus. Eine Unmenge von Flüchtlingen. Einst ein herrlicher Besitz mit Blick auf die Ostsee. Jetzt ein Schmutzhaufen. Auf dem Hof über hundert Flüchtlingswagen. Schlechte Aufnahme! Um 1/2 8 Uhr ca. abends verfohlt „Spinne” (schwarzes Stutfohlen)! Die Pferde sind im Schafstall untergebracht. Sie haben es warm, und die Männer sind bei ihnen im Stall geblieben. Um ¾ 11 Uhr tut sich die Tür zu unserem Zimmer auf: Höchste Alarmbereitschaft! Ich gehe zu den Männern in den Stall. Wir suchen gemeinsam einen Ausweg, wo die Wagen rausfahren können. Setzt sich erst alles in Bewegung, so kommen wir nicht mehr raus. Spinne wird in Decken gepackt. Um 2 Uhr nachts wollten wir fort. Es ist unmöglich. Dunkles Gewölk jagt über den Himmel, Schnee und Hagelschauer prasseln hernieder. Ab und zu ein Donnerschlag.


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Schüsse in Richtung Köslin. Die Hölle ist los. Wir liegen im Mittelgang des Pferdestalles, zwischen Dung und Stroh, versuchen noch eine halbe Stunde zu schlafen. Um 1/2 4 Uhr fahren wir als die Ersten los.

2. März 1945.

Es ist noch immer ein entsetzlicher Sturm. Zitternd vor Kälte rücken wir dicht aneinander. Unsere Sachen sind noch alle naß. Ich habe entsetzliche Schmerzen im Unterleib, Reintraud hat Mandelentzündung. 12 km vor Kolberg werden wir umgeleitet und treffen die Loschkeimer Leute. Die Freude ist groß, die Frauen weinen vor Freude. Ich kann es so gut verstehen. Seege und Frau, Frau Heppuer, Frau Bock sind sehr elend. Frieda und Eise sind auch wieder da — glücklich, ihre Sachen wiederzuhaben. Seege ist Führer eines Trecks von 6 Wagen. Auf einem Loschkeimer Wagen mit 4 fremden Pferden haben 22 Menschen ihre Sachen. Else, Frieda und Herta Strauß kommen wieder zu uns. Seeges Wagen schließt sich an. Wir fahren weiter. Nachmittags der übliche Schneesturm. Wir suchen in Degow selber Quartier. Seeges Treck fährt weiter und soll in unmittelbarer Nähe auffahren. Alle Mann in einer kleinen Stube. Der Gestank ist furchtbar. Ich liege zum ersten Mal im Bett, eine Wärmflasche auf dem Leib, denn ich habe furchtbare Schmerzen.

3. März 1945.

Frau Losch hat Radio gehört und berichtet, daß der Russe aus Köslin raus mußte, auch im Samland ist er zurückgeworfen. Wir bekommen Milch zu kaufen. Das Holz ist naß, dennoch bekommen wir Grießbrei zustande. Besonders Else tut er gut, die mit ihrer Zahnfleischentzündung nicht beißen kann. Ein Eisen fehlt Strauß's Fuchs. Als er beschlagen ist, fahren wir los. 1. März 1945 sind die Männer gelöhnt worden. Ich hatte morgens noch einen langen Brief an Mutti geschrieben. Wenn ich doch nur erst einmal von ihr Nachricht hätte. Gestern schenkte mir Strauß eine Zigarette. Ich höre, daß die Straße nach Kolberg gesperrt wird. Also nach dem Westen fahren. Herta Strauß versucht, die Loschkeimer Leute zu finden, vergebens! So sind wir wieder getrennt. Es tut mir herzlich leid, aber ich kann es nicht ändern. Wir müssen sehen, durchzukommen. Es wird schwer werden.

3. März 1945.

Wir fahren durch schöne Gegenden. Kommen gegen Abend nach Gr. Jestin. Alles noch in tiefster Ruhe. Niemand ahnt, daß morgen der Russe da ist. Wir erhalten Quartier in Gr. Jestin-Abbau auf drei verschiedenen Höfen. Wir haben kaum ausgespannt, da heißt es, wir müßten weiter, in dies Gehöft käme der Stab. Das war mir gerade recht. Es geschehen Wunder! Es ist der Stab der R. 21, dessen einer Teil in Loschkeim in Quartier war. Die Offiziere fragen nach ihren Kameraden in Ostpreußen. Ich bekomme zwei Schluck Kognak, die meiner Ruhr gut tun. Oblt. Schmidtmann macht mich auf die große Gefahr aufmerksam, in der wir schweben, wenn wir nicht sofort aufbrechen. Er rückt mit den letzten Panzern ab, in 1/2 Stunde ist die Straße frei. Er bietet mir an: mich und meine und Tummescheits Sachen auf einer Zugmaschine mitzunehmen. Ich müsse Leute und Pferde dalassen. Ich bitte ihn, dies alles vor den Leuten zu wiederholen, lasse die Männer rufen. Er tut es. Sie haben wenig Lust, anzuspannen. Ich verstehe es, sie sind müde, nur es muß sein. Wir fahren nachts durch und sind morgens um 9 Uhr in Treptow/Rega.


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4. März 1945.

Ich begrüße einige der Offiziere der R. 21, die bereits weiterrücken. Strauß und ich versuchen, in einer Molkerei Butter für unseren Treck zu bekommen. Kistenweise steht sie frisch und duftend da. Wir erhalten nicht ein Gramm, l ½ Stunden später ist der Russe in Treptow, und die Polen werfen sich mit Butter.Das Flüchtlingselend ist groß, dasWetter regnerisch und diesig. In Gr. Zapplin füttern wir nur ab und kochen Kaffee. Oblt. Sch. hatte am Abend vorher gemeint, wir könnten hier Quartier machen, aber da 3 ½ km hinter uns in Treptow der Russe haust, kommt das gar nicht in Frage. Wir fahren nachts durch: Richtung Cammin.

5. März 1945.

Losch hat mit dem Anspannen gezögert. Diese verlorene halbe Stunde wird uns teuer zu stehen kommen. Vorläufig hat wohl nur Reintraud mein Vorwärtsdringen begriffen. Sonst würde ich Menschen und Vieh nicht solche

Strapazen zumuten, wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Wir fahren-------

fahren-------fahren-------Auf der Straße gegen l Uhr füttern wir kurz ab.

Ein Offizier macht Schwierigkeiten, will uns auf weichen Acker schieben lassen. Unsere Pferde fressen ruhig — er tobt — Polizei auf Rädern Richtung Cammin. Flüchtlinge aus Greifenberg, wo bereits der Russe ist. Es wird brenzlig. Wir fahren weiter. Vor Cammin stoppt der Treck, schrittweise geht es voran.Wir stehen dicht vorm Eingang in die Stadt.Wir sind alle von denWagen herunter. Färber, Frau Meyer gehn vor. Es soll niemand mehr hinein, die Panzersperren sind geschlossen. Links von uns auf der Höhe zieht Militär mit Panzerposten auf, geht in Deckung. Um 3 Uhr nachmittags sind wir mitten im Beschuß. Die Leute alle in den Gräben in Deckung. Unsere Wagen stehen mitten in der Geschoßbahn. Eine Granate schlägt ins Gasthaus, 100 m hinter uns, ein. Die Perde stehen völlig ruhig, sie sind todmüde. Ich stehe auf der Straße hinter einem Baum, Reintraud mir gegenüber. Da saust ein Geschoß unmittelbar an meinem Kopf vorbei und ihr vor die Füße. Sie schiebt es mir zu. Nur keine Verwundeten im Treck, ist mein Gedanke. Denn schon werden verwundete Zivilisten aus den Trecks vorbeigetragen. Da erschallt das Kommando: „Achtung, russische Panzer von rechts.” Das ist unsere Straße. Also, sollen wir hier doch noch geschnappt werden?! Und wieder ein Wunder! Die Schlange der Treckwagen schiebt sich langsam voran. Wir kommen auch noch mit in die Stadt hinein, sollen in engen Seitenstraßen auffahren, in die die Panzer nicht hineinkommen. Die Bewohner Cammins kochen Kaffee und ahnen nicht, was sich in diesen Augenblicken bereits vor und in ihrer Stadt abspielt. Die ersten russischen Panzer sind da. Die Straßenkämpfe beginnen. Ganz junge Kerlchen ohne genügende Munition sollen die Stadt verteidigen. Schwerverwundete werden getragen. Die Straßen sind menschenleer. An den Kreuzungen in Deckung MGs. Hier müssen wir raus. Färber und ich gehen los. Fragen die Posten, ob sie uns noch einmal nach Richtung Dievenow die Panzersperre öffnen. „Ja, aber schnell.” Zurück, die Wagen abfahrbereit, hintereinander auffahren. Leute alle links in Deckung. Ein Bauer schließt sich mit seinem Wagen uns an. Reintraud geht vor. Sie wird das Zeichen geben, wenn die Straße nach Dievenow, die quer auf die Hauptstraße mündet, in der Straßenkämpfe toben, passierbar ist. Ich bin am Kopf der Vorderpferde von T.'s Wagen. Dahinter Strauß und Losch mit ihren


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Wagen. Sobald ich von Reintraud das Zeichen bekomme und die Vorderpferde freigebe, sollen die Fahrer, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, so schnell es geht, die Straße nach D. hinauffahren. Wir fahren am Moorbad vorbei über Komposthaufen etc., Leitersprossen verliert T.'s Wagen. Wir sammeln sie auf. Wir kommen an die Straße. Ein Maschinengewehr rückt zur Seite, gibt den Weg frei. R. gibt das Zeichen. Ich gebe die Pferde frei, und los geht es im Galopp. Wir laufen hinterdrein, können die Wagen aber nicht einholen. Brizzi hält erst an, als er auf der Straße den Anschluß an den Treck erreicht hat. 2 km hinter uns rollen russische Panzer in Cammin ein. Springt die Infanterie herunter von den Panzern, trägt Tod und Brand in die Stadt. Häuser gehen in Flammen auf, Schreie der Frauen erschallen. Flüchtlinge irren ohne jede Habe quer übers Feld. Soldaten kommen vorbei: „Ihr müßt ausrücken, die Brücke soll gesprengt werden.” Wie sollen wir ausrücken, wenn in zwei Reihen vor uns die Straße verstopft ist!!! Es wird dunkel, der Feuerschein des brennenden Cammins erleuchtet den Himmel. Todmüde sitzen wir auf unseren Wagen. Färber kommt: Was werden wir machen? Viele verlassen ihre Wagen, gehen mit dem Handgepäck los. Ich sage: „Ich bleibe. Ohne Gepäck und Wagen kommen wir nicht voran.” So blieben alle. Und trotzdem wir jeden Augenblick damit rechnen mußten, daß russische Panzer uns aufrollen würden, schliefen wir ein. 3 km hinter uns das brennende Cammin.

6. März 1945.

Wir erwachen bei Tagesgrauen. Meine Aktentasche ist fort. Gestohlen, verloren? Wer weiß es. Aber mit ihr meine letzten Akten, die Sterbeversicherung meiner Mutter, mein Waschzeug, Kammzeug und die schöne Gummiwärmflasche. Der trauere ich am meisten nach. Uns zur Seite verlassene Höfe, Wagen, Flüchtlingsgut in den Gräben, ähnlich wie in Ostpreußen. Nur nicht denken! Frau Meyer, Frau Pock finden in einem Gehöft einen Schweinekopf und Leber. Sie braten Spirkel und Leber und trotz unserer Ruhr essen wir alles. Losch und Färber haben ein Schwein geschlachtet. Die tote Sau wird auf den Wagen geladen, zum Ausnehmen ist jetzt keine Zeit. Mittags kommen wir durch Fritzow, gegen 1/2 5 Uhr durch Dievenow. Dort ist viel Militär. D. soll verteidigt werden. Wir kommen als letzter Treck über die Pionierbrücke auf die Insel Wollin.

Es folgen Aufzeichnungen, die über den erfolgreichen Abschluß der Flucht über Swinemünde, Usedom nach Vorpommern und Berlin bis zum 26. März 1945 berichten.